Der kleine gelbe Luftballon

Es war einmal ein kleiner gelber Luftballon.

Gemeinsam mit vielen anderen Luftballons lag er in einer grossen Kartonschachtel. Seine Freunde waren rot, blau, grün, orange oder pink. Manche waren etwas grösser, andere etwas kleiner. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie warteten.

Im Karton war es dunkel. Meistens war alles still. Nur manchmal merkten die Luftballons, dass sich etwas bewegte. Dann wurde die Schachtel getragen oder ein wenig geschüttelt. Wohin sie gebracht wurden, wusste niemand.

Der kleine gelbe Ballon fragte sich oft, wie die Welt ausserhalb des Kartons wohl aussehen mochte. Er stellte sie sich wunderschön vor – mit blauem Himmel, warmem Sonnenschein, Blumen, Bäumen und lachenden Kindern.

Doch sehen konnte er nichts.

Eines Tages wurde die Schachtel wieder bewegt. Dieses Mal hörte man plötzlich fröhliches Kinderlachen. Stimmen riefen durcheinander, irgendwo spielte Musik und immer wieder wurde laut gelacht.

Dann geschah etwas Wunderbares.

Der Deckel wurde geöffnet.

Zum ersten Mal fiel helles Tageslicht in die Schachtel. Der kleine gelbe Ballon staunte. Eine grosse Hand griff hinein und nahm eine Handvoll Ballons heraus.

Der kleine gelbe Ballon blieb zurück.

Enttäuscht seufzte er.

„Warum denn nicht ich?“, dachte er traurig. „Ich möchte doch auch endlich hinaus.“

Kurz darauf hörte er ein seltsames Zischen.

Was das wohl war?

Er konnte nichts sehen und wartete gespannt.

Nach einer Weile kam die Hand erneut zurück.

Dieses Mal wurde auch der kleine gelbe Ballon herausgenommen.

Neugierig blickte er sich um.

Er lag auf einem grossen Holztisch. Neben ihm stand eine rote Flasche mit einem langen Schlauch. Daneben lagen viele bunte Geschenkbänder, alle ordentlich auf die gleiche Länge zugeschnitten.

Während er sich umsah, entdeckte er etwas Erstaunliches.

Überall schwebten Luftballons.

Rote, grüne, blaue, pinke und auch gelbe Ballons tanzten sanft in der Luft. Sie sahen glücklich aus.

„Wie machen die das nur?“, fragte sich der kleine gelbe Ballon.

Da wurde der grüne Ballon neben ihm aufgehoben. Vorsichtig stülpte man ihn über den Schlauch der roten Flasche. Jemand drehte an einem kleinen Rad.

Zisch…

Da war das Geräusch wieder.

Der kleine gelbe Ballon beobachtete staunend, wie sein Nachbar langsam immer grösser wurde. Seine Haut spannte sich, und plötzlich begann der grüne Ballon zufrieden zu lächeln.

„Ich möchte das auch erleben!“, dachte der kleine gelbe Ballon.

Und ehe er sich versah, war auch er an der Reihe.

Vorsichtig wurde er über den Schlauch gestülpt.

Dann strömte etwas in sein Inneres.

Es war, als würde neues Leben in ihn hineinfliessen.

Mit jedem Augenblick wurde er grösser. Es fühlte sich wunderbar an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, genau so zu werden, wie er eigentlich gedacht war.

Als seine Haut sich angenehm spannte, wurde das Ventil geschlossen. Ein kleiner Knoten hielt die Luft sicher fest. Anschliessend band man ein schönes Geschenkband an ihn.

Und plötzlich…

… schwebte er.

Wie leicht sich das anfühlte!

Von hier oben konnte er alles sehen: die lachenden Kinder, die bunten Girlanden, die Blumen, den blauen Himmel und seine vielen Ballonfreunde.

Es war noch viel schöner, als er es sich jemals vorgestellt hatte.

Kurz darauf griff eine kleine Kinderhand nach seinem Band.

Das Kind lief lachend über die Wiese, sprang, tanzte und drehte sich im Kreis.

Der kleine gelbe Ballon tanzte fröhlich mit.

Noch nie war er so glücklich gewesen.

Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes.

Das Kind öffnete unbemerkt seine Hand.

Langsam löste sich das Band.

Der kleine gelbe Ballon stieg höher und höher.

Er blickte nach unten.

Die Menschen wurden immer kleiner. Die Häuser wirkten wie Spielzeug, die Autos wie kleine Käfer und die Bäume wie grüne Tupfer in der Landschaft.

Doch der kleine gelbe Ballon hatte keine Angst.

Im Gegenteil.

Er fühlte sich frei.

Der Wind trug ihn sanft immer höher.

Schliesslich erreichte er die Wolken.

Sie waren weich wie Watte und schienen ihn liebevoll zu empfangen.

„So weit bist du also gekommen“, flüsterten sie.

Der kleine gelbe Ballon lächelte.

Er ruhte sich eine Weile zwischen den Wolken aus. Die Sonne wärmte ihn, der Wind erzählte ihm Geschichten von fernen Ländern und die Vögel begleiteten ihn ein Stück auf seiner Reise.

Da verstand der kleine gelbe Ballon etwas.

