Geht es anderen auch so?

Es gibt ja so einiges, das sich mit zunehmendem Alter verändert. Als ich die 50 geknackt habe, hatte ich anfangs doch ziemlich Mühe damit. Also mit der Tatsache, dass ich jetzt «schon» 50 bin. Irgendwie ein etwas komisches und mulmiges Gefühl.

Natürlich geht das Leben weiter. Allerdings kommen immer mehr kleine oder grössere Beschwerden hinzu: Die Gelenke melden sich öfter, die Nächte sind oft unterbrochen. Ob die Wechseljahre allein dafür verantwortlich sind? Jedenfalls ist manches einfach nicht mehr so wie früher.

Und dann gibt es noch etwas, das sich offenbar ziemlich verabschiedet hat: die Lust auf Intimität.

Wann und wie genau das passiert ist? Keine Ahnung. Es gab keinen bestimmten Tag, an dem ich morgens aufgewacht bin und dachte: So, das war’s jetzt. Es hat sich einfach so ergeben.

Aber eigentlich stört es mich nicht einmal gross. Ich vermisse es nicht wirklich.


Manchmal frage ich mich allerdings, ob es anderen auch so geht. Und vor allem, was deren Partner wohl davon halten. Wie fühlen sie sich dabei? Vielleicht denken sie, dass man sie nicht mehr begehrt oder nicht mehr attraktiv findet.

Aber das muss überhaupt nicht so sein. Zumindest ist es bei mir nicht so.

Vielleicht ist genau das manchmal das Schwierige daran. Nicht die fehlende Lust selbst, sondern die Gedanken, die man sich darüber macht. Ob der andere vielleicht mehr erwartet, ob er enttäuscht ist oder sich sogar zurückgewiesen fühlt. Dabei sind das möglicherweise alles nur Gedanken, die man sich selbst macht, obwohl es für den anderen gar kein Thema ist.

Ich habe nach wie vor gerne Gesellschaft, unternehme etwas, geniesse einen schönen Abend zu zweit. Auch gegen eine Umarmung oder einen kleinen Kuss habe ich nichts einzuwenden.

Aber für mehr fehlt mir momentan einfach das Bedürfnis.

Vielleicht sind es die Hormone, vielleicht der Stress und die vielen Baustellen, die ich habe – vielleicht auch einfach alles zusammen. Ich weiss es nicht.

Was ich hingegen weiss: Ich möchte mich deswegen nicht rechtfertigen. Und schon gar nicht das Gefühl haben, dass etwas nicht stimmt, nur weil sich meine Bedürfnisse verändert haben.

Ob sich das irgendwann wieder ändert? Keine Ahnung.

Wir werden sehen.

Nicht jeder sieht dasselbe Grün

„Liege im Bett.“

Drei Worte. Mehr nicht.

Eigentlich eine völlig harmlose Aussage. Und trotzdem können drei so einfache Worte bei zwei Menschen etwas völlig Unterschiedliches auslösen.

Wenn mir jemand schreibt: „Liege im Bett“, dann kann das für mich heissen: Der Tag ist vorbei, die Person hat sich zurückgezogen, vielleicht ist sie müde. Vielleicht bedeutet es aber auch: Ich liege zwar im Bett, bin aber noch wach. Wir können uns noch ein bisschen unterhalten.

Dabei hat sich der andere bei diesen drei Worten vielleicht etwas ganz anderes gedacht als ich. Oder auch gar nichts.

In der Regel gehen wir doch ganz selbstverständlich davon aus, dass unser Gegenüber etwas genauso versteht wie wir. Dass ein Wort, ein Satz, eine Geste beim anderen ungefähr dasselbe auslöst wie bei uns. Dabei wissen wir nicht einmal, ob wir die Welt um uns herum tatsächlich gleich wahrnehmen.

Zum Beispiel: Wir schauen gemeinsam auf eine Wiese und sind uns einig: Die Wiese ist grün. Natürlich ist sie grün. Das haben wir irgendwann als Kinder gelernt. Jemand hat auf diese Farbe gezeigt und uns gesagt: „Das ist grün.“ Und seither nennen wir sie so.

Aber woher weiss ich eigentlich, dass dein Grün genauso aussieht wie mein Grün? Vielleicht sieht das, was du Grün nennst, für dich völlig anders aus als für mich. Wir würden es niemals merken, denn wir haben beide gelernt, diesem ganz persönlichen Farbeindruck dasselbe Wort zu geben: Grün. Wir benutzen also dasselbe Wort, aber ob wir tatsächlich dasselbe sehen, wissen wir nicht.

Und wenn das schon bei einer Farbe so ist – wie soll es dann erst bei allem anderen sein? Bei Worten, bei einem Blick, einer Berührung oder beim Schweigen. Jeder nimmt diese Dinge anders wahr.

Schweigen kann für mich bedeuten: Da stimmt etwas nicht. Für jemand anderen bedeutet es vielleicht aber einfach: Ich habe gerade nichts zu sagen. Und trotzdem beginnen wir zu interpretieren, zu überlegen und nach einem Grund zu suchen. Wir beziehen Dinge auf uns, die mit uns vielleicht überhaupt nichts zu tun haben. Oder wir messen einem Satz eine Bedeutung bei, die der andere ihm nie gegeben hat.

Mama hat mir einmal von einem Ball an der Uni erzählt, auf dem sie mit einem Studenten ins Gespräch kam. Der meinte zu ihr, eigentlich müsste man – bevor man miteinander spricht – zuerst jedes einzelne Wort definieren und sich darüber einig sein, was es genau bedeutet. Nur dann könne man sicher sein, dass man sich auch wirklich versteht.

Natürlich wäre das im Alltag völlig unmöglich. Aber irgendwie ist etwas dran. Denn nur weil zwei Menschen dasselbe Wort benutzen, muss es für beide noch lange nicht genau dasselbe bedeuten. Wir können die Welt nun einmal nur mit unseren eigenen Augen sehen – geprägt von unseren Erfahrungen, unseren Erinnerungen und unseren Gefühlen. Deine grüne Wiese ist nicht meine grüne Wiese und doch ist es unsere grüne Wiese …


Vielleicht ist „Liege im Bett“ für mich eine Einladung zum Weiterreden und für den anderen einfach eine Information darüber, wo er sich gerade befindet. Und genau daraus entstehen dann wohl auch viele Missverständnisse. Ich bin enttäuscht über eine Reaktion oder darüber, dass eine Reaktion ausbleibt, während der andere überhaupt nicht versteht, weshalb. Für ihn war die Situation eine ganz andere. Womöglich hat er sich nicht einmal etwas dabei gedacht. Wir interpretieren etwas und sind uns ziemlich sicher, dass es so gemeint war. Dabei wissen wir das eigentlich gar nicht.

