Wenn Stille spricht


Im Flüsternwald stand der Baum der Erinnerungen still. Zu still.

Zephira spürte es, noch bevor sie die Lichtung betrat. Der leise Summton, der sonst wie ein fernes Wispern zwischen den Ästen vibrierte, war verstummt. Keine schimmernden Blattadern, keine tanzenden Erinnerungsfunken in der Luft – nur bleierne Stille.

Liora kam wenig später, der Umhang leicht verrutscht, als wäre sie in Eile gewesen.
„Du fühlst es auch, nicht wahr?“
Zephira nickte. „Etwas ist geschehen. Der Baum… schweigt.“

Sie berührten vorsichtig die Rinde. Normalerweise erschienen dabei kleine Lichtspuren – Fragmente längst vergangener Geschichten. Doch heute blieb die Oberfläche grau und kühl.

Sie versuchten alles: Liora spielte eine alte Melodie auf ihrer Flöte, Zephira flüsterte einen Ruf aus den Tagen der ersten Hüter. Sie legten heilende Blätter in die Aushöhlung am Stamm, zündeten Harzlichter, baten den Wind um Hilfe.

Doch nichts geschah.

Die Sonne sank allmählich hinter die Hügel von Liophira, und das Licht auf der Lichtung wurde weich und golden. Der Baum blieb stumm.

„Vielleicht… braucht es Zeit“, sagte Liora leise.
Zephira nickte, obwohl ihr Innerstes unruhig war. Etwas war anders. Nicht falsch – aber fremd.
„Komm, wir gehen für heute“, sagte sie schließlich. „Vielleicht bringt die Nacht Klarheit.“

Sie verabschiedeten sich schweigend vom Baum, jede auf ihrem eigenen Pfad durch den beginnenden Dämmer. Doch ihre Gedanken blieben verbunden – wie zwei leise Wellen, die sich immer wieder berührten.

Als Zephira sich später in ihre weichen Mooskissen legte, hörte sie den Wind durch die Zweige über ihrem Unterschlupf flüstern.
„Was still ist, muss nicht geweckt werden…“ murmelte sie, ohne zu wissen, woher der Gedanke kam.

Und dann glitt sie hinüber – in einen Traum aus Nebel und Licht.

Zephira stand in silbernem Nebel. Der Boden unter ihren Füßen war weich wie Moos, die Luft still und voller Ahnung.

Plötzlich trat Liora aus dem Dunst.
„Du… bist auch hier?“
Zephira nickte. „Es ist ein Traum. Aber anders.“

Ein leises Rauschen – dann erschien lautlos eine große Eule mit schimmerndem Gefieder. Ihre Augen ruhten lange auf ihnen.

„Der Baum schweigt nicht – er horcht“, sagte sie mit ruhiger Stimme. „Manche Erinnerungen sprechen nur in der Stille.“

Mehr sagte sie nicht. Sie schlug die Flügel und verschwand im Nebel.

Die beiden blieben zurück, erfüllt von einem Wissen, das sich nicht in Worte fassen ließ.

Dann erwachten sie – fast gleichzeitig.

Die ersten Sonnenstrahlen fielen wie feiner Goldstaub durch das Blätterdach, als Zephira den Pfad zur Lichtung betrat. Noch bevor sie etwas sagen konnte, trat Liora zwischen den Farnen hervor. Ihre Blicke trafen sich – und sie wussten.

„Du hast es auch geträumt“, sagte Zephira.
Liora nickte langsam. „Die Eule. Der Nebel. Die Stille.“

Sie setzten sich schweigend an die Wurzeln des Baums. Kein Flüstern, kein Leuchten – aber auch kein Widerstand. Nur eine tiefe, lebendige Ruhe.

Zephira schloss die Augen. Keine Fragen, kein Tun. Nur Sein.

Nach einer Weile begann ein zarter Schimmer die Rinde entlangzugleiten – kaum sichtbar, aber warm. Die Luft vibrierte leise, als würde der Baum atmen.

Liora lächelte.
„Er hat uns gehört.“

Sie blieben noch lange sitzen. Die Stille war nicht mehr leer, sondern erfüllt – von Nähe, von Vertrauen, von etwas, das tiefer ging als Worte.

„Vielleicht war der Baum nie verstummt“, sagte Zephira schließlich.
„Vielleicht haben nur wir zu laut gesucht“, antwortete Liora.

Sie sahen einander an – und wussten: Die Lösung war nicht gekommen, weil sie etwas getan hatten. Sondern weil sie bereit gewesen waren, gemeinsam zu lauschen.

Der Traum war mehr als eine Erinnerung. Er war ein Zeichen.
Und vielleicht auch ein Versprechen – dass in Liophira jene geführt werden, die mit offenem Herzen fragen.

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