Wie oft hatte er geglaubt, im dunklen Karton vergessen worden zu sein.

Wie oft hatte er sich gefragt, warum immer die anderen an der Reihe waren.

Damals konnte er nicht wissen, dass auch für ihn der richtige Moment kommen würde.

Und dass dieser Moment sein ganzes Leben verändern würde.

Er schaute noch einmal hinunter auf die Erde.

Dort unten liefen Menschen durch ihren Alltag. Manche lachten. Manche weinten. Manche warteten. Manche hatten die Hoffnung fast verloren.

Am liebsten hätte er ihnen zugerufen:

„Gebt nicht auf. Auch wenn ihr gerade nur Dunkelheit seht. Das Leben hat manchmal seinen eigenen Zeitplan.“

Doch der Wind nahm ihm die Worte ab und trug sie leise über die Erde.

Vielleicht erreichten sie genau den Menschen, der sie gerade brauchte.

Und manchmal, wenn Kinder heute in den Himmel schauen und einen kleinen gelben Punkt zwischen den Wolken entdecken, fragen sie sich:

„Wohin wohl seine Reise geht?“

Vielleicht lächelt der kleine gelbe Ballon dann still vor sich hin.

Denn er weiss etwas, das viele Menschen vergessen haben.

Jede Reise beginnt irgendwann mit einem Warten im Dunkeln.


(c) boelleli 2026

Wenn aus einer Frage ein Shitstorm wird

Wenn aus einer Frage ein Shitstorm wird

Eigentlich wollte ich nur eine Beobachtung teilen.

Auf Threads schrieb ich, dass sich meine 25-jährige Tochter innerhalb weniger Jahre in mehreren grundlegenden Lebensbereichen stark verändert hat – politisch, in ihrer Ernährung und in ihrem Glauben. Mich interessierte lediglich die Frage, wie es zu einer solch umfassenden Veränderung kommen kann.

Die Reaktionen überraschten mich.

Nur wenige gingen auf meine eigentliche Frage ein. Stattdessen wurde meine Tochter zur Heldin erklärt, ich wurde belehrt, psychologisch analysiert, in Schubladen gesteckt und teilweise sogar als «Nazi» bezeichnet – von Menschen, die weder mich noch meine Tochter oder unsere Beziehung kennen. Zum Glück gab es auch zwei oder drei Stimmen, die versuchten, die Diskussion wieder auf eine sachliche Ebene zurückzuführen.

Was mich seither beschäftigt, ist weniger die Politik als unsere Debattenkultur.

Warum fällt es heute so schwer, eine andere Meinung auszuhalten? Warum werden Menschen so schnell etikettiert, moralisch bewertet oder persönlich angegriffen, statt sich mit ihrer eigentlichen Frage auseinanderzusetzen?

Ironischerweise erlebe ich den lautesten Ruf nach Toleranz oft dort, wo Andersdenkende am schnellsten moralisch abgestempelt werden. Wer nicht ins eigene Weltbild passt, wird nicht widerlegt, sondern etikettiert. Das sollte uns als Gesellschaft zu denken geben.

Meinungsfreiheit bedeutet nicht nur, die eigene Meinung äussern zu dürfen. Sie bedeutet auch, andere Meinungen auszuhalten – selbst wenn man sie entschieden ablehnt. Eine Demokratie lebt vom Widerspruch, aber ebenso vom gegenseitigen Respekt.

Vielleicht sollten wir wieder lernen, den Menschen hinter einer Meinung zu sehen. Denn genau daran scheint unsere Gesellschaft immer häufiger zu scheitern.

Wenn mit einem Menschen auch ein Ort verschwindet

Manchmal stirbt mit einem Menschen nicht nur ein Leben. Manchmal verschwindet auch ein Ort.

Solange mein Vater lebte, war das Haus in Brotte für mich mehr als nur ein Gebäude. Es war ein Ort, an den ich zurückkehren konnte. Ein Ort voller Erinnerungen, Gespräche und gemeinsamer Momente. Nicht mein Zuhause im eigentlichen Sinn – aber doch ein Ort, an dem ich mich willkommen fühlte.

Dass das Haus heute meinen beiden Halbbrüdern gehört, war nie ein Geheimnis. Die Geschichte dahinter kenne ich und ich habe sie immer verstanden. Es ging nie um ein Erbe oder um Besitz. Darüber hatte ich schon vor Jahren mit meinem Vater gesprochen.

Vor einigen Tagen erhielt ich zwei Nachrichten meiner Halbbrüder. In der ersten machten sie deutlich, dass wir inzwischen alles aus dem Haus mitnehmen konnten, was unser Vater uns noch hatte überlassen wollen. Wenige Tage später schrieb einer von ihnen, dass er wegen der vielen administrativen Aufgaben, der Haushaltsauflösung und seiner eigenen gesundheitlichen Situation vorübergehend keine Besuche mehr empfangen könne. Beides kann ich gut nachvollziehen. Wirklich.

Und trotzdem haben diese Nachrichten etwas in mir ausgelöst.

Nicht, weil ich mich ausgeschlossen fühle. Nicht, weil ich glaube, dass es böse gemeint ist. Sondern weil ich in diesem Moment gespürt habe, dass das Kapitel «Papa in Brotte» endgültig zu Ende gegangen ist.

