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Wenn Heimat fremd wird

Die 10-Millionen-Initiative wurde deutlich abgelehnt.

Ich akzeptiere das Resultat. Das ist Demokratie. Aber verstehen muss ich es deswegen noch lange nicht.

Als ich die Resultate gesehen habe, war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Nicht nur schweizweit, sondern vor allem in den Städten.

Basel, meine geliebte Heimatstadt: über 70 % Nein.

Lausanne, wo ich heute lebe: ebenfalls deutlich Nein.

Dazu Zürich, Genf, Neuenburg, Luzern und viele andere Städte.

Natürlich gibt es auch in diesen Städten Menschen, die ähnlich denken wie ich. Aber wenn ich solche Resultate sehe, frage ich mich schon manchmal, ob ich die Schweiz noch verstehe.

Interessant finde ich auch, dass man den Deutschschweizern oft nachsagt, sie seien die ewigen Nein-Sager. Diejenigen, die bremsen, die skeptisch sind und allem Neuen misstrauen.

Bei dieser Abstimmung hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass der berühmte Röstigraben eine grosse Rolle gespielt hat.

Auch in der Romandie wurde die Initiative deutlich verworfen. Die Nein-Stimmen kamen nicht nur aus Zürich oder Basel, sondern genauso aus Genf, Lausanne oder Neuenburg.

Offenbar sind die Nein-Sager nicht immer dort zu finden, wo man sie vermutet.

Die Schweiz war für mich immer mehr als einfach das Land, in dem ich geboren wurde. Sie war Neutralität. Eigenständigkeit. Föderalismus. Direkte Demokratie. Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.

Und sie war etwas, worauf ich immer stolz war.

Ich war immer gerne Schweizerin.

Nicht, weil ich dachte, dass die Schweiz perfekt ist. Natürlich ist sie das nicht. Aber ich hatte immer das Gefühl, in einem Land zu leben, das vieles richtig macht. In einem Land, das seine Werte kennt, schützt und verteidigt.

Heute spüre ich diesen Stolz immer weniger.

Stattdessen frage ich mich immer öfter, warum wir so bereitwillig aufgeben, was die Schweiz über Jahrzehnte stark gemacht hat.

Neutralität? Wird immer häufiger infrage gestellt.

Souveränität? Scheint für viele kein wichtiges Thema mehr zu sein.

Traditionen und Werte? Werden oft belächelt oder als altmodisch abgetan.

Und ich verstehe es einfach nicht. Vor allem verstehe ich nicht, warum wir das freiwillig tun. Denn das alles geschieht nicht gegen den Willen der Bevölkerung. Es geschieht mit ihrer Zustimmung.

Genau das macht mir Sorgen.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mich mit der Entwicklung nicht nur in der Schweiz, sondern in weiten Teilen Mitteleuropas immer schwerer tue. Seit einigen Jahren habe ich zunehmend das Gefühl, dass sich Mitteleuropa selbst abschafft. Überall scheint es nur noch darum zu gehen, Bewährtes infrage zu stellen, Grenzen aufzuweichen und nationale Eigenheiten aufzugeben. Gleichzeitig nehmen die Probleme zu, und trotzdem wird oft einfach weitergemacht wie bisher.

Ja, ich weiss, dass nicht alle das so sehen.

Aber das ist meine persönliche Meinung.

Ich fand es besser, als die einzelnen Länder ihre Eigenständigkeit hatten, ihre Grenzen respektierten und ihre eigenen Interessen vertraten, ohne sich ständig für ihre Geschichte, ihre Kultur oder ihre Identität rechtfertigen zu müssen.

Dazu stehe ich.

Noch mehr Sorgen macht mir allerdings, dass die Menschheit offenbar nichts aus ihrer Geschichte lernt.

Wenn man zurückschaut, stellt man fest, dass sich vieles immer wiederholt. Die gleichen Fehler. Die gleichen Entwicklungen. Die gleiche Hoffnung, dass es diesmal anders herauskommt.

Tut es aber oft nicht.

Vielleicht liegt es auch daran, dass zu wenig erzählt wird.

Dass Eltern ihren Kindern nicht mehr wirklich vermitteln, wie gewisse Dinge früher waren. Welche Erfahrungen gemacht wurden. Welche Fehler schon einmal begangen wurden. Und welche Folgen das hatte.

