
Ich bin kürzlich über einen Text gestolpert, bei dem ich innerlich sofort den Kopf geschüttelt habe. Die Kernaussage: Wer Konflikte meidet, hat das in der Kindheit gelernt – aus Angst, nur dann akzeptiert zu werden, wenn man brav ist.
So einfach ist es nicht.
Ich bin konfliktphob. Ich mag keine lauten, emotional aufgeladenen Auseinandersetzungen. Und trotzdem hatte ich eine schöne, liebevolle und respektvolle Kindheit. Ich durfte meine Meinung sagen. Ich wurde gehört. Ich wurde ernst genommen.
Ich war schon als Kind ruhig. In der Schule galt ich als Musterschülerin, zumindest was mein Verhalten betraf. Still, unauffällig, ausgeglichen. Lehrer fragten meine Mama sogar, ob ich zu Hause auch so ruhig sei. Ja, das war ich. Nicht aus Angst – sondern weil es meinem Naturell entspricht. Mama sagt bis heute, diese stoische Ruhe liege einfach in meinem Charakter.
Was in solchen Erklärungen oft ausgeblendet wird, sind spätere Erfahrungen. In meiner Ehe gab es viele Auseinandersetzungen, die mein Ex-Mann aggressiv führte. Er ist mir gegenüber zweimal handgreiflich geworden. Ich habe die Polizei gerufen. Beim ersten Mal war ich zwei Wochen mit meiner Tochter weg und wollte mich scheiden lassen.
Ich bin dennoch geblieben. Ein Jahr später wurde mein Sohn geboren.
Vor allem seit diesen Erfahrungen – ich war immerhin dreizehn Jahre verheiratet – reagiert mein Körper auf Konflikte anders. Wenn jemand laut wird, ist dieses beklemmende Gefühl sofort da, mitten in der Brust. Deshalb meide ich Konflikte heute bewusst. Nicht, weil ich als Kind unterdrückt wurde, sondern aus Selbstschutz.
Konfliktvermeidung ist kein Kindheitsschaden.
Sie ist Charakter. Erfahrung. Und manchmal schlicht Selbstschutz.
❤️✅👍🏻