Plötzlich wird einem bewusst, dass man nicht nur einen Menschen verloren hat. Man verliert oft auch den Ort, an dem dieser Mensch gelebt hat. Die Tür, die früher selbstverständlich offenstand, gehört nun jemand anderem. Niemand sagt: «Du bist hier nicht mehr willkommen.» Und doch beginnt man sich zu fragen, ob man diesen Ort überhaupt noch als den eigenen betrachten darf.

Vielleicht ist genau das eine Form der Trauer, über die selten gesprochen wird. Denn ein Haus besteht nicht nur aus Mauern. Es lebt durch den Menschen, der darin wohnt.

Mit dem Tod meines Vaters ist deshalb nicht nur ein Mensch gegangen. Ein Stück «Nach Hause» ist leise mit ihm verschwunden.

In liebevoller Erinnerung an meinen Papa ❤️

Wenn Heimat fremd wird

Die 10-Millionen-Initiative wurde deutlich abgelehnt.

Ich akzeptiere das Resultat. Das ist Demokratie. Aber verstehen muss ich es deswegen noch lange nicht.

Als ich die Resultate gesehen habe, war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Nicht nur schweizweit, sondern vor allem in den Städten.

Basel, meine geliebte Heimatstadt: über 70 % Nein.

Lausanne, wo ich heute lebe: ebenfalls deutlich Nein.

Dazu Zürich, Genf, Neuenburg, Luzern und viele andere Städte.

Natürlich gibt es auch in diesen Städten Menschen, die ähnlich denken wie ich. Aber wenn ich solche Resultate sehe, frage ich mich schon manchmal, ob ich die Schweiz noch verstehe.

Interessant finde ich auch, dass man den Deutschschweizern oft nachsagt, sie seien die ewigen Nein-Sager. Diejenigen, die bremsen, die skeptisch sind und allem Neuen misstrauen.

Bei dieser Abstimmung hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass der berühmte Röstigraben eine grosse Rolle gespielt hat.

Auch in der Romandie wurde die Initiative deutlich verworfen. Die Nein-Stimmen kamen nicht nur aus Zürich oder Basel, sondern genauso aus Genf, Lausanne oder Neuenburg.

Offenbar sind die Nein-Sager nicht immer dort zu finden, wo man sie vermutet.

Die Schweiz war für mich immer mehr als einfach das Land, in dem ich geboren wurde. Sie war Neutralität. Eigenständigkeit. Föderalismus. Direkte Demokratie. Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.

Und sie war etwas, worauf ich immer stolz war.

Ich war immer gerne Schweizerin.

Nicht, weil ich dachte, dass die Schweiz perfekt ist. Natürlich ist sie das nicht. Aber ich hatte immer das Gefühl, in einem Land zu leben, das vieles richtig macht. In einem Land, das seine Werte kennt, schützt und verteidigt.

Heute spüre ich diesen Stolz immer weniger.

Stattdessen frage ich mich immer öfter, warum wir so bereitwillig aufgeben, was die Schweiz über Jahrzehnte stark gemacht hat.

Neutralität? Wird immer häufiger infrage gestellt.

Souveränität? Scheint für viele kein wichtiges Thema mehr zu sein.

Traditionen und Werte? Werden oft belächelt oder als altmodisch abgetan.

Und ich verstehe es einfach nicht. Vor allem verstehe ich nicht, warum wir das freiwillig tun. Denn das alles geschieht nicht gegen den Willen der Bevölkerung. Es geschieht mit ihrer Zustimmung.

Genau das macht mir Sorgen.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mich mit der Entwicklung nicht nur in der Schweiz, sondern in weiten Teilen Mitteleuropas immer schwerer tue. Seit einigen Jahren habe ich zunehmend das Gefühl, dass sich Mitteleuropa selbst abschafft. Überall scheint es nur noch darum zu gehen, Bewährtes infrage zu stellen, Grenzen aufzuweichen und nationale Eigenheiten aufzugeben. Gleichzeitig nehmen die Probleme zu, und trotzdem wird oft einfach weitergemacht wie bisher.

Ja, ich weiss, dass nicht alle das so sehen.

Aber das ist meine persönliche Meinung.

Ich fand es besser, als die einzelnen Länder ihre Eigenständigkeit hatten, ihre Grenzen respektierten und ihre eigenen Interessen vertraten, ohne sich ständig für ihre Geschichte, ihre Kultur oder ihre Identität rechtfertigen zu müssen.

Dazu stehe ich.

Noch mehr Sorgen macht mir allerdings, dass die Menschheit offenbar nichts aus ihrer Geschichte lernt.

Wenn man zurückschaut, stellt man fest, dass sich vieles immer wiederholt. Die gleichen Fehler. Die gleichen Entwicklungen. Die gleiche Hoffnung, dass es diesmal anders herauskommt.

Tut es aber oft nicht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass zu wenig erzählt wird.

Dass Eltern ihren Kindern nicht mehr wirklich vermitteln, wie gewisse Dinge früher waren. Welche Erfahrungen gemacht wurden. Welche Fehler schon einmal begangen wurden. Und welche Folgen das hatte.

Was vergessen geht, wird irgendwann wiederholt.