Was vergessen geht, wird irgendwann wiederholt.

Manchmal habe ich das Gefühl, jede Generation müsse dieselben Lektionen noch einmal lernen, obwohl sie längst bekannt sein müssten.

Wenn ich heute die Entwicklung der Schweiz anschaue, frage ich mich manchmal ernsthaft, was ich hier eigentlich noch mache.

Hätte ich einen Job, den ich vollständig von zu Hause aus ausüben könnte, würde ich vielleicht meine Koffer packen und verschwinden.

Nicht aus Wut – Nicht aus Trotz – Sondern weil ich mich immer weniger mit dem identifizieren kann, wohin sich unser Land entwickelt. Und gleichzeitig weiss ich, dass ich die Schweiz wahrscheinlich nie aufhören werde zu lieben.

Vielleicht ist genau das das Problem.

Denn enttäuscht sein kann man nur von etwas, das einem wirklich wichtig ist.

Von der Tremola bis zum Lagerfeuer 😊

Ich sehe gerade, dass mein letzter Blogbeitrag vom 26. Mai ist. Zwei Wochen also, die irgendwie wie im Flug vergangen sind. Und wenn ich so zurückblicke, ist in dieser Zeit doch einiges passiert.

Am letzten Maiwochenende war ich im Tessin, genauer gesagt in Lugano, an der Nationalsynode. Da die Anreise doch recht weit ist, sind wir bereits am Donnerstag losgefahren, damit wir am Freitagmorgen um 9.30 Uhr vor Ort sein konnten.

Für die Fahrt haben wir den Weg über den Gotthardpass und die alte Passstrasse, die Tremola, gewählt. Eine wunderschöne Strecke. Ich war zuletzt als Kind dort gewesen und konnte mich kaum noch daran erinnern.

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Nach rund sechs Stunden Fahrt – inklusive zweier Pausen – kamen wir gegen 18.45 Uhr im Hotel an. Dort wartete allerdings eine unerfreuliche Überraschung auf uns.

Unser Zimmer sei um 18.30 Uhr anderweitig vergeben worden.

Bitte was?

Die wenig freundliche Dame an der Rezeption erklärte, sie habe bereits am 2. Mai eine E-Mail geschickt, weil es ein Problem mit der Kreditkarte gegeben habe. Diese E-Mail habe ich allerdings nie erhalten. Darauf meinte sie nur, dafür könne sie nichts.

Hallo?

Wenn man auf eine wichtige Nachricht keine Antwort erhält, könnte man ja vielleicht noch einmal schreiben oder sogar telefonieren. Zumal die Zimmer über die Christkatholische Kirche Schweiz reserviert worden waren.

Immerhin wurde der Dame die Situation irgendwann selbst etwas unangenehm. Nach einigen Telefonaten fand sie schliesslich ein Zimmer im Hotel Pestalozzi, etwa 200 Meter weiter. Rückblickend war das sogar die bessere Lösung. Das Hotel war deutlich sympathischer, der Parkplatz kostenlos und am Ende haben wir sogar noch Geld gespart. Obwohl das Zimmer 20 Franken pro Nacht teurer war, kostete der Parkplatz nichts. Im ursprünglich gebuchten Hotel hätten die zwei Nächte Parkplatz zusätzlich 50 Franken gekostet.

Das Zimmer lag im vierten Stock, war klimatisiert und bot eine fantastische Aussicht auf den Luganersee und den San Salvatore.

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Am Samstagabend ging es dann zurück nach Hause. Nach der Fahrt war ich doch etwas müde.

Am Sonntag besuchte ich den Abschiedsgottesdienst des anglikanischen Pfarrers in Lausanne mit anschliessendem Mittagessen. Als ich gegen 16 Uhr wieder zuhause war, wollte ich eigentlich nur noch schlafen.

Trotzdem erwachte ich in der Nacht um drei Uhr mit Migräne. Ich nahm ein Medikament und versuchte weiterzuschlafen, was nur mässig gelang. Entsprechend meldete ich mich am Montagmorgen im Büro und erschien erst gegen 11 Uhr zur Arbeit. Zum Glück wurde es im Laufe des Tages besser.

