Der Floh

In der Seeschlacht von Trafalgar, während die Kugeln sausten und die Mastbäume krachten, fand ein Matrose noch Zeit, zu kratzen, wo es ihn biss, nämlich auf dem Kopf. Auf einmal streifte er mit zusammengelegten Daumen und Zeigefinger bedächtig an einem Haare herab und liess ein armes Tierlein, das er zum Gefangenen gemacht hatte, auf den Boden fallen. Aber indem er sich niederbückte, um ihm den Garaus zu machen, flog eine feindliche Kanonenkugel ihm über den Rücken weg, paff, in das benachbarte Schiff. Da ergriff den Matrosen ein dankbares Gefühl, und überzeugt, dass er von dieser Kugel wäre zerschmettert worden, wenn er sich nicht nach dem Tierlein gebückt hätte, hob er es schonend von dem Boden auf uns setzte es wieder auf den Kopf. „Weil du mir das Leben gerettet hast“, sage er; „aber lass dich nicht zum zweiten Mal attrapieren, denn ich kenne dich nimmer.“

Johann Peter Hebel

Der ist nie recht dankbar gewesen, der aufhört, dankbar zu sein.

Kaiser Friedrich I

Blick über den Gartenzaun

Manchmal ist es zu beobachten: Da gehen Menschen mit denen, die ihnen am nächsten stehen, am bedenkenlosesten und schlechtesten um. So als müssten sie keinen Respekt mehr vor ihnen haben. Auf diese Weise geht langsam, aber sicher die Beziehung kaputt, an die Stelle der Zuneigung tritt irgendwann genervte Verachtung.

Wahrscheinlich ist niemand davor gefeit, sich hin und wieder so gehen zu lassen, aber ich wünsche mir doch, dass wir beide es andres hinbekommen. Dass wir uns zum Beispiel nicht gegenseitig vorscheiben, was der andere zutun und zu lassen hat – wir wissen eben, dass wir nicht immer wissen, was gut für den anderen wäre…

In guten Momenten ist es zwischen uns wie zwischen zwei Nachbaren, die jeder ihren eigenen Garten haben und dazwischen einen Zaun. Natürlich hat der Zaun eine Tür, und durch die besuchen wir einander. Manchmal stehen wir auch nur am Gartenzaun und schauen neugierig darüber, betrachten die Blumen auf der anderen Seite und freuen uns an ihnen- oder wundern uns auch mal. Aber es würde uns nicht einfallen, ungefragt über den zaun zu klettern und durch die Beete des anderen zu trampeln. Das nenne ich Respekt.

Respekt zu bezeugen ist heutzutage fast ebenso schwer wie Respekt zu verdienen.

Joseph Joubert

Ehrlichkeit

Kennst du das auch? Du willst dir eine Hose kaufen und im Geschäft tänzelt die Verkäuferin um dich herum und flötet: „Sitzt doch grossartig!“ Du selbst ahnst aber, dass es nicht ganz stimmt – du kannst nur nicht genau sagen, was dich stört.

Ein Glück, dass es in unserer Freundschaft nicht so ist. Du würdest mir nie aus Nettigkeit oder gar Berechnung die Unwahrheit sagen. Ich kann mich darauf verlassen, dass ich von dir ehrliche Antworten bekomme.

Klar, der Ton macht die Musik. Und du haust mir deine Meinung eben nicht um die Ohren, ohne Rècksicht darauf, wie sie bei mir ankommt. Wenn sie für mich unangenehm ist, formulierst du sie möglichst taktvoll – was nicht heisst, dass es dann nicht trotzdem mal kracht zwischen uns, aber es ist eben auch schnell wieder vorbei.

Ich hoffe, dass deine Ehrlichkeit immer anhalten wird, auch wenn es vielleicht einmal darum geht, mir etwas Schmerzhaftes mitteilen zu müssen. Ich vertraue darauf: Du wirst den richtigen Ton finden. Dass du mir die Wahrheit sagst, gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Und dafür bin ich dir sehr dankbar.

Nur wer gegen sich selbst milde ist, kann es auch gegen andere sein.

Anatole France

Geliebte Bücher

In Paris, am linken Ufer der Seine, liegt die Buchhandlung „Shakspeare & Compagny“. Mit ihren alten Regalen und ihrem heimeligen Flair wirkt sie ein wenig wie ein Antiquriat oder eine Bibliothek. Im ersten Stock diese traditionsreichen Ladens befindet sich ein kleiner Schlafssal. Dort können Bücherliebhaber tatsächlich übernachten – den zaberischen Geruch nach Papier und Holz in der Nase. Ein himmlischer Ort, an dem es sich sicher schlafen lässt wie in Abrahams Schoss. Und wer weiss, welche Träume sich in dieser vor Geschichten nur so überquellenden Umgebung einstellen. Die einzige Gegenleistung, die der betagte Buchhändler Whitman verlangt: ein wenig in der Buchhabdlung auszuhelfen, Bücher einsortieren, Regale abstauben…

Das Beispiel zeigt: Bücher können genauso heimelig sein wie ein Bett. Zwischen den Seiten versinkt die Seele und taucht ein ins Land der Phantasie. Wer Bücher liebt, weiss, welche Geborgenheit sie schenken können.

