Schweig mit mir

Für Worte können wir dankbar sein, aber auch für das Schweigen. Für alle die Worte, die besser ungesagt bleiben – vielleicht, weil sie doch mehr schmerzen als nützen würden, spräche man sie aus. Und für alle die Worte, die ohnehin nur gesagt werden würden, weil da jemand Angst vor der Stille hat.

Worte können auch ein Schutzwall sein, den man um sich herum errichtet. Hinter Worten können wir uns leicht verstecken. Und gemeinsam zu schweigen, das sagt oft mehr aus als alle Worte.

Wenn man es wagt, einmal länger als ein paar Sekunden still zu sein, dann fängt auf einmal die Stille an zu reden – in ihrer eigenen Sprache. Wir lauschen ihr gemeinsam, im Schweigen verbunden. Die Gedanken gehen hin und her, von mir zu dir und wieder zurück. Und am Ende sind wir ganz eins, ohne dass wir darüber ein Wort verloren hätten.

Komm, lass uns wieder einmal miteinander schweigen.

Wer Frieden in der Seele hat, beunruhigt weder sich selbst noch einen anderen.

Epikur von Samos

Schöne Gewohnheit

Morgens die Nachrichten hören, dazu die Tasse Kaffee und zwei Toast. Der Kuss zum Abschied. Im Büro: Zuerst den Computer anstellen – als Bildschirmhintergrund erscheint meine KAtze bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: Dösen. Dann ist erst mal nur die Arbeit dran. Zwischendurch ein Blick in die Zeitung.

Mittags geht’s ins kleine Café um die Ecke. Geplauder übers nächste Wochenende und die Pläne dafür. Der Nachmittag fliegt mit Arbeit vorbei.

Abends dann die Tasse heisser Tee, Füsse hoch und erst mal lesen. Und vor dem Schlafengehen der kurze Spaziergang zu zweit: Wie war’s bei dir heute?

Rituale des Alltags. Nichts Spektakuläres. Gestern, heute und morgen immer gleich. Ich glaube, wären diese Gewohnheiten nicht, wir würden sie sofort erfinden.

Beobachten Sie mal: Welches sind Ihre Rituale? Und verfolgen Sie deren Spuren durch den Verlauf Ihres Lebens. Viele bleiben sich ber die Jahre hinweg gleich oder tauchen irgendwann in neuem Gewand auf, Die Teesorte wechselt, die Lektüre auch. Das Ritual bleibt.

Von wegen langweilig! Wir brauchen das Wiedererkennen in den kleinen Dingen. Ohne die Rituale würde uns etwas fehlen. Schön, dass es sie gibt, gerade weil sie immer gleich sind. Sie stärken das Vertrauen in die Beständigkeit des Lebens. Dass es weitergeht und dass Verlass ist auf die Zukunft.

Wäre ich Narr genug, noch an das Glück zu glauben, so würde ich es in der Gewohnheit suchen.

François-René de Chateaubriand

Mein Knirps

Wie nett, dass du immer noch bei mir bist. Deine Anhänglichkeit ist geradezu rührend. So richtig verdient habe ich sie nicht immer.

Als du neu warst, habe ich dich gern mitgenommen – deine Farben gefielen mir. Und du warst schöne leicht, leichter als deine Vorgänger. Dafür natürlich auch teurer.

Dann kam der Herbst, und du wurdest mein ständiger Begleiter. Das konnte ich nicht mehr so richtig würdigen, du gingst mir eher auf die Nerven. Klar, du sorgtest dafür, dass ich trocken blieb. Aber dafür wurdest du bei jedem Schauer selbst klitschnass und tropftest leise vor dich hin – ein sperriges Stück, für das sich unterwegs nicht immer ein Abstellolatz fand. Unter den Arm klemmen konnte ich dich in diesem Zustand auch nicht.

Dann liess ich dich zum ersten Mal stehen. Ich merkte es allerdings schon nach drei Schritten, weil es draussen mal wieder wie aus Eimern goss. schnell drehte ich um und holte dich.

Das nächste Mal, als ich dich in einem Laden vergass, hat dich jemand hinter mir hergetragen. Ich war beschämt. Du wirktest damals schon ein wenig schäbig.

Jetzt bist du alt und zerfledert. Dein Gerüst geht langsam aus dem Leim, und die Bespannung ist auch schon ausgeblichen. Aber die Mechanik funktioniert noch. Du bist auf die Reservebank im Auto gewechselt, wartest dort auf deine Einsätze im Wald und Feld un bei unverhofften Notfällen. So kann es bleiben – lange noch.

Ein Regenschirm ist ein Kleidungsstück, das – mitgenommen – für schönes Wetter sorgt.

