Wenn der Heilige Geist mitsingt

Am Sonntag hatten wir unser Konzert gemeinsam mit einem belgischen Chor aus Brüssel. Im September werden wir nach Brüssel reisen und das gleiche Programm dort nochmals aufführen. Darauf freue ich mich jetzt schon sehr.

Das Wochenende war allerdings intensiv. Bereits am Samstag haben wir unsere belgischen Gäste um 16 Uhr mit einem Zvieri aus selbstgemachten Cakes, Früchten und Kaffee empfangen. Gut eine halbe Stunde später ging es bereits weiter in die Kirche zur Hauptprobe. Zum ersten Mal sangen beide Chöre gemeinsam – und die Verschmelzung der Stimmen war wirklich beeindruckend.

Nach der Generalprobe gegen halb acht wurde das Buffet eröffnet. Viele Chormitglieder hatten selbstgemachte Köstlichkeiten mitgebracht. Ich selbst steuerte eine Käsewähe bei, blieb aber nicht lange, denn schliesslich wollten wir noch den Geburtstag von Bruderherz nachfeiern. Dafür hatte ich extra eine Rüeblitorte gebacken.

Die Freude über den Geburtstagskuchen war gross, und gemeinsam mit Claudius – ja, er war ebenfalls dabei – verbrachten wir den Abend bei Mama. Bruderherz war mit seinem Sohn übers Wochenende dort, und wir blieben fast bis Mitternacht.

Am Sonntagmorgen sass ich bereits um 9.26 Uhr im Zug. Um 11 Uhr feierten wir unseren Pfingstgottesdienst, und da ich bei uns auch die Aufgaben der Sakristanin übernommen habe, wollte die Kapelle vorbereitet werden. Kurz vor zehn war ich deshalb bereits vor Ort.

Nach dem Gottesdienst gab es einen wunderbaren Apéro. Gegen halb eins holte mich Claudius ab, und wir fuhren weiter zur Kirche, wo um 14 Uhr die «Mise en voix» für das Konzert begann.

Währenddessen werkelte Claudius in der Küche. Er kochte für über 80 Personen – für alle Chormitglieder und einige enge Freunde des Chors.

Das Konzert um 17 Uhr stand spürbar unter einem guten Stern – Das Licht, das durch die Fenster fiel, hätte kaum passender sein können…


Das Konzert war ein voller Erfolg. Am Ende gab es sogar Standing Ovations.

Besonders gefreut hat mich, dass auch unser Pfarrer mit seiner Frau sowie zwei Kolleginnen und Kollegen aus dem Büro – begleitet von ihrem Partner beziehungsweise ihrer Mutter – im Publikum waren.

Nach dem Konzert wurden Fotos gemacht, und wir konnten die wunderschöne Location mit ihrer atemberaubenden Aussicht geniessen.

Das von Claudius gekochte Essen wurde sehr geschätzt. Er erhielt sogar zweimal Applaus und als Dankeschön eine Schachtel Pralinen. Auch von mir an dieser Stelle nochmals ein grosses Dankeschön, Chou ❤️

Eine besonders schöne Begegnung hatte ich mit einer Sängerin aus dem belgischen Chor. Joëlle stammt ursprünglich aus dem Elsass und kam nach dem Konzert auf Mama und mich zu. Sie freute sich riesig, mit uns Deutsch – beziehungsweise Elsässisch – sprechen zu können. Baseldeutsch und Elsässisch sind sich tatsächlich erstaunlich ähnlich. Joëlle meinte sogar, unsere Sprache erinnere sie an ihre Kindheit.

So sehr, dass sie Mama spontan einlud, im September ebenfalls nach Belgien zu kommen. Mama würde das gerne tun. Das Problem ist nur, dass ich meinen Platz im Nachtzug sowie den Rückflug bereits gebucht habe und Mama die Reise alleine antreten müsste. Das möchte sie verständlicherweise nicht. Trotzdem überlege ich tatsächlich, ob sich dafür nicht doch noch eine Lösung finden lässt.

