Verbindung beginnt mit Zuhören

Manchmal sind es die leisen Momente, die uns am meisten berühren.

Vor der Küste Australiens: Ein Orchester auf dem Meer – nicht für Menschen, sondern für Buckelwale.

Jede Note war darauf abgestimmt, sich ihrer Sprache anzunähern.

Und dann geschah es.

Die Wale kamen näher.
Sie hörten zu.
Und sie antworteten.

Für einen kurzen Augenblick verstanden sich zwei Welten – ohne Worte.

Hier das Video dazu 👇

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft:

Verbindung braucht nicht dieselbe Sprache.
Sondern die Bereitschaft, zuzuhören.


Und vielleicht sind wir nicht allein – wir haben nur verlernt, mit dieser Welt zu sprechen.

Ostern – zwischen Intensität, Begegnung und einem stillen Sofa

Kapelle Lausanne

Ich hoffe, Ihr hattet schöne und vielleicht auch ein wenig ruhige Ostertage 🌿🐰💕

Meine waren dieses Jahr… intensiv.
Schön. Voll. Und am Ende auch ein bisschen erschöpfend.

Der Karfreitag begann für mich früher als für die meisten. Bereits um 12h30 war ich in der Kapelle, um alles vorzubereiten. Die Bilder für den Kreuzgang hatte ich im Vorfeld erstellt – mit ein bisschen Unterstützung 😉 – auf A3 ausgedruckt und laminiert.
Um 15h war es dann soweit.
Der Gottesdienst begann. Und ich hatte das Gefühl: es hat sich gelohnt. Die Rückmeldungen waren durchwegs sehr positiv – viele fanden den Kreuzgang besonders stimmig und schön gestaltet.


Apérol Spritz bei Papa

Der Karsamstag führte mich dann nach Frankreich, gemeinsam mit meinem Sohn.
Ein kleines Familientreffen bei meinem Vater: zwei meiner drei Brüder mit Partnerinnen, drei Cousins und Cousinen mit ihren Partnern, meine Lieblingstante, mein Papa, mein Sohn, ich – und mittendrin meine zwei Monate alte Nichte.
Hin- und Rückfahrt am selben Tag, je knapp drei Stunden… ja, das war ein bisschen happig.
Aber es hat sich gelohnt.
Allein schon für das Gigot d’Agneau, langsam gegart und einfach nur délicieux. Und die Apfeltorte.
Ein intensiver, voller, schöner – und ja, auch anstrengender Tag.


Der Ostersonntag begann früh. Sehr früh.
Um 8h ging es los zur Taufe meines Neffen – erneut in Frankreich, diesmal „nur“ eine Stunde entfernt, nahe Genf.
Wir mussten rechtzeitig los, denn dort ist jeden Sonntag Markt. Parkplätze? Fehlanzeige rund um die Kirche. Also lieber etwas früher da sein, um nicht in Stress zu geraten.

Kirche Cruseilles

Die Ostermesse mit drei Taufen war wunderschön.
Die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt – wie so oft an Ostern und Weihnachten.
Mit meiner Mama habe ich danach schmunzelnd beschlossen, dass wir irgendwann einmal an einem „ganz normalen“ Sonntag hingehen sollten. Einfach, um zu sehen, wie viele tatsächlich regelmässig kommen 😊

Nach der Taufe gab es einen einfachen Brunch in einem kleinen Café gleich neben der Kirche.
Ein kurzer Moment zum Durchatmen – bevor es weiterging.

Um 14h45 sind wir aufgebrochen – zurück Richtung Lausanne.
Denn um 17h war unsere eigene Ostermesse.
Und da ich so etwas wie die Sakristanin unserer Kirche bin (ja, das mache ich auch noch 😄), musste ich natürlich früh genug vor Ort sein.

Kurz nach 16h war ich da. Genug Zeit, alles in Ruhe vorzubereiten.

