Wenn Stille lauter wird


Manchmal frage ich mich, wann es kippt.
Wann aus Interesse Aufdringlichkeit wird, aus Nähe ein Zuviel, aus ehrlicher Verbundenheit das Gefühl, jemandem zur Last zu fallen.

Ich schreibe einem Menschen, der mir seit bald zwei Jahren sehr wichtig ist.
Wir kennen uns nicht persönlich, aber wir teilen Gedanken, Alltag, manchmal auch Sorgen.
Es ist eine besondere Art von Freundschaft – getragen von Vertrauen, gegenseitigem Respekt und ehrlichem Interesse.

Er hat mir schon oft geholfen – auf ganz unterschiedliche Arten.
Mit Worten, mit Geduld, mit seiner ruhigen, sachlichen Art, die manchmal mehr bewirkt als jedes Mitleid.
Und auch ganz praktisch, wenn es im Leben einmal eng wurde – uneigennützig, selbstverständlich, ohne viele Worte. Dafür bin ich dankbar. Vielleicht gerade deshalb spüre ich die Veränderung so deutlich.

Bis vor ein paar Monaten haben wir oft bis spät in die Nacht geschrieben, manchmal über Gott und die Welt, manchmal einfach nur über Alltägliches. Diese Gespräche hatten etwas Vertrautes, Leichtes – eine Art stilles Band, das den Tag rund machte.
Doch in letzter Zeit ist das anders. Der Austausch endet früher, bleibt sachlicher, distanzierter.
Nicht plötzlich, nicht mit Worten – aber mit einer Stille, die zwischen den Zeilen wächst.

Ich lese seine Nachrichten – höflich, kontrolliert, fast nüchtern.
Seit einiger Zeit allerdings drehen sich unsere Gespräche fast nur noch um ein einziges Thema.
Und ich merke, wie ich beginne, mich selbst zu hinterfragen.
Habe ich zu viel geschrieben?
War ich zu offen, zu direkt?
Bin ich zu viel?

Ich bin mir sicher, dass er einst sehr gelitten hat, dass sein Vertrauen missbraucht wurde –
und dass er deshalb eine dicke Mauer um sich gebaut hat.
Ich würde mir wünschen, dass er mir ein wenig mehr vertraut. Dass er ein bisschen offener wäre, mir mehr von sich erzählt – nicht nur Fakten, sondern Gedanken, Stimmungen, kleine Ausschnitte aus seinem Leben. Ich möchte gerne ein wenig an seinem Leben teilhaben, ohne irgendetwas kontrollieren zu wollen.
Und vielleicht auch, dass er mir hin und wieder schreibt, ohne dass ich zuerst schreibe.
Nicht, weil ich Aufmerksamkeit brauche, sondern weil solche kleinen Gesten zeigen, dass die Verbindung auf beiden Seiten lebt.

Es ist merkwürdig, wie schnell Unsicherheit entsteht, wenn der vertraute Rhythmus zwischen zwei Menschen aus dem Gleichgewicht gerät.
Ich weiss, jeder braucht seinen Raum, seine Pausen, seine Abende, an denen man einfach für sich sein will.
Und trotzdem – wenn mir jemand wichtig ist, fehlt mir der Austausch. Dann macht Distanz etwas mit mir.

Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – zwischen meinem Wunsch nach Nähe und seinem Bedürfnis nach Ruhe. Zwischen meinem Impuls, zu teilen, und seinem Wunsch, einfach still zu sein.

Aber heute, jetzt, in diesem Moment, macht es mich traurig. Nicht wütend, nicht enttäuscht – einfach traurig. Weil ich mir gewünscht hätte, dass meine Anteilnahme nicht als Einmischung oder Kontrolle empfunden wird, sondern als das, was sie ist: ein Ausdruck von Verbundenheit, von ehrlichem Interesse, von Zuneigung ohne Erwartung.
Dass mein „Sie fehlen mir“ nicht wie eine Forderung klingt, sondern wie das leise Eingeständnis, dass mir ein Stück vertrauter Alltag abhandengekommen ist.
Manchmal sind es gerade die stillen Veränderungen, die am meisten nachhallen – weil sie nichts zerstören, aber etwas verschieben.

Vielleicht muss ich lernen, dass Freundschaft nicht immer Gleichzeitigkeit bedeutet.
Dass auch Stille dazugehört.
Und dass Verbundenheit bestehen bleiben kann – selbst wenn sie manchmal auf Distanz lebt.

5 Kommentare zu “Wenn Stille lauter wird

  1. Hmm. Wenn ihr euch so lange kennt und anscheinend auch schätzt, solltest du direkt nachfragen und nicht spekulieren. Du reflektierst und stellst dich in Frage. Musst du das überhaupt?
    Vielleicht gab es bei ihm Veränderungen.

    Noch eine bekannte Lebensweisheit: Abstand schafft Nähe. Gib etwas Leine und nimm dich zurück. Probleme gibt es eigentlich nur, wenn Erwartungen enttäuscht werden.

    • Hab ich schon versucht… aber oft weicht er aus und gibt keine konkrete Antwort.
      Ausserdem hab ich ein wenig Angst, dass wenn ich zu oft und zu direkt frage, er sich vielleicht mehr zurück zieht. Und das will ich auf keinen Fall.
      Ich versuche mich jetzt mehr zurück zu halten… aber es fällt mir schwer

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