Nach dem Konzert halfen alle beim Aufräumen mit, und gegen 22.30 Uhr war alles wieder an seinem Platz, sauber und versorgt.

Als wir schliesslich gegen halb zwölf nachts zuhause ankamen, war ich vor allem erleichtert, dass alles so gut gelaufen war. Und noch mehr darüber, dass ich am Montag frei hatte.

Und ich kann Euch sagen: Am Montag habe ich genau gar nichts getan.

Claudius musste bereits um sechs Uhr morgens zur Arbeit aufbrechen, während ich den Tag gemütlich zwischen Sofa und Balkon verbrachte – begleitet von alten Folgen von Ein Fall für zwei.

Ach ja … irgendwie wirkten die Zeiten damals manchmal etwas einfacher.

Pfingsten – verstanden werden

„Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache sprechen hört?“
(Apostelgeschichte 2,8)

An Pfingsten denken viele zuerst an das Sprachwunder: Die Jünger sprechen plötzlich verschiedene Sprachen. Doch vielleicht liegt das eigentliche Wunder gar nicht darin, dass gesprochen wird – sondern darin, dass verstanden wird.

Denn dieselbe Sprache zu sprechen bedeutet noch lange nicht, sich wirklich zu verstehen. Das erleben wir täglich: in der Familie, am Arbeitsplatz, in Beziehungen oder auch in der Kirche. Manchmal spricht jemand mit uns – und trotzdem kommt nichts wirklich an. Worte können klar sein und sich dennoch fremd anfühlen.

Genau deshalb ist die lange Liste der verschiedenen Menschen und Herkunftsländer in der Pfingstgeschichte so bedeutend. Hinter jedem Namen steht ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Fragen und Hoffnungen.

Und genau dort setzt Gottes Geist an.

Nicht mit einer Botschaft „für alle gleich“, sondern auf eine Weise, die jeden Einzelnen persönlich erreicht. Pfingsten zeigt einen Gott, der Menschen nicht übergeht, sondern sie dort anspricht, wo sie stehen. Einen Gott, der verstanden werden will – und der zugleich versteht.

Vielleicht liegt darin auch heute noch die eigentliche Herausforderung: nicht einfach möglichst laut oder viel zu reden, sondern so zu sprechen, dass Menschen sich gemeint, berührt und verstanden fühlen.

Und vielleicht wünsche nicht nur ich mir manchmal, von gewissen Menschen wirklich verstanden zu werden. Nicht nur gehört. Sondern verstanden. Mit allem, was zwischen den Worten liegt.

Denn manchmal ist verstanden werden das grösste Wunder überhaupt.

Müde vom Tempo der Welt

Eigentlich versuche ich, im Hier und Jetzt zu leben. Nicht zu sehr zurückzuschauen. Nicht zu weit vorauszudenken. Einfach den Moment zu nehmen, wie er ist.

Meistens gelingt mir das sogar ganz gut – Aber im Moment fällt es mir schwer.

Vor zwei Wochen ist mein Papa gestorben. Und seitdem habe ich manchmal das Gefühl, als würde sich die Welt einfach weiterdrehen, während innerlich etwas stehen geblieben ist.

Vor ein paar Tagen habe ich begonnen, alte Folgen von Ein Fall für zwei zu schauen. Vielleicht aus Nostalgie. Vielleicht auch einfach, weil dort alles langsamer wirkt. Ruhiger. Menschlicher.

Und plötzlich merke ich, wie müde mich unsere heutige Zeit macht.

Alles scheint immer schneller zu werden. Immer mehr Informationen. Immer mehr Nachrichten. Immer mehr Anforderungen. Und obwohl wir heute KI haben, Smartphones, digitale Hilfen und tausend Möglichkeiten, die uns das Leben eigentlich erleichtern sollten, habe ich oft das Gefühl, dass überall nur noch Chaos herrscht.

Alle rennen. Alle funktionieren. Alles dreht sich – Und ich bin mittendrin.

