Am Weiher der ungelebten Jahre


Der Abend legte sich still über den Weiher, und das Wasser begann im Licht der ersten Sterne zu schimmern. Zephira und Liora sassen am Ufer, vertraut miteinander. Vor einigen Monaten hatte sie dieser Ort zum ersten Mal zusammengeführt – seither kehrten sie immer wieder hierher zurück, als gehöre er zu ihrer Geschichte.

Liora strich mit der Hand über das Gras, als könnte sie darin Spuren vergangener Tage finden. „Manchmal frage ich mich,“ sagte sie leise, „wie es gewesen wäre, wenn wir uns damals schon begegnet wären – in all den Jahren voller Träume und Aufbrüche.“

Zephira liess einen kleinen Stein ins Wasser fallen, und die Kreise zogen hinaus, bis sie sich im Dunkel verloren. „Vielleicht hätten wir Träume geteilt,“ antwortete sie. „Vielleicht wären wir mutiger gewesen, hätten Wege gewagt, die wir allein nie gegangen wären. Und doch … vielleicht hätten uns diese Wege auch auseinandergeführt.“

Ihre Worte lagen weich in der Luft, durchzogen von jener Melancholie, die das Ungelebte hinterlässt.

„Es ist seltsam,“ fuhr Liora fort, „ich spüre manchmal eine Erinnerung an etwas, das nie geschehen ist. Eine Jugend, die wir nicht miteinander hatten – und die uns trotzdem verbindet.“

Zephira schloss kurz die Augen, lauschte dem Rascheln der Blätter im Wind. „Vielleicht tragen wir beide ein Stück dieser ungelebten Jahre in uns. Nicht als Verlust, sondern als leises Echo, das uns jetzt näherbringt.“

Das Wasser plätscherte sanft, als wollte es ihre Worte bewahren. Und in diesem Moment wussten beide: Der Weiher war nicht nur ein Ort der Stille, sondern auch ein Spiegel – einer, der zeigte, was hätte sein können, und zugleich das, was noch möglich war.

Über ihnen funkelten die Sterne, als wären sie feine Fäden, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbanden.


Reflexion

Manchmal tragen wir Erinnerungen an Zeiten in uns, die wir nie erlebt haben – als wären sie aus den Fäden der Sehnsucht gewoben.

Vielleicht kennt jede und jeder von uns diese Gedanken an „ungelebte Jahre“ – verpasste Begegnungen, Entscheidungen, die anders hätten fallen können, Wege, die wir nicht gegangen sind. Sie tragen eine leise Melancholie in sich, aber auch eine besondere Kraft: Sie erinnern uns daran, wie wertvoll das Jetzt ist.

Denn manchmal genügt es, den Augenblick bewusst zu halten – und darin Frieden zu finden.

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