Manchmal habe ich das Gefühl, jede Generation müsse dieselben Lektionen noch einmal lernen, obwohl sie längst bekannt sein müssten.

Wenn ich heute die Entwicklung der Schweiz anschaue, frage ich mich manchmal ernsthaft, was ich hier eigentlich noch mache.

Hätte ich einen Job, den ich vollständig von zu Hause aus ausüben könnte, würde ich vielleicht meine Koffer packen und verschwinden.

Nicht aus Wut – Nicht aus Trotz – Sondern weil ich mich immer weniger mit dem identifizieren kann, wohin sich unser Land entwickelt. Und gleichzeitig weiss ich, dass ich die Schweiz wahrscheinlich nie aufhören werde zu lieben.

Vielleicht ist genau das das Problem.

Denn enttäuscht sein kann man nur von etwas, das einem wirklich wichtig ist.

Von der Tremola bis zum Lagerfeuer 😊

Ich sehe gerade, dass mein letzter Blogbeitrag vom 26. Mai ist. Zwei Wochen also, die irgendwie wie im Flug vergangen sind. Und wenn ich so zurückblicke, ist in dieser Zeit doch einiges passiert.

Am letzten Maiwochenende war ich im Tessin, genauer gesagt in Lugano, an der Nationalsynode. Da die Anreise doch recht weit ist, sind wir bereits am Donnerstag losgefahren, damit wir am Freitagmorgen um 9.30 Uhr vor Ort sein konnten.

Für die Fahrt haben wir den Weg über den Gotthardpass und die alte Passstrasse, die Tremola, gewählt. Eine wunderschöne Strecke. Ich war zuletzt als Kind dort gewesen und konnte mich kaum noch daran erinnern.

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Nach rund sechs Stunden Fahrt – inklusive zweier Pausen – kamen wir gegen 18.45 Uhr im Hotel an. Dort wartete allerdings eine unerfreuliche Überraschung auf uns.

Unser Zimmer sei um 18.30 Uhr anderweitig vergeben worden.

Bitte was?

Die wenig freundliche Dame an der Rezeption erklärte, sie habe bereits am 2. Mai eine E-Mail geschickt, weil es ein Problem mit der Kreditkarte gegeben habe. Diese E-Mail habe ich allerdings nie erhalten. Darauf meinte sie nur, dafür könne sie nichts.

Hallo?

Wenn man auf eine wichtige Nachricht keine Antwort erhält, könnte man ja vielleicht noch einmal schreiben oder sogar telefonieren. Zumal die Zimmer über die Christkatholische Kirche Schweiz reserviert worden waren.

Immerhin wurde der Dame die Situation irgendwann selbst etwas unangenehm. Nach einigen Telefonaten fand sie schliesslich ein Zimmer im Hotel Pestalozzi, etwa 200 Meter weiter. Rückblickend war das sogar die bessere Lösung. Das Hotel war deutlich sympathischer, der Parkplatz kostenlos und am Ende haben wir sogar noch Geld gespart. Obwohl das Zimmer 20 Franken pro Nacht teurer war, kostete der Parkplatz nichts. Im ursprünglich gebuchten Hotel hätten die zwei Nächte Parkplatz zusätzlich 50 Franken gekostet.

Das Zimmer lag im vierten Stock, war klimatisiert und bot eine fantastische Aussicht auf den Luganersee und den San Salvatore.

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Am Samstagabend ging es dann zurück nach Hause. Nach der Fahrt war ich doch etwas müde.

Am Sonntag besuchte ich den Abschiedsgottesdienst des anglikanischen Pfarrers in Lausanne mit anschliessendem Mittagessen. Als ich gegen 16 Uhr wieder zuhause war, wollte ich eigentlich nur noch schlafen.

Trotzdem erwachte ich in der Nacht um drei Uhr mit Migräne. Ich nahm ein Medikament und versuchte weiterzuschlafen, was nur mässig gelang. Entsprechend meldete ich mich am Montagmorgen im Büro und erschien erst gegen 11 Uhr zur Arbeit. Zum Glück wurde es im Laufe des Tages besser.

Am Dienstag hatte Sohnemann seinen Termin mit dem Fahrlehrer. Ich war ja schon einige Male mit ihm unterwegs und fand, dass er sich gut macht. Das bestätigte auch der Fahrlehrer. Sein Fazit: sehr gutes Niveau und vermutlich nur zwei bis drei Fahrstunden nötig. Das hat mich natürlich gefreut.

Am Mittwoch kam der Sanitär wegen einer undichten Stelle im Badezimmer vorbei. Er machte ein paar Fotos und war zehn Minuten später wieder weg. Mal schauen, wie es weitergeht.

Weniger erfreulich war die Nachricht am Abend: Unsere Chorleiterin wird uns verlassen. Obwohl ich es bereits wusste, hat mich das ziemlich getroffen. Ich mag sie sehr – sowohl musikalisch als auch menschlich. Nach der Probe standen mir sogar ein wenig die Tränen in den Augen.

Am Donnerstagabend waren Claudius und ich in Estavayer für ein Picknick verabredet. Leider hatte das Wetter andere Pläne. Also sassen wir schliesslich unter einer Autobahnbrücke zwischen landwirtschaftlichen Maschinen und assen auf umfunktionierten Paletten. Nicht ganz das, was wir geplant hatten – aber irgendwie hatte es trotzdem seinen Charme.