Sprichwort

Der Floh

In der Seeschlacht von Trafalgar, während die Kugeln sausten und die Mastbäume krachten, fand ein Matrose noch Zeit, zu kratzen, wo es ihn biss, nämlich auf dem Kopf. Auf einmal streifte er mit zusammengelegten Daumen und Zeigefinger bedächtig an einem Haare herab und liess ein armes Tierlein, das er zum Gefangenen gemacht hatte, auf den Boden fallen. Aber indem er sich niederbückte, um ihm den Garaus zu machen, flog eine feindliche Kanonenkugel ihm über den Rücken weg, paff, in das benachbarte Schiff. Da ergriff den Matrosen ein dankbares Gefühl, und überzeugt, dass er von dieser Kugel wäre zerschmettert worden, wenn er sich nicht nach dem Tierlein gebückt hätte, hob er es schonend von dem Boden auf uns setzte es wieder auf den Kopf. „Weil du mir das Leben gerettet hast“, sage er; „aber lass dich nicht zum zweiten Mal attrapieren, denn ich kenne dich nimmer.“

Johann Peter Hebel

Der ist nie recht dankbar gewesen, der aufhört, dankbar zu sein.

Kaiser Friedrich I

Blick über den Gartenzaun

Manchmal ist es zu beobachten: Da gehen Menschen mit denen, die ihnen am nächsten stehen, am bedenkenlosesten und schlechtesten um. So als müssten sie keinen Respekt mehr vor ihnen haben. Auf diese Weise geht langsam, aber sicher die Beziehung kaputt, an die Stelle der Zuneigung tritt irgendwann genervte Verachtung.

Wahrscheinlich ist niemand davor gefeit, sich hin und wieder so gehen zu lassen, aber ich wünsche mir doch, dass wir beide es andres hinbekommen. Dass wir uns zum Beispiel nicht gegenseitig vorscheiben, was der andere zutun und zu lassen hat – wir wissen eben, dass wir nicht immer wissen, was gut für den anderen wäre…

In guten Momenten ist es zwischen uns wie zwischen zwei Nachbaren, die jeder ihren eigenen Garten haben und dazwischen einen Zaun. Natürlich hat der Zaun eine Tür, und durch die besuchen wir einander. Manchmal stehen wir auch nur am Gartenzaun und schauen neugierig darüber, betrachten die Blumen auf der anderen Seite und freuen uns an ihnen- oder wundern uns auch mal. Aber es würde uns nicht einfallen, ungefragt über den zaun zu klettern und durch die Beete des anderen zu trampeln. Das nenne ich Respekt.

Respekt zu bezeugen ist heutzutage fast ebenso schwer wie Respekt zu verdienen.

Joseph Joubert

Ehrlichkeit

Kennst du das auch? Du willst dir eine Hose kaufen und im Geschäft tänzelt die Verkäuferin um dich herum und flötet: „Sitzt doch grossartig!“ Du selbst ahnst aber, dass es nicht ganz stimmt – du kannst nur nicht genau sagen, was dich stört.

Ein Glück, dass es in unserer Freundschaft nicht so ist. Du würdest mir nie aus Nettigkeit oder gar Berechnung die Unwahrheit sagen. Ich kann mich darauf verlassen, dass ich von dir ehrliche Antworten bekomme.

Klar, der Ton macht die Musik. Und du haust mir deine Meinung eben nicht um die Ohren, ohne Rècksicht darauf, wie sie bei mir ankommt. Wenn sie für mich unangenehm ist, formulierst du sie möglichst taktvoll – was nicht heisst, dass es dann nicht trotzdem mal kracht zwischen uns, aber es ist eben auch schnell wieder vorbei.

Ich hoffe, dass deine Ehrlichkeit immer anhalten wird, auch wenn es vielleicht einmal darum geht, mir etwas Schmerzhaftes mitteilen zu müssen. Ich vertraue darauf: Du wirst den richtigen Ton finden. Dass du mir die Wahrheit sagst, gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Und dafür bin ich dir sehr dankbar.

Nur wer gegen sich selbst milde ist, kann es auch gegen andere sein.

Anatole France

Geliebte Bücher

In Paris, am linken Ufer der Seine, liegt die Buchhandlung „Shakspeare & Compagny“. Mit ihren alten Regalen und ihrem heimeligen Flair wirkt sie ein wenig wie ein Antiquriat oder eine Bibliothek. Im ersten Stock diese traditionsreichen Ladens befindet sich ein kleiner Schlafssal. Dort können Bücherliebhaber tatsächlich übernachten – den zaberischen Geruch nach Papier und Holz in der Nase. Ein himmlischer Ort, an dem es sich sicher schlafen lässt wie in Abrahams Schoss. Und wer weiss, welche Träume sich in dieser vor Geschichten nur so überquellenden Umgebung einstellen. Die einzige Gegenleistung, die der betagte Buchhändler Whitman verlangt: ein wenig in der Buchhabdlung auszuhelfen, Bücher einsortieren, Regale abstauben…

Das Beispiel zeigt: Bücher können genauso heimelig sein wie ein Bett. Zwischen den Seiten versinkt die Seele und taucht ein ins Land der Phantasie. Wer Bücher liebt, weiss, welche Geborgenheit sie schenken können.

