Neutralität und Menschlichkeit


Bourbaki-Armee 1871

Von meinem persönlichen Podcast Fidelius habe ich letzhin erfahren, dass in Lausanne eine Statue von Wilhelm Tell auf einer Esplanade steht. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern, diese Statue schon mal gesehen zu haben – muss ich nachholen ! Aber was ich noch weniger wusste: Warum hat ausgerechnet ein Franzose der Stadt Lausanne Anfang des 20. Jahrhunderts eine Statue des Schweizer Nationalhelden geschenkt?

Der Mann hiess Daniel Iffla, genannt Osiris. Mit der Statue wollte er sich bei der Schweiz dafür bedanken, dass sie 1871 Zehntausende französische Soldaten aufgenommen hatte … die sogenannte Bourbaki-Armee.

Die Geschichte dahinter

Rückzug der Bourbaki-Armee durch das Travers-Tal, Februar 1871
Zeitgenössische Darstellung, nach der Natur aufgenommen
von A. Aujourd’hui. Erschienen in «Die Gartenlaube», 1871.
Quelle: Wikimedia Commons / Public Domain.

Im Sommer 1870 begann der Deutsch-Französische Krieg. Für Frankreich entwickelte er sich katastrophal. Kaiser Napoleon III. geriet in Gefangenschaft, das Kaiserreich brach zusammen und deutsche Truppen drangen immer weiter nach Frankreich vor.

Im Winter 1870/71 wurde die französische Armée de l’Est unter General Charles Denis Bourbaki nach Osten gedrängt. Ihr Auftrag war ursprünglich, die belagerte Festung Belfort zu entsetzen und die deutschen Nachschublinien zu unterbrechen.

Der Plan scheiterte. Die Armee wurde zurückgedrängt, abgeschnitten und schliesslich gegen die Schweizer Grenze gedrängt.

Es war Winter. Die Soldaten waren erschöpft, hungrig und teilweise krank oder verwundet. Viele hatten kaum noch brauchbare Kleidung oder Schuhe. Hinter ihnen standen die deutschen Truppen … und vor ihnen lag die neutrale Schweiz.

Die Grenze öffnet sich

In der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1871 trafen sich im kleinen Grenzort Les Verrières der französische General Justin Clinchant, der inzwischen das Kommando übernommen hatte, und der Schweizer General Hans Herzog.

Noch in derselben Nacht unterzeichneten sie die sogenannte Convention des Verrières: Die Schweiz erlaubte der französischen Armee, die Grenze zu überschreiten. Im Gegenzug mussten die Soldaten ihre Waffen und ihre militärische Ausrüstung abgeben und wurden für die Dauer des Krieges interniert.


Die Bourbakis, 1871
Erschöpfte Soldaten der französischen Armée de l’Est
während ihrer Internierung in der Schweiz.
Gemälde: Albert Anker, 1871
Musée d’art et d’histoire Neuchâtel / Public Domain.

Innerhalb von nur drei Tagen kamen rund 87’000 französische Soldaten, dazu Tausende Pferde, über die Grenze. Für die damalige Schweiz mit ihren gerade einmal rund 2,7 Millionen Einwohnern war das eine enorme Zahl.

Die Soldaten wurden auf über 180 Gemeinden in fast allen Kantonen verteilt. Sie kamen in Kasernen, öffentlichen Gebäuden, Kirchen und anderen verfügbaren Unterkünften unter. Die Bevölkerung brachte Kleider, Schuhe und Lebensmittel, Ärzte und freiwillige Helfer kümmerten sich um Kranke und Verwundete.

Nicht alle konnten gerettet werden. Rund 1’700 internierte Soldaten starben in der Schweiz an Krankheiten, Verletzungen und den Folgen der Strapazen. Aber Zehntausende fanden hier für einige Wochen Schutz vor einem Krieg, aus dem es für sie kaum noch einen anderen Ausweg gab.


Eine Bewährungsprobe für das junge Rote Kreuz

Das Rote Kreuz war damals noch ganz jung. Erst 1863 war in Genf das Internationale Komitee gegründet worden, ein Jahr später war die erste Genfer Konvention unterzeichnet worden.

Bei der Versorgung der Bourbaki-Soldaten kamen nun auch die neu entstandenen Hilfsvereine zum Einsatz. Freiwillige halfen bei der Pflege der Verwundeten und Kranken und bei der Versorgung der Internierten.

Die Aufnahme der Bourbaki-Armee wurde damit zu einer der ersten grossen humanitären Aktionen in der noch jungen Geschichte des Roten Kreuzes.