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Der Freitag stand im Zeichen von Homeoffice. Mittags kam Mama zum Essen vorbei und am Nachmittag brachte Töchterchen mir Ashka zum Hüten. Sie hatte ein Geburtstagsessen mit Freunden.

Der arme Hund schien etwas deprimiert zu sein. Die meiste Zeit lag sie im Badezimmer und wollte nicht einmal richtig zu mir kommen. Vor einiger Zeit hatte Ashka einen Unfall, musste die Nacht in der Tierklinik verbringen und am nächsten Tag operiert werden. Inzwischen ist alles wieder gut verheilt, aber seitdem scheint sie etwas Verlustangst entwickelt zu haben. Töchterchen muss ihr das Alleinsein wohl langsam wieder beibringen.

Am Samstagmorgen ging es dann zusammen mit Bruderherz, Sohnemann und meinem Neffen nach Frankreich ins Haus von Papa.

Wir haben gemeinsam geschaut, wer welche Sachen übernehmen möchte. Das war teilweise schön, teilweise auch etwas seltsam. Manche Gegenstände wecken sofort Erinnerungen.

Bruderherz verschlief einen grossen Teil des Nachmittags. Am Abend haben wir grilliert und danach lange draussen am Feuer gesessen. Aus «noch ein bisschen» wurde schliesslich halb drei Uhr morgens. Wir haben viel geredet, gelacht, Chansons française gehört und es war ein toller Abend.

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Am Sonntag war ich bereits um halb sieben wach. Das Feuer vom Vorabend war noch warm. Zusammen mit meinem Neffen haben wir ein kleines Feuer neu entfacht. Fast ein bisschen wie Camping.

Nach und nach sind die anderen ebenfalls aufgestanden und kurz vor 14 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg zurück in die Schweiz.

Bruderherz und ich haben uns beim Fahren abgewechselt. Wobei «abgewechselt» vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, denn ich bin ungefähr zwei Drittel der Strecke gefahren und er ein Drittel. Aber das ist völlig in Ordnung. Ich sitze sowieso lieber selbst am Steuer als auf dem Beifahrersitz.

So sind diese zwei Wochen vorbeigegangen: mit einer Synode im Tessin, einer Hotelpanne, Migräne, schönen Begegnungen, traurigen Nachrichten, Familienzeit und einem Wochenende voller Erinnerungen.

Und nun ist schon wieder Montag.

Ich sitze im Büro, bin müde und habe das Gefühl, ich könnte problemlos zwei Wochen Ferien gebrauchen.

Leider fragt mein Terminkalender nicht nach meiner Meinung.

Also gibt’s jetzt erst einmal einen Kaffee. Und dann mache ich das, was ich eigentlich immer mache: weitermachen.

Wenn der Heilige Geist mitsingt

Am Sonntag hatten wir unser Konzert gemeinsam mit einem belgischen Chor aus Brüssel. Im September werden wir nach Brüssel reisen und das gleiche Programm dort nochmals aufführen. Darauf freue ich mich jetzt schon sehr.

Das Wochenende war allerdings intensiv. Bereits am Samstag haben wir unsere belgischen Gäste um 16 Uhr mit einem Zvieri aus selbstgemachten Cakes, Früchten und Kaffee empfangen. Gut eine halbe Stunde später ging es bereits weiter in die Kirche zur Hauptprobe. Zum ersten Mal sangen beide Chöre gemeinsam – und die Verschmelzung der Stimmen war wirklich beeindruckend.

Nach der Generalprobe gegen halb acht wurde das Buffet eröffnet. Viele Chormitglieder hatten selbstgemachte Köstlichkeiten mitgebracht. Ich selbst steuerte eine Käsewähe bei, blieb aber nicht lange, denn schliesslich wollten wir noch den Geburtstag von Bruderherz nachfeiern. Dafür hatte ich extra eine Rüeblitorte gebacken.

Die Freude über den Geburtstagskuchen war gross, und gemeinsam mit Claudius – ja, er war ebenfalls dabei – verbrachten wir den Abend bei Mama. Bruderherz war mit seinem Sohn übers Wochenende dort, und wir blieben fast bis Mitternacht.

Am Sonntagmorgen sass ich bereits um 9.26 Uhr im Zug. Um 11 Uhr feierten wir unseren Pfingstgottesdienst, und da ich bei uns auch die Aufgaben der Sakristanin übernommen habe, wollte die Kapelle vorbereitet werden. Kurz vor zehn war ich deshalb bereits vor Ort.

Nach dem Gottesdienst gab es einen wunderbaren Apéro. Gegen halb eins holte mich Claudius ab, und wir fuhren weiter zur Kirche, wo um 14 Uhr die «Mise en voix» für das Konzert begann.

Währenddessen werkelte Claudius in der Küche. Er kochte für über 80 Personen – für alle Chormitglieder und einige enge Freunde des Chors.

Das Konzert um 17 Uhr stand spürbar unter einem guten Stern – Das Licht, das durch die Fenster fiel, hätte kaum passender sein können…


Das Konzert war ein voller Erfolg. Am Ende gab es sogar Standing Ovations.

