Geschockt


Am letzten Samstag war ich bei meiner besten Freundin zu besuch. Ich habe schon von ihr erzählt. Sie lebt ja ganz allein und zurückgezogen mit ihren beiden Huskys. Sie hat keine Familie und ist leider IV-Bezüger.

Kurz bevor ich gehen wollte, fragte sie mich, ob ich eigentlich schon mal Kinderfotos von ihr gesehen hätte. Ich verneinte und sie holte eine Schachtel hervor. Etwa 8 Fotos hat sie mir gezeigt, auf welchen sie zwischen 3 und 12 Jahre alt ist. Am Schluss meinte sie: „das ist meine ganze Kindheit“. Und dann fing sie an, mir im Detail zu erzählen, was sie alles erlebt hat. Ich wusste, dass sie im Heim aufgewachsen war, ich wusste, dass ihre leibliche Mutter sie weggegeben hat, ich wusste, dass sie in die Drogen kam, aber was ich nicht wusste, sind die schrecklichen Details:

  • Sexuell genötigt vom Stiefvater wenn sie ab und zu nach Hause „musste“ und auch im Heim.
  • Im Keller eingesperrt, als sie manchmal „zuhause“ war
  • Hart bestraft mit Schlägen sowohl im Heim wie „zuhause“
  • Kein Fleisch oder Süsses im Heim
  • Keine schulische Ausbildung (die Mädchen mussten im Heim arbeiten, putzen, kochen, etc und die Jungs durften Sport treiben…)
  • Gewalt ohne Ende

Ich kann gar nicht alles aufzählen, was sie mir berichtete. Sie ist total zusammen gebrochen und hat nur noch geweint. Es kam alles raus. Am Schluss hat sie sich bei mir entschuldigt, dass sie mir das alles erzählt hätte und dass sie hoffe, es belaste mich nicht.

Ich war so geschockt. Man kann sich das kaum vorstellen. Die schlechte Führung des Heims wurde anscheinend vor ein paar Jahren aufgedeckt, aber die Verantwortlichen seien – laut ihr – straflos davon gekommen. Der Stiefvater sei abgehauen und immer noch auf der Fahndungsliste, sprich: auf freiem Fuss.

Sie will jetzt einen Blog erstellen, auf welchem sie ihre Geschichte anonym erzählen kann. Ich habe ihr vorgeschlagen, ihr dabei zu helfen, und ich werde sie dabei unterstützen so gut ich kann.

Unsere Welt ist manchmal einfach nur schrecklich und ich fühle mich grad total machtlos.

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