Drei kleine Sätze


Vor knapp drei Wochen habe ich hier das letzte Mal geschrieben. Seitdem war es ziemlich still auf meinem Blog. Nicht etwa, weil nichts passiert wäre. Im Gegenteil.

Im Moment habe ich ziemlich viele Baustellen. Wohnungssuche, finanzielle Sorgen, Dinge, die dringend erledigt werden müssen, Entscheidungen, die anstehen – und einiges mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, kaum ist etwas einigermassen geregelt, taucht schon das nächste Problem auf. Ja, es ist gerade einfach ziemlich viel.

Und ausgerechnet jetzt fehlt mir jemand, dem ich all diese Dinge früher ganz selbstverständlich erzählt hätte. Frank.

Seit drei Jahren gehören unsere Nachrichten zu meinem Alltag. Mal waren es längere Gespräche, mal nur ein Guten-Morgen-Gruss, ein Foto, irgendeine Bemerkung oder aber auch Gespräche über Finanzen, Sohnemann – manchmal ziemlich heftig – oder Diskussionen über Hunde, Kalkutta, Berghüttli, Käse & Co. Manchmal viel, manchmal wenig. Aber eigentlich war immer irgendein Kontakt da.

Es war einfach selbstverständlich.

Wenn irgendetwas passierte, dachte ich oft als Erstes: Das muss ich Frank erzählen. Handy genommen, WhatsApp geöffnet und Frank geschrieben. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, ob ich ihm schreiben darf, ob ich störe oder ob ich vielleicht besser noch ein paar Stunden warten sollte.

Heute ist das anders.

Seit einiger Zeit schreibt Frank nur noch sehr wenig. Manchmal vergehen mehrere Tage. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Auf Dinge, bei denen früher ziemlich sicher irgendeine Reaktion gekommen wäre, kommt nichts.

Ja ich weiss, dass Frank im Moment selbst genug um die Ohren hat. Er liegt im Spital, hat geplante Operationen und weiss wohl selbst noch nicht genau, wie die nächste Zeit aussehen wird. Natürlich habe ich dafür Verständnis. Und natürlich erwarte ich nicht, dass er den ganzen Tag mit mir auf WhatsApp schreibt.

Aber ein kleines Lebenszeichen? Ich denke, das wär‘ drin gewesen…

Vor seiner ersten Operation schrieb ich ihm unter anderem: „Ich würde mich sehr freuen, nach der ersten Operation kurz zu hören, dass alles gut gegangen ist.“ Mehr wollte ich eigentlich gar nicht. Keinen langen Bericht. Nur kurz wissen: Es ist alles gut gegangen. Aber es kam nichts.

Und wenn ich dann sah, dass er zwischendurch auf WhatsApp gewesen war, lief bei mir natürlich sofort wieder dieser Film vor dem inneren Auge ab: Warum schreibt er nicht? Warum nicht einmal einen kleinen Satz? Bin ich ihm vielleicht doch nicht so wichtig, wie ich dachte?

Und je länger es still blieb, desto mehr Fragen kamen dazu. Ich weiss, dass das alles Interpretationen sind. Ich weiss nicht, was Frank denkt, was in ihm vorgeht oder weshalb er schweigt. Gedanken lassen sich aber leider nicht immer einfach entfernen.

Um so schwieriger ist es für mich mit seiner Stille umzugehen, weil Frank sehr genau weiss, dass ich grosse Mühe habe, wenn Menschen plötzlich auf Funkstille gehen. Wie oft hab ich ihm erzählt, wie sehr mich Pierres manchmal monatelanges Schweigen beschäftigt, verunsichert und auch verletzt hat.

Und dann hab ich es gestern Nachmittag nicht mehr ausgehalten und schrieb:

„Monsieur… darf ich Ihnen eine ganz ehrliche Frage stellen?

Möchten Sie eigentlich noch Kontakt mit mir?

Seit einiger Zeit sind Ihre Nachrichten so spärlich geworden, dass ich langsam anfange, Dinge in Ihr Schweigen hineinzuinterpretieren, die ich mir eigentlich gar nicht vorstellen möchte.

Ich traue mich mittlerweile kaum noch, Ihnen einfach so zu schreiben, wie es früher ganz selbstverständlich war.