Wohnungssuche. Schlichtungsstelle. Sorgen um meinen Sohn, meine Tochter, meinen Bruder, meine Mama.
Menschen, die sich verändern oder plötzlich distanzierter werden. Frank, der sich seltener von sich aus meldet, obwohl das früher anders war.
Unsere Chorleiterin, die noch vor wenigen Wochen voller Begeisterung von Weihnachtsprojekten und Ideen fürs nächste Jahr erzählt hat — und nun offenbar geht.

Vielleicht ist es gerade einfach zu viel auf einmal.

Vielleicht merkt man nach einem Verlust auch einfach erst, wie erschöpft man eigentlich schon länger war.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich müde bin. Nicht nur körperlich. Sondern innerlich.


Und trotzdem bin ich auch dankbar. Dankbar, dass ich Claudius habe, der mich so gut unterstützt, wie er kann.
Dankbar auch für den Zusammenhalt in unserer Familie. Gerade wir vier Geschwister sind in diesen Tagen noch näher zusammengerückt, und das bedeutet mir unglaublich viel.

Und trotzdem habe ich im Moment oft das Gefühl, gedanklich nicht wirklich im Hier und Jetzt zu sein, sondern mich nach früher zu sehnen. Vielleicht auch nach einer Zeit, die einfacher, langsamer und irgendwie überschaubarer war.

Hat vielleicht jemand einen Tipp, wie man wieder etwas mehr im Heute ankommt?

May the 4th be with you, Papa

Letzten Sonntag gegen 11 Uhr bekam ich einen Anruf meines Halbbruders, der seit rund 16 Monaten mit Papa in Frankreich zusammengelebt hatte. Papa war notfallmässig ins Spital nach Besançon gebracht worden.

Das Problem war: Niemand wusste wirklich, was los war.

Bis ungefähr 16 Uhr warteten wir auf Nachrichten. Dann erfuhren wir lediglich, dass Papa operiert wurde. Mehr wusste man nicht. Wir sollten zwei Stunden später wieder anrufen. Mein Bruder tat das um 18 Uhr, um 20 Uhr und nochmals um 22 Uhr.

Irgendwann schrieb mir mein anderer Halbbruder – der Zwillingsbruder meines Bruders in Frankreich – eine kurze Whatsapp-Nachricht : „Der Arzt ruft dich gleich an.“

Die beiden sprechen kaum Französisch und hatten deshalb meine Nummer weitergegeben. Kurz nach Mitternacht klingelte mein Telefon.

Der Arzt erklärte mir, dass Papa einen Aortariss erlitten hatte und notoperiert worden war. Schon diese Operation sei extrem riskant gewesen. Dazu kamen sein Übergewicht und der Diabetes, was die Situation zusätzlich erschwerte.

Er lag nun auf der Intensivstation und musste bereits dreimal reanimiert werden.

Der Arzt sagte sehr ehrlich, dass die Nacht entscheidend sei. Es sei kritisch. Sehr kritisch. Ich solle am Morgen wieder anrufen.

Irgendwann fand ich doch noch etwas Schlaf.

Als ich am Montagmorgen gegen 7.15 Uhr erwachte, dachte ich zuerst, ich hätte vielleicht den Anruf des Spitals nicht gehört. Aber da war kein verpasster Anruf. Also machte ich mir einen Kaffee und nahm eine Tablette gegen die höllischen Kopfschmerzen, die ich inzwischen hatte.

Um 8 Uhr rief ich selbst im Krankenhaus an.

Der Arzt teilte mir mit, dass Papa es leider nicht geschafft habe und um 7 Uhr morgens gestorben sei.

Es war ein Schock. Und gleichzeitig irgendwie nicht. Denn tief in mir wusste ich seit diesem Gespräch um Mitternacht, wie ernst die Situation war.

Der Arzt sagte mir später auch noch, dass Papa selbst im Fall eines Überlebens wohl nie mehr nach Hause hätte zurückkehren können. Und so denke ich heute, dass es vielleicht gut war, dass er gehen durfte. Ohne lange zu leiden.

