Als Zephira an diesem Morgen das Fenster öffnete, landete ein kleiner Zettel auf ihrer Fensterbank.
Darauf stand nur:
„Danke, dass du gestern gelächelt hast. – Der Wind.“
Zephira fragte sich, wie es möglich ist, dass der Wind ihr einen Zettel zukommen lässt.
War das ein Scherz? Ein Zufall? Oder doch mehr?
Sie hob den Zettel vorsichtig hoch – das Papier war ungewöhnlich weich, fast wie getrocknete Blätter, und roch nach Fernweh und nassem Asphalt.
Auf der Rückseite stand nun plötzlich ein neuer Satz:
„Manchmal flüstern wir, was andere sich nicht trauen zu sagen.“
Dieser Satz veranlasste sie zum Nachdenken.
Wer ist „wir“? Der Wind und sie? Oder meinte er andere Wesen, die mit dem Wind reisen – Worte, Düfte, Erinnerungen?
Sie stand einen Moment reglos da, während der Morgenwind sachte an ihren Haaren zog, fast wie ein scheues Streicheln.
Dann hörte sie es. Nicht laut, nicht klar – aber da war ein Flüstern. Kein Geräusch, das man mit den Ohren hören konnte.
Eher ein Gefühl direkt unter der Haut, als würde jemand sagen:
„Du hörst uns doch. Schon lange.“
Zephira erschrak – nicht vor der Stimme, sondern weil es stimmte.
Ja, es stimmte wirklich. Manchmal hörte sie sie.
In Momenten der Stille. Zwischen zwei Gedanken.
Wenn der Regen leise gegen das Fenster klopfte oder wenn sie durch raschelndes Laub ging.
Flüchtige Sätze, halbe Fragen, manchmal auch ein Lachen.
Doch sie hatte es immer für Einbildung gehalten.
Wer waren „sie“?

An diesem Abend nahm sie den Zettel und legte ihn unter ihr Kopfkissen.
In der Nacht träumte sie von einem alten Baum auf einem Hügel, dessen Blätter flüsterten wie Stimmen.
Eine Stimme sagte:
„Wir sind das, was du verloren glaubtest. Und was dich noch erwartet.“
Im Traum ging sie zu dem Baum auf dem Hügel.
Als sie oben ankam, verspürte sie eine Vertrautheit, die ihr fast die Luft nahm – als würde sie nach langer Zeit nach Hause kommen.
Die Blätter raschelten im Wind. Oder flüsterten sie etwa doch?
Sie trat näher, legte die Hand an die rissige Rinde. Warm. Lebendig.
Ein leiser Sog zog sie in das Innere des Baumes – nicht mit Gewalt, eher wie eine Einladung.
Dann hörte sie die Stimmen klarer. Sie waren nicht laut, aber sie waren viele.
Und sie kannte sie.
Die Stimme ihrer Großmutter.
Ein Freund aus Kindertagen.
Eine Version ihrer selbst, jünger, mutiger – oder vielleicht einfach nur freier.
„Wir sind deine Erinnerungen, deine Möglichkeiten und das, was du liebst.“
Zephira schloss die Augen. Zum ersten Mal wusste sie, dass sie nicht allein war – nie gewesen war.
Als sie morgens erwachte, hatte sie nur ein Ziel:
Diesen Baum in der wirklichen Welt finden.
Sie erinnerte sich an jedes Detail aus dem Traum – der sanfte Hügel, das goldene Licht zwischen den Ästen, das Flüstern der Blätter, das sich anfühlte wie ein Versprechen.
Noch nie war ihr ein Traum so klar geblieben, so nah.
Es war, als hätte ihr Herz eine Karte bekommen – keine aus Papier, sondern aus Sehnsucht.
Sie packte einen kleinen Rucksack: ein Notizbuch, eine Flasche Wasser, den seltsamen Zettel vom Wind.
Dann ging sie los. Ohne Plan, aber mit einem Gefühl, das sie lenkte.
Vielleicht war der Baum nur ein Symbol.
Vielleicht auch nicht.
Aber Zephira wusste: Manches findet man nicht, weil man sucht – sondern weil man bereit ist, gefunden zu werden.
Sie wanderte den ganzen Tag umher, durch Wälder, über Felder, vorbei an alten Wegen und neuen Gedanken.
Aber der Baum blieb unauffindbar. Kein Hügel passte, kein Rascheln klang vertraut genug.
Die Müdigkeit kroch ihr in die Glieder, und mit einem Seufzen legte sie sich spät abends ins Bett.
Als sie die Augen schloss, war da sofort wieder dieser Ort.
Der Hügel, der Baum – diesmal im Licht des Mondes.
Die Blätter glühten sanft, als warteten sie auf sie.
Zephira trat näher. Diesmal zögerte sie nicht.
„Warum finde ich dich nicht?“ fragte sie in den Wind.
Der Baum antwortete nicht direkt – aber eine einzelne Blattspitze löste sich und schwebte in ihre Hand.
Darauf stand:
„Du suchst mich dort draußen. Doch ich wachse in dir.“
Zephira erwachte mit Tränen in den Augen – nicht aus Traurigkeit, sondern weil sie endlich verstand:
Manche Wege führen nicht durch die Welt, sondern durch das eigene Herz.
👍👍❤️❤️🍀🍀👍👍