Das falsche Bild vom Wohlstand


Die Schweiz gilt als eines der reichesten Ländern – geordnet, sicher, erfolgreich.
Doch hinter der glänzenden Fassade sieht es oft anders aus.
Ein ehrlicher Einblick in die Realität zwischen Löhnen, Lebenskosten und dem Mut, offen über Geld zu sprechen.

Die Leute – und damit meine ich nicht nur Einzelne – verstehen es oft nicht.
Wir leben in einem Land, das nach aussen hin glänzt. Ein Land, das als reich, sicher und stabil gilt. Viele sehen nur die Fassade: schöne Häuser, gepflegte Strassen, pünktliche Züge, volle Regale. Alles scheint geordnet, solide – fast perfekt.

Doch hinter dieser Fassade sieht es oft ganz anders aus. Nicht jeder, der in der Schweiz lebt, hat ein bequemes Leben oder ein dickes Konto. Viele kämpfen – still, unsichtbar, mit sich selbst und mit ihren Rechnungen.

Ich weiss, wovon ich spreche.
Manchmal bekomme ich Hilfe, auch finanzielle Hilfe. Und ja, ich schätze das sehr. Ich schäme mich nicht, das offen zu sagen. Ich war schon einmal auf dem Sozialamt – und habe mich sechs Jahre lang bemüht, dort wieder wegzukommen. Es war nicht leicht, aber ich habe es geschafft.

Ich habe Schulden – keine riesigen, aber doch rund 10’000 Franken. Das gehört zu meiner Realität.
Manchmal frage ich mich ehrlich, ob es nicht einfacher gewesen wäre, auf dem Sozialamt zu bleiben. Damals musste ich keine Steuern zahlen, meine Krankenkasse war zu 100 % subventioniert, und auch der Selbstbehalt, Zahnarztkosten und andere Ausgaben wurden übernommen.

Heute verdiene ich vielleicht 1’500 Franken mehr als damals – aber gleichzeitig muss ich all diese Kosten selbst tragen. Und diese übersteigen die 1’500 Franken bei weitem.
Am Ende geht die Rechnung einfach nicht auf.

Ich bin nicht der typische Schweizer, der über Geld schweigt. Wenn es um Löhne geht, sage ich, was ich verdiene. Und fast immer – vor allem Nicht-Schweizer – reagieren mit Erstaunen: «Wow, du verdienst aber gut!»
Doch das stimmt so nicht.

Ich verdiene heute etwa gleich viel, wie meine Mutter vor 30 Jahren verdient hat – im gleichen Beruf, mit der gleichen Ausbildung. Der Unterschied? Die Lebenshaltungskosten sind explodiert.
Krankenkassenprämien, Mieten, Lebensmittel – alles ist gestiegen. Und dazu kommen Dinge, die es damals gar nicht gab: Internet, Handy, digitale Abos. Das Leben ist teurer geworden, und trotzdem tun viele so, als ginge die Rechnung noch auf.

In der Theorie sollte ich mit meinem Lohn gut leben können. Auf dem Papier sieht es sogar vernünftig aus: keine Schulden, alle Rechnungen pünktlich bezahlt, keine unnötigen Ausgaben – dann müsste es eigentlich aufgehen.
Aber das ist eben Theorie.
In der Praxis kommen immer wieder unvorhergesehene Kosten: eine Zahnarztrechnung, ein neues Paar Schuhe, ein kaputtes Haushaltsgerät oder eine Erhöhung der Krankenkasse. Schon kleine Dinge bringen das fragile Gleichgewicht ins Wanken.

Oft höre ich den Rat, man müsse Rückstellungen machen – für Steuern, Autoreparaturen oder Zahnarztkosten. Und ja, in der Theorie stimmt das. Aber in der Realität funktioniert es einfach nicht.
Jedes Mal, wenn ich etwas auf die Seite legen will, muss ich das Geld am Ende doch wieder brauchen, um überhaupt über die Runden zu kommen.
Heute ist der 10. Oktober – und ich habe noch knapp 100 Franken bis zum Monatsende. Das ist die Realität, nicht die Theorie.

In der Schweiz sind Eltern zudem gesetzlich verpflichtet, für ihre Kinder finanziell aufzukommen – bis zum Abschluss einer Erstausbildung oder spätestens bis zum 25. Lebensjahr.
Das klingt vernünftig, ist aber für viele Familien eine enorme Belastung. Wer einen mittleren Lohn verdient – also eigentlich nicht schlecht, aber auch nicht überdurchschnittlich – gerät dabei leicht an seine Grenzen. Wenn dann plötzlich, aus unerklärlichen Gründen, keine Krankenkassenprämienverbilligung mehr gewährt wird, kann das verheerend sein.
Statt wie zuvor rund 500 Franken, sind es plötzlich 1’000 Franken im Monat – eine Verdoppelung, die das Budget komplett sprengt.
Und niemand erklärt einem, warum. Die «Götter» wissen es vielleicht – aber man selbst steht einfach da, rechnet, kürzt, verzichtet. Auf eine Antwort der Behörde auf mein Warum? warte ich übrigens seit Anfang Februar. Anrufen kann man nicht. Eine E-Mail schreiben auch nicht. Der einzige Weg ist der Postweg – langsam, anonym und ohne jede Rückmeldung.