Ich möchte Sie nicht bedrängen, aber ich würde einfach gerne wissen, woran ich bin.“

Zehn Minuten später kam seine Antwort:

„Ich befinde mich zur Zeit im Spital, die erste OP ist um, die zweite kommt.“

Nun ja. Es war eine Antwort auf meine Nachricht – aber nicht wirklich auf meine Frage. Denn dass Frank im Spital ist, wusste ich. Ich hatte nicht gefragt, wo er ist oder was gerade bei ihm passiert. Ich wollte wissen, ob er überhaupt noch Kontakt mit mir möchte. Deshalb antwortete ich:

„Das weiss ich, Monsieur. Und ich weiss auch, dass Sie gerade anderes im Kopf haben.

Trotzdem hatte ich Ihnen vor der OP einen kleinen Wunsch mitgegeben: kurz zu hören, dass alles gut gegangen ist.
Dass gar nichts kam, hat mich ehrlich gesagt verletzt… daher auch meine Zweifel.“

Darauf kam nichts mehr…

Und nun ist Sonntagabend und die Stille breitet sich weiter aus…

Heute gab es allerdings etwas, worüber ich mich gefreut habe: Frank hat zweimal meinen WhatsApp-Status angeschaut. Eigentlich eine Kleinigkeit. Aber nachdem er seit Wochen auch meine Status nicht mehr angeschaut hatte, war es für mich trotzdem ein kleines positives Zeichen. Und vielleicht war gerade das der Grund, weshalb das Bedürfnis, ihm zu schreiben, heute Abend plötzlich wieder besonders gross wurde.

Ich sass da und hätte ihm am liebsten geschrieben:

„Monsieur… Sie fehlen mir… 🥺

Ich hoffe, es geht Ihnen den Umständen entsprechend gut.

Schlafen Sie gut.“

Ich habe es nicht getan. Und genau das macht mich eigentlich fast noch trauriger als sein Schweigen.

Denn noch vor wenigen Wochen hätte ich diese drei Sätze einfach geschrieben. Ich hätte nicht eine halbe Ewigkeit darüber nachgedacht, ob ich das tun soll oder nicht. Heute sitze ich vor meinem Handy und überlege ernsthaft, ob ich ob ich dem Menschen, dem ich seit drei Jahren fast täglich alles anvertraue une schreibe, sagen darf, dass er mir fehlt…

Vielleicht gibt es für Franks Verhalten eine ganz einfache Erklärung. Vielleicht hat sein Schweigen überhaupt nichts mit mir zu tun. Vielleicht werde ich irgendwann erfahren und verstehen, was gerade in ihm vorgeht.

Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass er mir fehlt.

Unsere Nachrichten sind das eine, aber vor allem fehlt mir diese Selbstverständlichkeit, ihm einfach irgendetwas erzählen zu können. Gerade jetzt, wo bei mir so viel los ist, ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken: Das würde ich jetzt gerne Monsieur erzählen oder fragen. Und dann tu ich es nicht. Mein Laternenanzünder und Leuchtturm ist nicht da… 😪

Vielleicht liest Frank das hier irgendwann. In ein paar Wochen, in ein paar Monaten. Vielleicht auch nie. Und falls er es liest, möchte ich nicht, dass er sich schuldig fühlt. Ich möchte auch nicht, dass er das hier als Vorwurf versteht. Ich möchte eigentlich nur, dass er versteht, weshalb mir sein Schweigen so schwerfällt.

Ich brauche keine langen Nachrichten. Keine Erklärungen und schon gar keine täglichen Berichte aus dem Spital. Manchmal hätte ein einziger kleiner Satz gereicht.

Das Schwerste an seinem Schweigen ist inzwischen nämlich nicht einmal mehr das Warten auf eine Nachricht. Es ist dieses ungewohnte Gefühl, mein Handy in der Hand zu halten, ihm etwas erzählen zu wollen – und plötzlich nicht mehr zu wissen, ob ich das überhaupt noch darf.

Oder wie heute Abend einfach nur sagen zu wollen: „Monsieur… Sie fehlen mir.“ Und es dann doch nicht zu tun.

Vielleicht ist es genau das, was mich im Moment am meisten traurig macht: Etwas, das drei Jahre lang vollkommen selbstverständlich war, ist es plötzlich nicht mehr.

3 Kommentare zu “Drei kleine Sätze

    • Vielen Dank für Dein Mitgefühl ❤

      Ja, es ist wirklich nicht einfach. Morgen ist die 2. OP und ich hab keine Ahnung, wie's ihm geht. Seit seiner kurzen Nachricht letzten Samstag hab ich nichts mehr von ihm gehört. Ich hoffe einfach, dass er sich danach meldet und es sich momentan um eine Phase handelt, die für ihn womöglich nicht ganz einfach ist.

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