Besonders gefreut hat mich, dass auch unser Pfarrer mit seiner Frau sowie zwei Kolleginnen und Kollegen aus dem Büro – begleitet von ihrem Partner beziehungsweise ihrer Mutter – im Publikum waren.

Nach dem Konzert wurden Fotos gemacht, und wir konnten die wunderschöne Location mit ihrer atemberaubenden Aussicht geniessen.

Das von Claudius gekochte Essen wurde sehr geschätzt. Er erhielt sogar zweimal Applaus und als Dankeschön eine Schachtel Pralinen. Auch von mir an dieser Stelle nochmals ein grosses Dankeschön, Chou ❤️

Eine besonders schöne Begegnung hatte ich mit einer Sängerin aus dem belgischen Chor. Joëlle stammt ursprünglich aus dem Elsass und kam nach dem Konzert auf Mama und mich zu. Sie freute sich riesig, mit uns Deutsch – beziehungsweise Elsässisch – sprechen zu können. Baseldeutsch und Elsässisch sind sich tatsächlich erstaunlich ähnlich. Joëlle meinte sogar, unsere Sprache erinnere sie an ihre Kindheit.

So sehr, dass sie Mama spontan einlud, im September ebenfalls nach Belgien zu kommen. Mama würde das gerne tun. Das Problem ist nur, dass ich meinen Platz im Nachtzug sowie den Rückflug bereits gebucht habe und Mama die Reise alleine antreten müsste. Das möchte sie verständlicherweise nicht. Trotzdem überlege ich tatsächlich, ob sich dafür nicht doch noch eine Lösung finden lässt.

Nach dem Konzert halfen alle beim Aufräumen mit, und gegen 22.30 Uhr war alles wieder an seinem Platz, sauber und versorgt.

Als wir schliesslich gegen halb zwölf nachts zuhause ankamen, war ich vor allem erleichtert, dass alles so gut gelaufen war. Und noch mehr darüber, dass ich am Montag frei hatte.

Und ich kann Euch sagen: Am Montag habe ich genau gar nichts getan.

Claudius musste bereits um sechs Uhr morgens zur Arbeit aufbrechen, während ich den Tag gemütlich zwischen Sofa und Balkon verbrachte – begleitet von alten Folgen von Ein Fall für zwei.

Ach ja … irgendwie wirkten die Zeiten damals manchmal etwas einfacher.

Pfingsten – verstanden werden

„Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache sprechen hört?“
(Apostelgeschichte 2,8)

An Pfingsten denken viele zuerst an das Sprachwunder: Die Jünger sprechen plötzlich verschiedene Sprachen. Doch vielleicht liegt das eigentliche Wunder gar nicht darin, dass gesprochen wird – sondern darin, dass verstanden wird.

Denn dieselbe Sprache zu sprechen bedeutet noch lange nicht, sich wirklich zu verstehen. Das erleben wir täglich: in der Familie, am Arbeitsplatz, in Beziehungen oder auch in der Kirche. Manchmal spricht jemand mit uns – und trotzdem kommt nichts wirklich an. Worte können klar sein und sich dennoch fremd anfühlen.

Genau deshalb ist die lange Liste der verschiedenen Menschen und Herkunftsländer in der Pfingstgeschichte so bedeutend. Hinter jedem Namen steht ein Mensch mit seiner eigenen Geschichte, seinen Erfahrungen, seinen Fragen und Hoffnungen.

Und genau dort setzt Gottes Geist an.

Nicht mit einer Botschaft „für alle gleich“, sondern auf eine Weise, die jeden Einzelnen persönlich erreicht. Pfingsten zeigt einen Gott, der Menschen nicht übergeht, sondern sie dort anspricht, wo sie stehen. Einen Gott, der verstanden werden will – und der zugleich versteht.

Vielleicht liegt darin auch heute noch die eigentliche Herausforderung: nicht einfach möglichst laut oder viel zu reden, sondern so zu sprechen, dass Menschen sich gemeint, berührt und verstanden fühlen.

Und vielleicht wünsche nicht nur ich mir manchmal, von gewissen Menschen wirklich verstanden zu werden. Nicht nur gehört. Sondern verstanden. Mit allem, was zwischen den Worten liegt.

Denn manchmal ist verstanden werden das grösste Wunder überhaupt.

Müde vom Tempo der Welt

Eigentlich versuche ich, im Hier und Jetzt zu leben. Nicht zu sehr zurückzuschauen. Nicht zu weit vorauszudenken. Einfach den Moment zu nehmen, wie er ist.

Meistens gelingt mir das sogar ganz gut – Aber im Moment fällt es mir schwer.

Vor zwei Wochen ist mein Papa gestorben. Und seitdem habe ich manchmal das Gefühl, als würde sich die Welt einfach weiterdrehen, während innerlich etwas stehen geblieben ist.

Vor ein paar Tagen habe ich begonnen, alte Folgen von Ein Fall für zwei zu schauen. Vielleicht aus Nostalgie. Vielleicht auch einfach, weil dort alles langsamer wirkt. Ruhiger. Menschlicher.

Und plötzlich merke ich, wie müde mich unsere heutige Zeit macht.