Bücher sind kein geringer Teil des Glücks. Die Literatur wird meine letzte Leidenschaft sein.

Friedrich II, der Grosse

Geschenk des Lachens

Mir tut alles weh. Ich halte mir die Seiten, dicke Tränen rollen über die Wnagen – und auch du hngst mehr im Sessel, als dass du sitzt. „Ich kann nicht mehr“, japst du. Ich schüttele nur den Kopf und wedele kraftlos mit der rechten Hand. Sagn kann ich nichts, ich bin vollauf damit beschäftigt, nach Luft zu ringen. Es hat uns wieder mal erwischt – einer unserer berühmt-berüchtigten Lachkrämpfe.

Wer glaubt, solche Anfölle seien mit der Schulzeit ein für allemal vorüber, der irrt gewaltig. Humor ist keine Frage des Alters. Und die Zahl der komischen oder merkwürdigen Begebenheiten nimmt mit den Jahren eher zu al ab.

So kommt es, dass zwischen uns beiden oft schon ein Stichwort oder ein vielsagender Seitenblick reicht, und schon müssen wir kichern. Albern? Na meinetwegen, sollen andere das ruhig so sehen. Ich bin dankbar dafür, dass dem Menschen die Gabe des Lachens gegeben ist. Und dass es so unglaublich ansteckend wirkt. Und jetzt muss ich dir unbedingt noch was Lustiges erzählen…

Nichts in der Welt wirkt so ansteckend wie Lachen und gute Laune.

Charles Dickens

Der Stein

Als junger Mann hielt sich der Dichter Joseph Victor von Scheffel 1952 in Italien auf. Hier bekam er von einem Freund aus Deutschland einen Brief zugechickt. Das Schreiben war allerdings unfrankiert, von Scheffel musste hohes Strafporto zahlen. Umso grösser war sein Ärger, als in dem Brief lediglich ein Zettel mit dem Gruss lag: „Mir geht es gut. Dein…“. Offensichtlich hatte der Freund dem Dichter einen Streich gespielt.

Einige Zeit später traf bei dem Freund in Deutschland eine grosse, schwere Kiste ein – unfrankiert! Als Absender war deutlich Scheffel aus Italien angegeben. Der Freund vermutete, er bekomme ein Geschenk zugesandt, und zahlte deshalb bereitwillig das Strafporto. Als er jedoch die Kiste öffnete, war die Enttäuschung gewaltig: nichts als ein ziemlich grosser Stein lag darin. An dem Stein klebte ein Zettel mit einer kurzen Nachricht von Scheffel: „Bei der Nachricht von deinem Wohlbefinden ist mir dieser Stein vom Herzen gefallen.“

Eine kleine Rache ist menschlicher als gar keine Rache

Friedrich Nietzsche

Barfuss im Gras

Den ganzen Winter über sind sie eingeschlossen in Wolle, Baumwolle, Leder, Kunstleder, Gummi. Und dann ist endlich Sommer. Weg, nur weg mit allem, was einengt! Jetzt wollen unsere Füsse frei sein, Wollen die Erde spüren mit all ihren Unebenheiten.

Wir streifen die Sandalen ab und gehen barfuss. Die ersten Schritte sind noch ungewohnt. Erst glatte Steine und dann: so viel Abwechslung für die Fusssohlen! Weiche, lockere Krumen, in die sich der Ballen wohlig hineindrückt. Vorsicht da, die kleinen Steinchen – die Muskeln spannen sich an, richtig auftreten wollen wir hier nicht. Und dann kommt der Rasen. Kühl und zart streifen die Spitzen unsere Hat. Wir spielen Storch, stehen auf einem Bein und streicheln mit dem anderen Fuss das saftige Grün. Dann ein paar kräftige Schritte, bis hierher und nicht weiter – hier ist gut stehen. Hier bleiben wir.

Jetzt sind wir geerdet. Unsere Fusssohlen sind durchlässig geworden für alles Lebendige, das uns trägt. Hier könnten wir Wurzeln schlagen.

In einem Garten ging das Paradies verloren, in einem Garten wird es wieder gefunden.

Blaise Pascal

Was habt ihr gesehen?

Zwei Wanderer zogen hinaus zum Tor,
zur herrlichen Alpenwelt empor.
Der eine ging, weil’s Mode just,
den andern trieb der Drang in der Brust.