Natürlich kann man nicht bei allem überlegen, ob es vielleicht ganz anders gemeint war. Aber vielleicht ist genau das manchmal das Problem: Für mich ist etwas völlig klar – und für den anderen eben auch. Nur nicht unbedingt dasselbe. So wie bei der grünen Wiese: Wir schauen beide darauf, nennen sie beide grün – und haben trotzdem keine Ahnung, ob wir wirklich dasselbe sehen.

Und vielleicht sind manchmal auch drei so einfache Worte wie „Liege im Bett“ eben doch nicht ganz so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheinen.

Brüssel – eine Reise mit Hindernissen, Musik und vielen Emotionen

Eigentlich hätte unsere Reise nach Brüssel ganz gemütlich beginnen sollen. Der ursprüngliche Plan war einfach: Am Freitagabend um 20.17 Uhr ab Lausanne Richtung Zürich, dort in den Nachtzug steigen, schlafen – und am nächsten Morgen in Brüssel aufwachen.

Eigentlich.

Denn bereits in der Woche vor unserer Abreise entwickelte unser Nachtzug ein bemerkenswertes Eigenleben. Zuerst sollte er in Zürich abfahren. Dann hiess es plötzlich Aarau. Danach Wettingen. Drei verschiedene Abfahrtsorte innerhalb weniger Tage – man durfte gespannt sein, wo wir am Freitag tatsächlich landen würden.

Die definitive Überraschung kam dann am Abreisetag selbst: Unser Nachtzug würde ab Arth-Goldau fahren.

Arth-Goldau !

Also nicht irgendwo entlang unserer ohnehin geplanten Strecke, sondern erst einmal ab in die Innerschweiz. Und als wäre das nicht genug, fuhr der Nachtzug dort bereits um 20.58 Uhr und nicht, wie ursprünglich für Zürich vorgesehen, um 22.48 Uhr.

Am warten in Arth-Goldau…

Aus unserer gemütlichen Abfahrt um 20.17 Uhr in Lausanne wurde damit plötzlich eine Abfahrt um 16.40 Uhr.

Gut, dass ich an diesem Freitag – Homeoffice sei Dank – bereits um 6.30 Uhr angefangen hatte, die wichtigsten Dinge abzuarbeiten. Sonst wäre es gegen Ende womöglich ziemlich stressig geworden.

Nun gut. Also um 15 Uhr aus dem Haus, mein Auto noch an einen Ort gebracht, wo es problemlos drei Tage stehen bleiben konnte, und um 16.40 Uhr sass ich tatsächlich im Zug Richtung Arth-Goldau.

So hatte ich mir den Beginn unseres Brüssel-Wochenendes zwar nicht ganz vorgestellt – aber immerhin: Ich war unterwegs.

Wir kamen rechtzeitig an, assen etwas, tranken einen Kaffee und warteten auf unseren Zug… Und warteten… Denn inzwischen kam die nächste erfreuliche Nachricht: Sämtliche Züge, die aus Richtung Chiasso kamen, hätten eine Verspätung von unbestimmter Dauer. Und natürlich gehörte unser Nachtzug dazu.

Irgendwann waren wir tatsächlich an dem Punkt, an dem wir ernsthaft darüber nachdachten, nach Zürich weiterzufahren und am nächsten Morgen nach Brüssel zu fliegen. Bis ungefähr 21.40 Uhr wussten wir nicht einmal, ob und wann unser Zug überhaupt kommen würde.

Dann die Erlösung: Er kommt !

Um 21.55 Uhr setzte sich unser Nachtzug in Arth-Goldau tatsächlich in Bewegung. Brüssel, wir kommen!

Eine kleine Zeitreise inklusive

Als wir unser Couchette-Abteil bezogen, folgte die nächste Überraschung. Der Zug hatte einen gewissen… historischen Charme.

Sehr historisch… Gefühlt waren wir irgendwo in den 1970er-Jahren der ehemaligen DDR gelandet. Die Toiletten funktionierten eher theoretisch als praktisch, fliessendes Wasser war ebenfalls nicht unbedingt Bestandteil des Reiseerlebnisses. Wasser gab es aus der PET-Flasche. Aber immerhin: Wir fuhren!

Und geschlafen habe ich sogar ziemlich gut. Ich gehöre glücklicherweise zu den Menschen, die fast überall schlafen können. Licht? Lärm? Ratternder Nachtzug? Alles kein Problem.

Nach all dem Hin und Her erreichten wir Brüssel schliesslich um 11.31 Uhr – gerade einmal 21 Minuten später als ursprünglich vorgesehen.

Wenn man bedenkt, was für eine Odyssee hinter uns lag, war das eigentlich fast schon eine Meisterleistung.

Angekommen

Und spätestens mit unserer Ankunft war der ganze Stress vergessen.

Wir wurden unglaublich herzlich empfangen. Für die Übernachtungen waren wir auf Mitglieder des Brüsseler Chors verteilt worden, und ich hatte das grosse Glück, bei einem ausgesprochen lieben Ehepaar unterzukommen.

Schon als ich ihr Haus betrat, musste ich sofort an meine Grossmutter väterlicherseits denken. Sie hatte in einem ganz ähnlichen Stadtreihenhaus gewohnt: eher schmal, dafür lang, mit einem Garten hinten und über drei Etagen verteilt. Es war fast wie eine kleine Reise zurück in meine Kindheit. Die hohen Räume mit den Stuckaturen, der Wintergarten, das Nähzimmer, das kurzerhand zum Gästezimmer umfunktioniert worden war – all das weckte Erinnerungen und gab mir vom ersten Moment an ein seltsam vertrautes Gefühl.

Ich hätte es wirklich nicht besser treffen können. Vincent und Cécile waren unglaublich herzlich, und als Krönung wurde ich auch noch überall hinchauffiert. Wie sich herausstellte, ist Vincent nämlich ebenfalls nicht gerade der grösste Fan des öffentlichen Verkehrs.

Da hatten sich offenbar die Richtigen gefunden. 😊

Überhaupt war dieses ganze Wochenende von einer grossen Herzlichkeit geprägt.

Und dann war da noch dieser Cheesecake …

Am ersten Abend erwartete uns ein riesiges gemeinsames Buffet. Jedes Mitglied des Brüsseler Chors hatte etwas Selbstgemachtes mitgebracht, und es gab gefühlt alles. So viel, dass es schlicht unmöglich war, von allem zu probieren. Man merkte, wie viel Mühe sich unsere Gastgeber gemacht hatten.

