Drei kleine Sätze

Vor knapp drei Wochen habe ich hier das letzte Mal geschrieben. Seitdem war es ziemlich still auf meinem Blog. Nicht etwa, weil nichts passiert wäre. Im Gegenteil.

Im Moment habe ich ziemlich viele Baustellen. Wohnungssuche, finanzielle Sorgen, Dinge, die dringend erledigt werden müssen, Entscheidungen, die anstehen – und einiges mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, kaum ist etwas einigermassen geregelt, taucht schon das nächste Problem auf. Ja, es ist gerade einfach ziemlich viel.

Und ausgerechnet jetzt fehlt mir jemand, dem ich all diese Dinge früher ganz selbstverständlich erzählt hätte. Frank.

Seit drei Jahren gehören unsere Nachrichten zu meinem Alltag. Mal waren es längere Gespräche, mal nur ein Guten-Morgen-Gruss, ein Foto, irgendeine Bemerkung oder aber auch Gespräche über Finanzen, Sohnemann – manchmal ziemlich heftig – oder Diskussionen über Hunde, Kalkutta, Berghüttli, Käse & Co. Manchmal viel, manchmal wenig. Aber eigentlich war immer irgendein Kontakt da.

Es war einfach selbstverständlich.

Wenn irgendetwas passierte, dachte ich oft als Erstes: Das muss ich Frank erzählen. Handy genommen, WhatsApp geöffnet und Frank geschrieben. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich ihm schreiben darf, ob ich störe oder ob ich vielleicht besser noch ein paar Stunden warten sollte.

Heute ist das anders.

Seit einiger Zeit schreibt Frank nur noch sehr wenig. Manchmal vergehen mehrere Tage. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Auf Dinge, bei denen früher ziemlich sicher irgendeine Reaktion gekommen wäre, kommt nichts.

Ja ich weiss, dass Frank im Moment selbst genug um die Ohren hat. Er liegt im Spital, hat geplante Operationen und weiss wohl selbst noch nicht genau, wie die nächste Zeit aussehen wird. Natürlich habe ich dafür Verständnis. Und natürlich erwarte ich nicht, dass er den ganzen Tag mit mir auf WhatsApp schreibt.

Aber ein kleines Lebenszeichen? Ich denke, das wär‘ drin gewesen…

Vor seiner ersten Operation schrieb ich ihm unter anderem: „Ich würde mich sehr freuen, nach der ersten Operation kurz zu hören, dass alles gut gegangen ist.“ Mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Keinen langen Bericht. Nur kurz wissen: Es ist alles gut gegangen. Aber es kam nichts.

Und wenn ich dann sah, dass er zwischendurch auf WhatsApp gewesen war, lief bei mir natürlich sofort wieder dieser Film vor dem inneren Auge ab: Warum schreibt er nicht? Warum nicht einmal einen kleinen Satz? Bin ich ihm vielleicht doch nicht so wichtig, wie ich dachte?

Und je länger es still blieb, desto mehr Fragen kamen dazu. Ich weiss, dass das alles Interpretationen sind. Ich weiss nicht, was Frank denkt, was in ihm vorgeht oder weshalb er schweigt. Gedanken lassen sich aber leider nicht immer einfach entfernen.

Um so schwieriger ist es für mich mit seiner Stille umzugehen, weil Frank sehr genau weiss, dass ich grosse Mühe habe, wenn Menschen plötzlich auf Funkstille gehen. Wie oft hab ich ihm erzählt, wie sehr mich Pierres manchmal monatelanges Schweigen beschäftigt, verunsichert und auch verletzt hat.

Und dann hab ich es gestern Nachmittag nicht mehr ausgehalten und schrieb:

„Monsieur… darf ich Ihnen eine ganz ehrliche Frage stellen?

Möchten Sie eigentlich noch Kontakt mit mir?

Seit einiger Zeit sind Ihre Nachrichten so spärlich geworden, dass ich langsam anfange, Dinge in Ihr Schweigen hineinzuinterpretieren, die ich mir eigentlich gar nicht vorstellen möchte.

Ich traue mich mittlerweile kaum noch, Ihnen einfach so zu schreiben, wie es früher ganz selbstverständlich war.

Ich möchte Sie nicht bedrängen, aber ich würde einfach gerne wissen, woran ich bin.“

Zehn Minuten später kam seine Antwort:

„Ich befinde mich zur Zeit im Spital, die erste OP ist um, die zweite kommt.“

Nun ja. Es war eine Antwort auf meine Nachricht – aber nicht wirklich auf meine Frage. Denn dass Frank im Spital ist, wusste ich. Ich hatte nicht gefragt, wo er ist oder was gerade bei ihm passiert. Ich wollte wissen, ob er überhaupt noch Kontakt mit mir möchte. Deshalb antwortete ich:

„Das weiss ich, Monsieur. Und ich weiss auch, dass Sie gerade anderes im Kopf haben.

Trotzdem hatte ich Ihnen vor der OP einen kleinen Wunsch mitgegeben: kurz zu hören, dass alles gut gegangen ist.
Dass gar nichts kam, hat mich ehrlich gesagt verletzt… daher auch meine Zweifel.“

Darauf kam nichts mehr…

Und nun ist Sonntagabend und die Stille breitet sich weiter aus…

Heute gab es allerdings etwas, worüber ich mich gefreut habe: Frank hat zweimal meinen WhatsApp-Status angeschaut. Eigentlich eine Kleinigkeit. Aber nachdem er seit Wochen auch meine Status nicht mehr angeschaut hatte, war es für mich trotzdem ein kleines positives Zeichen. Und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb das Bedürfnis, ihm zu schreiben, heute Abend plötzlich wieder besonders gross wurde.