Am Dienstag hatte Sohnemann seinen Termin mit dem Fahrlehrer. Ich war ja schon einige Male mit ihm unterwegs und fand, dass er sich gut macht. Das bestätigte auch der Fahrlehrer. Sein Fazit: sehr gutes Niveau und vermutlich nur zwei bis drei Fahrstunden nötig. Das hat mich natürlich gefreut.

Am Mittwoch kam der Sanitär wegen einer undichten Stelle im Badezimmer vorbei. Er machte ein paar Fotos und war zehn Minuten später wieder weg. Mal schauen, wie es weitergeht.

Weniger erfreulich war die Nachricht am Abend: Unsere Chorleiterin wird uns verlassen. Obwohl ich es bereits wusste, hat mich das ziemlich getroffen. Ich mag sie sehr – sowohl musikalisch als auch menschlich. Nach der Probe standen mir sogar ein wenig die Tränen in den Augen.

Am Donnerstagabend waren Claudius und ich in Estavayer für ein Picknick verabredet. Leider hatte das Wetter andere Pläne. Also sassen wir schliesslich unter einer Autobahnbrücke zwischen landwirtschaftlichen Maschinen und assen auf umfunktionierten Paletten. Nicht ganz das, was wir geplant hatten – aber irgendwie hatte es trotzdem seinen Charme.

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Der Freitag stand im Zeichen von Homeoffice. Mittags kam Mama zum Essen vorbei und am Nachmittag brachte Töchterchen mir Ashka zum Hüten. Sie hatte ein Geburtstagsessen mit Freunden.

Der arme Hund schien etwas deprimiert zu sein. Die meiste Zeit lag sie im Badezimmer und wollte nicht einmal richtig zu mir kommen. Vor einiger Zeit hatte Ashka einen Unfall, musste die Nacht in der Tierklinik verbringen und am nächsten Tag operiert werden. Inzwischen ist alles wieder gut verheilt, aber seitdem scheint sie etwas Verlustangst entwickelt zu haben. Töchterchen muss ihr das Alleinsein wohl langsam wieder beibringen.

Am Samstagmorgen ging es dann zusammen mit Bruderherz, Sohnemann und meinem Neffen nach Frankreich ins Haus von Papa.

Wir haben gemeinsam geschaut, wer welche Sachen übernehmen möchte. Das war teilweise schön, teilweise auch etwas seltsam. Manche Gegenstände wecken sofort Erinnerungen.

Bruderherz verschlief einen grossen Teil des Nachmittags. Am Abend haben wir grilliert und danach lange draussen am Feuer gesessen. Aus «noch ein bisschen» wurde schliesslich halb drei Uhr morgens. Wir haben viel geredet, gelacht, Chansons française gehört und es war ein toller Abend.

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Am Sonntag war ich bereits um halb sieben wach. Das Feuer vom Vorabend war noch warm. Zusammen mit meinem Neffen haben wir ein kleines Feuer neu entfacht. Fast ein bisschen wie Camping.

Nach und nach sind die anderen ebenfalls aufgestanden und kurz vor 14 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg zurück in die Schweiz.

Bruderherz und ich haben uns beim Fahren abgewechselt. Wobei «abgewechselt» vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist, denn ich bin ungefähr zwei Drittel der Strecke gefahren und er ein Drittel. Aber das ist völlig in Ordnung. Ich sitze sowieso lieber selbst am Steuer als auf dem Beifahrersitz.

So sind diese zwei Wochen vorbeigegangen: mit einer Synode im Tessin, einer Hotelpanne, Migräne, schönen Begegnungen, traurigen Nachrichten, Familienzeit und einem Wochenende voller Erinnerungen.

Und nun ist schon wieder Montag.

Ich sitze im Büro, bin müde und habe das Gefühl, ich könnte problemlos zwei Wochen Ferien gebrauchen.

Leider fragt mein Terminkalender nicht nach meiner Meinung.

Also gibt’s jetzt erst einmal einen Kaffee. Und dann mache ich das, was ich eigentlich immer mache: weitermachen.

Müde vom Tempo der Welt

Eigentlich versuche ich, im Hier und Jetzt zu leben. Nicht zu sehr zurückzuschauen. Nicht zu weit vorauszudenken. Einfach den Moment zu nehmen, wie er ist.