Auch in Lausanne

Auch Lausanne nahm Bourbaki-Soldaten auf. Verwundete und Kranke wurden unter anderem in der damaligen Chapelle des Terreaux gepflegt, die dafür kurzerhand in ein Lazarett umgewandelt wurde. Die erste Kapelle war 1856 in einem ehemaligen Reithaus eingerichtet worden. Das heutige Gebäude an derselben Stelle entstand erst 1890. Davon gibt es sogar Fotografien aus dem Jahr 1871:

Bourbaki-Soldaten in der Chapelle des Terreaux in Lausanne, Februar 1871
Die Kapelle diente als Lazarett für verwundete und kranke französische Internierte.
Foto: Auguste Bauernheinz, 1871 / Public Domain.

Man erkennt sogar einige Personen: Links mit dem Zylinder steht Pfarrer Bonnard; die Frau mit der weissen Schürze und dem Rotkreuzzeichen ist Élise Panchaud, die erste Direktorin der École d’infirmières La Source.

Und genau diese Aufnahme der französischen Soldaten beeindruckte Daniel Iffla, genannt Osiris, so sehr, dass er der Stadt Lausanne später die eingangs erwähnte Statue von Wilhelm Tell schenkte. Auf dem Denkmal steht bis heute sinngemäss, dass es der Schweiz zur Erinnerung an den guten Empfang der französischen Soldaten im Jahr 1871 geschenkt wurde.

Als Osiris 1907 starb, hinterliess er Lausanne auch Geld für den Bau einer Synagoge. Mit diesem Vermächtnis konnte ein Teil der heutigen Synagoge an der Avenue Juste-Olivier finanziert werden. Sie wurde 1910 eingeweiht.

Synagoge von Lausanne, Avenue Juste-Olivier
Sie wurde 1909–1910 unter anderem dank eines Vermächtnisses von Daniel Iffla,

genannt Osiris, erbaut.
Foto: Archipat / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

So verbindet die Geschichte der Bourbaki-Armee bis heute Orte in Lausanne, bei denen man auf den ersten Blick wohl kaum einen Zusammenhang vermuten würde.

Und was hat das nun mit Wilhelm Tell zu tun?

Der wohlhabende französisch-jüdischer Bankier und Philanthrop, Daniel Iffla, genannt Osiris, war offenbar so sehr von der Aufnahme der französischen Soldaten durch die Schweiz beeindruckt, dass er Jahrzehnte später beschloss, sich dafür zu bedanken. 1902 schenkte er Lausanne eine Statue von Wilhelm Tell, geschaffen vom französischen Bildhauer Antonin Mercié. Auf dem Sockel steht : «Offert à la Suisse en souvenir du bon accueil que reçurent les soldats français en 1871. Osiris.»
Also sinngemäss: Der Schweiz geschenkt in Erinnerung an den guten Empfang, den die französischen Soldaten 1871 erhielten.

Wilhelm-Tell-Statue auf der Esplanade de Montbenon in Lausanne
Die Statue von Antonin Mercié wurde Lausanne 1902

von Daniel Iffla, genannt Osiris, geschenkt.
Foto: Guilhem Vellut / Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

Und Osiris beliess es nicht dabei. Nach seinem Tod 1907 erhielt Lausanne aus seinem Nachlass auch Geld für den Bau einer Synagoge. Die heutige Synagoge an der Avenue Juste-Olivier wurde 1909–1910 erbaut und am 7. November 1910 eingeweiht.

Und auch die kleine Tell-Kapelle auf Montbenon verdankt Lausanne Osiris. Sie wurde später mit drei Fresken von Ernest Biéler ausgestattet, die Szenen aus der Geschichte Wilhelm Tells zeigen.

Chapelle de Guillaume Tell auf der Esplanade de Montbenon
Auch die kleine Tell-Kapelle verdankt Lausanne
Daniel Iffla, genannt Osiris.
Foto: Guilhem Vellut / Wikimedia Commons, CC BY 2.0.

So führt eine Geschichte aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 über Zehntausende erschöpfte Soldaten an der Schweizer Grenze bis zu einer Tell-Statue, einer kleinen Kapelle und einer Synagoge mitten in Lausanne.

Und ich wusste von alledem nichts …


Neutral sein heisst nicht gleichgültig sein

Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist der Zusammenhang mit der Schweizer Neutralität. Die Schweiz mischte sich nicht in den Krieg ein. Die französischen Soldaten mussten ihre Waffen abgeben und wurden interniert.
Damit blieb die Schweiz neutral. Aber sie blieb nicht gleichgültig. 87’000 erschöpfte, hungrige und teilweise verwundete Menschen standen an der Grenze – und man liess sie herein. Man gab ihnen zu essen, versorgte ihre Wunden, brachte sie unter und verteilte sie auf Gemeinden im ganzen Land.

Vielleicht liegt genau darin etwas, das man bei all den Diskussionen über die Schweizer Neutralität manchmal vergisst:
Neutralität bedeutet nicht, wegzuschauen. Man kann sich aus einem Krieg heraushalten und trotzdem den Menschen helfen, die darunter leiden.

1871 hat die Schweiz genau das getan. Und vielleicht ist das der Teil dieser Geschichte, der mich am meisten beeindruckt…

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