Gebet beim Älterwerden

Herr, du weisst besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter une eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der grossen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen…

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht weiter zu geben.

Aber du verstehst, o Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Krankheitsschilderungen andrer mit Freunde anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Ich wage auch nicht, um ein besseres Gedächtnis zu bitten – nur um etwas mehr Bescheidenheit und etwas weniger Bestimmtheit, wenn mein Gedächtnis nicht mit dem der anderen übereinstimmt.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Ich möchte kein Heiliger sein, mit ihnen lebt es sich so schwer, aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sich auch zu erwähnen.

Theresa von Avila

Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht, wenn der leise geheimnisvolle Hauch des Abends mich anweht.

Friedrich Hölderlin

Gute Kollegen

Kollegen können wir uns nicht aussuchen, wohl wahr. Obgleich wir oft den grössten Teil des Tages mit ihnen verbringen. Und genau darin liegt auch eine Chance zur Begegnung

Kollegen sollte man nie nach dem ersten Eindruck beurteilen, sonst geht man an dieser Chance vorüber. Vieles kommt nämlich erst auf den zweiten oder gar dritten Blick zum Vorschien: eine Begabung zum Beispiel oder eine nette kleine Marotte. Wer sich auf Gespräche einlässt, stellt irgendwann Gemeinsamkeiten fest. und ehe man sich’s versieht, ist man einander vertraut geworden. Ist verbunden durch die miteinander verbrachte Zeit, durch die Aufgaben, die gemeinsam bewältigt wurden, durch Erfolge und Misserfolge.

Dazu ist es auch gar nicht nötig, dem anderen das eigene Herz auszuschütten oder allzu viel Privates über sich zu erzählen. Authentisch bleiben, mans selbst sein – nur darauf kommt es an.

Es ist ein grosses Glück, zu spüren: So, wie ich bin, bin ich im Kollegenkreis angenommen und geschätzt. Wir brauchen diese Wertschätzung, wenn und die Arbeit gut von der Hand gehen soll. Es lohnt sich, wenn wir uns um sie bemühen. Wir bekommen viel zurück.

Eine Gemeinschaft ist wie eine Schiff: Jeder sollte bereit sein, das Ruder zu übernehmen.

Henrik Ibsen

Tee mit Milch und Zucker

In Otfriesland trinken sie Tee nach einem alten ritual: Erst kommt Kandiszucker in die äusserst dünnwandige Tasse. Dann giesst man den Heissen Tee darauf – und hört genüsslich, wie der Zucker knackt. Zuletzt schöpft man mit einem Löffelchen etwas Sahne und tunkt sie vorsichtig in die Tasse. Halt! Nicht umrühren! Warte ab, wie sich die Sahne als weisse Schliere im Goldbraun verbreitet.

So, jetzt kommt der erste Schluck.: Du schmeckst reinen, klaren Tee. Der zweite Schluck: Es wird milchiger, samtiger, du schmeckst Tee mit Sahne. Und nun der dritte Schluck: Jetzt kommt die Süsse vom Grund der Tasse dazu, wo sich der Kandiszucker inzwischen langsam aufgelöst hat. Schmeckst du’s ? Die Geduld hat sich doch gelohnt, oder?

Jetzt wissen wir erst, was damit gemeint ist: „Abwarten und Tee trinken“.

Noch ein Tässchen? Ja gern, danke !

Trinke Tee und du kommst zu Kräften.

Chinesisches Sprichwort

Geschafft !

Nein, Erfolg ist uns nicht in den Schoss gefallen. Du hast hart dafür gearbeitet, oft gezweifelt, dich wirklich eingesetzt. Und nun ist es geschafft.

Welch ein Genuss! Die Brust weitet sich, du wächst innerlich um ein paar Zentimeter. Erfolg macht einfach Spass – und den sollte man sich hin und wieder gönnen.

Lass dich daher nicht anstecken von jener griesgrämigen Haltung, die dem Scheitern einen moralischen Mehrwert beimisst. Da waren wohl jemandem die Trauben zu sauer… Nein, auch du weisst ja, wie jeder Mensch mit Lebenserfahrung, wie weh es tun kann, zu scheitern, und sollst deshalb deinen Erfolg so richtig geniessen. Das Kribbeln in den Händen, die so viel geschafft haben. Die Ruhe, die in deinen Geiste einkehrt, nachdem er so viel geleistet hat. Die Entspannung nach der Anspannung. Und vor allem den befriedigten Blick auf deine Arbeit, auf dein Werk. Es spricht ja für dich, es gehört jetzt zu dir.