Meistens gelingt mir das sogar ganz gut – Aber im Moment fällt es mir schwer.

Vor zwei Wochen ist mein Papa gestorben. Und seitdem habe ich manchmal das Gefühl, als würde sich die Welt einfach weiterdrehen, während innerlich etwas stehen geblieben ist.

Vor ein paar Tagen habe ich begonnen, alte Folgen von Ein Fall für zwei zu schauen. Vielleicht aus Nostalgie. Vielleicht auch einfach, weil dort alles langsamer wirkt. Ruhiger. Menschlicher.

Und plötzlich merke ich, wie müde mich unsere heutige Zeit macht.

Alles scheint immer schneller zu werden. Immer mehr Informationen. Immer mehr Nachrichten. Immer mehr Anforderungen. Und obwohl wir heute KI haben, Smartphones, digitale Hilfen und tausend Möglichkeiten, die uns das Leben eigentlich erleichtern sollten, habe ich oft das Gefühl, dass überall nur noch Chaos herrscht.

Alle rennen. Alle funktionieren. Alles dreht sich – Und ich bin mittendrin.

Wohnungssuche. Schlichtungsstelle. Sorgen um meinen Sohn, meine Tochter, meinen Bruder, meine Mama.
Menschen, die sich verändern oder plötzlich distanzierter werden. Frank, der sich seltener von sich aus meldet, obwohl das früher anders war.
Unsere Chorleiterin, die noch vor wenigen Wochen voller Begeisterung von Weihnachtsprojekten und Ideen fürs nächste Jahr erzählt hat — und nun offenbar geht.

Vielleicht ist es gerade einfach zu viel auf einmal.

Vielleicht merkt man nach einem Verlust auch einfach erst, wie erschöpft man eigentlich schon länger war.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich müde bin. Nicht nur körperlich. Sondern innerlich.


Und trotzdem bin ich auch dankbar. Dankbar, dass ich Claudius habe, der mich so gut unterstützt, wie er kann.
Dankbar auch für den Zusammenhalt in unserer Familie. Gerade wir vier Geschwister sind in diesen Tagen noch näher zusammengerückt, und das bedeutet mir unglaublich viel.

Und trotzdem habe ich im Moment oft das Gefühl, gedanklich nicht wirklich im Hier und Jetzt zu sein, sondern mich nach früher zu sehnen. Vielleicht auch nach einer Zeit, die einfacher, langsamer und irgendwie überschaubarer war.

Hat vielleicht jemand einen Tipp, wie man wieder etwas mehr im Heute ankommt?

May the 4th be with you, Papa

Letzten Sonntag gegen 11 Uhr bekam ich einen Anruf meines Halbbruders, der seit rund 16 Monaten mit Papa in Frankreich zusammengelebt hatte. Papa war notfallmässig ins Spital nach Besançon gebracht worden.

Das Problem war: Niemand wusste wirklich, was los war.

Bis ungefähr 16 Uhr warteten wir auf Nachrichten. Dann erfuhren wir lediglich, dass Papa operiert wurde. Mehr wusste man nicht. Wir sollten zwei Stunden später wieder anrufen. Mein Bruder tat das um 18 Uhr, um 20 Uhr und nochmals um 22 Uhr.

Irgendwann schrieb mir mein anderer Halbbruder – der Zwillingsbruder meines Bruders in Frankreich – eine kurze Whatsapp-Nachricht : „Der Arzt ruft dich gleich an.“

Die beiden sprechen kaum Französisch und hatten deshalb meine Nummer weitergegeben. Kurz nach Mitternacht klingelte mein Telefon.

Der Arzt erklärte mir, dass Papa einen Aortariss erlitten hatte und notoperiert worden war. Schon diese Operation sei extrem riskant gewesen. Dazu kamen sein Übergewicht und der Diabetes, was die Situation zusätzlich erschwerte.

Er lag nun auf der Intensivstation und musste bereits dreimal reanimiert werden.

Der Arzt sagte sehr ehrlich, dass die Nacht entscheidend sei. Es sei kritisch. Sehr kritisch. Ich solle am Morgen wieder anrufen.

Irgendwann fand ich doch noch etwas Schlaf.

