May the 4th be with you, Papa


Letzten Sonntag gegen 11 Uhr bekam ich einen Anruf meines Halbbruders, der seit rund 16 Monaten mit Papa in Frankreich zusammengelebt hatte. Papa war notfallmässig ins Spital nach Besançon gebracht worden.

Das Problem war: Niemand wusste wirklich, was los war.

Bis ungefähr 16 Uhr warteten wir auf Nachrichten. Dann erfuhren wir lediglich, dass Papa operiert wurde. Mehr wusste man nicht. Wir sollten zwei Stunden später wieder anrufen. Mein Bruder tat das um 18 Uhr, um 20 Uhr und nochmals um 22 Uhr.

Irgendwann schrieb mir mein anderer Halbbruder – der Zwillingsbruder meines Bruders in Frankreich – eine kurze Whatsapp-Nachricht : „Der Arzt ruft dich gleich an.“

Die beiden sprechen kaum Französisch und hatten deshalb meine Nummer weitergegeben. Kurz nach Mitternacht klingelte mein Telefon.

Der Arzt erklärte mir, dass Papa einen Aortariss erlitten hatte und notoperiert worden war. Schon diese Operation sei extrem riskant gewesen. Dazu kamen sein Übergewicht und der Diabetes, was die Situation zusätzlich erschwerte.

Er lag nun auf der Intensivstation und musste bereits dreimal reanimiert werden.

Der Arzt sagte sehr ehrlich, dass die Nacht entscheidend sei. Es sei kritisch. Sehr kritisch. Ich solle am Morgen wieder anrufen.

Irgendwann fand ich doch noch etwas Schlaf.

Als ich am Montagmorgen gegen 7.15 Uhr erwachte, dachte ich zuerst, ich hätte vielleicht den Anruf des Spitals nicht gehört. Aber da war kein verpasster Anruf. Also machte ich mir einen Kaffee und nahm eine Tablette gegen die höllischen Kopfschmerzen, die ich inzwischen hatte.

Um 8 Uhr rief ich selbst im Krankenhaus an.

Der Arzt teilte mir mit, dass Papa es leider nicht geschafft habe und um 7 Uhr morgens gestorben sei.

Es war ein Schock. Und gleichzeitig irgendwie nicht. Denn tief in mir wusste ich seit diesem Gespräch um Mitternacht, wie ernst die Situation war.

Der Arzt sagte mir später auch noch, dass Papa selbst im Fall eines Überlebens wohl nie mehr nach Hause hätte zurückkehren können. Und so denke ich heute, dass es vielleicht gut war, dass er gehen durfte. Ohne lange zu leiden.

Danach begann eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt: meine Brüder informieren, meine Kinder, meine Mama…

Während wir in der Nacht auf Nachrichten warteten, fragte ich mich immer wieder, ob ich sofort nach Besançon fahren sollte. Zwei Stunden Fahrt. Heute bin ich froh, dass ich es nicht getan habe. Ich hätte sowieso nicht zu ihm gedurft.

Am Montag blieb ich zuhause. Mit der Migräne und dieser Nachricht war an Arbeiten nicht zu denken. Meine Chefin informierte zunächst die HR-Abteilung, und später bekam ich fünf Tage frei.

Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht mehr genau, was ich an diesem Montag alles gemacht habe.

Ich weiss nur noch, dass die Nacht auf Dienstag sehr unruhig war. Irgendwann gegen fünf Uhr morgens erwachte ich plötzlich mit dem Gefühl, dass jemand schwer auf meinem Bettrand sass.

Für mich war das Papa – Ich glaube, er hat sich verabschiedet.

Auch am Dienstag hatte ich noch starke Migräne und war kaum in der Lage, irgendwohin zu fahren.

Inzwischen hatten meine Brüder – aufgrund der Informationen, die ich vom Arzt erhalten hatte – den Bestatter organisiert. Papa wurde von Besançon nach Hause gebracht, doch seine persönlichen Sachen wollte das Krankenhaus zunächst nicht herausgeben.

Also fuhr ich am Mittwoch selbst nach Besançon.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, diese Dinge entgegenzunehmen. Als ich anschliessend wieder im Auto sass, musste ich mich erst sammeln, bevor ich weiter nach Brotte-lès-Luxeuil fahren konnte.

Gegen 15 Uhr kam ich dort an.

Meine beiden Halbbrüder und meine Lieblingstante waren bereits da. Wir umarmten uns, weinten ein wenig und redeten lange miteinander.

