Der kleine gelbe Luftballon


Es war einmal ein kleiner gelber Luftballon.

Gemeinsam mit vielen anderen Luftballons lag er in einer grossen Kartonschachtel. Seine Freunde waren rot, blau, grün, orange oder pink. Manche waren etwas grösser, andere etwas kleiner. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie warteten.

Im Karton war es dunkel. Meistens war alles still. Nur manchmal merkten die Luftballons, dass sich etwas bewegte. Dann wurde die Schachtel getragen oder ein wenig geschüttelt. Wohin sie gebracht wurden, wusste niemand.

Der kleine gelbe Ballon fragte sich oft, wie die Welt ausserhalb des Kartons wohl aussehen mochte. Er stellte sie sich wunderschön vor – mit blauem Himmel, warmem Sonnenschein, Blumen, Bäumen und lachenden Kindern.

Doch sehen konnte er nichts.

Eines Tages wurde die Schachtel wieder bewegt. Dieses Mal hörte man plötzlich fröhliches Kinderlachen. Stimmen riefen durcheinander, irgendwo spielte Musik und immer wieder wurde laut gelacht.

Dann geschah etwas Wunderbares.

Der Deckel wurde geöffnet.

Zum ersten Mal fiel helles Tageslicht in die Schachtel. Der kleine gelbe Ballon staunte. Eine grosse Hand griff hinein und nahm eine Handvoll Ballons heraus.

Der kleine gelbe Ballon blieb zurück.

Enttäuscht seufzte er.

„Warum denn nicht ich?“, dachte er traurig. „Ich möchte doch auch endlich hinaus.“

Kurz darauf hörte er ein seltsames Zischen.

Was das wohl war?

Er konnte nichts sehen und wartete gespannt.

Nach einer Weile kam die Hand erneut zurück.

Dieses Mal wurde auch der kleine gelbe Ballon herausgenommen.

Neugierig blickte er sich um.

Er lag auf einem grossen Holztisch. Neben ihm stand eine rote Flasche mit einem langen Schlauch. Daneben lagen viele bunte Geschenkbänder, alle ordentlich auf die gleiche Länge zugeschnitten.

Während er sich umsah, entdeckte er etwas Erstaunliches.

Überall schwebten Luftballons.

Rote, grüne, blaue, pinke und auch gelbe Ballons tanzten sanft in der Luft. Sie sahen glücklich aus.

„Wie machen die das nur?“, fragte sich der kleine gelbe Ballon.

Da wurde der grüne Ballon neben ihm aufgehoben. Vorsichtig stülpte man ihn über den Schlauch der roten Flasche. Jemand drehte an einem kleinen Rad.

Zisch…

Da war das Geräusch wieder.

Der kleine gelbe Ballon beobachtete staunend, wie sein Nachbar langsam immer grösser wurde. Seine Haut spannte sich, und plötzlich begann der grüne Ballon zufrieden zu lächeln.

„Ich möchte das auch erleben!“, dachte der kleine gelbe Ballon.

Und ehe er sich versah, war auch er an der Reihe.

Vorsichtig wurde er über den Schlauch gestülpt.

Dann strömte etwas in sein Inneres.

Es war, als würde neues Leben in ihn hineinfliessen.

Mit jedem Augenblick wurde er grösser. Es fühlte sich wunderbar an. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, genau so zu werden, wie er eigentlich gedacht war.

Als seine Haut sich angenehm spannte, wurde das Ventil geschlossen. Ein kleiner Knoten hielt die Luft sicher fest. Anschliessend band man ein schönes Geschenkband an ihn.

Und plötzlich…

… schwebte er.

Wie leicht sich das anfühlte!

Von hier oben konnte er alles sehen: die lachenden Kinder, die bunten Girlanden, die Blumen, den blauen Himmel und seine vielen Ballonfreunde.

Es war noch viel schöner, als er es sich jemals vorgestellt hatte.

Kurz darauf griff eine kleine Kinderhand nach seinem Band.

Das Kind lief lachend über die Wiese, sprang, tanzte und drehte sich im Kreis.

Der kleine gelbe Ballon tanzte fröhlich mit.

Noch nie war er so glücklich gewesen.

Doch plötzlich geschah etwas Unerwartetes.

Das Kind öffnete unbemerkt seine Hand.

Langsam löste sich das Band.

Der kleine gelbe Ballon stieg höher und höher.

Er blickte nach unten.

Die Menschen wurden immer kleiner. Die Häuser wirkten wie Spielzeug, die Autos wie kleine Käfer und die Bäume wie grüne Tupfer in der Landschaft.

Doch der kleine gelbe Ballon hatte keine Angst.

Im Gegenteil.

Er fühlte sich frei.

Der Wind trug ihn sanft immer höher.

Schliesslich erreichte er die Wolken.

Sie waren weich wie Watte und schienen ihn liebevoll zu empfangen.

„So weit bist du also gekommen“, flüsterten sie.

Der kleine gelbe Ballon lächelte.

Er ruhte sich eine Weile zwischen den Wolken aus. Die Sonne wärmte ihn, der Wind erzählte ihm Geschichten von fernen Ländern und die Vögel begleiteten ihn ein Stück auf seiner Reise.

Da verstand der kleine gelbe Ballon etwas.

Wie oft hatte er geglaubt, im dunklen Karton vergessen worden zu sein.

Wie oft hatte er sich gefragt, warum immer die anderen an der Reihe waren.

Damals konnte er nicht wissen, dass auch für ihn der richtige Moment kommen würde.

Und dass dieser Moment sein ganzes Leben verändern würde.

Er schaute noch einmal hinunter auf die Erde.

Dort unten liefen Menschen durch ihren Alltag. Manche lachten. Manche weinten. Manche warteten. Manche hatten die Hoffnung fast verloren.

Am liebsten hätte er ihnen zugerufen:

„Gebt nicht auf. Auch wenn ihr gerade nur Dunkelheit seht. Das Leben hat manchmal seinen eigenen Zeitplan.“

Doch der Wind nahm ihm die Worte ab und trug sie leise über die Erde.

Vielleicht erreichten sie genau den Menschen, der sie gerade brauchte.

Und manchmal, wenn Kinder heute in den Himmel schauen und einen kleinen gelben Punkt zwischen den Wolken entdecken, fragen sie sich:

„Wohin wohl seine Reise geht?“

Vielleicht lächelt der kleine gelbe Ballon dann still vor sich hin.

Denn er weiss etwas, das viele Menschen vergessen haben.

Jede Reise beginnt irgendwann mit einem Warten im Dunkeln.


(c) boelleli 2026

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