Danach begann eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt: meine Brüder informieren, meine Kinder, meine Mama…

Während wir in der Nacht auf Nachrichten warteten, fragte ich mich immer wieder, ob ich sofort nach Besançon fahren sollte. Zwei Stunden Fahrt. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Ich hätte sowieso nicht zu ihm gedurft.

Am Montag blieb ich zuhause. Mit der Migräne und dieser Nachricht war an Arbeiten nicht zu denken. Meine Chefin informierte zunächst die HR-Abteilung, und später bekam ich fünf Tage frei.

Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, was ich an diesem Montag alles gemacht habe.

Ich weiss nur noch, dass die Nacht auf Dienstag sehr unruhig war. Irgendwann gegen fünf Uhr morgens erwachte ich plötzlich mit dem Gefühl, dass jemand schwer auf meinem Bettrand sass.

Für mich war das Papa – Ich glaube, er hat sich verabschiedet.

Auch am Dienstag hatte ich noch starke Migräne und war kaum in der Lage, irgendwohin zu fahren.

Inzwischen hatten meine Brüder – aufgrund der Informationen, die ich vom Arzt erhalten hatte – den Bestatter organisiert. Papa wurde von Besançon nach Hause gebracht, doch seine persönlichen Sachen wollte das Krankenhaus zunächst nicht herausgeben.

Also fuhr ich am Mittwoch selbst nach Besançon.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, diese Dinge entgegenzunehmen. Als ich anschliessend wieder im Auto sass, musste ich mich erst sammeln, bevor ich weiter nach Brotte-lès-Luxeuil fahren konnte.

Gegen 15 Uhr kam ich dort an.

Meine beiden Halbbrüder und meine Lieblingstante waren bereits da. Wir umarmten uns, weinten ein wenig und redeten lange miteinander.

Am Donnerstag hatte ich einen Termin mit dem örtlichen Pfarrer, um die Trauerfeier vorzubereiten.

Es war ein römisch-katholischer Priester – offen, herzlich und sehr menschlich. Wir besprachen gemeinsam die Feier, und ich merkte, dass er sich darüber freute, dass ich wusste, wovon ich sprach.

Papa hatte oft die Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium gelesen. Genau diese Stelle wollten wir auch für die Feier auswählen.

Ich sagte dem Pfarrer, dass ich den Text auf Deutsch ausdrucken würde, damit die Gäste aus der Deutschschweiz ihn ebenfalls verstehen könnten.

Doch der Pfarrer schaute mich an und sagte : „Nein. Sie werden das lesen.“

Eigentlich eher ungewöhnlich, denn das Evangelium wird normalerweise nur von einem Geistlichen gelesen.

Natürlich hat mich das berührt.

Als ich später zuhause bei Papa nach einer Bibel suchte, fand ich seine eigene Bibel – jene, die er von seinem Grossmuetti zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte. Es war mir sofort ein Bedürfnis, das Evangelium aus seiner Bibel zu lesen.

Am Freitag kamen mein anderer Bruder, mein Neffe und meine Mama an.

Irgendwann meinte Mama leise : „Jetzt bin ich ganz allein.“ – Dieser Satz hat mich tief berührt. Meine Eltern waren seit vielen Jahren geschieden. Und trotzdem waren sie sich immer verbunden geblieben – fast wie Geschwister.

Am Samstagmorgen organisierten wir noch Blumen, bevor gegen Mittag meine Kinder ankamen. Auch Cousins und Cousinen trafen ein.

Um 14.30 Uhr begann die Trauerfeier.

Meine Mama las die Fürbitten. Ich las die Lesung und das Evangelium. Zwei meiner drei Brüder hielten eine Ansprache.

Und es war… schön.

Traurig natürlich. Aber schön.

Das halbe Dorf war gekommen… Papa lebte seit rund zehn Jahren dort. Er hatte an Dorffesten musiziert, an der Fête de la Musique und am Quatorze Juillet – gemeinsam mit dem Bürgermeister. Papa am Klavier. Der Maire am Schlagzeug.