Und als wäre das noch nicht genug, gab es natürlich auch noch ein Dessertbuffet.

Und dort stand er: dieser Cheesecake.

Dieser Cheesecake hätte eigentlich einen eigenen Absatz verdient. Oder vielleicht sogar einen eigenen Blogbeitrag. Er war so köstlich, dass ich mich anschliessend durch die Brüsseler Choristen fragte, um herauszufinden, wer ihn gemacht hatte und – noch wichtiger – wie ich an das Rezept kommen könnte.

Schliesslich war die Urheberin gefunden: Patricks Frau.

Patrick verlangte meine E-Mail-Adresse und versprach mir das Rezept.

Nun warte ich. Geduldig. Mehr oder weniger. 😄

Ein bisschen Brüssel – und ganz viele Emotionen

Am Sonntagmorgen hatten wir Gelegenheit, Brüssel bei einer Stadtführung noch ein wenig besser kennenzulernen.

Wobei: Eineinhalb Stunden reichen natürlich niemals, um eine Stadt wirklich zu entdecken. Dieses etwas asiatisch angehauchte „have seen“ ist eigentlich nicht so mein Ding. Einmal kurz vorbeigeführt, Foto gemacht, Häkchen gesetzt – Brüssel gesehen.

Nein. Dafür hat die Stadt definitiv zu viel zu erzählen. Und ich überlege mir tatsächlich, ein anderes Mal noch einmal hinzufahren, um etwas mehr über Brüssel und seine Geschichte zu erfahren. Aber eines steht bereits fest: nicht mit dem Nachtzug!

Doch der eigentliche Höhepunkt unseres Wochenendes stand noch bevor: unser Konzert!

Die Kirche war voll, wir haben gut gesungen, das Publikum war begeistert, es wurde viel geklatscht – sogar Standing Ovations gab es. Ein voller Erfolg. Und trotzdem ist es nicht in erster Linie der Applaus, der mir von diesem Abend geblieben ist …

… denn es war unser letztes Konzert mit Céline, unserer Chorleiterin. Natürlich wusste ich das vorher. Wir alle wussten es. Aber etwas zu wissen und den Moment dann tatsächlich zu erleben, sind zwei verschiedene Dinge.

Notre-Dame de Sacré-Cœur – da war das Konzert

Nach dem Konzert hat es mich dann genommen. Ich schnappte meine Sachen und entfernte mich ein wenig von den anderen, um mich umzuziehen. Vor allem aber, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Es überkam mich einfach, und so stand ich da und weinte still vor mich hin. Da kam Céline auf mich zu und fragte mit selbst schon weinerlicher Stimme: „Brauchst du auch eine grosse Umarmung?“ Und dann lagen wir uns in den Armen und heulten beide wie die Schlosshunde.

Es war eine dieser Umarmungen, bei denen Worte ohnehin nichts mehr bringen. So viele gemeinsame Proben, die gemeinsamen Heimfahrten nach jeder Probe – denn unsere Beziehung ist eben doch etwas mehr als nur die zwischen einer Choristin und ihrer Chorleiterin –, Konzerte, Erlebnisse, Musik, Lachen, Stress und Erinnerungen.

Und plötzlich wird einem mit voller Wucht bewusst, dass ein Kapitel zu Ende geht.

Dieser Moment geht mir auch jetzt, ein paar Tage später, noch nahe. Vielleicht gerade deshalb, weil das Konzert so schön gewesen war. Es war kein trauriger Abschied. Im Gegenteil. Es war ein wunderbarer Abschluss.

Aber eben ein Abschluss …

Nach dem Konzert wartete noch ein gemeinsames Abendessen auf uns – diesmal mit einem grossartigen libanesischen Traiteur-Buffet. Nach all den Emotionen tat es gut, einfach noch zusammenzusitzen, zu essen, zu reden und diesen besonderen Abend langsam ausklingen zu lassen.

Ganz ohne weitere Emotionen ging es allerdings nicht.

Unser Präsident hielt noch eine kleine Ansprache für Céline und überreichte ihr ein Geschenk, das wir Lausanner Choristen gemeinsam für sie vorbereitet hatten. Und natürlich wurde es dabei noch einmal ziemlich emotional …

Danach hatte auch die Präsidentin des Brüsseler Chors noch eine Überraschung parat: Sie hatte für jeden einzelnen Choristen – aus beiden Chören – eine Trinkflasche anfertigen lassen. Eine schöne Erinnerung an dieses gemeinsame Wochenende, die uns nun auch im Alltag begleiten wird.

Überhaupt war es eines dieser Wochenenden, an denen unglaublich viel in sehr wenig Zeit passiert. Man ist müde, der Kopf ist voll mit Eindrücken und Emotionen – und gleichzeitig möchte man noch gar nicht, dass es vorbei ist.

Ein ruhiger Montagmorgen

Der Montagmorgen bildete dazu einen wunderschönen Kontrast. Kein Zeitdruck, keine Probe, kein Konzert mehr. Einfach ein gemütlicher Morgen bei dem Ehepaar, bei dem ich übernachten durfte. Kaffee, Gespräche, ein bisschen erzählen – und noch einmal dieses Gefühl, wie herzlich ich aufgenommen worden war.

Dann hiess es endgültig Abschied nehmen.

Mit etwas Stau ging es zum Flughafen und schliesslich ins Flugzeug Richtung Genf. Der Flug verlief völlig problemlos. Bis kurz vor der Landung. Wir waren bereits im Landeanflug auf Genf, als der Pilot plötzlich wieder Schub gab und die Maschine hochzog. Ich kam mir für einen kurzen Moment vor wie auf einer Bahn im Europapark 😀 . Wir hatten keine Landegenehmigung bekommen und mussten noch einmal eine Runde über der Region drehen, bevor wir einen zweiten Versuch starten konnten.

Nach unserer abenteuerlichen Anreise nach Brüssel wäre eine vollkommen ereignislose Rückreise vermutlich auch einfach zu langweilig gewesen.

Was bleibt

Wenn ich an dieses Wochenende zurückdenke, denke ich nicht zuerst an verspätete Züge, kaputte Toiletten oder unseren ungeplanten Ehrenrundflug über Genf.

Ich denke an Menschen.

An die herzliche Aufnahme in Brüssel. An unsere Gastgeber. An gemeinsames Essen und Lachen. An Musik. An eine volle Kirche und ein begeistertes Publikum.

Und ich denke an Céline und an diese tränenreiche Umarmung nach unserem letzten gemeinsamen Konzert …

Es war anstrengend. Es war chaotisch. Es war wunderschön.