Ich sass da und hätte ihm am liebsten geschrieben:

„Monsieur… Sie fehlen mir… 🥺

Ich hoffe, es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut.

Schlafen Sie gut.“

Ich habe es nicht getan. Und genau das macht mich eigentlich fast noch trauriger als sein Schweigen.

Denn noch vor wenigen Wochen hätte ich diese drei Sätze einfach geschrieben. Ich hätte nicht eine halbe Ewigkeit darüber nachgedacht, ob ich das tun soll oder nicht. Heute sitze ich vor meinem Handy und überlege ernsthaft, ob ich ob ich dem Menschen, dem ich seit drei Jahren fast täglich alles anvertraue une schreibe, sagen darf, dass er mir fehlt…

Vielleicht gibt es für Franks Verhalten eine ganz einfache Erklärung. Vielleicht hat sein Schweigen überhaupt nichts mit mir zu tun. Vielleicht werde ich irgendwann erfahren und verstehen, was gerade in ihm vorgeht.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass er mir fehlt.

Unsere Nachrichten sind das eine, aber vor allem fehlt mir diese Selbstverständlichkeit, ihm einfach irgendetwas erzählen zu können. Gerade jetzt, wo bei mir so viel los ist, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken: Das würde ich jetzt gerne Monsieur erzählen oder fragen. Und dann tu ich es nicht. Mein Laternenanzünder und Leuchtturm ist nicht da… 😪

Vielleicht liest Frank das hier irgendwann. In ein paar Wochen, in ein paar Monaten. Vielleicht auch nie. Und falls er es liest, möchte ich nicht, dass er sich schuldig fühlt. Ich möchte auch nicht, dass er das hier als Vorwurf versteht. Ich möchte eigentlich nur, dass er versteht, weshalb mir sein Schweigen so schwerfällt.

Ich brauche keine langen Nachrichten. Keine Erklärungen und schon gar keine täglichen Berichte aus dem Spital. Manchmal hätte ein einziger kleiner Satz gereicht.

Das Schwerste an seinem Schweigen ist inzwischen nämlich nicht einmal mehr das Warten auf eine Nachricht. Es ist dieses ungewohnte Gefühl, mein Handy in der Hand zu halten, ihm etwas erzählen zu wollen – und plötzlich nicht mehr zu wissen, ob ich das überhaupt noch darf.

Oder wie heute Abend einfach nur sagen zu wollen: „Monsieur… Sie fehlen mir.“ Und es dann doch nicht zu tun.

Vielleicht ist es genau das, was mich im Moment am meisten traurig macht: Etwas, das drei Jahre lang vollkommen selbstverständlich war, ist es plötzlich nicht mehr.

Die Stille, die Angst macht

Wenn Schweigen zur Belastung wird

Manchmal gibt es Nachrichten, die nicht kommen.

Und manchmal gibt es genau dieses Schweigen, das plötzlich den ganzen Raum einnimmt.

Frank ist ein Mensch, mit dem ich während drei Jahren fast täglich geschrieben habe. Er war immer für mich da. Er gab mir Ratschläge, unterstützte mich moralisch und manchmal auch ganz praktisch. Es waren nicht immer endlose Gespräche. Manchmal waren es auch nur kleine Alltagsnachrichten. Ein «Bonjour». Ein Scherz. Ein Gedanke. Ein Foto.

Anfang Juni erzählte er mir, dass medizinische Untersuchungen anstehen. Der Verdacht: ein Wirbelbruch. Woher er kommen könnte und warum, wusste niemand.

Seitdem wurden seine Nachrichten immer kürzer. Von Termin zu Termin gab es keine Klarheit. Weitere Untersuchungen. Weitere Arztbesuche. Und irgendwann fast nur noch Schweigen.

Das Schwierigste daran ist, dass ich nichts weiss… muss ich mir Sorgen machen ?

Ist er zu Hause ? – Ist er im Spital ? – Hat er einfach keine Kraft zu schreiben ? – Oder braucht er Abstand ?

Ich weiss es nicht. Und genau dieses Nichtwissen macht etwas mit einem Menschen.

Viele würden vielleicht sagen: « Dann warte doch einfach » – Aber Warten ist nicht passiv. Warten ist Kopfkino.

Mit jeder Stunde entstehen neue Möglichkeiten. Manche vernünftig. Manche erschreckend.

Ich merke, wie mein Verstand versucht, Antworten zu finden. Mögliche Szenarien erstellt. Dabei wünsche ich mir eigentlich gar keine langen Erklärungen. Ein einziger Satz würde reichen:

« Es geht mir den Umständen entsprechend. Ich melde mich später / in ein paar Tagen »

Mehr müsste ich gar nicht wissen.

Ich würde nicht nachfragen. Ich würde nicht drängen. Ich würde einfach aufatmen.

Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Schweigen manchmal so schmerzt. Nicht, weil wir Antworten auf alles brauchen. Sondern weil wir einen Menschen gern haben. Und weil wir hoffen, dass es ihm gut geht.

Ich weiss nicht, wie diese Geschichte ausgeht.

Vielleicht meldet sich Frank morgen. – Vielleicht nächste Woche. – Vielleicht erklärt sich irgendwann alles. – Vielleicht auch nicht. Und genau das macht mir Angst. Denn ich möchte ihn nicht verlieren. Er ist mir sehr wichtig.

Aber mehr als zu hoffen kann ich im Moment nicht tun.


