Unbekannte Freunde


Es gibt ein paar Menschen, die kenne ich fast gar nicht. Und doch würden sie mir fehlen, wenn ich sie plötzlich nicht mehr sähe. Sie sind keine Freunde im eigentlichen Sinn, ja, noch nicht einmal richtige Bekannte. Aber auf irgendeine Art sind sie mir ganz vertraut.

Da ist zum Beispiel der Mann von der Reinigung. Seit zehn Jahren suche ich nun schon sein Geschäft auf. Wir wechseln ein paar Worte, nicht viel mehr als „bitte“ und „danke“ und „soll ich’s auf dem Bügel lassen?“ Ich weiss, wie es im Laden riecht, ich kenne die Temperaturen darin im Sommer und im Winter. Neulich habe ich zum Umbau gratuliert und mich gefreut, dass die schlnen alten Meisterbriefe nach wie vor an der Wand hängen.

Oder die Verkäuferin im Stehimbiss. Sie weiss schon meine Gewohnheiten: die Kartoffeln mit viel Butter, aber den Eintopf ohne Wurst bitte. Und manchmal möchte ich noch Nachschlag. Neulich wurde die Verkäuferin mittags von ihrer Familie abgeholt. Ich habe mir die Gesichter genau angeschaut, versucht, Ähnlichkeiten festzustellen. Neugier? Nein, eher Sympathie.

Und dann die Frau mit den beiden Mädchen, der ich seit einiger Zeit jeden Morgen über den Weg laufe. wenn ich zum Auto gehe. Sie bringt ihre Téchter wohl zum Kindergarten. Ich gegegne ihr noch nicht lange, bisher hat sie mich nicht bemerkt. Aber eines Tages werden unsere Blicke sich treffen – und dann gehört auch sie zu diesm merkwürdigen Kreis dazu – zu meinen Freunden des Alltags.

Ein unbekannter Freund ist auch ein Freund.

Gotthold Ephraim Lessing

Ein Kommentar zu “Unbekannte Freunde

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