Am Ende begleiteten wir ihn gemeinsam zum Friedhof. Eine kleine Prozession von der Kirche bis zum Grab, wo er nun mit seiner Frau ruht, die im Januar 2020 gestorben ist.

Sie starb am 4. Januar… Papa am 4. Mai… Und plötzlich schoss mir dieser Satz durch den Kopf :

„May the 4th be with you.“

Star-Wars-Fans wissen, was gemeint ist. Ich selbst bin kein grosser Star-Wars-Fan. Aber dieser Satz war plötzlich einfach da und war in dem Moment genau richtig.

Nach der Beisetzung blieben wir noch zusammen, tranken gemeinsam einen Apéro und assen am Abend als Familie zusammen. Der Zusammenhalt in diesen Tagen war unglaublich spürbar.

Ich fuhr erst spätabends wieder nach Hause und kam gegen Mitternacht an.

Der Sonntag verlief ruhig.

Und heute sitze ich wieder im Büro.

Mein Team hat mir eine gelbe Orchidee auf den Arbeitsplatz gestellt, zusammen mit einer Karte. Bereits am Montag hatten sie mir eine Karte geschickt, die am Dienstag bei mir zuhause angekommen war.

Ich bekam Nachrichten, Mails, SMS und Whatsapp-Mitteilungen von Freunden, Kollegen, Verwandten und Bekannten.

Sogar unser Bischof schrieb mir eine sehr schöne persönliche Mail.

All diese Anteilnahme hat mich tief berührt.

Und trotzdem habe ich irgendwie noch nicht wirklich realisiert, dass Papa nicht mehr da ist.

Vielleicht kommt das erst in den nächsten Wochen oder Monaten.

Aber ich bin dankbar.

Dankbar, dass er gehen durfte.
Dankbar, dass er nicht lange leiden musste.
Und dankbar für all die Menschen, die uns in diesen Tagen getragen haben.

.


Papa ist nicht mehr da.
Und irgendwie doch.

In seiner Bibel.
In der Musik.
In unseren Erinnerungen.
Und in allem, was bleibt.


Toleranz – aber bitte selektiv ?

Nach der Chorprobe gibt es bei uns jeweils einen Apéro. Ich finde das immer toll, weil wir noch ein bisschen zusammenstehen und den Abend ausklingen lassen.

Ich gehe in dieser Zeit meistens kurz raus – eine Zigarette. Einfach ein paar Minuten für mich.

Gestern stand ich also draussen, als zwei neue Choristinnen – sie sind erst seit etwa einem Monat dabei – ebenfalls hinauskamen. Eine von ihnen blieb stehen, schaute mich an und meinte:
„C’est original…“

Ich war kurz irritiert.
„Was meinst du?“
„Dass du rauchst“, sagte sie. Der Tonfall war… sagen wir mal, nicht ganz neutral.

Ich habe die beiden etwas „böse“ angeschaut und gekontert:

„Weisst du, ich fühle mich als Raucher in einer Minderheit, auf die man ziemlich leicht ein bisschen abwertend schaut.“

Die beiden schauten mich etwas überrascht an.

Und irgendwie kam ich dann ins Reden und erzählte von all diesen Diskussionen über Inklusion und Sonderregelungen für einzelne.
Und ganz ehrlich: Ich habe echt Mühe damit.

Bei uns im Büro zum Beispiel wird für alles und jeden eine Lösung gesucht – sogar genderneutrale Toiletten haben wir wegen einer einzigen Person, die nicht mal täglich da ist – aber wir Raucher stehen draussen im Regen. In einer kleinen Ecke hinter dem Haus. Ohne Dach.

Wenn schon, dann doch bitte für alle gleich.

Ich habe dann noch einen draufgesetzt:

„Auf den Zigarettenpackungen steht gross ‘Rauchen ist tödlich’. Was ja stimmt. Aber warum steht das nicht auf Bierflaschen? Oder auf Wein? Alkohol kann genauso zerstören – aber da sagt niemand etwas.“

Es wurde kurz still.

Die beiden wirkten plötzlich etwas verlegen.
„Ja… das stimmt schon“, meinten sie leise.