Die neue Osterkerze

Die Messe selbst war dann… besonders.
Ich durfte „À toi la Gloire“ gemeinsam mit einer Kirchgängerin singen, begleitet von einer weiteren Kirchgängerin aus unserer Gemeinde an der Querflöte sowie vom Harmonium.
Ein Moment, getragen von unserer eigenen Gemeinschaft – leise, schön und irgendwie ganz bei sich.

Nach dem Gottesdienst – wie so oft – ein Apéro riche.
Begegnungen, Gespräche, Lachen.

Und irgendwann, als alles vorbei war, alle gegangen waren, alles aufgeräumt war…
war ich um 21h30 endlich zuhause.

Und: k.o.


Der Ostermontag war dann das genaue Gegenteil.
Nichts.
Einfach nichts.

Ich sass auf meinem Sofa und habe mich ausgeruht.
Durchgeatmet.

Erst am Abend ging es noch kurz zu meiner Mama, zusammen mit meinem Sohn – zum Abendessen mit meinem Bruder und meinem Neffen.
Ein ruhiger Abschluss.

Und heute?

Heute bin ich wieder im Büro.
Viele sind noch in den Ferien, es ist ruhig, nicht allzu viel zu tun.

Und ganz ehrlich?

Das tut gerade richtig gut 😊

Vielleicht genau das, was nach solchen intensiven Tagen auch ein bisschen dazugehört.

Mon amour impossible

Es gibt Menschen, die verschwinden nie ganz.

Sie treten in den Hintergrund, werden leiser – und bleiben doch da.
Irgendwo zwischen Erinnerung und Möglichkeit.

Pierre ist so jemand.

Wenn ich an den Anfang zurückdenke, an dieses erste Knistern, das einfach da war, dann spüre ich es noch immer.

Und gleichzeitig weiss ich : Es gehört nicht mehr in mein Leben.

Wir haben uns nie wirklich verloren.
Aber wir haben uns auch nie wirklich gefunden.

Und lange habe ich geglaubt, dass genau darin die Tragik liegt.

Heute glaube ich, dass genau darin die Wahrheit liegt.

Nicht alles, was sich intensiv anfühlt, ist dazu bestimmt, gelebt zu werden.

Manche Verbindungen sind nicht dafür da, gemeinsame Wege zu gehen. Sondern Spuren zu hinterlassen.

Leise.
Tief.
Und dauerhaft.

Pierre ist keine verpasste Chance.

Er ist ein Teil meiner Geschichte.
Ein Kapitel, das nie ganz zu Ende geschrieben wurde – und genau deshalb immer weiterklingt.

Mein amour impossible.

Und vielleicht ist genau das seine Schönheit.

Weil ich heute nicht mehr warte. Nicht mehr suche.

Sondern weiss:

Manche Menschen bleiben – ohne dass man sie festhalten muss.

Ein leiser, grosser Moment der Geschichte schreibt

Es gibt Momente, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken – ein politischer Entscheid, ein Gesetz, eine formale Anerkennung.
Und doch tragen sie eine Geschichte in sich, die viel tiefer geht.

Vor wenigen Tagen wurde im Kanton Waadt ein solcher Entscheid gefällt:
Die Föderation der anglikanischen und christkatholischen Kirchen (FACCV) wurde als Gemeinschaft von öffentlichem Interesse einstimmig mit einer Enthaltung vom Grossen Kantonsrat anerkannt.

Ein Entscheid, der nicht einfach «vom Himmel gefallen» ist.
Es ist das Resultat eines langen, anspruchsvollen Prozesses – begonnen bereits 2016, mit zahlreichen Prüfungen, Abklärungen und Anforderungen.

Ein Entscheid, der bestätigt:
Diese Kirche ist da.
Sie ist Teil dieser Gesellschaft.
Und sie trägt etwas bei.

Denn genau darum geht es bei dieser Anerkennung:
Nicht um Privilegien – sondern um Sichtbarkeit, um Dialog, um einen Platz im gesellschaftlichen Gefüge.