Der Erfolg ist eine Folgeerscheinung, niemals darf er zum Ziel werden.

Gustave Flaubert

Danke für dein Vertrauen

Ich weiss noch, wie es war, als du mir zum ersten Mal etwas anvertraut und mich um Rat gefragt hast. Du appelliertest an meine Verschwiegenheit – für mich war es selbstverständlich, dass dein Geheimnis bei mir gut aufgehoben sein würde. Un ich versuchte, mich genau in deine Situation hineinzuversetzen, um dir das Richtige zu raten.

Ich war dir sehr dankbar dafür, dass du mir so dein Vertrauen gezeigt hast. Ich fühlte mich gleich ein wenig stärker dadurch. Es war für mich ein Zeichen unserer Verbundenheit. Und ich glaube, ich habe dein Vertrauen nicht enttäuscht. Noch oft hast du mir seither von dir erzählt, und ich war ebenso offen zu dir.

Unser gegenseitiges Vertrauen ist wirklich sehr gross und es wächst immer noch. Ein kostbarer Schatz, den ich nie aufs Spiel setzen würde. Weiss ich doch, wie selten so etwas ist, wie lange es braucht, um zu wachsen, und wir verletzlich es immer bleiben wird.

Nichts kann den Menschen mehr stärken als das Vertrauen, das man ihm entgegenbringt.

Adolf von Harnack

Von dir lerne ich

Irgendwann war klar: Es geht immer weiter. Die Schule ist rum, die Ausbildung beendet, ein paar Stolperfallen im Leben sind durchgestanden. So ein richtiger Grünschnabel bin ich nicht mehr. Aber lernen, das tue ich immer noch. Das hört nie auf.

Heute habe ich keinen Lehrer oder Ausbilder mehr. Ich kann mir diejenigen, von denen ich lerne, teilweise selbst aussuchen.

Du gehörts zu ihnen . Von dir schaue ich mir viel ab. Ich lerne durch Zugucken und Nachmachen. Auch durch unsere Gespräche, unseren gegenseitigen Austausch. Anders als zu Schulzeiten lernen wir ja nicht mehr durchs Einpauken, sondern indem wir Erfahrungen machen und diese anschliessend noch einmal durchdenken.

Gut, dass wir immer wieder Menschen begegnen, die uns weiterbringen. Einfach, weil sie ein wenig anders sind als wir und mit ihren eigenen Erfahrungen und ihrem Sosein ein Mosaiksteinchen mitbringen, das auch in unser persönliches Bild gut hineinpasst und das uns bislang noch gefehlt hat. Und am schönsten ist es, wenn dieses Lernen und Lehren gegenseitig geschieht.

Es ist nie zu spät, das zu werden, was man hätte sein können.

George Eliot

Da sind wir wieder

Als wir Abschied genommen haben, ahnten wir nicht, wie lange es dauern würde bis zum Widersehen. Zum Glück. Sons wäre uns die Trennung noch schwerer gefallen.

Und jetzt sehen wir uns endlich wieder. Sind gleich wieder vertraut miteinander: Die kleinen Fältchen um die Augen, die hatte ich ganz vergessen. Wie schön, sie zu sehen. Am Ende ist eines mehr dabei? Und dein Lächeln! Das habe ich so vermisst. Das ist übers Telefon eben nicht zu haben.

Neben all dem Vertrauten, lang Entbehrten ist aber auch eine kleine Fremdheit da. Beide haben wir in der Zwischenzeit Dinge erlebt, die der andere nicht mitbekommen hat. Beide haben wir uns ein klein wenig verändert

Komm, lass uns reden. Von früher und von heute und von der Zeit, die dazwischen liegt. Wir können nicht alles aufholen. Aber ein paar Seiten aufblättern können wir schon. Erzähl mir was. Und hör mir zu. Wir wollen uns wiederfinden.

Und dann, nach diesem Abend, sind wir in der Gegenwart und bei uns selbst angekommen. Haben erneut Fäden geknüpft zwischen uns. Ein Band, das halten wird über die nächste Trennung hinaus, bis zu unserem Wiedersehen danach.

Jede Trennung gibt einen Vorgeschmack des Todes und jedes Wiedersehen einen Vorgeschmack der Auferstehung.

Arthur Schopenhauer

Schweig mit mir

Für Worte können wir dankbar sein, aber auch für das Schweigen. Für alle die Worte, die besser ungesagt bleiben – vielleicht, weil sie doch mehr schmerzen als nützen würden, spräche man sie aus. Und für alle die Worte, die ohnehin nur gesagt werden würden, weil da jemand Angst vor der Stille hat.