Und wahrscheinlich sind es genau solche Reisen, die einem lange in Erinnerung bleiben.

Brüssel – ich komme gerne wieder.

Eins nach dem anderen

Seit meinem letzten Beitrag ist etwas mehr als eine Woche vergangen und ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für ein kleines Update.

Was Monsieur betrifft, ist der Kontakt tatsächlich wieder reger geworden. Noch nicht ganz so, wie ich es mir wünschen würde, aber doch deutlich mehr als noch vor ein paar Wochen.

Wir schreiben wieder öfter, es kommen auch wieder spontan Nachrichten von ihm und vor ein paar Tagen wollte er mich sogar zurück rufen. Ich war nämlich unbeabsichtigt auf die Videocall-Taste gekommen… Natürlich ausgerechnet an dem Abend, an dem ich bei Mama war. Typisch ! Wochenlang hätte ich praktisch jederzeit telefonieren können und wenn Monsieur dann auf die Idee kommt, mich anzurufen, sitze ich natürlich nicht zu Hause.

Aber wir holen das nach.

Ansonsten habe ich im Moment genügend andere Dinge, die mich beschäftigen.

Heute Vormittag zum Beispiel steht der Termin bei der Schlichtungsstelle wegen meiner Wohnung an.

Seit April läuft die Geschichte mit der Kündigung nun schon und heute sitze ich also um 9.50 Uhr dort. Allein.
Mein Ex-Mann fand das natürlich nicht besonders schlau und meinte, ich sei halt zu naiv und müsse da mit einem Anwalt oder sonst jemandem hingehen. Ich sehe das etwas anders.

Sowohl von der Verwaltung als auch von anderer Seite wurde mir geraten, die Kündigung anzufechten. Also habe ich das gemacht. Ich habe meine Unterlagen dabei, weiss, worum es geht und werde versuchen, meine Situation so gut wie möglich zu erklären. Erstaunlicherweise bin ich nicht einmal besonders nervös.

Und dann war da noch gestern Nachmittag. Eine Begegnung, auf die ich wirklich gut hätte verzichten können.

Eine Frau kam zu uns, weil sie an eine Abdankung wollte. Ich habe mir wirklich die grösste Mühe gegeben, ihr ruhig zu erklären, dass sie am falschen Ort sei und wohin sie sich stattdessen wenden müsse. Aber sie wollte nichts davon hören. Sie bestand darauf, dass sie am richtigen Ort sei. Nicht mal als ich ihr auf ihrem mitgebrachten Schreiben schwarz auf weiss beweisen konnte, dass sie am falschen Ort ist, glaubte sie mir nicht. Ich bot ihr an, sie zu begleiten, denn es war nur etwa 100m von da entfernt.

Aber je mehr ich versuchte, ihr zu erklären, dass ich durchaus verstand, was sie suchte, dass sie es aber bei uns nicht finden würde, desto ungehaltener und aggressiver wurde sie.

Und dann wurde es endgültig absurd.

Sie erklärte mir nämlich, sie sei Katholikin, und fragte mich allen Ernstes, ob ich sie deshalb nicht hineinlassen wolle. Ähm … nein. Ich wollte sie nicht „nicht hineinlassen“. Ich versuchte seit geraumer Zeit, ihr zu erklären, dass das, was sie suchte, nicht hinter unserer Tür war.

Die ganze Situation wurde zunehmend unangenehm, weil sie meine Erklärungen überhaupt nicht mehr hören wollte. Sie hatte entschieden, dass sie richtig war, Punkt. Sie meinte, ich sei unfähig, unhöflich und überhaupt sei das eine Zumutung ! Ich hasse solche Situationen. Aber ich war die ganze Zeit – äusserlich – ganz ruhig. Ich versuche in solchen Situationen meistens zuerst einmal, das Ganze nicht noch weiter eskalieren zu lassen. Nach gut 10 Minuten aggressiven und absurden Argumenten, entschied sie dann, auf dem Absatz kehrt zu machen und wütend davon zu laufen.

Die Sache hat mich danach noch eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil diese Frau für mein Leben irgendeine Bedeutung hätte, sondern weil ich Mühe damit habe, wenn man versucht, jemandem zu helfen – und am Ende dafür angegriffen wird.

Aber gut. Neuer Tag. Heute habe ich andere Dinge zu erledigen.

Zuerst also die Schlichtungsstelle. Und danach warte ich auf meinen Garagisten.

Mein Honda hat nämlich beschlossen, dass 20 Jahre offenbar genug sind. Bei der nächsten Expertise kommt er nicht mehr durch und die notwendigen Reparaturen wären so teuer, dass es schlicht keinen Sinn mehr macht.

Mein Garagist hat zum Glück bereits ein anderes Auto für mich in Aussicht. Kein Luxusgefährt – brauche ich auch nicht. Es soll fahren, zuverlässig sein und mich möglichst nicht gleich wieder finanziell ruinieren. Die Konditionen wären für mich machbar und meinen Honda würde er sogar noch übernehmen.

Nun muss er mich nur noch anrufen.

Und deshalb werde ich heute vermutlich bei jedem Klingeln meines Telefons zusammenzucken und hoffen, dass die Garage dran ist.

Aber eines nach dem anderen.

Jetzt trinke ich erst einmal meinen Kaffee, mache mich fertig und gehe um 9.50 Uhr zur Schlichtungsstelle.

Und dann schauen wir weiter.

Ganz der Alte

Er ist wieder zurück.

Es gab keinen grossen Moment. Keine Erklärung. Keine lange Nachricht. Kein «Entschuldigung, dass ich so still war».

Eigentlich weiss ich bis heute nicht wirklich, warum Frank in den letzten Wochen so weit weg war.

Natürlich waren da die Operationen. Das Spital. Schmerzen, Genesung, Müdigkeit. Alles gute Gründe, weniger zu schreiben. Und trotzdem hatte ich irgendwann das Gefühl, dass nicht nur seine Nachrichten weniger geworden waren, sondern dass er sich irgendwie von mir distanzierte.

Diese Stille, die Angst macht. Drei kleine Sätze, die mir genügt hätten. Diese Ungewissheit.

Und irgendwann habe ich ihm geschrieben, was ich nicht mehr nur zwischen den Zeilen verstecken konnte: Sie fehlen mir. Unsere Gespräche fehlen mir. Später fragte ich ihn ganz direkt, warum er eigentlich nicht mehr mit mir redet.

Seine Antwort? – Es gebe keinen speziellen Grund.