Und doch ist das für mich mehr als ein politischer Akt.

Es ist persönlich.

Meine Familie gehört zu den Gründungsmitgliedern der christkatholischen Kirche der Schweiz im Jahr 1871.
Diese Geschichte ist also nicht etwas, das ich «irgendwann entdeckt» habe.
Sie ist Teil meiner Wurzeln.

Und dann kam Lausanne.

Als wir 1990 hierhergezogen sind, war die christkatholische Kirchgemeinde praktisch nicht mehr existent.
Man könnte auch sagen: Sie war am Verschwinden.

Dass es sie heute noch gibt, ist nicht selbstverständlich.

Es ist das Resultat von Menschen, die geblieben sind.
Allen voran meine Mutter – still, beharrlich, treu.

Ich bin stolz auf uns – und vor allem auf meine Mama, die nie aufgegeben hat.


Denn Kirche ist nicht nur Struktur.

Kirche ist Beziehung.
Kirche ist Präsenz.
Kirche ist das stille Dranbleiben über Jahre hinweg.

Der Kanton anerkennt heute eine Organisation.
Ich sehe darin vor allem die Anerkennung von Menschen, von Engagement, von gelebtem Glauben – oft im Kleinen, oft im Verborgenen.

Und vielleicht ist genau das das Schönste daran:

Dass etwas, das lange unsichtbar war, plötzlich sichtbar wird.

Nicht, weil es sich verändert hat.
Sondern weil jemand hinschaut.


Ein Moment des Innehaltens

Nach Jahren des Engagements.
Nach Jahrzehnten des Dranbleibens.
Nach Generationen von Menschen, die diese Kirche getragen haben.

Ist dieser Moment mehr als ein Entscheid.

Er ist ein Zeichen.

Ein Zeichen dafür, dass Treue Spuren hinterlässt.
Auch wenn es lange dauert, bis sie sichtbar werden.

Hauptsache, es funktioniert?

Ich funktioniere.

Das sagen viele, als wäre es etwas Positives.
Als würde es zeigen, dass man alles im Griff hat.

Und ja – vielleicht stimmt das auch.

Aber ist das wirklich das Ziel?
Der Inhalt eines Lebens – funktionieren?

Oder ist es einfach nur die bequemste Antwort,
die in unseren Alltag passt,
damit man in der Gesellschaft nicht untergeht?

Funktionieren heisst oft einfach weitermachen.
Tag für Tag.
Ohne gross zu hinterfragen.

Weil stehenzubleiben
sich kaum jemand leisten kann.

Und irgendwann merkt man vielleicht,
dass man zwar alles schafft –
aber sich selbst dabei ein bisschen verliert.

Und das Merkwürdige ist:
Niemand merkt es.

Vielleicht geht es gar nicht darum, immer zu funktionieren.

Sondern darum, kurz stehenzubleiben
und sich zu fragen:
Lebe ich das hier eigentlich noch –
oder erledige ich nur, damit es funktioniert?

Ein Zeichen in der Stille

Es gibt Gespräche, die langsam ausklingen.
Und es gibt solche, die einfach plötzlich verstummen.

Mitten in einem Gedanken.
Mitten in einem Austausch.

Als hätte jemand die Tür zugeschlagen.

Gestern war so ein Moment.

Vielleicht war es für die eine Seite einfach ein Streitgespräch, das zu Ende war. Für die andere fühlte es sich eher so an, als würde man noch mitten im Raum stehen, während der andere schon gegangen ist.

Und wenn man zu den Menschen gehört, die Konflikte wenn immer möglich vermeiden, ist so ein «Stehenlassen» schwer verständlich – und schmerzhaft.

Manchmal liegt das daran, dass Menschen sehr unterschiedlich funktionieren. Die einen ordnen Gedanken nüchtern und analytisch. Die anderen hören stärker auf Zwischentöne, auf das, was zwischen den Worten mitschwingt.