Ich glaube, jeder von uns war irgendwann schon einmal auf der einen oder anderen Seite des Schweigens.

Manchmal schweigen wir, weil uns die Kraft fehlt. Manchmal, weil wir keine Worte finden. Und manchmal merken wir gar nicht, wie sehr unser Schweigen einen Menschen beschäftigt und belastet, der uns lieb hat.

Der kleine gelbe Luftballon

Es war einmal ein kleiner gelber Luftballon.

Gemeinsam mit vielen anderen Luftballons lag er in einer grossen Kartonschachtel. Seine Freunde waren rot, blau, grün, orange oder pink. Manche waren etwas grösser, andere etwas kleiner. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie warteten.

Im Karton war es dunkel. Meistens war alles still. Nur manchmal merkten die Luftballons, dass sich etwas bewegte. Dann wurde die Schachtel getragen oder ein wenig geschüttelt. Wohin sie gebracht wurden, wusste niemand.

Der kleine gelbe Ballon fragte sich oft, wie die Welt ausserhalb des Kartons wohl aussehen mochte. Er stellte sie sich wunderschön vor – mit blauem Himmel, warmem Sonnenschein, Blumen, Bäumen und lachenden Kindern.

Doch sehen konnte er nichts.

Eines Tages wurde die Schachtel wieder bewegt. Dieses Mal hörte man plötzlich fröhliches Kinderlachen. Stimmen riefen durcheinander, irgendwo spielte Musik und immer wieder wurde laut gelacht.

Dann geschah etwas Wunderbares.

Der Deckel wurde geöffnet.

Zum ersten Mal fiel helles Tageslicht in die Schachtel. Der kleine gelbe Ballon staunte. Eine grosse Hand griff hinein und nahm eine Handvoll Ballons heraus.

Der kleine gelbe Ballon blieb zurück.

Enttäuscht seufzte er.

„Warum denn nicht ich?“, dachte er traurig. „Ich möchte doch auch endlich hinaus.“

Kurz darauf hörte er ein seltsames Zischen.

Was das wohl war?

Er konnte nichts sehen und wartete gespannt.

Nach einer Weile kam die Hand erneut zurück.

Dieses Mal wurde auch der kleine gelbe Ballon herausgenommen.

Neugierig blickte er sich um.

Er lag auf einem grossen Holztisch. Neben ihm stand eine rote Flasche mit einem langen Schlauch. Daneben lagen viele bunte Geschenkbänder, alle ordentlich auf die gleiche Länge zugeschnitten.

Während er sich umsah, entdeckte er etwas Erstaunliches.

Überall schwebten Luftballons.

Rote, grüne, blaue, pinke und auch gelbe Ballons tanzten sanft in der Luft. Sie sahen glücklich aus.

„Wie machen die das nur?“, fragte sich der kleine gelbe Ballon.

Da wurde der grüne Ballon neben ihm aufgehoben. Vorsichtig stülpte man ihn über den Schlauch der roten Flasche. Jemand drehte an einem kleinen Rad.

Zisch…

Da war das Geräusch wieder.

Der kleine gelbe Ballon beobachtete staunend, wie sein Nachbar langsam immer grösser wurde. Seine Haut spannte sich, und plötzlich begann der grüne Ballon zufrieden zu lächeln.

„Ich möchte das auch erleben!“, dachte der kleine gelbe Ballon.

Und ehe er sich versah, war auch er an der Reihe.

Vorsichtig wurde er über den Schlauch gestülpt.

Dann strömte etwas in sein Inneres.

Es war, als würde neues Leben in ihn hineinfliessen.

Mit jedem Augenblick wurde er grösser. Es fühlte sich wunderbar an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, genau so zu werden, wie er eigentlich gedacht war.

Als seine Haut sich angenehm spannte, wurde das Ventil geschlossen. Ein kleiner Knoten hielt die Luft sicher fest. Anschliessend band man ein schönes Geschenkband an ihn.

Und plötzlich…

… schwebte er.

Wie leicht sich das anfühlte!

Von hier oben konnte er alles sehen: die lachenden Kinder, die bunten Girlanden, die Blumen, den blauen Himmel und seine vielen Ballonfreunde.

Es war noch viel schöner, als er es sich jemals vorgestellt hatte.

Kurz darauf griff eine kleine Kinderhand nach seinem Band.

Das Kind lief lachend über die Wiese, sprang, tanzte und drehte sich im Kreis.

Der kleine gelbe Ballon tanzte fröhlich mit.

Noch nie war er so glücklich gewesen.

Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes.

Das Kind öffnete unbemerkt seine Hand.

Langsam löste sich das Band.

Der kleine gelbe Ballon stieg höher und höher.

Er blickte nach unten.

Die Menschen wurden immer kleiner. Die Häuser wirkten wie Spielzeug, die Autos wie kleine Käfer und die Bäume wie grüne Tupfer in der Landschaft.

Doch der kleine gelbe Ballon hatte keine Angst.

Im Gegenteil.

Er fühlte sich frei.

Der Wind trug ihn sanft immer höher.

Schliesslich erreichte er die Wolken.

Sie waren weich wie Watte und schienen ihn liebevoll zu empfangen.

„So weit bist du also gekommen“, flüsterten sie.

Der kleine gelbe Ballon lächelte.

Er ruhte sich eine Weile zwischen den Wolken aus. Die Sonne wärmte ihn, der Wind erzählte ihm Geschichten von fernen Ländern und die Vögel begleiteten ihn ein Stück auf seiner Reise.

Da verstand der kleine gelbe Ballon etwas.