Alles scheint immer schneller zu werden. Immer mehr Informationen. Immer mehr Nachrichten. Immer mehr Anforderungen. Und obwohl wir heute KI haben, Smartphones, digitale Hilfen und tausend Möglichkeiten, die uns das Leben eigentlich erleichtern sollten, habe ich oft das Gefühl, dass überall nur noch Chaos herrscht.

Alle rennen. Alle funktionieren. Alles dreht sich – Und ich bin mittendrin.

Wohnungssuche. Schlichtungsstelle. Sorgen um meinen Sohn, meine Tochter, meinen Bruder, meine Mama.
Menschen, die sich verändern oder plötzlich distanzierter werden. Frank, der sich seltener von sich aus meldet, obwohl das früher anders war.
Unsere Chorleiterin, die noch vor wenigen Wochen voller Begeisterung von Weihnachtsprojekten und Ideen fürs nächste Jahr erzählt hat — und nun offenbar geht.

Vielleicht ist es gerade einfach zu viel auf einmal.

Vielleicht merkt man nach einem Verlust auch einfach erst, wie erschöpft man eigentlich schon länger war.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich müde bin. Nicht nur körperlich. Sondern innerlich.


Und trotzdem bin ich auch dankbar. Dankbar, dass ich Claudius habe, der mich so gut unterstützt, wie er kann.
Dankbar auch für den Zusammenhalt in unserer Familie. Gerade wir vier Geschwister sind in diesen Tagen noch näher zusammengerückt, und das bedeutet mir unglaublich viel.

Und trotzdem habe ich im Moment oft das Gefühl, gedanklich nicht wirklich im Hier und Jetzt zu sein, sondern mich nach früher zu sehnen. Vielleicht auch nach einer Zeit, die einfacher, langsamer und irgendwie überschaubarer war.

Hat vielleicht jemand einen Tipp, wie man wieder etwas mehr im Heute ankommt?

May the 4th be with you, Papa

Letzten Sonntag gegen 11 Uhr bekam ich einen Anruf meines Halbbruders, der seit rund 16 Monaten mit Papa in Frankreich zusammengelebt hatte. Papa war notfallmässig ins Spital nach Besançon gebracht worden.

Das Problem war: Niemand wusste wirklich, was los war.

Bis ungefähr 16 Uhr warteten wir auf Nachrichten. Dann erfuhren wir lediglich, dass Papa operiert wurde. Mehr wusste man nicht. Wir sollten zwei Stunden später wieder anrufen. Mein Bruder tat das um 18 Uhr, um 20 Uhr und nochmals um 22 Uhr.

Irgendwann schrieb mir mein anderer Halbbruder – der Zwillingsbruder meines Bruders in Frankreich – eine kurze Whatsapp-Nachricht : „Der Arzt ruft dich gleich an.“

Die beiden sprechen kaum Französisch und hatten deshalb meine Nummer weitergegeben. Kurz nach Mitternacht klingelte mein Telefon.

Der Arzt erklärte mir, dass Papa einen Aortariss erlitten hatte und notoperiert worden war. Schon diese Operation sei extrem riskant gewesen. Dazu kamen sein Übergewicht und der Diabetes, was die Situation zusätzlich erschwerte.

Er lag nun auf der Intensivstation und musste bereits dreimal reanimiert werden.

Der Arzt sagte sehr ehrlich, dass die Nacht entscheidend sei. Es sei kritisch. Sehr kritisch. Ich solle am Morgen wieder anrufen.

Irgendwann fand ich doch noch etwas Schlaf.

Als ich am Montagmorgen gegen 7.15 Uhr erwachte, dachte ich zuerst, ich hätte vielleicht den Anruf des Spitals nicht gehört. Aber da war kein verpasster Anruf. Also machte ich mir einen Kaffee und nahm eine Tablette gegen die höllischen Kopfschmerzen, die ich inzwischen hatte.

Um 8 Uhr rief ich selbst im Krankenhaus an.

Der Arzt teilte mir mit, dass Papa es leider nicht geschafft habe und um 7 Uhr morgens gestorben sei.

Es war ein Schock. Und gleichzeitig irgendwie nicht. Denn tief in mir wusste ich seit diesem Gespräch um Mitternacht, wie ernst die Situation war.

Der Arzt sagte mir später auch noch, dass Papa selbst im Fall eines Überlebens wohl nie mehr nach Hause hätte zurückkehren können. Und so denke ich heute, dass es vielleicht gut war, dass er gehen durfte. Ohne lange zu leiden.

Danach begann eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt: meine Brüder informieren, meine Kinder, meine Mama…

Während wir in der Nacht auf Nachrichten warteten, fragte ich mich immer wieder, ob ich sofort nach Besançon fahren sollte. Zwei Stunden Fahrt. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Ich hätte sowieso nicht zu ihm gedurft.

Am Montag blieb ich zuhause. Mit der Migräne und dieser Nachricht war an Arbeiten nicht zu denken. Meine Chefin informierte zunächst die HR-Abteilung, und später bekam ich fünf Tage frei.

Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, was ich an diesem Montag alles gemacht habe.

Ich weiss nur noch, dass die Nacht auf Dienstag sehr unruhig war. Irgendwann gegen fünf Uhr morgens erwachte ich plötzlich mit dem Gefühl, dass jemand schwer auf meinem Bettrand sass.