Dann können ein paar einfache Worte viel mehr Gewicht bekommen, als vielleicht beabsichtigt war.

Und wenn dann jemand diesen Moment einfach abbricht – vielleicht indem er plötzlich verstummt oder einfach nicht mehr da ist – bleibt ein Nachhall. Ein unangenehmes Gefühl, das noch eine Weile über einem schwebt.

Gestern war so ein Abend.
Mit diesem seltsamen, etwas traurigen Gefühl. Und mit dem Wissen, dass man nichts anderes tun kann, als abzuwarten. Bis zum nächsten Tag. Wenn nicht länger.

Und vielleicht auch mit der leisen Hoffnung, dass da doch noch einmal ein kleines Zeichen kommt.

Und dann kam überraschenderweise tatsächlich noch eines.

Ein symbolisches Bild.
Mit einem Gute-Nacht-Gruss.

Für viele ist das vermutlich nichts Besonderes. Ein paar Worte, wie man sie schnell noch schreibt, bevor man schlafen geht.

Aber manchmal tragen solche kleinen Gesten eine Bedeutung, die nur zwei Menschen wirklich verstehen.

Vor allem, wenn solche Worte lange nicht mehr gekommen sind.

Dann spürt man plötzlich, dass es vielleicht doch nicht ganz gleichgültig war, wie ein Gespräch geendet hat. Dass irgendwo ein Gedanke nachgewirkt hat. Vielleicht auch das Gefühl, dass ein Satz zu scharf gewesen sein könnte.

Und dass jemand sich – vielleicht ganz leise, vielleicht ein wenig zögernd – doch noch einmal meldet.

Eine Art Versöhnungsgruss.

Und plötzlich ist diese Stille vom Abend nicht mehr ganz so schwer.

Manchmal genügt ein kleiner Gruss am Ende des Tages,
um zu zeigen, dass man doch noch einmal zurückgekommen ist –
und dass der andere eben doch eine Bedeutung hat. 🌙

Der Moment, in dem ein Kind erwachsen wird

Es gibt Momente im Leben von Eltern, die einen unerwartet still werden lassen.

Nicht, weil etwas Grosses passiert ist.
Nicht, weil ein besonderer Tag gefeiert wird.

Sondern weil man plötzlich merkt:
Das eigene Kind ist erwachsen geworden.

Vor Kurzem hat sich mein Sohn von seiner Freundin getrennt. Es lag schon länger in der Luft, dass die Beziehung ins Schwanken geraten war. Dass eine Distanz von 500 km dazwischen liegt, ist ebenfalls nicht unbedingt hilfreich oder förderlich für eine Verbindung – vor allem, wenn die Betroffenen noch sehr jung sind. So etwas ist nie einfach. Für keinen der beiden.

Ich merkte schon seit einiger Zeit, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte. Und vor etwa einem Monat erklärte mir mein Sohn, dass er sich trennen werde, weil es so nicht weitergehen könne. Verschweigen von relevanten Informationen und womöglich auch Untreue seien die Gründe. Aber er wolle das nicht einfach per WhatsApp tun. Sie komme am 6. März für das Wochenende zu ihm, damit es «sauber» abgeschlossen werden könne.

Als Mutter steht man daneben – ein bisschen hilflos –, weil man weiss, dass solche Wege nicht einfach sind, sie aber jeder selbst gehen muss.

Was mich in dieser Situation tief beeindruckt hat, war nicht die Trennung an sich.
Sondern wie mein Sohn damit umgegangen ist:

Er hat weder versucht auszuweichen noch gewartet, bis sich alles von selbst erledigt.
Und er hat auch nicht den einfachen Weg gewählt.

Er hat das Gespräch gesucht. Ruhig, respektvoll und ehrlich.

So ehrlich, wie es eben möglich ist, wenn man weiss, dass man einem anderen Menschen gerade weh tun könnte.

Natürlich war er traurig.