Wie oft hatte er geglaubt, im dunklen Karton vergessen worden zu sein.

Wie oft hatte er sich gefragt, warum immer die anderen an der Reihe waren.

Damals konnte er nicht wissen, dass auch für ihn der richtige Moment kommen würde.

Und dass dieser Moment sein ganzes Leben verändern würde.

Er schaute noch einmal hinunter auf die Erde.

Dort unten liefen Menschen durch ihren Alltag. Manche lachten. Manche weinten. Manche warteten. Manche hatten die Hoffnung fast verloren.

Am liebsten hätte er ihnen zugerufen:

„Gebt nicht auf. Auch wenn ihr gerade nur Dunkelheit seht. Das Leben hat manchmal seinen eigenen Zeitplan.“

Doch der Wind nahm ihm die Worte ab und trug sie leise über die Erde.

Vielleicht erreichten sie genau den Menschen, der sie gerade brauchte.

Und manchmal, wenn Kinder heute in den Himmel schauen und einen kleinen gelben Punkt zwischen den Wolken entdecken, fragen sie sich:

„Wohin wohl seine Reise geht?“

Vielleicht lächelt der kleine gelbe Ballon dann still vor sich hin.

Denn er weiss etwas, das viele Menschen vergessen haben.

Jede Reise beginnt irgendwann mit einem Warten im Dunkeln.


(c) boelleli 2026

Wenn aus einer Frage ein Shitstorm wird

Wenn aus einer Frage ein Shitstorm wird

Eigentlich wollte ich nur eine Beobachtung teilen.

Auf Threads schrieb ich, dass sich meine 25-jährige Tochter innerhalb weniger Jahre in mehreren grundlegenden Lebensbereichen stark verändert hat – politisch, in ihrer Ernährung und in ihrem Glauben. Mich interessierte lediglich die Frage, wie es zu einer solch umfassenden Veränderung kommen kann.

Die Reaktionen überraschten mich.

Nur wenige gingen auf meine eigentliche Frage ein. Stattdessen wurde meine Tochter zur Heldin erklärt, ich wurde belehrt, psychologisch analysiert, in Schubladen gesteckt und teilweise sogar als «Nazi» bezeichnet – von Menschen, die weder mich noch meine Tochter oder unsere Beziehung kennen. Zum Glück gab es auch zwei oder drei Stimmen, die versuchten, die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene zurückzuführen.

Was mich seither beschäftigt, ist weniger die Politik als unsere Debattenkultur.

Warum fällt es heute so schwer, eine andere Meinung auszuhalten? Warum werden Menschen so schnell etikettiert, moralisch bewertet oder persönlich angegriffen, statt sich mit ihrer eigentlichen Frage auseinanderzusetzen?

Ironischerweise erlebe ich den lautesten Ruf nach Toleranz oft dort, wo Andersdenkende am schnellsten moralisch abgestempelt werden. Wer nicht ins eigene Weltbild passt, wird nicht widerlegt, sondern etikettiert. Das sollte uns als Gesellschaft zu denken geben.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht nur, die eigene Meinung äussern zu dürfen. Sie bedeutet auch, andere Meinungen auszuhalten – selbst wenn man sie entschieden ablehnt. Eine Demokratie lebt vom Widerspruch, aber ebenso vom gegenseitigen Respekt.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, den Menschen hinter einer Meinung zu sehen. Denn genau daran scheint unsere Gesellschaft immer häufiger zu scheitern.

Wenn mit einem Menschen auch ein Ort verschwindet

Manchmal stirbt mit einem Menschen nicht nur ein Leben. Manchmal verschwindet auch ein Ort.

Solange mein Vater lebte, war das Haus in Brotte für mich mehr als nur ein Gebäude. Es war ein Ort, an den ich zurückkehren konnte. Ein Ort voller Erinnerungen, Gespräche und gemeinsamer Momente. Nicht mein Zuhause im eigentlichen Sinn – aber doch ein Ort, an dem ich mich willkommen fühlte.

Dass das Haus heute meinen beiden Halbbrüdern gehört, war nie ein Geheimnis. Die Geschichte dahinter kenne ich und ich habe sie immer verstanden. Es ging nie um ein Erbe oder um Besitz. Darüber hatte ich schon vor Jahren mit meinem Vater gesprochen.

Vor einigen Tagen erhielt ich zwei Nachrichten meiner Halbbrüder. In der ersten machten sie deutlich, dass wir inzwischen alles aus dem Haus mitnehmen konnten, was unser Vater uns noch hatte überlassen wollen. Wenige Tage später schrieb einer von ihnen, dass er wegen der vielen administrativen Aufgaben, der Haushaltsauflösung und seiner eigenen gesundheitlichen Situation vorübergehend keine Besuche mehr empfangen könne. Beides kann ich gut nachvollziehen. Wirklich.

Und trotzdem haben diese Nachrichten etwas in mir ausgelöst.

Nicht, weil ich mich ausgeschlossen fühle. Nicht, weil ich glaube, dass es böse gemeint ist. Sondern weil ich in diesem Moment gespürt habe, dass das Kapitel «Papa in Brotte» endgültig zu Ende gegangen ist.

Plötzlich wird einem bewusst, dass man nicht nur einen Menschen verloren hat. Man verliert oft auch den Ort, an dem dieser Mensch gelebt hat. Die Tür, die früher selbstverständlich offenstand, gehört nun jemand anderem. Niemand sagt: «Du bist hier nicht mehr willkommen.» Und doch beginnt man sich zu fragen, ob man diesen Ort überhaupt noch als den eigenen betrachten darf.