Als ich am Montagmorgen gegen 7.15 Uhr erwachte, dachte ich zuerst, ich hätte vielleicht den Anruf des Spitals nicht gehört. Aber da war kein verpasster Anruf. Also machte ich mir einen Kaffee und nahm eine Tablette gegen die höllischen Kopfschmerzen, die ich inzwischen hatte.

Um 8 Uhr rief ich selbst im Krankenhaus an.

Der Arzt teilte mir mit, dass Papa es leider nicht geschafft habe und um 7 Uhr morgens gestorben sei.

Es war ein Schock. Und gleichzeitig irgendwie nicht. Denn tief in mir wusste ich seit diesem Gespräch um Mitternacht, wie ernst die Situation war.

Der Arzt sagte mir später auch noch, dass Papa selbst im Fall eines Überlebens wohl nie mehr nach Hause hätte zurückkehren können. Und so denke ich heute, dass es vielleicht gut war, dass er gehen durfte. Ohne lange zu leiden.

Danach begann eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt: meine Brüder informieren, meine Kinder, meine Mama…

Während wir in der Nacht auf Nachrichten warteten, fragte ich mich immer wieder, ob ich sofort nach Besançon fahren sollte. Zwei Stunden Fahrt. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Ich hätte sowieso nicht zu ihm gedurft.

Am Montag blieb ich zuhause. Mit der Migräne und dieser Nachricht war an Arbeiten nicht zu denken. Meine Chefin informierte zunächst die HR-Abteilung, und später bekam ich fünf Tage frei.

Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, was ich an diesem Montag alles gemacht habe.

Ich weiss nur noch, dass die Nacht auf Dienstag sehr unruhig war. Irgendwann gegen fünf Uhr morgens erwachte ich plötzlich mit dem Gefühl, dass jemand schwer auf meinem Bettrand sass.

Für mich war das Papa – Ich glaube, er hat sich verabschiedet.

Auch am Dienstag hatte ich noch starke Migräne und war kaum in der Lage, irgendwohin zu fahren.

Inzwischen hatten meine Brüder – aufgrund der Informationen, die ich vom Arzt erhalten hatte – den Bestatter organisiert. Papa wurde von Besançon nach Hause gebracht, doch seine persönlichen Sachen wollte das Krankenhaus zunächst nicht herausgeben.

Also fuhr ich am Mittwoch selbst nach Besançon.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, diese Dinge entgegenzunehmen. Als ich anschliessend wieder im Auto sass, musste ich mich erst sammeln, bevor ich weiter nach Brotte-lès-Luxeuil fahren konnte.

Gegen 15 Uhr kam ich dort an.

Meine beiden Halbbrüder und meine Lieblingstante waren bereits da. Wir umarmten uns, weinten ein wenig und redeten lange miteinander.

Am Donnerstag hatte ich einen Termin mit dem örtlichen Pfarrer, um die Trauerfeier vorzubereiten.

Es war ein römisch-katholischer Priester – offen, herzlich und sehr menschlich. Wir besprachen gemeinsam die Feier, und ich merkte, dass er sich darüber freute, dass ich wusste, wovon ich sprach.

Papa hatte oft die Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium gelesen. Genau diese Stelle wollten wir auch für die Feier auswählen.

Ich sagte dem Pfarrer, dass ich den Text auf Deutsch ausdrucken würde, damit die Gäste aus der Deutschschweiz ihn ebenfalls verstehen könnten.

Doch der Pfarrer schaute mich an und sagte : „Nein. Sie werden das lesen.“

Eigentlich eher ungewöhnlich, denn das Evangelium wird normalerweise nur von einem Geistlichen gelesen.

Natürlich hat mich das berührt.

Als ich später zuhause bei Papa nach einer Bibel suchte, fand ich seine eigene Bibel – jene, die er von seinem Grossmuetti zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte. Es war mir sofort ein Bedürfnis, das Evangelium aus seiner Bibel zu lesen.

Am Freitag kamen mein anderer Bruder, mein Neffe und meine Mama an.

Irgendwann meinte Mama leise : „Jetzt bin ich ganz allein.“ – Dieser Satz hat mich tief berührt. Meine Eltern waren seit vielen Jahren geschieden. Und trotzdem waren sie sich immer verbunden geblieben – fast wie Geschwister.

Am Samstagmorgen organisierten wir noch Blumen, bevor gegen Mittag meine Kinder ankamen. Auch Cousins und Cousinen trafen ein.