Eine Trennung hinterlässt Spuren – auch dann, wenn sie richtig ist.
Gefühle verschwinden nicht einfach, nur weil man eine Entscheidung getroffen hat.

Ich habe diese Traurigkeit gespürt. Und als Mutter möchte man in solchen Momenten natürlich trösten. Man möchte etwas sagen, das hilft.

Ich habe kurz überlegt, ob ich ihm behutsam sagen soll, dass die beste «Medizin» nach einer Trennung oft darin liegt, den Blick wieder nach vorne zu richten. Sich nicht im Vergangenen zu verlieren, sondern den eigenen Weg weiterzugehen.

Doch ich musste das gar nicht mehr aussprechen:
Er sagte selbst, dass er sich jetzt wirklich auf seine Zukunft konzentrieren wolle – vor allem auf seinen beruflichen Weg.

In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie viel Klarheit und Reife in ihm steckt.
Nicht, weil ihn die Situation kalt lässt. Nein. Sondern weil er trotz der Traurigkeit weiss, dass das Leben weitergeht – und dass es manchmal Mut braucht, den eigenen Blick bewusst nach vorne zu richten.

Mein Sohn ist ein sensibler Mensch. Ich glaube sogar, dass er hypersensibel ist.

Das bedeutet, dass er vieles intensiver wahrnimmt als andere.
Stimmungen, Worte, kleine Veränderungen im Verhalten eines Menschen – Dinge, die manche kaum bemerken, bleiben bei ihm nicht unbemerkt.

Diese Art von Sensibilität kann das Leben manchmal komplizierter machen:

Kritik kann stärker treffen.
Konflikte können länger nachhallen.
Und auch die Atmosphäre um einen herum kann einen tief berühren.

Manchmal kann das sehr anstrengend sein. Aber diese Sensibilität ist auch eine grosse Stärke.

Sie bedeutet, dass man mitfühlen kann. Dass man andere Menschen wirklich wahrnimmt.
Dass man Zwischentöne hört, die vielen entgehen.

Menschen mit einer solchen Feinfühligkeit sind oft besonders empathisch, aufmerksam und kreativ.

Im Leben geht es nicht darum, weniger sensibel zu werden, sondern zu lernen, mit dieser Sensibilität umzugehen.

Wenn das gelingt, kann genau das, was manchmal schwer wirkt, zu einer besonderen Kraft werden.

Zum Erwachsenwerden gehört auch, zu akzeptieren, dass Gefühle manchmal weh tun.

Es wäre leicht, sich nach solchen Erfahrungen zu verschliessen, härter zu werden, weniger zu fühlen, um sich zu schützen. Doch ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist.

Gefühle gehören zum Leben.
Die schönen genauso wie die schmerzhaften.

Wer liebt, kann verletzt werden.
Wer sich öffnet, kann enttäuscht werden.

Aber genau darin liegt auch etwas Kostbares: die Fähigkeit, wirklich zu fühlen.

Reife bedeutet nicht, sich gegen Schmerz zu panzern, sondern ihn anzunehmen, ohne dabei die eigene Offenheit zu verlieren.

Ich wünsche meinem Sohn, sich seine Sensibilität, seine Fähigkeit zu fühlen – auch wenn das Leben manchmal wehtut – zu bewahren. Denn gerade diese Offenheit macht einen Menschen nicht schwach.

Sie macht ihn menschlich.

Erwachsenwerden bedeutet nicht, dass einem Entscheidungen nichts mehr ausmachen.
Und auch nicht, dass man keinen Schmerz mehr spürt.

Es bedeutet, beides gleichzeitig aushalten zu können:
die Traurigkeit über das, was endet –
und den Mut, trotzdem nach vorne zu schauen.

Und genau das habe ich bei meinem Sohn gesehen. Es hat mich mehr berührt, als ich erwartet hätte.

Irgendwann akzeptiert man als Eltern, dass man seine Kinder nicht vor allem schützen kann.
Ihr Leben nimmt eigene Wege – mit Freude, mit Fehlern, mit Entscheidungen, die manchmal auch schmerzhaft sind.