Vielleicht ist genau das eine Form der Trauer, über die selten gesprochen wird. Denn ein Haus besteht nicht nur aus Mauern. Es lebt durch den Menschen, der darin wohnt.

Mit dem Tod meines Vaters ist deshalb nicht nur ein Mensch gegangen. Ein Stück «Nach Hause» ist leise mit ihm verschwunden.

In liebevoller Erinnerung an meinen Papa ❤️

Wenn Heimat fremd wird

Die 10-Millionen-Initiative wurde deutlich abgelehnt.

Ich akzeptiere das Resultat. Das ist Demokratie. Aber verstehen muss ich es deswegen noch lange nicht.

Als ich die Resultate gesehen habe, war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Nicht nur schweizweit, sondern vor allem in den Städten.

Basel, meine geliebte Heimatstadt: über 70 % Nein.

Lausanne, wo ich heute lebe: ebenfalls deutlich Nein.

Dazu Zürich, Genf, Neuenburg, Luzern und viele andere Städte.

Natürlich gibt es auch in diesen Städten Menschen, die ähnlich denken wie ich. Aber wenn ich solche Resultate sehe, frage ich mich schon manchmal, ob ich die Schweiz noch verstehe.

Interessant finde ich auch, dass man den Deutschschweizern oft nachsagt, sie seien die ewigen Nein-Sager. Diejenigen, die bremsen, die skeptisch sind und allem Neuen misstrauen.

Bei dieser Abstimmung hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass der berühmte Röstigraben eine grosse Rolle gespielt hat.

Auch in der Romandie wurde die Initiative deutlich verworfen. Die Nein-Stimmen kamen nicht nur aus Zürich oder Basel, sondern genauso aus Genf, Lausanne oder Neuenburg.

Offenbar sind die Nein-Sager nicht immer dort zu finden, wo man sie vermutet.

Die Schweiz war für mich immer mehr als einfach das Land, in dem ich geboren wurde. Sie war Neutralität. Eigenständigkeit. Föderalismus. Direkte Demokratie. Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.

Und sie war etwas, worauf ich immer stolz war.

Ich war immer gerne Schweizerin.

Nicht, weil ich dachte, dass die Schweiz perfekt ist. Natürlich ist sie das nicht. Aber ich hatte immer das Gefühl, in einem Land zu leben, das vieles richtig macht. In einem Land, das seine Werte kennt, schützt und verteidigt.

Heute spüre ich diesen Stolz immer weniger.

Stattdessen frage ich mich immer öfter, warum wir so bereitwillig aufgeben, was die Schweiz über Jahrzehnte stark gemacht hat.

Neutralität? Wird immer häufiger infrage gestellt.

Souveränität? Scheint für viele kein wichtiges Thema mehr zu sein.

Traditionen und Werte? Werden oft belächelt oder als altmodisch abgetan.

Und ich verstehe es einfach nicht. Vor allem verstehe ich nicht, warum wir das freiwillig tun. Denn das alles geschieht nicht gegen den Willen der Bevölkerung. Es geschieht mit ihrer Zustimmung.

Genau das macht mir Sorgen.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mich mit der Entwicklung nicht nur in der Schweiz, sondern in weiten Teilen Mitteleuropas immer schwerer tue. Seit einigen Jahren habe ich zunehmend das Gefühl, dass sich Mitteleuropa selbst abschafft. Überall scheint es nur noch darum zu gehen, Bewährtes infrage zu stellen, Grenzen aufzuweichen und nationale Eigenheiten aufzugeben. Gleichzeitig nehmen die Probleme zu, und trotzdem wird oft einfach weitergemacht wie bisher.

Ja, ich weiss, dass nicht alle das so sehen.

Aber das ist meine persönliche Meinung.

Ich fand es besser, als die einzelnen Länder ihre Eigenständigkeit hatten, ihre Grenzen respektierten und ihre eigenen Interessen vertraten, ohne sich ständig für ihre Geschichte, ihre Kultur oder ihre Identität rechtfertigen zu müssen.

Dazu stehe ich.

Noch mehr Sorgen macht mir allerdings, dass die Menschheit offenbar nichts aus ihrer Geschichte lernt.

Wenn man zurückschaut, stellt man fest, dass sich vieles immer wiederholt. Die gleichen Fehler. Die gleichen Entwicklungen. Die gleiche Hoffnung, dass es diesmal anders herauskommt.

Tut es aber oft nicht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass zu wenig erzählt wird.

Dass Eltern ihren Kindern nicht mehr wirklich vermitteln, wie gewisse Dinge früher waren. Welche Erfahrungen gemacht wurden. Welche Fehler schon einmal begangen wurden. Und welche Folgen das hatte.

Was vergessen geht, wird irgendwann wiederholt.

Manchmal habe ich das Gefühl, jede Generation müsse dieselben Lektionen noch einmal lernen, obwohl sie längst bekannt sein müssten.

Wenn ich heute die Entwicklung der Schweiz anschaue, frage ich mich manchmal ernsthaft, was ich hier eigentlich noch mache.

Hätte ich einen Job, den ich vollständig von zu Hause aus ausüben könnte, würde ich vielleicht meine Koffer packen und verschwinden.

Nicht aus Wut – Nicht aus Trotz – Sondern weil ich mich immer weniger mit dem identifizieren kann, wohin sich unser Land entwickelt. Und gleichzeitig weiss ich, dass ich die Schweiz wahrscheinlich nie aufhören werde zu lieben.

Vielleicht ist genau das das Problem.