Bücher sind kein geringer Teil des Glücks. Die Literatur wird meine letzte Leidenschaft sein.

Friedrich II, der Grosse

Geschenk des Lachens

Mir tut alles weh. Ich halte mir die Seiten, dicke Tränen rollen über die Wnagen – und auch du hngst mehr im Sessel, als dass du sitzt. „Ich kann nicht mehr“, japst du. Ich schüttele nur den Kopf und wedele kraftlos mit der rechten Hand. Sagn kann ich nichts, ich bin vollauf damit beschäftigt, nach Luft zu ringen. Es hat uns wieder mal erwischt – einer unserer berühmt-berüchtigten Lachkrämpfe.

Wer glaubt, solche Anfölle seien mit der Schulzeit ein für allemal vorüber, der irrt gewaltig. Humor ist keine Frage des Alters. Und die Zahl der komischen oder merkwürdigen Begebenheiten nimmt mit den Jahren eher zu al ab.

So kommt es, dass zwischen uns beiden oft schon ein Stichwort oder ein vielsagender Seitenblick reicht, und schon müssen wir kichern. Albern? Na meinetwegen, sollen andere das ruhig so sehen. Ich bin dankbar dafür, dass dem Menschen die Gabe des Lachens gegeben ist. Und dass es so unglaublich ansteckend wirkt. Und jetzt muss ich dir unbedingt noch was Lustiges erzählen…

Nichts in der Welt wirkt so ansteckend wie Lachen und gute Laune.

Charles Dickens

Der Stein

Als junger Mann hielt sich der Dichter Joseph Victor von Scheffel 1952 in Italien auf. Hier bekam er von einem Freund aus Deutschland einen Brief zugechickt. Das Schreiben war allerdings unfrankiert, von Scheffel musste hohes Strafporto zahlen. Umso grösser war sein Ärger, als in dem Brief lediglich ein Zettel mit dem Gruss lag: „Mir geht es gut. Dein…“. Offensichtlich hatte der Freund dem Dichter einen Streich gespielt.

Einige Zeit später traf bei dem Freund in Deutschland eine grosse, schwere Kiste ein – unfrankiert! Als Absender war deutlich Scheffel aus Italien angegeben. Der Freund vermutete, er bekomme ein Geschenk zugesandt, und zahlte deshalb bereitwillig das Strafporto. Als er jedoch die Kiste öffnete, war die Enttäuschung gewaltig: nichts als ein ziemlich grosser Stein lag darin. An dem Stein klebte ein Zettel mit einer kurzen Nachricht von Scheffel: „Bei der Nachricht von deinem Wohlbefinden ist mir dieser Stein vom Herzen gefallen.“

Eine kleine Rache ist menschlicher als gar keine Rache

Friedrich Nietzsche

Barfuss im Gras

Den ganzen Winter über sind sie eingeschlossen in Wolle, Baumwolle, Leder, Kunstleder, Gummi. Und dann ist endlich Sommer. Weg, nur weg mit allem, was einengt! Jetzt wollen unsere Füsse frei sein, Wollen die Erde spüren mit all ihren Unebenheiten.

Wir streifen die Sandalen ab und gehen barfuss. Die ersten Schritte sind noch ungewohnt. Erst glatte Steine und dann: so viel Abwechslung für die Fusssohlen! Weiche, lockere Krumen, in die sich der Ballen wohlig hineindrückt. Vorsicht da, die kleinen Steinchen – die Muskeln spannen sich an, richtig auftreten wollen wir hier nicht. Und dann kommt der Rasen. Kühl und zart streifen die Spitzen unsere Hat. Wir spielen Storch, stehen auf einem Bein und streicheln mit dem anderen Fuss das saftige Grün. Dann ein paar kräftige Schritte, bis hierher und nicht weiter – hier ist gut stehen. Hier bleiben wir.

Jetzt sind wir geerdet. Unsere Fusssohlen sind durchlässig geworden für alles Lebendige, das uns trägt. Hier könnten wir Wurzeln schlagen.

In einem Garten ging das Paradies verloren, in einem Garten wird es wieder gefunden.

Blaise Pascal