Keine Mutter weiss, was ihrem Kind eines Tages widerfährt. Aber man hofft immer auf eines:

Dass sie anständig bleiben.
Dass sie andere Menschen mit Respekt behandeln.
Dass sie den Mut haben, ehrlich zu sein – auch wenn Ehrlichkeit schwer ist.

Als ich meinem Sohn in diesen Tagen zugehört habe, wurde mir etwas sehr ruhig bewusst:

Er geht seinen Weg.

Mit seiner Sensibilität.
Mit seinen Gefühlen.
Und mit dem Willen, trotz allem nach vorne zu schauen.

Und als Mutter bleibt einem in solchen Momenten eigentlich nur eines:

Still daneben zu stehen –
und ein kleines bisschen stolz zu sein.

Denn manchmal zeigt sich das Erwachsenwerden eines Kindes nicht in grossen Ereignissen,
sondern in der stillen Art, wie es mit den schwierigen Momenten des Lebens umgeht.

Manchmal reicht ein einziges Licht

Neulich hatte ich ein Gespräch mit Frank.
Es ging um ganz praktische Dinge: Berufe, Zukunft, Ausbildung.
Und mitten in diesem Gespräch fiel ein Satz, der mir seither immer wieder durch den Kopf geht.

Er wäre wohl ein leidenschaftlicher Laternenanzünder geworden.

Ein Laternenanzünder – ein Beruf aus einer anderen Zeit. Einer, der heute kaum noch existiert.
Und doch begann dieses Bild in meinem Kopf weiterzuleuchten.

Ein Laternenanzünder geht durch die Strassen und entzündet Licht für andere. Abend für Abend. Still, ohne grossen Applaus. Die Menschen gehen unter den Laternen hindurch, vielleicht ohne gross darüber nachzudenken, dass jemand zuvor dort gewesen ist und das Licht angezündet hat.

Während ich darüber nachdachte, musste ich plötzlich an ein anderes Bild denken, das mich schon länger begleitet: den Leuchtturm.

Ein Leuchtturm steht fest an seinem Platz und sendet sein Licht hinaus in die Nacht. Nicht laut, nicht aufdringlich. Einfach da. Für die Schiffe, die draussen unterwegs sind.

Und das Schiff wiederum bewegt sich. Es fährt durch Wellen, manchmal durch Nebel, manchmal durch ruhiges Wasser. Es sucht seinen Weg – und irgendwo in der Dunkelheit taucht dann ein Licht auf.

Vielleicht ein Leuchtturm.
Vielleicht eine Laterne.

Und in diesem Moment wurde mir plötzlich klar, warum mich dieser Satz nicht mehr losliess.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass unsere Gespräche genau so sind.

Frank ist dabei eher der, der das Licht trägt.
Ruhig, manchmal etwas distanziert, manchmal fast nüchtern – und doch mit einer Klarheit, die Orientierung geben kann.

Und ich bin wohl eher das Schiff, das unterwegs ist.
Das Fragen stellt, Gedanken bewegt und manchmal einfach nur nach dem nächsten Licht sucht.

Der Laternenanzünder bringt viele kleine Lichter in die Welt.
Der Leuchtturm ein einziges grosses.

Aber im Grunde tun beide dasselbe: Sie sorgen dafür, dass es im Dunkeln nicht völlig dunkel bleibt.

Vielleicht war sein Satz nur ein beiläufiger Gedanke. Ein kleines Bild aus einem Gespräch.

Aber seit diesem Moment sehe ich ihn ein bisschen als Laternenanzünder.

Und mich vielleicht ein wenig als Schiff.

Und irgendwo zwischen Laternenlicht und Leuchtturm entsteht manchmal genau das, was gute Gespräche ausmacht:
ein kleines Stück Orientierung in der Dunkelheit.

Manchmal reicht schon ein einziges Licht.