Denn enttäuscht sein kann man nur von etwas, das einem wirklich wichtig ist.

Von der Tremola bis zum Lagerfeuer 😊

Ich sehe gerade, dass mein letzter Blogbeitrag vom 26. Mai ist. Zwei Wochen also, die irgendwie wie im Flug vergangen sind. Und wenn ich so zurückblicke, ist in dieser Zeit doch einiges passiert.

Am letzten Maiwochenende war ich im Tessin, genauer gesagt in Lugano, an der Nationalsynode. Da die Anreise doch recht weit ist, sind wir bereits am Donnerstag losgefahren, damit wir am Freitagmorgen um 9.30 Uhr vor Ort sein konnten.

Für die Fahrt haben wir den Weg über den Gotthardpass und die alte Passstrasse, die Tremola, gewählt. Eine wunderschöne Strecke. Ich war zuletzt als Kind dort gewesen und konnte mich kaum noch daran erinnern.

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Nach rund sechs Stunden Fahrt – inklusive zweier Pausen – kamen wir gegen 18.45 Uhr im Hotel an. Dort wartete allerdings eine unerfreuliche Überraschung auf uns.

Unser Zimmer sei um 18.30 Uhr anderweitig vergeben worden.

Bitte was?

Die wenig freundliche Dame an der Rezeption erklärte, sie habe bereits am 2. Mai eine E-Mail geschickt, weil es ein Problem mit der Kreditkarte gegeben habe. Diese E-Mail habe ich allerdings nie erhalten. Darauf meinte sie nur, dafür könne sie nichts.

Hallo?

Wenn man auf eine wichtige Nachricht keine Antwort erhält, könnte man ja vielleicht noch einmal schreiben oder sogar telefonieren. Zumal die Zimmer über die Christkatholische Kirche Schweiz reserviert worden waren.

Immerhin wurde der Dame die Situation irgendwann selbst etwas unangenehm. Nach einigen Telefonaten fand sie schliesslich ein Zimmer im Hotel Pestalozzi, etwa 200 Meter weiter. Rückblickend war das sogar die bessere Lösung. Das Hotel war deutlich sympathischer, der Parkplatz kostenlos und am Ende haben wir sogar noch Geld gespart. Obwohl das Zimmer 20 Franken pro Nacht teurer war, kostete der Parkplatz nichts. Im ursprünglich gebuchten Hotel hätten die zwei Nächte Parkplatz zusätzlich 50 Franken gekostet.

Das Zimmer lag im vierten Stock, war klimatisiert und bot eine fantastische Aussicht auf den Luganersee und den San Salvatore.

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Am Samstagabend ging es dann zurück nach Hause. Nach der Fahrt war ich doch etwas müde.

Am Sonntag besuchte ich den Abschiedsgottesdienst des anglikanischen Pfarrers in Lausanne mit anschliessendem Mittagessen. Als ich gegen 16 Uhr wieder zuhause war, wollte ich eigentlich nur noch schlafen.

Trotzdem erwachte ich in der Nacht um drei Uhr mit Migräne. Ich nahm ein Medikament und versuchte weiterzuschlafen, was nur mässig gelang. Entsprechend meldete ich mich am Montagmorgen im Büro und erschien erst gegen 11 Uhr zur Arbeit. Zum Glück wurde es im Laufe des Tages besser.

Am Dienstag hatte Sohnemann seinen Termin mit dem Fahrlehrer. Ich war ja schon einige Male mit ihm unterwegs und fand, dass er sich gut macht. Das bestätigte auch der Fahrlehrer. Sein Fazit: sehr gutes Niveau und vermutlich nur zwei bis drei Fahrstunden nötig. Das hat mich natürlich gefreut.

Am Mittwoch kam der Sanitär wegen einer undichten Stelle im Badezimmer vorbei. Er machte ein paar Fotos und war zehn Minuten später wieder weg. Mal schauen, wie es weitergeht.

Weniger erfreulich war die Nachricht am Abend: Unsere Chorleiterin wird uns verlassen. Obwohl ich es bereits wusste, hat mich das ziemlich getroffen. Ich mag sie sehr – sowohl musikalisch als auch menschlich. Nach der Probe standen mir sogar ein wenig die Tränen in den Augen.

Am Donnerstagabend waren Claudius und ich in Estavayer für ein Picknick verabredet. Leider hatte das Wetter andere Pläne. Also sassen wir schliesslich unter einer Autobahnbrücke zwischen landwirtschaftlichen Maschinen und assen auf umfunktionierten Paletten. Nicht ganz das, was wir geplant hatten – aber irgendwie hatte es trotzdem seinen Charme.

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Der Freitag stand im Zeichen von Homeoffice. Mittags kam Mama zum Essen vorbei und am Nachmittag brachte Töchterchen mir Ashka zum Hüten. Sie hatte ein Geburtstagsessen mit Freunden.

Der arme Hund schien etwas deprimiert zu sein. Die meiste Zeit lag sie im Badezimmer und wollte nicht einmal richtig zu mir kommen. Vor einiger Zeit hatte Ashka einen Unfall, musste die Nacht in der Tierklinik verbringen und am nächsten Tag operiert werden. Inzwischen ist alles wieder gut verheilt, aber seitdem scheint sie etwas Verlustangst entwickelt zu haben. Töchterchen muss ihr das Alleinsein wohl langsam wieder beibringen.

Am Samstagmorgen ging es dann zusammen mit Bruderherz, Sohnemann und meinem Neffen nach Frankreich ins Haus von Papa.