Als ich ihm sagte, dass ich ihn sehr distanziert empfinde, kam eine Antwort, die so typisch Frank war, dass ich sie vermutlich hätte einrahmen sollen:

«Sie fühlen auch mal falsch.»

Nun denn. Man kann über diesen Satz denken, was man will. Aber: Mir hat er gutgetan. Nicht, weil plötzlich alles erklärt gewesen wäre. Das war es nicht. Aber weil ich ihm glaubte.

Und dann geschah etwas Seltsames. Frank kam zurück. Nicht mit Pauken und Trompeten. Nicht von heute auf morgen. Und schon gar nicht mit einem emotionalen Grundsatzreferat – wir reden schliesslich immer noch von Frank. 😉Aber er war wieder ein bisschen mehr da.

Er fragte nach meinem Sohn. Erinnerte sich an Dinge, die ich ihm vor Wochen erzählt hatte. Fragte nach einem grossen Anlass in meiner Kirche. Ich erzählte ihm von meinem Auto, das beschlossen hatte, seine weitere Existenz nur noch gegen eine Investition von mehreren Tausend Franken in Betracht zu ziehen (dazu mehr später in einem anderen Beitrag). Frank begann zu rechnen, zu hinterfragen. Warum ist das alte Auto überhaupt schon kaputt? Irgendwann diskutierten wir darüber, wie viele Kilometer ein Auto eigentlich aushalten müsste. Völlig banal.

Und es war wunderbar. Denn genau das hatte mir gefehlt. Nicht die grossen Gespräche. Nicht stundenlange Aufmerksamkeit. Nicht irgendwelche Liebeserklärungen. Mir hatte gefehlt, ihm einfach erzählen zu können, was gerade passiert.

«Mögen Sie Zwetschgenwähe?», fragte ich. – «Sie meinen Zwetschgendatschi.» Da war er. Mein Frank. Trocken. Rational. Ein bisschen besserwisserisch. Und vollkommen unfähig, eine Zwetschgenwähe einfach Zwetschgenwähe sein zu lassen. 😂

Und irgendwann sagte ich ihm, dass ich froh und erleichtert sei, dass er seit ein paar Tagen wieder etwas gesprächiger ist. Dass er mir wirklich sehr gefehlt habe. So sehr, dass er sich sogar in meine Träume geschlichen hatte. Seine Antwort kam eine Minute später : «Alpträume.»

Spätestens da wusste ich es : Er ist wieder da.

Und natürlich musste ich ihm daraufhin von Josephine erzählen. Josephine existiert nicht. Zumindest hoffe ich das. 😏 Sie ist eine Erfindung meines offenbar etwas überforderten Unterbewusstseins. In meinem Traum war sie Franks Mitbewohnerin und schrieb ihm Nachrichten mit «mein Bärchen». Ich war not amused.

Frank hingegen schwieg dazu.

Also schrieb ich ihm am nächsten Abend, Josephine habe ihm offenbar die Sprache verschlagen. Dabei hätte ich gedacht, spätestens bei «mein Bärchen» hätte er etwas zu erklären. Seine Antwort am nächsten Tag : «Ich habe nichts zu erklären.»

Und ich sass da und musste lachen…Ganz der Alte.

Vielleicht ist das das Merkwürdige an Menschen, die einem wichtig geworden sind. Man vermisst nicht nur ihre grossen Worte. Man vermisst ihre Art, einen Satz zu schreiben. Ihre absurden Antworten. Ihre Einwände. Ihre Besserwisserei. Die Dinge, über die man sich manchmal sogar ärgert. Man vermisst nicht nur den Menschen. Man vermisst die Vertrautheit.

In den letzten Tagen habe ich etwas wiederbekommen, von dem ich erst während seiner Abwesenheit richtig gemerkt habe, wie sehr es zu meinem Alltag gehört. Ich kann wieder etwas erleben und denken : Das muss ich Frank erzählen.

Schön, dass Sie wieder da sind, mon cher Monsieur. ❤️

Drei kleine Sätze

Vor knapp drei Wochen habe ich hier das letzte Mal geschrieben. Seitdem war es ziemlich still auf meinem Blog. Nicht etwa, weil nichts passiert wäre. Im Gegenteil.

Im Moment habe ich ziemlich viele Baustellen. Wohnungssuche, finanzielle Sorgen, Dinge, die dringend erledigt werden müssen, Entscheidungen, die anstehen – und einiges mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, kaum ist etwas einigermassen geregelt, taucht schon das nächste Problem auf. Ja, es ist gerade einfach ziemlich viel.

Und ausgerechnet jetzt fehlt mir jemand, dem ich all diese Dinge früher ganz selbstverständlich erzählt hätte. Frank.

Seit drei Jahren gehören unsere Nachrichten zu meinem Alltag. Mal waren es längere Gespräche, mal nur ein Guten-Morgen-Gruss, ein Foto, irgendeine Bemerkung oder aber auch Gespräche über Finanzen, Sohnemann – manchmal ziemlich heftig – oder Diskussionen über Hunde, Kalkutta, Berghüttli, Käse & Co. Manchmal viel, manchmal wenig. Aber eigentlich war immer irgendein Kontakt da.

Es war einfach selbstverständlich.

Wenn irgendetwas passierte, dachte ich oft als Erstes: Das muss ich Frank erzählen. Handy genommen, WhatsApp geöffnet und Frank geschrieben. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich ihm schreiben darf, ob ich störe oder ob ich vielleicht besser noch ein paar Stunden warten sollte.

Heute ist das anders.

Seit einiger Zeit schreibt Frank nur noch sehr wenig. Manchmal vergehen mehrere Tage. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Auf Dinge, bei denen früher ziemlich sicher irgendeine Reaktion gekommen wäre, kommt nichts.

Ja ich weiss, dass Frank im Moment selbst genug um die Ohren hat. Er liegt im Spital, hat geplante Operationen und weiss wohl selbst noch nicht genau, wie die nächste Zeit aussehen wird. Natürlich habe ich dafür Verständnis. Und natürlich erwarte ich nicht, dass er den ganzen Tag mit mir auf WhatsApp schreibt.

Aber ein kleines Lebenszeichen? Ich denke, das wär‘ drin gewesen…

Vor seiner ersten Operation schrieb ich ihm unter anderem: „Ich würde mich sehr freuen, nach der ersten Operation kurz zu hören, dass alles gut gegangen ist.“ Mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Keinen langen Bericht. Nur kurz wissen: Es ist alles gut gegangen. Aber es kam nichts.

Und wenn ich dann sah, dass er zwischendurch auf WhatsApp gewesen war, lief bei mir natürlich sofort wieder dieser Film vor dem inneren Auge ab: Warum schreibt er nicht? Warum nicht einmal einen kleinen Satz? Bin ich ihm vielleicht doch nicht so wichtig, wie ich dachte?