Worte können auch ein Schutzwall sein, den man um sich herum errichtet. Hinter Worten können wir uns leicht verstecken. Und gemeinsam zu schweigen, das sagt oft mehr aus als alle Worte.

Wenn man es wagt, einmal länger als ein paar Sekunden still zu sein, dann fängt auf einmal die Stille an zu reden – in ihrer eigenen Sprache. Wir lauschen ihr gemeinsam, im Schweigen verbunden. Die Gedanken gehen hin und her, von mir zu dir und wieder zurück. Und am Ende sind wir ganz eins, ohne dass wir darüber ein Wort verloren hätten.

Komm, lass uns wieder einmal miteinander schweigen.

Wer Frieden in der Seele hat, beunruhigt weder sich selbst noch einen anderen.

Epikur von Samos

Schöne Gewohnheit

Morgens die Nachrichten hören, dazu die Tasse Kaffee und zwei Toast. Der Kuss zum Abschied. Im Büro: Zuerst den Computer anstellen – als Bildschirmhintergrund erscheint meine KAtze bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Dösen. Dann ist erst mal nur die Arbeit dran. Zwischendurch ein Blick in die Zeitung.

Mittags geht’s ins kleine Café um die Ecke. Geplauder übers nächste Wochenende und die Pläne dafür. Der Nachmittag fliegt mit Arbeit vorbei.

Abends dann die Tasse heisser Tee, Füsse hoch und erst mal lesen. Und vor dem Schlafengehen der kurze Spaziergang zu zweit: Wie war’s bei dir heute?

Rituale des Alltags. Nichts Spektakuläres. Gestern, heute und morgen immer gleich. Ich glaube, wären diese Gewohnheiten nicht, wir würden sie sofort erfinden.

Beobachten Sie mal: Welches sind Ihre Rituale? Und verfolgen Sie deren Spuren durch den Verlauf Ihres Lebens. Viele bleiben sich ber die Jahre hinweg gleich oder tauchen irgendwann in neuem Gewand auf, Die Teesorte wechselt, die Lektüre auch. Das Ritual bleibt.

Von wegen langweilig! Wir brauchen das Wiedererkennen in den kleinen Dingen. Ohne die Rituale würde uns etwas fehlen. Schön, dass es sie gibt, gerade weil sie immer gleich sind. Sie stärken das Vertrauen in die Beständigkeit des Lebens. Dass es weitergeht und dass Verlass ist auf die Zukunft.

Wäre ich Narr genug, noch an das Glück zu glauben, so würde ich es in der Gewohnheit suchen.

François-René de Chateaubriand

Mein Knirps

Wie nett, dass du immer noch bei mir bist. Deine Anhänglichkeit ist geradezu rührend. So richtig verdient habe ich sie nicht immer.

Als du neu warst, habe ich dich gern mitgenommen – deine Farben gefielen mir. Und du warst schöne leicht, leichter als deine Vorgänger. Dafür natürlich auch teurer.

Dann kam der Herbst, und du wurdest mein ständiger Begleiter. Das konnte ich nicht mehr so richtig würdigen, du gingst mir eher auf die Nerven. Klar, du sorgtest dafür, dass ich trocken blieb. Aber dafür wurdest du bei jedem Schauer selbst klitschnass und tropftest leise vor dich hin – ein sperriges Stück, für das sich unterwegs nicht immer ein Abstellolatz fand. Unter den Arm klemmen konnte ich dich in diesem Zustand auch nicht.

Dann liess ich dich zum ersten Mal stehen. Ich merkte es allerdings schon nach drei Schritten, weil es draussen mal wieder wie aus Eimern goss. schnell drehte ich um und holte dich.

Das nächste Mal, als ich dich in einem Laden vergass, hat dich jemand hinter mir hergetragen. Ich war beschämt. Du wirktest damals schon ein wenig schäbig.

Jetzt bist du alt und zerfledert. Dein Gerüst geht langsam aus dem Leim, und die Bespannung ist auch schon ausgeblichen. Aber die Mechanik funktioniert noch. Du bist auf die Reservebank im Auto gewechselt, wartest dort auf deine Einsätze im Wald und Feld un bei unverhofften Notfällen. So kann es bleiben – lange noch.

Ein Regenschirm ist ein Kleidungsstück, das – mitgenommen – für schönes Wetter sorgt.

Sprichwort