Um 14.30 Uhr begann die Trauerfeier.

Meine Mama las die Fürbitten. Ich las die Lesung und das Evangelium. Zwei meiner drei Brüder hielten eine Ansprache.

Und es war… schön.

Traurig natürlich. Aber schön.

Das halbe Dorf war gekommen… Papa lebte seit rund zehn Jahren dort. Er hatte an Dorffesten musiziert, an der Fête de la Musique und am Quatorze Juillet – gemeinsam mit dem Bürgermeister. Papa am Klavier. Der Maire am Schlagzeug.

Am Ende begleiteten wir ihn gemeinsam zum Friedhof. Eine kleine Prozession von der Kirche bis zum Grab, wo er nun mit seiner Frau ruht, die im Januar 2020 gestorben ist.

Sie starb am 4. Januar… Papa am 4. Mai… Und plötzlich schoss mir dieser Satz durch den Kopf :

„May the 4th be with you.“

Star-Wars-Fans wissen, was gemeint ist. Ich selbst bin kein grosser Star-Wars-Fan. Aber dieser Satz war plötzlich einfach da und war in dem Moment genau richtig.

Nach der Beisetzung blieben wir noch zusammen, tranken gemeinsam einen Apéro und assen am Abend als Familie zusammen. Der Zusammenhalt in diesen Tagen war unglaublich spürbar.

Ich fuhr erst spätabends wieder nach Hause und kam gegen Mitternacht an.

Der Sonntag verlief ruhig.

Und heute sitze ich wieder im Büro.

Mein Team hat mir eine gelbe Orchidee auf den Arbeitsplatz gestellt, zusammen mit einer Karte. Bereits am Montag hatten sie mir eine Karte geschickt, die am Dienstag bei mir zuhause angekommen war.

Ich bekam Nachrichten, Mails, SMS und Whatsapp-Mitteilungen von Freunden, Kollegen, Verwandten und Bekannten.

Sogar unser Bischof schrieb mir eine sehr schöne persönliche Mail.

All diese Anteilnahme hat mich tief berührt.

Und trotzdem habe ich irgendwie noch nicht wirklich realisiert, dass Papa nicht mehr da ist.

Vielleicht kommt das erst in den nächsten Wochen oder Monaten.

Aber ich bin dankbar.

Dankbar, dass er gehen durfte.
Dankbar, dass er nicht lange leiden musste.
Und dankbar für all die Menschen, die uns in diesen Tagen getragen haben.

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Papa ist nicht mehr da.
Und irgendwie doch.

In seiner Bibel.
In der Musik.
In unseren Erinnerungen.
Und in allem, was bleibt.


Toleranz – aber bitte selektiv ?

Nach der Chorprobe gibt es bei uns jeweils einen Apéro. Ich finde das immer toll, weil wir noch ein bisschen zusammenstehen und den Abend ausklingen lassen.

Ich gehe in dieser Zeit meistens kurz raus – eine Zigarette. Einfach ein paar Minuten für mich.

Gestern stand ich also draussen, als zwei neue Choristinnen – sie sind erst seit etwa einem Monat dabei – ebenfalls hinauskamen. Eine von ihnen blieb stehen, schaute mich an und meinte:
„C’est original…“

Ich war kurz irritiert.
„Was meinst du?“
„Dass du rauchst“, sagte sie. Der Tonfall war… sagen wir mal, nicht ganz neutral.

Ich habe die beiden etwas „böse“ angeschaut und gekontert:

„Weisst du, ich fühle mich als Raucher in einer Minderheit, auf die man ziemlich leicht ein bisschen abwertend schaut.“

Die beiden schauten mich etwas überrascht an.

Und irgendwie kam ich dann ins Reden und erzählte von all diesen Diskussionen über Inklusion und Sonderregelungen für einzelne.
Und ganz ehrlich: Ich habe echt Mühe damit.

Bei uns im Büro zum Beispiel wird für alles und jeden eine Lösung gesucht – sogar genderneutrale Toiletten haben wir wegen einer einzigen Person, die nicht mal täglich da ist – aber wir Raucher stehen draussen im Regen. In einer kleinen Ecke hinter dem Haus. Ohne Dach.