Dann verabschiedeten sie sich ziemlich schnell.

Und ich blieb noch einen Moment draussen stehen.

Mit meiner Zigarette.
Und einem kleinen inneren Schmunzeln.

Ich gebe zu: Ich habe es ein bisschen genossen, wie sie von ihrem hohen Ross plötzlich ganz klein mit Hut davongegangen sind.

Nicht, weil ich jemanden „fertig machen“ wollte – sondern weil es manchmal gut tut, den Spiess kurz umzudrehen und einen Spiegel vorzuhalten.

Und zu zeigen, dass Dinge eben nicht immer so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Allein denken für zwei

Wenn «gut» nicht mehr reicht

Kürzlich bin ich im Internet auf einen Text gestossen, der mich nachdenklich gemacht hat.

Er handelt von einer Frau, die sich nach zwölf Jahren Ehe von ihrem Mann trennt – obwohl er nach aussen als «guter Mann» gilt: zuverlässig, treu, im Alltag präsent.

Der Grund ist kein grosser Streit, sondern ein Satz, der sich über Jahre hinweg wiederholt hat:
«Sag mir einfach, was ich tun soll.»

Er hilft – aber nur, wenn sie ihn darum bittet.
Sie hingegen trägt alles im Kopf: Termine, Organisation, Alltag.

Ein Moment bringt das Fass zum Überlaufen:
Als er sie fragt, was sie seiner Mutter zum Geburtstag gekauft haben, wird ihr klar, wie selbstverständlich diese Verantwortung für ihn geworden ist.

Nicht die einzelnen Aufgaben sind das Problem.
Sondern dass sie alleine dafür verantwortlich ist, überhaupt daran zu denken.


Meine Gedanken dazu

Dieser Text hat bei mir etwas getroffen.

Diese mentale Last – dieses ständige Mitdenken – ist schwer zu erklären, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.
Es geht nicht um einzelne Dinge. Es ist dieses Dauerhafte.

Ich kenne das aus meiner eigenen Vergangenheit.

Mein Ex-Mann hatte durchaus Bereiche, in denen er gut war – handwerklich oder bei juristischen Themen.
Aber im Alltag lag praktisch alles bei mir.

Die Kinder sowieso.
Um unsere damals eineinhalbjährige Tochter hat er sich genau vier Tage lang gekümmert – und das auch nur, weil ich selbst nach einem Rückenproblem auf ärztliche Anordnung mehrere Tage nicht aufstehen durfte.

Und selbst darüber hinaus war der Umgang mit den Kindern oft ein schwieriges Thema zwischen uns. Es hat mich belastet, wie er in gewissen Momenten mit ihnen umging – und es war immer wieder ein Punkt, an dem Konflikte entstanden.

Und ich habe mitgemacht. Viel zu lange.

Ich habe Dinge übernommen, die eigentlich nicht meine Aufgabe gewesen wären.
Ich bin für ihn Schuhe kaufen gegangen, weil er keine Lust hatte. Habe sie zurückgebracht, umgetauscht, mich darum gekümmert.

Wenn ich ihn um etwas bat, kam es oft mit Widerstand – oder nur dann, wenn es für ihn gerade passte.

Gleichzeitig war er extrem eifersüchtig.
Für sich selbst nahm er sich jedoch Freiheiten heraus, die für ihn bei mir undenkbar gewesen wären.
Einmal sassen wir in einer Bar, als eine Gruppe Männer hereinkam. Sie sprachen Schweizerdeutsch – hier in der Romandie eher ungewöhnlich – und ich drehte mich deshalb kurz um. Mehr war da nicht.
Daraus entstand eine Eifersuchtsszene, die damit endete, dass ich mich rechtfertigen musste. Der Streit ging bis tief in die Nacht – und am nächsten Tag war mir die Nacht noch deutlich anzusehen.

Heute sehe ich das klarer.

Es geht nicht darum, ob jemand «gut» ist.
Und auch nicht darum, ob jemand punktuell hilft.