Und ich habe das Gefühl, dass ich meinen Leuchtturm – und manchmal auch meinen Laternenanzünder – in Frank gefunden habe.

Dafür bin ich sehr dankbar.

45 Minuten Wirklichkeit, die nie passiert ist

Letzte Nacht, kurz nach ein Uhr, sprang ich plötzlich aus dem Bett.

Nicht dieses langsame Aufwachen, bei dem man noch ein wenig im Halbschlaf liegen bleibt.
Es war ein regelrechtes Aufschrecken. So stark war der Schreck, dass in diesem Moment etwas nicht stimmte.

Und in meinem Kopf war sofort eine Gewissheit:
Etwas ist passiert.

Ich war überzeugt, kurz zuvor einen kleinen persönlichen Gegenstand benutzt zu haben. Welcher genau, spielt für diese Geschichte eigentlich keine Rolle. Eine klare Erinnerung – so klar, dass ich keinen Moment daran zweifelte.

Doch als ich danach griff, war er verschwunden.

Zuerst suchte ich im Bett. Unter der Decke, zwischen den Kissen, neben der Matratze. Dann stand ich auf und suchte weiter – im Zimmer, im Bad, auf dem Boden.

Nichts.

Mit jeder Minute wurde meine Unruhe grösser. Mein Herz klopfte spürbar schneller. Dieses unangenehme Gefühl von Adrenalin im Körper, wenn man merkt, dass etwas nicht stimmt und man nicht versteht, warum.

In meinem Kopf formte sich gleichzeitig eine immer klarere Erklärung: Wenn der Gegenstand nicht im Bett war und nicht im Zimmer, dann musste er vielleicht noch dort sein, wo ich ihn zuletzt benutzt zu haben glaubte.

Je länger ich suchte, desto überzeugter war ich davon.

Ich versuchte ruhig zu bleiben und logisch zu denken. Ich prüfte, tastete, suchte weiter, ging mehrmals ins Bad. Doch ich fand nichts – und gleichzeitig verschwand meine Überzeugung nicht im Geringsten.

Im Gegenteil. Sie wurde immer stärker.

Gleichzeitig gab es etwas, das mich zusätzlich verwirrte: Eigentlich hätte ich etwas spüren müssen. Zumindest ein kleines bisschen. Doch ich spürte nichts. Keine Unbequemlichkeit, keinen Schmerz – und trotzdem war ich überzeugt, dass da etwas war.

Es passte nicht zusammen. Und genau das machte die Situation noch beunruhigender.

Es gab sogar kleine Hinweise, die meine Überzeugung eher verstärkten als beruhigten – Dinge, die ich mir in diesem Moment nicht erklären konnte.

Irgendwann – vielleicht nach vierzig Minuten – kam ein Gedanke auf, der mir selbst ein wenig absurd vorkam und doch plötzlich sehr real erschien: Vielleicht sollte ich tatsächlich in die Notaufnahme fahren.

Nicht weil ich krank war. Sondern weil ich glaubte, dass ein Arzt vielleicht klären müsste, was ich selbst nicht mehr verstand.

Ich hatte Herzklopfen, mein Kopf arbeitete ununterbrochen, und ich versuchte verzweifelt, ein Problem zu lösen, das sich einfach nicht erklären liess.

Schliesslich entschied ich mich, wieder ins Bett zu gehen und mich zu beruhigen. Ich legte mich auf die Seite, ein Kissen zwischen den Knien, und versuchte langsam und bewusst zu atmen.

Und dann geschah etwas Merkwürdiges.

In meinem Kopf tauchte plötzlich ein Bild auf: Ich sah mich einen Schrank öffnen.

Dieser Schrank steht in meinem Schlafzimmer.

In dieser Erinnerung – oder vielleicht war es immer noch der Traum – nahm ich etwas aus dem Schrank. Und ich weiss noch, dass ich kurz dachte, ich sollte die Tür wieder schliessen, damit die Katzen nicht hineingehen.