Wenn schon, dann doch bitte für alle gleich.

Ich habe dann noch einen draufgesetzt:

„Auf den Zigarettenpackungen steht gross ‘Rauchen ist tödlich’. Was ja stimmt. Aber warum steht das nicht auf Bierflaschen? Oder auf Wein? Alkohol kann genauso zerstören – aber da sagt niemand etwas.“

Es wurde kurz still.

Die beiden wirkten plötzlich etwas verlegen.
„Ja… das stimmt schon“, meinten sie leise.

Dann verabschiedeten sie sich ziemlich schnell.

Und ich blieb noch einen Moment draussen stehen.

Mit meiner Zigarette.
Und einem kleinen inneren Schmunzeln.

Ich gebe zu: Ich habe es ein bisschen genossen, wie sie von ihrem hohen Ross plötzlich ganz klein mit Hut davongegangen sind.

Nicht, weil ich jemanden „fertig machen“ wollte – sondern weil es manchmal gut tut, den Spiess kurz umzudrehen und einen Spiegel vorzuhalten.

Und zu zeigen, dass Dinge eben nicht immer so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Allein denken für zwei

Wenn «gut» nicht mehr reicht

Kürzlich bin ich im Internet auf einen Text gestossen, der mich nachdenklich gemacht hat.

Er handelt von einer Frau, die sich nach zwölf Jahren Ehe von ihrem Mann trennt – obwohl er nach aussen als «guter Mann» gilt: zuverlässig, treu, im Alltag präsent.

Der Grund ist kein grosser Streit, sondern ein Satz, der sich über Jahre hinweg wiederholt hat:
«Sag mir einfach, was ich tun soll.»

Er hilft – aber nur, wenn sie ihn darum bittet.
Sie hingegen trägt alles im Kopf: Termine, Organisation, Alltag.

Ein Moment bringt das Fass zum Überlaufen:
Als er sie fragt, was sie seiner Mutter zum Geburtstag gekauft haben, wird ihr klar, wie selbstverständlich diese Verantwortung für ihn geworden ist.

Nicht die einzelnen Aufgaben sind das Problem.
Sondern dass sie alleine dafür verantwortlich ist, überhaupt daran zu denken.


Meine Gedanken dazu

Dieser Text hat bei mir etwas getroffen.

Diese mentale Last – dieses ständige Mitdenken – ist schwer zu erklären, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.
Es geht nicht um einzelne Dinge. Es ist dieses Dauerhafte.

Ich kenne das aus meiner eigenen Vergangenheit.

Mein Ex-Mann hatte durchaus Bereiche, in denen er gut war – handwerklich oder bei juristischen Themen.
Aber im Alltag lag praktisch alles bei mir.

Die Kinder sowieso.
Um unsere damals eineinhalbjährige Tochter hat er sich genau vier Tage lang gekümmert – und das auch nur, weil ich selbst nach einem Rückenproblem auf ärztliche Anordnung mehrere Tage nicht aufstehen durfte.

Und selbst darüber hinaus war der Umgang mit den Kindern oft ein schwieriges Thema zwischen uns. Es hat mich belastet, wie er in gewissen Momenten mit ihnen umging – und es war immer wieder ein Punkt, an dem Konflikte entstanden.

Und ich habe mitgemacht. Viel zu lange.

Ich habe Dinge übernommen, die eigentlich nicht meine Aufgabe gewesen wären.
Ich bin für ihn Schuhe kaufen gegangen, weil er keine Lust hatte. Habe sie zurückgebracht, umgetauscht, mich darum gekümmert.

Wenn ich ihn um etwas bat, kam es oft mit Widerstand – oder nur dann, wenn es für ihn gerade passte.

Gleichzeitig war er extrem eifersüchtig.
Für sich selbst nahm er sich jedoch Freiheiten heraus, die für ihn bei mir undenkbar gewesen wären.
Einmal sassen wir in einer Bar, als eine Gruppe Männer hereinkam. Sie sprachen Schweizerdeutsch – hier in der Romandie eher ungewöhnlich – und ich drehte mich deshalb kurz um. Mehr war da nicht.
Daraus entstand eine Eifersuchtsszene, die damit endete, dass ich mich rechtfertigen musste. Der Streit ging bis tief in die Nacht – und am nächsten Tag war mir die Nacht noch deutlich anzusehen.