Und je länger es still blieb, desto mehr Fragen kamen dazu. Ich weiss, dass das alles Interpretationen sind. Ich weiss nicht, was Frank denkt, was in ihm vorgeht oder weshalb er schweigt. Gedanken lassen sich aber leider nicht immer einfach entfernen.

Um so schwieriger ist es für mich mit seiner Stille umzugehen, weil Frank sehr genau weiss, dass ich grosse Mühe habe, wenn Menschen plötzlich auf Funkstille gehen. Wie oft hab ich ihm erzählt, wie sehr mich Pierres manchmal monatelanges Schweigen beschäftigt, verunsichert und auch verletzt hat.

Und dann hab ich es gestern Nachmittag nicht mehr ausgehalten und schrieb:

„Monsieur… darf ich Ihnen eine ganz ehrliche Frage stellen?

Möchten Sie eigentlich noch Kontakt mit mir?

Seit einiger Zeit sind Ihre Nachrichten so spärlich geworden, dass ich langsam anfange, Dinge in Ihr Schweigen hineinzuinterpretieren, die ich mir eigentlich gar nicht vorstellen möchte.

Ich traue mich mittlerweile kaum noch, Ihnen einfach so zu schreiben, wie es früher ganz selbstverständlich war.

Ich möchte Sie nicht bedrängen, aber ich würde einfach gerne wissen, woran ich bin.“

Zehn Minuten später kam seine Antwort:

„Ich befinde mich zur Zeit im Spital, die erste OP ist um, die zweite kommt.“

Nun ja. Es war eine Antwort auf meine Nachricht – aber nicht wirklich auf meine Frage. Denn dass Frank im Spital ist, wusste ich. Ich hatte nicht gefragt, wo er ist oder was gerade bei ihm passiert. Ich wollte wissen, ob er überhaupt noch Kontakt mit mir möchte. Deshalb antwortete ich:

„Das weiss ich, Monsieur. Und ich weiss auch, dass Sie gerade anderes im Kopf haben.

Trotzdem hatte ich Ihnen vor der OP einen kleinen Wunsch mitgegeben: kurz zu hören, dass alles gut gegangen ist.
Dass gar nichts kam, hat mich ehrlich gesagt verletzt… daher auch meine Zweifel.“

Darauf kam nichts mehr…

Und nun ist Sonntagabend und die Stille breitet sich weiter aus…

Heute gab es allerdings etwas, worüber ich mich gefreut habe: Frank hat zweimal meinen WhatsApp-Status angeschaut. Eigentlich eine Kleinigkeit. Aber nachdem er seit Wochen auch meine Status nicht mehr angeschaut hatte, war es für mich trotzdem ein kleines positives Zeichen. Und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb das Bedürfnis, ihm zu schreiben, heute Abend plötzlich wieder besonders gross wurde.

Ich sass da und hätte ihm am liebsten geschrieben:

„Monsieur… Sie fehlen mir… 🥺

Ich hoffe, es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut.

Schlafen Sie gut.“

Ich habe es nicht getan. Und genau das macht mich eigentlich fast noch trauriger als sein Schweigen.

Denn noch vor wenigen Wochen hätte ich diese drei Sätze einfach geschrieben. Ich hätte nicht eine halbe Ewigkeit darüber nachgedacht, ob ich das tun soll oder nicht. Heute sitze ich vor meinem Handy und überlege ernsthaft, ob ich ob ich dem Menschen, dem ich seit drei Jahren fast täglich alles anvertraue une schreibe, sagen darf, dass er mir fehlt…

Vielleicht gibt es für Franks Verhalten eine ganz einfache Erklärung. Vielleicht hat sein Schweigen überhaupt nichts mit mir zu tun. Vielleicht werde ich irgendwann erfahren und verstehen, was gerade in ihm vorgeht.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass er mir fehlt.

Unsere Nachrichten sind das eine, aber vor allem fehlt mir diese Selbstverständlichkeit, ihm einfach irgendetwas erzählen zu können. Gerade jetzt, wo bei mir so viel los ist, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken: Das würde ich jetzt gerne Monsieur erzählen oder fragen. Und dann tu ich es nicht. Mein Laternenanzünder und Leuchtturm ist nicht da… 😪

Vielleicht liest Frank das hier irgendwann. In ein paar Wochen, in ein paar Monaten. Vielleicht auch nie. Und falls er es liest, möchte ich nicht, dass er sich schuldig fühlt. Ich möchte auch nicht, dass er das hier als Vorwurf versteht. Ich möchte eigentlich nur, dass er versteht, weshalb mir sein Schweigen so schwerfällt.

Ich brauche keine langen Nachrichten. Keine Erklärungen und schon gar keine täglichen Berichte aus dem Spital. Manchmal hätte ein einziger kleiner Satz gereicht.

Das Schwerste an seinem Schweigen ist inzwischen nämlich nicht einmal mehr das Warten auf eine Nachricht. Es ist dieses ungewohnte Gefühl, mein Handy in der Hand zu halten, ihm etwas erzählen zu wollen – und plötzlich nicht mehr zu wissen, ob ich das überhaupt noch darf.

Oder wie heute Abend einfach nur sagen zu wollen: „Monsieur… Sie fehlen mir.“ Und es dann doch nicht zu tun.

Vielleicht ist es genau das, was mich im Moment am meisten traurig macht: Etwas, das drei Jahre lang vollkommen selbstverständlich war, ist es plötzlich nicht mehr.

Die Stille, die Angst macht

Wenn Schweigen zur Belastung wird

Manchmal gibt es Nachrichten, die nicht kommen.

Und manchmal gibt es genau dieses Schweigen, das plötzlich den ganzen Raum einnimmt.

Frank ist ein Mensch, mit dem ich während drei Jahren fast täglich geschrieben habe. Er war immer für mich da. Er gab mir Ratschläge, unterstützte mich moralisch und manchmal auch ganz praktisch. Es waren nicht immer endlose Gespräche. Manchmal waren es auch nur kleine Alltagsnachrichten. Ein «Bonjour». Ein Scherz. Ein Gedanke. Ein Foto.

Anfang Juni erzählte er mir, dass medizinische Untersuchungen anstehen. Der Verdacht: ein Wirbelbruch. Woher er kommen könnte und warum, wusste niemand.

Seitdem wurden seine Nachrichten immer kürzer. Von Termin zu Termin gab es keine Klarheit. Weitere Untersuchungen. Weitere Arztbesuche. Und irgendwann fast nur noch Schweigen.