Es geht darum, ob man wirklich gemeinsam Verantwortung trägt.

Und vielleicht auch darum, wie lange man selbst bereit ist, mehr zu tragen, als eigentlich gut für einen ist.

Ich sehe heute auch, welche Rolle ich damals eingenommen habe – eine Rolle, die ich so eigentlich nie wollte. Ich habe vieles einfach über mich ergehen lassen. Heute weiss ich jedoch, dass ich es nie wieder so weit kommen lassen würde.

Am Ende hat mein Mann mich für eine andere verlassen. Damals hat mich das sehr getroffen.

Heute kann ich sagen: Ich bin ihm dafür sogar dankbar.
Denn rückblickend war es wohl der Schritt, den ich selbst nicht gegangen wäre – und mir geht es heute deutlich besser.

Ein Schritt weiter

In meinem letzten Beitrag habe ich Euch ja erklärt, wie meine aktuelle Situation gerade aussieht.

Heute habe ich die Einsprache gegen die Kündigung geschrieben und werde sie nachher zur Post bringen. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, solche Dinge im Büro zu erledigen – vor allem an Tagen wie heute, an denen nicht viel läuft.

Ich gebe zu, es hat mich etwas Überwindung gekostet. Solche Schritte liegen mir nicht besonders – und trotzdem weiss ich, dass es wichtig ist, für sich einzustehen.

Es ist kein grosser Moment, eher ein leiser. Aber einer, der sich trotzdem bedeutsam anfühlt.

Jetzt heisst es warten. Und das Vertrauen, das ich in mir trage, festzuhalten – auch dann, wenn es zwischendurch leise wird. Aufgeben ist keine Option.

Wohnungssuche – gar nicht so einfach

Aktuell bin ich auf Wohnungssuche.

Ich wohne zurzeit in einer subventionierten 4-Zimmer-Wohnung, die nun, da ich nur noch mit meinem Sohn hier lebe, als unterbelegt gilt. Deshalb muss ich mich neu orientieren.

Grundsätzlich hätte ich weiterhin Anspruch auf eine subventionierte 3-Zimmer-Wohnung. Gleichzeitig würde ich aber lieber eine „normale“, nicht subventionierte Wohnung finden – mit Blick nach vorne, um nicht in ein paar Jahren wieder in der gleichen Situation zu sein, wenn mein Sohn auszieht.

Hinzu kommt: Ich möchte gerne in der Region bleiben, in der ich heute lebe.

Ich bin zuversichtlich, dass ich etwas Passendes finden werde.
Aber ehrlich gesagt graut mir jetzt schon vor dem Aussortieren, Packen und dem ganzen Drumherum.

Falls jemand Tipps oder Ideen hat – sei es zur Wohnungssuche oder zum Ausmisten und Packen – ich bin sehr dankbar dafür.

Aller Anfang ist schwer

Seit Montag ist Sohnemann nun in einem Programm zur Wiedereingliederung in die Berufswelt. Nach sechs – teils schwierigen – Jahren ist er endlich wieder auf dem Weg.

Am Mittag des ersten Tages kam er zu mir ins Büro, und wir haben gemeinsam gegessen. Er wirkte etwas frustriert, denn gleich am Morgen standen ein Französisch- und ein Mathetest auf dem Programm. Er meinte, er habe nichts von „2a + 2b“ bzw. „(a + b)“ verstanden. Ich konnte ihn etwas beruhigen und erklärte ihm, dass es dabei nicht um Noten geht, sondern darum zu sehen, was aufgefrischt werden muss.

Am Nachmittag ging er wieder zurück. Als wir kurz vor 17 Uhr gemeinsam auf dem Heimweg waren, sagte er: „Heute Nachmittag war okay. Der Mathe- und der Französischlehrer sind in Ordnung.“

Heute ist Donnerstag, und die erste Woche ist bald vorbei.
Es ist noch alles neu, vielleicht auch noch ein bisschen unsicher.
Aber da ist etwas in Bewegung gekommen.

Und ich habe ein gutes Gefühl… !