Wir haben gemeinsam geschaut, wer welche Sachen übernehmen möchte. Das war teilweise schön, teilweise auch etwas seltsam. Manche Gegenstände wecken sofort Erinnerungen.

Bruderherz verschlief einen grossen Teil des Nachmittags. Am Abend haben wir grilliert und danach lange draussen am Feuer gesessen. Aus «noch ein bisschen» wurde schliesslich halb drei Uhr morgens. Wir haben viel geredet, gelacht, Chansons française gehört und es war ein toller Abend.

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Am Sonntag war ich bereits um halb sieben wach. Das Feuer vom Vorabend war noch warm. Zusammen mit meinem Neffen haben wir ein kleines Feuer neu entfacht. Fast ein bisschen wie Camping.

Nach und nach sind die anderen ebenfalls aufgestanden und kurz vor 14 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg zurück in die Schweiz.

Bruderherz und ich haben uns beim Fahren abgewechselt. Wobei «abgewechselt» vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, denn ich bin ungefähr zwei Drittel der Strecke gefahren und er ein Drittel. Aber das ist völlig in Ordnung. Ich sitze sowieso lieber selbst am Steuer als auf dem Beifahrersitz.

So sind diese zwei Wochen vorbeigegangen: mit einer Synode im Tessin, einer Hotelpanne, Migräne, schönen Begegnungen, traurigen Nachrichten, Familienzeit und einem Wochenende voller Erinnerungen.

Und nun ist schon wieder Montag.

Ich sitze im Büro, bin müde und habe das Gefühl, ich könnte problemlos zwei Wochen Ferien gebrauchen.

Leider fragt mein Terminkalender nicht nach meiner Meinung.

Also gibt’s jetzt erst einmal einen Kaffee. Und dann mache ich das, was ich eigentlich immer mache: weitermachen.

Wenn der Heilige Geist mitsingt

Am Sonntag hatten wir unser Konzert gemeinsam mit einem belgischen Chor aus Brüssel. Im September werden wir nach Brüssel reisen und das gleiche Programm dort nochmals aufführen. Darauf freue ich mich jetzt schon sehr.

Das Wochenende war allerdings intensiv. Bereits am Samstag haben wir unsere belgischen Gäste um 16 Uhr mit einem Zvieri aus selbstgemachten Cakes, Früchten und Kaffee empfangen. Gut eine halbe Stunde später ging es bereits weiter in die Kirche zur Hauptprobe. Zum ersten Mal sangen beide Chöre gemeinsam – und die Verschmelzung der Stimmen war wirklich beeindruckend.

Nach der Generalprobe gegen halb acht wurde das Buffet eröffnet. Viele Chormitglieder hatten selbstgemachte Köstlichkeiten mitgebracht. Ich selbst steuerte eine Käsewähe bei, blieb aber nicht lange, denn schliesslich wollten wir noch den Geburtstag von Bruderherz nachfeiern. Dafür hatte ich extra eine Rüeblitorte gebacken.

Die Freude über den Geburtstagskuchen war gross, und gemeinsam mit Claudius – ja, er war ebenfalls dabei – verbrachten wir den Abend bei Mama. Bruderherz war mit seinem Sohn übers Wochenende dort, und wir blieben fast bis Mitternacht.

Am Sonntagmorgen sass ich bereits um 9.26 Uhr im Zug. Um 11 Uhr feierten wir unseren Pfingstgottesdienst, und da ich bei uns auch die Aufgaben der Sakristanin übernommen habe, wollte die Kapelle vorbereitet werden. Kurz vor zehn war ich deshalb bereits vor Ort.

Nach dem Gottesdienst gab es einen wunderbaren Apéro. Gegen halb eins holte mich Claudius ab, und wir fuhren weiter zur Kirche, wo um 14 Uhr die «Mise en voix» für das Konzert begann.

Währenddessen werkelte Claudius in der Küche. Er kochte für über 80 Personen – für alle Chormitglieder und einige enge Freunde des Chors.

Das Konzert um 17 Uhr stand spürbar unter einem guten Stern – Das Licht, das durch die Fenster fiel, hätte kaum passender sein können…


Das Konzert war ein voller Erfolg. Am Ende gab es sogar Standing Ovations.

Besonders gefreut hat mich, dass auch unser Pfarrer mit seiner Frau sowie zwei Kolleginnen und Kollegen aus dem Büro – begleitet von ihrem Partner beziehungsweise ihrer Mutter – im Publikum waren.

Nach dem Konzert wurden Fotos gemacht, und wir konnten die wunderschöne Location mit ihrer atemberaubenden Aussicht geniessen.

Das von Claudius gekochte Essen wurde sehr geschätzt. Er erhielt sogar zweimal Applaus und als Dankeschön eine Schachtel Pralinen. Auch von mir an dieser Stelle nochmals ein grosses Dankeschön, Chou ❤️

Eine besonders schöne Begegnung hatte ich mit einer Sängerin aus dem belgischen Chor. Joëlle stammt ursprünglich aus dem Elsass und kam nach dem Konzert auf Mama und mich zu. Sie freute sich riesig, mit uns Deutsch – beziehungsweise Elsässisch – sprechen zu können. Baseldeutsch und Elsässisch sind sich tatsächlich erstaunlich ähnlich. Joëlle meinte sogar, unsere Sprache erinnere sie an ihre Kindheit.

So sehr, dass sie Mama spontan einlud, im September ebenfalls nach Belgien zu kommen. Mama würde das gerne tun. Das Problem ist nur, dass ich meinen Platz im Nachtzug sowie den Rückflug bereits gebucht habe und Mama die Reise alleine antreten müsste. Das möchte sie verständlicherweise nicht. Trotzdem überlege ich tatsächlich, ob sich dafür nicht doch noch eine Lösung finden lässt.