Am Donnerstag hatte ich einen Termin mit dem örtlichen Pfarrer, um die Trauerfeier vorzubereiten.

Es war ein römisch-katholischer Priester – offen, herzlich und sehr menschlich. Wir besprachen gemeinsam die Feier, und ich merkte, dass er sich darüber freute, dass ich wusste, wovon ich sprach.

Papa hatte oft die Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium gelesen. Genau diese Stelle wollten wir auch für die Feier auswählen.

Ich sagte dem Pfarrer, dass ich den Text auf Deutsch ausdrucken würde, damit die Gäste aus der Deutschschweiz ihn ebenfalls verstehen könnten.

Doch der Pfarrer schaute mich an und sagte : „Nein. Sie werden das lesen.“

Eigentlich eher ungewöhnlich, denn das Evangelium wird normalerweise nur von einem Geistlichen gelesen.

Natürlich hat mich das berührt.

Als ich später zuhause bei Papa nach einer Bibel suchte, fand ich seine eigene Bibel – jene, die er von seinem Grossmuetti zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte. Es war mir sofort ein Bedürfnis, das Evangelium aus seiner Bibel zu lesen.

Am Freitag kamen mein anderer Bruder, mein Neffe und meine Mama an.

Irgendwann meinte Mama leise : „Jetzt bin ich ganz allein.“ – Dieser Satz hat mich tief berührt. Meine Eltern waren seit vielen Jahren geschieden. Und trotzdem waren sie sich immer verbunden geblieben – fast wie Geschwister.

Am Samstagmorgen organisierten wir noch Blumen, bevor gegen Mittag meine Kinder ankamen. Auch Cousins und Cousinen trafen ein.

Um 14.30 Uhr begann die Trauerfeier.

Meine Mama las die Fürbitten. Ich las die Lesung und das Evangelium. Zwei meiner drei Brüder hielten eine Ansprache.

Und es war… schön.

Traurig natürlich. Aber schön.

Das halbe Dorf war gekommen… Papa lebte seit rund zehn Jahren dort. Er hatte an Dorffesten musiziert, an der Fête de la Musique und am Quatorze Juillet – gemeinsam mit dem Bürgermeister. Papa am Klavier. Der Maire am Schlagzeug.

Am Ende begleiteten wir ihn gemeinsam zum Friedhof. Eine kleine Prozession von der Kirche bis zum Grab, wo er nun mit seiner Frau ruht, die im Januar 2020 gestorben ist.

Sie starb am 4. Januar… Papa am 4. Mai… Und plötzlich schoss mir dieser Satz durch den Kopf :

„May the 4th be with you.“

Star-Wars-Fans wissen, was gemeint ist. Ich selbst bin kein grosser Star-Wars-Fan. Aber dieser Satz war plötzlich einfach da und war in dem Moment genau richtig.

Nach der Beisetzung blieben wir noch zusammen, tranken gemeinsam einen Apéro und assen am Abend als Familie zusammen. Der Zusammenhalt in diesen Tagen war unglaublich spürbar.

Ich fuhr erst spätabends wieder nach Hause und kam gegen Mitternacht an.

Der Sonntag verlief ruhig.

Und heute sitze ich wieder im Büro.

Mein Team hat mir eine gelbe Orchidee auf den Arbeitsplatz gestellt, zusammen mit einer Karte. Bereits am Montag hatten sie mir eine Karte geschickt, die am Dienstag bei mir zuhause angekommen war.

Ich bekam Nachrichten, Mails, SMS und Whatsapp-Mitteilungen von Freunden, Kollegen, Verwandten und Bekannten.

Sogar unser Bischof schrieb mir eine sehr schöne persönliche Mail.

All diese Anteilnahme hat mich tief berührt.

Und trotzdem habe ich irgendwie noch nicht wirklich realisiert, dass Papa nicht mehr da ist.

Vielleicht kommt das erst in den nächsten Wochen oder Monaten.

Aber ich bin dankbar.

Dankbar, dass er gehen durfte.
Dankbar, dass er nicht lange leiden musste.
Und dankbar für all die Menschen, die uns in diesen Tagen getragen haben.

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Papa ist nicht mehr da.
Und irgendwie doch.

In seiner Bibel.
In der Musik.
In unseren Erinnerungen.
Und in allem, was bleibt.


2 Kommentare zu “May the 4th be with you, Papa

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