Doch ich tat es nicht. Ich liess die Tür offen.

Ich stand auf und sah hinüber.

Der Schrank war geschlossen. Davor stand der Wäscheständer.

Dieser kleine Widerspruch liess mich innehalten.

Ich öffnete den Schrank. Dort stand das Nécessaire, in dem ich einige persönliche Dinge aufbewahre.

Ich nahm es heraus.

Öffnete den Reissverschluss.

Und da lag das Gesuchte.

Genau dort, wo es hingehörte.

Ich schaute noch einmal hinein. Und noch einmal.

Langsam begann mein Gehirn zu begreifen, was passiert war.

Die ganze Geschichte, von der ich fast 45 Minuten lang überzeugt gewesen war, hatte nie stattgefunden. Sie war nichts anderes als ein aussergewöhnlich realistischer Traum.

Was mich daran bis heute fasziniert, ist nicht der Traum selbst. Träume können seltsam sein.

Was mich erstaunt, ist etwas anderes:
Wie überzeugend unser Gehirn eine Realität konstruieren kann. Und wie lange wir daran festhalten, wenn sie einmal plausibel erscheint.

In dieser Nacht war ich nicht unsicher gewesen. Ich war nicht am Rätseln gewesen.
Ich war überzeugt.

Und erst ein kleiner Widerspruch – ein geschlossener Schrank, ein Wäscheständer davor – hat diese Gewissheiten ins Wanken gebracht.

Manchmal braucht es erstaunlich wenig, um unsere Gewissheiten ins Wanken zu bringen.

Und manchmal braucht es erstaunlich lange, bis unser Gehirn erkennt, dass das Problem, das uns fast eine Stunde lang beschäftigt hat, nie existiert hat.


Zwischen Worten und Grenzen

„Verlieb dich in einen Menschen, mit dem du reden kannst – stundenlang.
Denn alles andere ist vergänglich.
Wenn die Worte fehlen, fehlt alles.“

Es gibt diese seltene Form von Verbindung, die nichts Lautes braucht.

Keine grossen Gesten.
Keine ständige Bestätigung.
Nicht einmal permanente Nähe.

Nur Worte.

Nicht die schönen Worte.
Nicht die romantischen.
Sondern die ehrlichen. Die klugen. Die unbequemen.
Die, die weiterdenken. Die nachfragen. Die widersprechen dürfen.

Manchmal entsteht zwischen zwei Menschen eine eigene Sprache.
Ein gedanklicher Raum, in dem man sich bewegt, ohne sich erklären zu müssen.
Wo ein halber Satz genügt.
Wo Ironie verstanden wird.
Wo auch Distanz nicht sofort Abwesenheit bedeutet.

Und manchmal ist es gerade der nüchterne Blick, der mehr Nähe schafft als jedes grosse Gefühl.

Vielleicht liegt in solchen Begegnungen auch eine leise Sehnsucht.
Keine, die etwas zerstören will.
Keine, die fordert oder drängt.
Sondern eine, die weiss, wo ihre Grenze ist.

Manchmal spürt man, dass zwischen zwei Menschen mehr Raum wäre –
mehr Gespräch, mehr Tiefe, mehr gemeinsames Denken.
Und gleichzeitig weiss man, dass nicht jeder Raum betreten werden muss, nur weil er existiert.

Es ist eine stille Form von Verzicht.
Nicht aus Mangel.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Verantwortung.

Und doch darf es Momente geben, in denen diese Grenze leise schmerzt –
gerade weil man weiss, wie kostbar das Ungesagte ist.

Im Wissen darum, dass man einander noch viel zu sagen hätte –
und dass genau dieses Wissen manchmal genügen muss.

Und vielleicht ist es das, was trägt –
auch wenn vieles längst seinen Platz gefunden hat:
Dass da jemand ist, der unsere Gedanken berührt.
Und sie still ein Stück weiterdenkt.