Wenn «gut» nicht mehr reicht
Kürzlich bin ich im Internet auf einen Text gestossen, der mich nachdenklich gemacht hat.
Er handelt von einer Frau, die sich nach zwölf Jahren Ehe von ihrem Mann trennt – obwohl er nach aussen als «guter Mann» gilt: zuverlässig, treu, im Alltag präsent.
Der Grund ist kein grosser Streit, sondern ein Satz, der sich über Jahre hinweg wiederholt hat:
«Sag mir einfach, was ich tun soll.»
Er hilft – aber nur, wenn sie ihn darum bittet.
Sie hingegen trägt alles im Kopf: Termine, Organisation, Alltag.
Ein Moment bringt das Fass zum Überlaufen:
Als er sie fragt, was sie seiner Mutter zum Geburtstag gekauft haben, wird ihr klar, wie selbstverständlich diese Verantwortung für ihn geworden ist.
Nicht die einzelnen Aufgaben sind das Problem.
Sondern dass sie alleine dafür verantwortlich ist, überhaupt daran zu denken.

Meine Gedanken dazu
Dieser Text hat bei mir etwas getroffen.
Diese mentale Last – dieses ständige Mitdenken – ist schwer zu erklären, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.
Es geht nicht um einzelne Dinge. Es ist dieses Dauerhafte.
Ich kenne das aus meiner eigenen Vergangenheit.
Mein Ex-Mann hatte durchaus Bereiche, in denen er gut war – handwerklich oder bei juristischen Themen.
Aber im Alltag lag praktisch alles bei mir.
Die Kinder sowieso.
Um unsere damals eineinhalbjährige Tochter hat er sich genau vier Tage lang gekümmert – und das auch nur, weil ich selbst nach einem Rückenproblem auf ärztliche Anordnung mehrere Tage nicht aufstehen durfte.
Und selbst darüber hinaus war der Umgang mit den Kindern oft ein schwieriges Thema zwischen uns. Es hat mich belastet, wie er in gewissen Momenten mit ihnen umging – und es war immer wieder ein Punkt, an dem Konflikte entstanden.
Und ich habe mitgemacht. Viel zu lange.
Ich habe Dinge übernommen, die eigentlich nicht meine Aufgabe gewesen wären.
Ich bin für ihn Schuhe kaufen gegangen, weil er keine Lust hatte. Habe sie zurückgebracht, umgetauscht, mich darum gekümmert.
Wenn ich ihn um etwas bat, kam es oft mit Widerstand – oder nur dann, wenn es für ihn gerade passte.
Gleichzeitig war er extrem eifersüchtig.
Für sich selbst nahm er sich jedoch Freiheiten heraus, die für ihn bei mir undenkbar gewesen wären.
Einmal sassen wir in einer Bar, als eine Gruppe Männer hereinkam. Sie sprachen Schweizerdeutsch – hier in der Romandie eher ungewöhnlich – und ich drehte mich deshalb kurz um. Mehr war da nicht.
Daraus entstand eine Eifersuchtsszene, die damit endete, dass ich mich rechtfertigen musste. Der Streit ging bis tief in die Nacht – und am nächsten Tag war mir die Nacht noch deutlich anzusehen.
Heute sehe ich das klarer.
Es geht nicht darum, ob jemand «gut» ist.
Und auch nicht darum, ob jemand punktuell hilft.
Es geht darum, ob man wirklich gemeinsam Verantwortung trägt.
Und vielleicht auch darum, wie lange man selbst bereit ist, mehr zu tragen, als eigentlich gut für einen ist.
Ich sehe heute auch, welche Rolle ich damals eingenommen habe – eine Rolle, die ich so eigentlich nie wollte. Ich habe vieles einfach über mich ergehen lassen. Heute weiss ich jedoch, dass ich es nie wieder so weit kommen lassen würde.
Am Ende hat mein Mann mich für eine andere verlassen. Damals hat mich das sehr getroffen.
Heute kann ich sagen: Ich bin ihm dafür sogar dankbar.
Denn rückblickend war es wohl der Schritt, den ich selbst nicht gegangen wäre – und mir geht es heute deutlich besser.
