Ein leiser, grosser Moment der Geschichte schreibt


Es gibt Momente, die auf den ersten Blick unspektakulär wirken – ein politischer Entscheid, ein Gesetz, eine formale Anerkennung.
Und doch tragen sie eine Geschichte in sich, die viel tiefer geht.

Vor wenigen Tagen wurde im Kanton Waadt ein solcher Entscheid gefällt:
Die Föderation der anglikanischen und christkatholischen Kirchen (FACCV) wurde als Gemeinschaft von öffentlichem Interesse einstimmig mit einer Enthaltung vom Grossen Kantonsrat anerkannt.

Ein Entscheid, der nicht einfach «vom Himmel gefallen» ist.
Es ist das Resultat eines langen, anspruchsvollen Prozesses – begonnen bereits 2016, mit zahlreichen Prüfungen, Abklärungen und Anforderungen.

Ein Entscheid, der bestätigt:
Diese Kirche ist da.
Sie ist Teil dieser Gesellschaft.
Und sie trägt etwas bei.

Denn genau darum geht es bei dieser Anerkennung:
Nicht um Privilegien – sondern um Sichtbarkeit, um Dialog, um einen Platz im gesellschaftlichen Gefüge.


Und doch ist das für mich mehr als ein politischer Akt.

Es ist persönlich.

Meine Familie gehört zu den Gründungsmitgliedern der christkatholischen Kirche der Schweiz im Jahr 1871.
Diese Geschichte ist also nicht etwas, das ich «irgendwann entdeckt» habe.
Sie ist Teil meiner Wurzeln.

Und dann kam Lausanne.

Als wir 1990 hierhergezogen sind, war die christkatholische Kirchgemeinde praktisch nicht mehr existent.
Man könnte auch sagen: Sie war am Verschwinden.

Dass es sie heute noch gibt, ist nicht selbstverständlich.

Es ist das Resultat von Menschen, die geblieben sind.
Allen voran meine Mutter – still, beharrlich, treu.

Ich bin stolz auf uns – und vor allem auf meine Mama, die nie aufgegeben hat.


Denn Kirche ist nicht nur Struktur.

Kirche ist Beziehung.
Kirche ist Präsenz.
Kirche ist das stille Dranbleiben über Jahre hinweg.

Der Kanton anerkennt heute eine Organisation.
Ich sehe darin vor allem die Anerkennung von Menschen, von Engagement, von gelebtem Glauben – oft im Kleinen, oft im Verborgenen.

Und vielleicht ist genau das das Schönste daran:

Dass etwas, das lange unsichtbar war, plötzlich sichtbar wird.

Nicht, weil es sich verändert hat.
Sondern weil jemand hinschaut.


Ein Moment des Innehaltens

Nach Jahren des Engagements.
Nach Jahrzehnten des Dranbleibens.
Nach Generationen von Menschen, die diese Kirche getragen haben.

Ist dieser Moment mehr als ein Entscheid.

Er ist ein Zeichen.

Ein Zeichen dafür, dass Treue Spuren hinterlässt.
Auch wenn es lange dauert, bis sie sichtbar werden.

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