Für mich war das Papa – Ich glaube, er hat sich verabschiedet.

Auch am Dienstag hatte ich noch starke Migräne und war kaum in der Lage, irgendwohin zu fahren.

Inzwischen hatten meine Brüder – aufgrund der Informationen, die ich vom Arzt erhalten hatte – den Bestatter organisiert. Papa wurde von Besançon nach Hause gebracht, doch seine persönlichen Sachen wollte das Krankenhaus zunächst nicht herausgeben.

Also fuhr ich am Mittwoch selbst nach Besançon.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, diese Dinge entgegenzunehmen. Als ich anschliessend wieder im Auto sass, musste ich mich erst sammeln, bevor ich weiter nach Brotte-lès-Luxeuil fahren konnte.

Gegen 15 Uhr kam ich dort an.

Meine beiden Halbbrüder und meine Lieblingstante waren bereits da. Wir umarmten uns, weinten ein wenig und redeten lange miteinander.

Am Donnerstag hatte ich einen Termin mit dem örtlichen Pfarrer, um die Trauerfeier vorzubereiten.

Es war ein römisch-katholischer Priester – offen, herzlich und sehr menschlich. Wir besprachen gemeinsam die Feier, und ich merkte, dass er sich darüber freute, dass ich wusste, wovon ich sprach.

Papa hatte oft die Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium gelesen. Genau diese Stelle wollten wir auch für die Feier auswählen.

Ich sagte dem Pfarrer, dass ich den Text auf Deutsch ausdrucken würde, damit die Gäste aus der Deutschschweiz ihn ebenfalls verstehen könnten.

Doch der Pfarrer schaute mich an und sagte : „Nein. Sie werden das lesen.“

Eigentlich eher ungewöhnlich, denn das Evangelium wird normalerweise nur von einem Geistlichen gelesen.

Natürlich hat mich das berührt.

Als ich später zuhause bei Papa nach einer Bibel suchte, fand ich seine eigene Bibel – jene, die er von seinem Grossmuetti zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte. Es war mir sofort ein Bedürfnis, das Evangelium aus seiner Bibel zu lesen.

Am Freitag kamen mein anderer Bruder, mein Neffe und meine Mama an.

Irgendwann meinte Mama leise : „Jetzt bin ich ganz allein.“ – Dieser Satz hat mich tief berührt. Meine Eltern waren seit vielen Jahren geschieden. Und trotzdem waren sie sich immer verbunden geblieben – fast wie Geschwister.

Am Samstagmorgen organisierten wir noch Blumen, bevor gegen Mittag meine Kinder ankamen. Auch Cousins und Cousinen trafen ein.

Um 14.30 Uhr begann die Trauerfeier.

Meine Mama las die Fürbitten. Ich las die Lesung und das Evangelium. Zwei meiner drei Brüder hielten eine Ansprache.

Und es war… schön.

Traurig natürlich. Aber schön.

Das halbe Dorf war gekommen… Papa lebte seit rund zehn Jahren dort. Er hatte an Dorffesten musiziert, an der Fête de la Musique und am Quatorze Juillet – gemeinsam mit dem Bürgermeister. Papa am Klavier. Der Maire am Schlagzeug.

Am Ende begleiteten wir ihn gemeinsam zum Friedhof. Eine kleine Prozession von der Kirche bis zum Grab, wo er nun mit seiner Frau ruht, die im Januar 2020 gestorben ist.

Sie starb am 4. Januar… Papa am 4. Mai… Und plötzlich schoss mir dieser Satz durch den Kopf :

„May the 4th be with you.“

Star-Wars-Fans wissen, was gemeint ist. Ich selbst bin kein grosser Star-Wars-Fan. Aber dieser Satz war plötzlich einfach da und war in dem Moment genau richtig.

Nach der Beisetzung blieben wir noch zusammen, tranken gemeinsam einen Apéro und assen am Abend als Familie zusammen. Der Zusammenhalt in diesen Tagen war unglaublich spürbar.

Ich fuhr erst spätabends wieder nach Hause und kam gegen Mitternacht an.

Der Sonntag verlief ruhig.

Und heute sitze ich wieder im Büro.

Mein Team hat mir eine gelbe Orchidee auf den Arbeitsplatz gestellt, zusammen mit einer Karte. Bereits am Montag hatten sie mir eine Karte geschickt, die am Dienstag bei mir zuhause angekommen war.

Ich bekam Nachrichten, Mails, SMS und Whatsapp-Mitteilungen von Freunden, Kollegen, Verwandten und Bekannten.

Sogar unser Bischof schrieb mir eine sehr schöne persönliche Mail.

All diese Anteilnahme hat mich tief berührt.

Und trotzdem habe ich irgendwie noch nicht wirklich realisiert, dass Papa nicht mehr da ist.

Vielleicht kommt das erst in den nächsten Wochen oder Monaten.

Aber ich bin dankbar.

Dankbar, dass er gehen durfte.
Dankbar, dass er nicht lange leiden musste.
Und dankbar für all die Menschen, die uns in diesen Tagen getragen haben.

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Papa ist nicht mehr da.
Und irgendwie doch.

In seiner Bibel.
In der Musik.
In unseren Erinnerungen.
Und in allem, was bleibt.