Das Schwierigste daran ist, dass ich nichts weiss… muss ich mir Sorgen machen ?

Ist er zu Hause ? – Ist er im Spital ? – Hat er einfach keine Kraft zu schreiben ? – Oder braucht er Abstand ?

Ich weiss es nicht. Und genau dieses Nichtwissen macht etwas mit einem Menschen.

Viele würden vielleicht sagen: « Dann warte doch einfach » – Aber Warten ist nicht passiv. Warten ist Kopfkino.

Mit jeder Stunde entstehen neue Möglichkeiten. Manche vernünftig. Manche erschreckend.

Ich merke, wie mein Verstand versucht, Antworten zu finden. Mögliche Szenarien erstellt. Dabei wünsche ich mir eigentlich gar keine langen Erklärungen. Ein einziger Satz würde reichen:

« Es geht mir den Umständen entsprechend. Ich melde mich später / in ein paar Tagen »

Mehr müsste ich gar nicht wissen.

Ich würde nicht nachfragen. Ich würde nicht drängen. Ich würde einfach aufatmen.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Schweigen manchmal so schmerzt. Nicht, weil wir Antworten auf alles brauchen. Sondern weil wir einen Menschen gern haben. Und weil wir hoffen, dass es ihm gut geht.

Ich weiss nicht, wie diese Geschichte ausgeht.

Vielleicht meldet sich Frank morgen. – Vielleicht nächste Woche. – Vielleicht erklärt sich irgendwann alles. – Vielleicht auch nicht. Und genau das macht mir Angst. Denn ich möchte ihn nicht verlieren. Er ist mir sehr wichtig.

Aber mehr als zu hoffen kann ich im Moment nicht tun.


Ich glaube, jeder von uns war irgendwann schon einmal auf der einen oder anderen Seite des Schweigens.

Manchmal schweigen wir, weil uns die Kraft fehlt. Manchmal, weil wir keine Worte finden. Und manchmal merken wir gar nicht, wie sehr unser Schweigen einen Menschen beschäftigt und belastet, der uns lieb hat.

Der kleine gelbe Luftballon

Es war einmal ein kleiner gelber Luftballon.

Gemeinsam mit vielen anderen Luftballons lag er in einer grossen Kartonschachtel. Seine Freunde waren rot, blau, grün, orange oder pink. Manche waren etwas grösser, andere etwas kleiner. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie warteten.

Im Karton war es dunkel. Meistens war alles still. Nur manchmal merkten die Luftballons, dass sich etwas bewegte. Dann wurde die Schachtel getragen oder ein wenig geschüttelt. Wohin sie gebracht wurden, wusste niemand.

Der kleine gelbe Ballon fragte sich oft, wie die Welt ausserhalb des Kartons wohl aussehen mochte. Er stellte sie sich wunderschön vor – mit blauem Himmel, warmem Sonnenschein, Blumen, Bäumen und lachenden Kindern.

Doch sehen konnte er nichts.

Eines Tages wurde die Schachtel wieder bewegt. Dieses Mal hörte man plötzlich fröhliches Kinderlachen. Stimmen riefen durcheinander, irgendwo spielte Musik und immer wieder wurde laut gelacht.

Dann geschah etwas Wunderbares.

Der Deckel wurde geöffnet.

Zum ersten Mal fiel helles Tageslicht in die Schachtel. Der kleine gelbe Ballon staunte. Eine grosse Hand griff hinein und nahm eine Handvoll Ballons heraus.

Der kleine gelbe Ballon blieb zurück.

Enttäuscht seufzte er.

„Warum denn nicht ich?“, dachte er traurig. „Ich möchte doch auch endlich hinaus.“

Kurz darauf hörte er ein seltsames Zischen.

Was das wohl war?

Er konnte nichts sehen und wartete gespannt.

Nach einer Weile kam die Hand erneut zurück.

Dieses Mal wurde auch der kleine gelbe Ballon herausgenommen.

Neugierig blickte er sich um.

Er lag auf einem grossen Holztisch. Neben ihm stand eine rote Flasche mit einem langen Schlauch. Daneben lagen viele bunte Geschenkbänder, alle ordentlich auf die gleiche Länge zugeschnitten.

Während er sich umsah, entdeckte er etwas Erstaunliches.

Überall schwebten Luftballons.

Rote, grüne, blaue, pinke und auch gelbe Ballons tanzten sanft in der Luft. Sie sahen glücklich aus.

„Wie machen die das nur?“, fragte sich der kleine gelbe Ballon.

Da wurde der grüne Ballon neben ihm aufgehoben. Vorsichtig stülpte man ihn über den Schlauch der roten Flasche. Jemand drehte an einem kleinen Rad.

Zisch…

Da war das Geräusch wieder.

Der kleine gelbe Ballon beobachtete staunend, wie sein Nachbar langsam immer grösser wurde. Seine Haut spannte sich, und plötzlich begann der grüne Ballon zufrieden zu lächeln.

„Ich möchte das auch erleben!“, dachte der kleine gelbe Ballon.

Und ehe er sich versah, war auch er an der Reihe.

Vorsichtig wurde er über den Schlauch gestülpt.

Dann strömte etwas in sein Inneres.

Es war, als würde neues Leben in ihn hineinfliessen.

Mit jedem Augenblick wurde er grösser. Es fühlte sich wunderbar an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, genau so zu werden, wie er eigentlich gedacht war.

Als seine Haut sich angenehm spannte, wurde das Ventil geschlossen. Ein kleiner Knoten hielt die Luft sicher fest. Anschliessend band man ein schönes Geschenkband an ihn.

Und plötzlich…

… schwebte er.

Wie leicht sich das anfühlte!

Von hier oben konnte er alles sehen: die lachenden Kinder, die bunten Girlanden, die Blumen, den blauen Himmel und seine vielen Ballonfreunde.

Es war noch viel schöner, als er es sich jemals vorgestellt hatte.

Kurz darauf griff eine kleine Kinderhand nach seinem Band.

Das Kind lief lachend über die Wiese, sprang, tanzte und drehte sich im Kreis.

Der kleine gelbe Ballon tanzte fröhlich mit.

Noch nie war er so glücklich gewesen.

Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes.

Das Kind öffnete unbemerkt seine Hand.

Langsam löste sich das Band.

Der kleine gelbe Ballon stieg höher und höher.

Er blickte nach unten.

Die Menschen wurden immer kleiner. Die Häuser wirkten wie Spielzeug, die Autos wie kleine Käfer und die Bäume wie grüne Tupfer in der Landschaft.

Doch der kleine gelbe Ballon hatte keine Angst.