Ein typischer Schweizer gibt selten zu, wenn er Schulden hat. Das Image muss gewahrt bleiben – das Bild vom erfolgreichen, gut verdienenden, abgesicherten Menschen. Genau dieses Schweigen aber trägt dazu bei, dass viele glauben, alle Schweizer seien reich, hätten ein bequemes Leben und keine Sorgen.

Doch das ist ein Trugbild.
Hinter vielen Fassaden steckt Druck, Unsicherheit, Existenzangst – und manchmal auch Scham.
Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit, mehr Mut, über das zu sprechen, was wirklich ist.

Denn vielleicht liegt genau darin der Anfang von Veränderung – wenn wir den Mut finden, hinter die Fassade zu schauen.


Ich teile meine Erfahrungen nicht, um Mitleid zu erwecken, sondern um sichtbar zu machen, was oft unsichtbar bleibt.
Wer meine Texte schätzt und mir helfen möchte, weiterhin offen über solche Themen zu schreiben,
darf mich gerne mit einem kleinen Beitrag unterstützen.
Weitere Informationen dazu findest du unter «Zukunfts-Chance».

Jeder Franken bedeutet ein Stück Freiheit – und die Möglichkeit, weiterhin ehrlich zu bleiben.

4 Kommentare zu “Das falsche Bild vom Wohlstand

  1. Ein sehr ehrlicher Beitrag.
    Natürlich sagt das Gehalt allein nichts aus, denn die Lebenshaltungskosten sind in der Schweiz sehr hoch. Dennoch sind 10’000 Franken ein noch beherrschbarer Betrag. Aber auch dafür zahlt man Zinsen. Kannst du den Betrag in einen Kleinkredit umwandeln, damit du weniger Zinslast hast?

    Schade, dass du um Geld bittest, es hat den Post ein wenig zerstört.

    • Danke für deinen Kommentar und dafür, dass du dir Zeit genommen hast, meinen Beitrag zu lesen.

      Einen Kleinkredit kann ich leider nicht aufnehmen, weil es sich nicht um eine einzelne Schuld handelt, sondern um mehrere kleinere – zusammen ergeben sie etwa diesen Betrag. Eine Zusammenfassung über einen Kredit wäre unter diesen Umständen nicht möglich oder würde die Situation eher verschlechtern. Zudem würde ich wohl nicht einmal einen Kleinkredit bekommen.

      Mir war bewusst, dass der Hinweis auf Unterstützung unterschiedlich aufgenommen werden kann. Für mich gehört er aber dazu, weil ich offen über Dinge schreibe, über die viele lieber schweigen – auch über finanzielle Realität. Viele sind sich «zu schade» oder schämen sich, um Unterstützung zu bitten.

      Ich gehöre nicht zu den Menschen, die problemlos und ohne Zögern Unterstützung erhalten, weil sie in eine bestimmte gesellschaftliche Schublade passen. Ich gehöre zu denjenigen, die im eigenen Land um jede Hilfe kämpfen, erklären, begründen und warten müssen.
      Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb Offenheit für mich der einzige Weg ist, ehrlich zu bleiben – und die Hoffnung auf Besserung nicht zu verlieren.

      Wer möchte, darf helfen. Wer einfach nur liest, nachdenkt oder sich vielleicht sogar selbst darin wiedererkennt, schenkt mir ebenfalls etwas Wertvolles.

      Ich weiss, dass Themen wie diese nicht leicht sind – weder zum Schreiben noch zum Lesen.
      Umso mehr freue ich mich über Menschen, die sich wirklich damit auseinandersetzen, Fragen stellen oder einfach Anteil nehmen. Denn genau dadurch entstehen die Gespräche, die wir als Gesellschaft so dringend brauchen.

      Ich hoffe, du liest auch weiterhin auf meinem Blog mit – nicht alle Beiträge sind so persönlich, aber jeder ist mit Herz geschrieben.

      Herzliche Grüsse
      boelleli

      • Danke für deine Erklärung.
        Die Idee mit dem KK ist, alle Verbindlichkeiten mit einem Schlag abzulösen und das geringste Zinsniveau zu erhalten. Damit ergeben sich die meisten Vorteile.

        Deine wirtschaftliche Situation ist eng und ich kenne die üblichen Schweizer Gehälter in meiner Branche. Ist schon seltsam, wie freudig Schweizer manchmal in Deutschland einkaufen oder Essen gehen und sich über die „billigen“ Preise freuen. Aber so geht es Deutschen manchmal im Ausland auch, man muss nur weit genug verreisen.

        Ich lese weiter. Mich schreckt dein Aufruf nicht, er war nur überraschend und direkt. Du bist nicht faul, arbeitest, machst dir Gedanken. In Deutschland sieht die Situation oft anderes aus.

      • Danke dir für deine Rückmeldung – und dafür, dass du dir wirklich Gedanken machst.
        Ja, die Idee mit dem Kleinkredit verstehe ich grundsätzlich. In meinem Fall wäre das aber schwierig umzusetzen, da ich Betreibungen habe – das entspricht in Deutschland etwa einem negativen Schufa-Eintrag oder einer Pfändung. Damit gibt mir keine Bank mehr einen Kredit.

        Ich freue mich sehr, dass dich mein Aufruf nicht abgeschreckt hat – das war mir wichtig. Mir geht es nicht darum, Mitleid zu bekommen, sondern ehrlich zu zeigen, was viele betrifft, über das aber kaum jemand spricht.

        Schön zu wissen, dass du weiter mitliest. Solche Gespräche und ehrlichen Reaktionen bedeuten mir wirklich viel.

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