Heute sehe ich das klarer.

Es geht nicht darum, ob jemand «gut» ist.
Und auch nicht darum, ob jemand punktuell hilft.

Es geht darum, ob man wirklich gemeinsam Verantwortung trägt.

Und vielleicht auch darum, wie lange man selbst bereit ist, mehr zu tragen, als eigentlich gut für einen ist.

Ich sehe heute auch, welche Rolle ich damals eingenommen habe – eine Rolle, die ich so eigentlich nie wollte. Ich habe vieles einfach über mich ergehen lassen. Heute weiss ich jedoch, dass ich es nie wieder so weit kommen lassen würde.

Am Ende hat mein Mann mich für eine andere verlassen. Damals hat mich das sehr getroffen.

Heute kann ich sagen: Ich bin ihm dafür sogar dankbar.
Denn rückblickend war es wohl der Schritt, den ich selbst nicht gegangen wäre – und mir geht es heute deutlich besser.

Ein Schritt weiter

In meinem letzten Beitrag habe ich Euch ja erklärt, wie meine aktuelle Situation gerade aussieht.

Heute habe ich die Einsprache gegen die Kündigung geschrieben und werde sie nachher zur Post bringen. Zum Glück habe ich die Möglichkeit, solche Dinge im Büro zu erledigen – vor allem an Tagen wie heute, an denen nicht viel läuft.

Ich gebe zu, es hat mich etwas Überwindung gekostet. Solche Schritte liegen mir nicht besonders – und trotzdem weiss ich, dass es wichtig ist, für sich einzustehen.

Es ist kein grosser Moment, eher ein leiser. Aber einer, der sich trotzdem bedeutsam anfühlt.

Jetzt heisst es warten. Und das Vertrauen, das ich in mir trage, festzuhalten – auch dann, wenn es zwischendurch leise wird. Aufgeben ist keine Option.

Wohnungssuche – gar nicht so einfach

Aktuell bin ich auf Wohnungssuche.

Ich wohne zurzeit in einer subventionierten 4-Zimmer-Wohnung, die nun, da ich nur noch mit meinem Sohn hier lebe, als unterbelegt gilt. Deshalb muss ich mich neu orientieren.

Grundsätzlich hätte ich weiterhin Anspruch auf eine subventionierte 3-Zimmer-Wohnung. Gleichzeitig würde ich aber lieber eine „normale“, nicht subventionierte Wohnung finden – mit Blick nach vorne, um nicht in ein paar Jahren wieder in der gleichen Situation zu sein, wenn mein Sohn auszieht.

Hinzu kommt: Ich möchte gerne in der Region bleiben, in der ich heute lebe.

Ich bin zuversichtlich, dass ich etwas Passendes finden werde.
Aber ehrlich gesagt graut mir jetzt schon vor dem Aussortieren, Packen und dem ganzen Drumherum.

Falls jemand Tipps oder Ideen hat – sei es zur Wohnungssuche oder zum Ausmisten und Packen – ich bin sehr dankbar dafür.

Aller Anfang ist schwer

Seit Montag ist Sohnemann nun in einem Programm zur Wiedereingliederung in die Berufswelt. Nach sechs – teils schwierigen – Jahren ist er endlich wieder auf dem Weg.

Am Mittag des ersten Tages kam er zu mir ins Büro, und wir haben gemeinsam gegessen. Er wirkte etwas frustriert, denn gleich am Morgen standen ein Französisch- und ein Mathetest auf dem Programm. Er meinte, er habe nichts von „2a + 2b“ bzw. „(a + b)“ verstanden. Ich konnte ihn etwas beruhigen und erklärte ihm, dass es dabei nicht um Noten geht, sondern darum zu sehen, was aufgefrischt werden muss.

Am Nachmittag ging er wieder zurück. Als wir kurz vor 17 Uhr gemeinsam auf dem Heimweg waren, sagte er: „Heute Nachmittag war okay. Der Mathe- und der Französischlehrer sind in Ordnung.“

Heute ist Donnerstag, und die erste Woche ist bald vorbei.
Es ist noch alles neu, vielleicht auch noch ein bisschen unsicher.
Aber da ist etwas in Bewegung gekommen.

Und ich habe ein gutes Gefühl… !