Im Gegenteil.

Er fühlte sich frei.

Der Wind trug ihn sanft immer höher.

Schliesslich erreichte er die Wolken.

Sie waren weich wie Watte und schienen ihn liebevoll zu empfangen.

„So weit bist du also gekommen“, flüsterten sie.

Der kleine gelbe Ballon lächelte.

Er ruhte sich eine Weile zwischen den Wolken aus. Die Sonne wärmte ihn, der Wind erzählte ihm Geschichten von fernen Ländern und die Vögel begleiteten ihn ein Stück auf seiner Reise.

Da verstand der kleine gelbe Ballon etwas.

Wie oft hatte er geglaubt, im dunklen Karton vergessen worden zu sein.

Wie oft hatte er sich gefragt, warum immer die anderen an der Reihe waren.

Damals konnte er nicht wissen, dass auch für ihn der richtige Moment kommen würde.

Und dass dieser Moment sein ganzes Leben verändern würde.

Er schaute noch einmal hinunter auf die Erde.

Dort unten liefen Menschen durch ihren Alltag. Manche lachten. Manche weinten. Manche warteten. Manche hatten die Hoffnung fast verloren.

Am liebsten hätte er ihnen zugerufen:

„Gebt nicht auf. Auch wenn ihr gerade nur Dunkelheit seht. Das Leben hat manchmal seinen eigenen Zeitplan.“

Doch der Wind nahm ihm die Worte ab und trug sie leise über die Erde.

Vielleicht erreichten sie genau den Menschen, der sie gerade brauchte.

Und manchmal, wenn Kinder heute in den Himmel schauen und einen kleinen gelben Punkt zwischen den Wolken entdecken, fragen sie sich:

„Wohin wohl seine Reise geht?“

Vielleicht lächelt der kleine gelbe Ballon dann still vor sich hin.

Denn er weiss etwas, das viele Menschen vergessen haben.

Jede Reise beginnt irgendwann mit einem Warten im Dunkeln.


(c) boelleli 2026

Wenn aus einer Frage ein Shitstorm wird

Wenn aus einer Frage ein Shitstorm wird

Eigentlich wollte ich nur eine Beobachtung teilen.

Auf Threads schrieb ich, dass sich meine 25-jährige Tochter innerhalb weniger Jahre in mehreren grundlegenden Lebensbereichen stark verändert hat – politisch, in ihrer Ernährung und in ihrem Glauben. Mich interessierte lediglich die Frage, wie es zu einer solch umfassenden Veränderung kommen kann.

Die Reaktionen überraschten mich.

Nur wenige gingen auf meine eigentliche Frage ein. Stattdessen wurde meine Tochter zur Heldin erklärt, ich wurde belehrt, psychologisch analysiert, in Schubladen gesteckt und teilweise sogar als «Nazi» bezeichnet – von Menschen, die weder mich noch meine Tochter oder unsere Beziehung kennen. Zum Glück gab es auch zwei oder drei Stimmen, die versuchten, die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene zurückzuführen.

Was mich seither beschäftigt, ist weniger die Politik als unsere Debattenkultur.

Warum fällt es heute so schwer, eine andere Meinung auszuhalten? Warum werden Menschen so schnell etikettiert, moralisch bewertet oder persönlich angegriffen, statt sich mit ihrer eigentlichen Frage auseinanderzusetzen?

Ironischerweise erlebe ich den lautesten Ruf nach Toleranz oft dort, wo Andersdenkende am schnellsten moralisch abgestempelt werden. Wer nicht ins eigene Weltbild passt, wird nicht widerlegt, sondern etikettiert. Das sollte uns als Gesellschaft zu denken geben.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht nur, die eigene Meinung äussern zu dürfen. Sie bedeutet auch, andere Meinungen auszuhalten – selbst wenn man sie entschieden ablehnt. Eine Demokratie lebt vom Widerspruch, aber ebenso vom gegenseitigen Respekt.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, den Menschen hinter einer Meinung zu sehen. Denn genau daran scheint unsere Gesellschaft immer häufiger zu scheitern.

Wenn mit einem Menschen auch ein Ort verschwindet

Manchmal stirbt mit einem Menschen nicht nur ein Leben. Manchmal verschwindet auch ein Ort.

Solange mein Vater lebte, war das Haus in Brotte für mich mehr als nur ein Gebäude. Es war ein Ort, an den ich zurückkehren konnte. Ein Ort voller Erinnerungen, Gespräche und gemeinsamer Momente. Nicht mein Zuhause im eigentlichen Sinn – aber doch ein Ort, an dem ich mich willkommen fühlte.

Dass das Haus heute meinen beiden Halbbrüdern gehört, war nie ein Geheimnis. Die Geschichte dahinter kenne ich und ich habe sie immer verstanden. Es ging nie um ein Erbe oder um Besitz. Darüber hatte ich schon vor Jahren mit meinem Vater gesprochen.

Vor einigen Tagen erhielt ich zwei Nachrichten meiner Halbbrüder. In der ersten machten sie deutlich, dass wir inzwischen alles aus dem Haus mitnehmen konnten, was unser Vater uns noch hatte überlassen wollen. Wenige Tage später schrieb einer von ihnen, dass er wegen der vielen administrativen Aufgaben, der Haushaltsauflösung und seiner eigenen gesundheitlichen Situation vorübergehend keine Besuche mehr empfangen könne. Beides kann ich gut nachvollziehen. Wirklich.

Und trotzdem haben diese Nachrichten etwas in mir ausgelöst.

Nicht, weil ich mich ausgeschlossen fühle. Nicht, weil ich glaube, dass es böse gemeint ist. Sondern weil ich in diesem Moment gespürt habe, dass das Kapitel «Papa in Brotte» endgültig zu Ende gegangen ist.

Plötzlich wird einem bewusst, dass man nicht nur einen Menschen verloren hat. Man verliert oft auch den Ort, an dem dieser Mensch gelebt hat. Die Tür, die früher selbstverständlich offenstand, gehört nun jemand anderem. Niemand sagt: «Du bist hier nicht mehr willkommen.» Und doch beginnt man sich zu fragen, ob man diesen Ort überhaupt noch als den eigenen betrachten darf.

Vielleicht ist genau das eine Form der Trauer, über die selten gesprochen wird. Denn ein Haus besteht nicht nur aus Mauern. Es lebt durch den Menschen, der darin wohnt.

Mit dem Tod meines Vaters ist deshalb nicht nur ein Mensch gegangen. Ein Stück «Nach Hause» ist leise mit ihm verschwunden.

In liebevoller Erinnerung an meinen Papa ❤️