Nach dem Konzert halfen alle beim Aufräumen mit, und gegen 22.30 Uhr war alles wieder an seinem Platz, sauber und versorgt.

Als wir schliesslich gegen halb zwölf nachts zuhause ankamen, war ich vor allem erleichtert, dass alles so gut gelaufen war. Und noch mehr darüber, dass ich am Montag frei hatte.

Und ich kann Euch sagen: Am Montag habe ich genau gar nichts getan.

Claudius musste bereits um sechs Uhr morgens zur Arbeit aufbrechen, während ich den Tag gemütlich zwischen Sofa und Balkon verbrachte – begleitet von alten Folgen von Ein Fall für zwei.

Ach ja … irgendwie wirkten die Zeiten damals manchmal etwas einfacher.

Pfingsten – verstanden werden

„Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache sprechen hört?“
(Apostelgeschichte 2,8)

An Pfingsten denken viele zuerst an das Sprachwunder: Die Jünger sprechen plötzlich verschiedene Sprachen. Doch vielleicht liegt das eigentliche Wunder gar nicht darin, dass gesprochen wird – sondern darin, dass verstanden wird.

Denn dieselbe Sprache zu sprechen bedeutet noch lange nicht, sich wirklich zu verstehen. Das erleben wir täglich: in der Familie, am Arbeitsplatz, in Beziehungen oder auch in der Kirche. Manchmal spricht jemand mit uns – und trotzdem kommt nichts wirklich an. Worte können klar sein und sich dennoch fremd anfühlen.

Genau deshalb ist die lange Liste der verschiedenen Menschen und Herkunftsländer in der Pfingstgeschichte so bedeutend. Hinter jedem Namen steht ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Fragen und Hoffnungen.

Und genau dort setzt Gottes Geist an.

Nicht mit einer Botschaft „für alle gleich“, sondern auf eine Weise, die jeden Einzelnen persönlich erreicht. Pfingsten zeigt einen Gott, der Menschen nicht übergeht, sondern sie dort anspricht, wo sie stehen. Einen Gott, der verstanden werden will – und der zugleich versteht.

Vielleicht liegt darin auch heute noch die eigentliche Herausforderung: nicht einfach möglichst laut oder viel zu reden, sondern so zu sprechen, dass Menschen sich gemeint, berührt und verstanden fühlen.

Und vielleicht wünsche nicht nur ich mir manchmal, von gewissen Menschen wirklich verstanden zu werden. Nicht nur gehört. Sondern verstanden. Mit allem, was zwischen den Worten liegt.

Denn manchmal ist verstanden werden das grösste Wunder überhaupt.

Müde vom Tempo der Welt

Eigentlich versuche ich, im Hier und Jetzt zu leben. Nicht zu sehr zurückzuschauen. Nicht zu weit vorauszudenken. Einfach den Moment zu nehmen, wie er ist.

Meistens gelingt mir das sogar ganz gut – Aber im Moment fällt es mir schwer.

Vor zwei Wochen ist mein Papa gestorben. Und seitdem habe ich manchmal das Gefühl, als würde sich die Welt einfach weiterdrehen, während innerlich etwas stehen geblieben ist.

Vor ein paar Tagen habe ich begonnen, alte Folgen von Ein Fall für zwei zu schauen. Vielleicht aus Nostalgie. Vielleicht auch einfach, weil dort alles langsamer wirkt. Ruhiger. Menschlicher.

Und plötzlich merke ich, wie müde mich unsere heutige Zeit macht.

Alles scheint immer schneller zu werden. Immer mehr Informationen. Immer mehr Nachrichten. Immer mehr Anforderungen. Und obwohl wir heute KI haben, Smartphones, digitale Hilfen und tausend Möglichkeiten, die uns das Leben eigentlich erleichtern sollten, habe ich oft das Gefühl, dass überall nur noch Chaos herrscht.

Alle rennen. Alle funktionieren. Alles dreht sich – Und ich bin mittendrin.

Wohnungssuche. Schlichtungsstelle. Sorgen um meinen Sohn, meine Tochter, meinen Bruder, meine Mama.
Menschen, die sich verändern oder plötzlich distanzierter werden. Frank, der sich seltener von sich aus meldet, obwohl das früher anders war.
Unsere Chorleiterin, die noch vor wenigen Wochen voller Begeisterung von Weihnachtsprojekten und Ideen fürs nächste Jahr erzählt hat — und nun offenbar geht.

Vielleicht ist es gerade einfach zu viel auf einmal.

Vielleicht merkt man nach einem Verlust auch einfach erst, wie erschöpft man eigentlich schon länger war.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich müde bin. Nicht nur körperlich. Sondern innerlich.


Und trotzdem bin ich auch dankbar. Dankbar, dass ich Claudius habe, der mich so gut unterstützt, wie er kann.
Dankbar auch für den Zusammenhalt in unserer Familie. Gerade wir vier Geschwister sind in diesen Tagen noch näher zusammengerückt, und das bedeutet mir unglaublich viel.

Und trotzdem habe ich im Moment oft das Gefühl, gedanklich nicht wirklich im Hier und Jetzt zu sein, sondern mich nach früher zu sehnen. Vielleicht auch nach einer Zeit, die einfacher, langsamer und irgendwie überschaubarer war.

Hat vielleicht jemand einen Tipp, wie man wieder etwas mehr im Heute ankommt?