Und als daheim nun wieder die zwei,
da rückt die ganze Sippe herbei,
da wirbelt’s von Fragen ohne Zahl:
« Was habt ihr gesehen? Erzählt einmal! »

Der eine drauf mit Gähnen spricht:
« Was wir gesehen? Viel Rares nicht!
Ach, Bäume, Wiesen, Bach und Hain
Und blauen Himmel und Sonnenschein! »

Der andere lächelnd dasselbe spricht,
Doch leuchtenden Blicks, mit verklärtem Gesicht:
« Ei, Bäume, Wiesen, Bach und Hain
Und blauen Himmel und Sonnenschein! »

Anastasias Grün

Von sich absehen lernen ist nötig,
um viel zu sehen.

Friederich Nietsche

Knecht Ruprecht

Von drauß’, vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Überall auf den Tannenspitzen
sah ich goldene Lichtlein blitzen,
und droben aus dem Himmelstor
sah mit großen Augen das Christkind hervor.

Und wie ich strolch’ durch des finstern Tann,
da rief’s mich mit heller Stimme an:
“Knecht Ruprecht”, rief es, “alter Gesell´,
heb deine Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
das Himmelstor ist aufgetan,
alt und jung sollen nun
von der Jagd des Lebens einmal ruhn,
und morgen flieg ich hinab zur Erden;
denn es soll wieder Weihnachten werden!”

Ich sprach: “Oh lieber Herre Christ,
meine Reise fast zu Ende ist;
ich soll nur noch in diese Stadt,
wo’s eitel gute Kinder hat.”

“Hast denn das Säcklein auch bei dir?”
Ich sprach: “Das Säcklein, das ist hier;
denn Äpfel, Nuss und Mandelkern
essen fromme Kinder gern.”

Christkindlein sprach: “So ist es recht;
so geh mit Gott, mein treuer Knecht!”
Von draußen, vom Walde komm ich her;
ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hier innen find!
Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?

Theodor Storm


Den Nikolaus-Tag feiern wir jedes Jahr am 6. Dezember zu Ehren des Heiligen St. Nikolaus (auch Nikolaus von Myra genannt). Ursprünglich war St. Nikolaus ein Bischof im Gebiet der heutigen Türkei, der heute noch vor allem deswegen bekannt ist, weil er besonders kinderlieb gewesen sein soll. Der echte Nikolaus hat also niemals einen roten Mantel und eine Zipfelmütze getragen – stattdessen wird er meist mit den Bischofsinsignien, Mithra und Krummstab, dargestellt. (Einen langen Bart hat er aber wohl wirklich gehabt.)

Es ist überliefert, dass er den Kindern seiner Gemeinde gerne kleine Geschenke wie Nüsse oder Früchte gemacht hat. Deswegen gibt es am Nikolaus-Tag noch heute kleine, meist leckere Gaben für die Kinder, die im vergangenen Jahr artig waren. Um die unartigen Kinder kümmert sich traditionell der eher unfreundliche Gehilfe des Nikolaus, der unter dem Namen Knecht Ruprecht oder Krampus bekannt ist.

In der Schweiz allerdings heisst der Gehilfe vom Samichlaus anders, nämlich Schmutzli 🙂

Hier noch ein interssanter Link zum schweizer Samichlaus

Unbekannte Freunde

Es gibt ein paar Menschen, die kenne ich fast gar nicht. Und doch würden sie mir fehlen, wenn ich sie plötzlich nicht mehr sähe. Sie sind keine Freunde im eigentlichen Sinn, ja, noch nicht einmal richtige Bekannte. Aber auf irgendeine Art sind sie mir ganz vertraut.

Da ist zum Beispiel der Mann von der Reinigung. Seit zehn Jahren suche ich nun schon sein Geschäft auf. Wir wechseln ein paar Worte, nicht viel mehr als „bitte“ und „danke“ und „soll ich’s auf dem Bügel lassen?“ Ich weiss, wie es im Laden riecht, ich kenne die Temperaturen darin im Sommer und im Winter. Neulich habe ich zum Umbau gratuliert und mich gefreut, dass die schlnen alten Meisterbriefe nach wie vor an der Wand hängen.

Oder die Verkäuferin im Stehimbiss. Sie weiss schon meine Gewohnheiten: die Kartoffeln mit viel Butter, aber den Eintopf ohne Wurst bitte. Und manchmal möchte ich noch Nachschlag. Neulich wurde die Verkäuferin mittags von ihrer Familie abgeholt. Ich habe mir die Gesichter genau angeschaut, versucht, Ähnlichkeiten festzustellen. Neugier? Nein, eher Sympathie.

Und dann die Frau mit den beiden Mädchen, der ich seit einiger Zeit jeden Morgen über den Weg laufe. wenn ich zum Auto gehe. Sie bringt ihre Téchter wohl zum Kindergarten. Ich gegegne ihr noch nicht lange, bisher hat sie mich nicht bemerkt. Aber eines Tages werden unsere Blicke sich treffen – und dann gehört auch sie zu diesm merkwürdigen Kreis dazu – zu meinen Freunden des Alltags.

Ein unbekannter Freund ist auch ein Freund.

Gotthold Ephraim Lessing