Eine unbequeme Frage


Seit sich die Tragödie in Crans-Montana ereignet hat, erreichen mich täglich neue Erkenntnisse und Informationen. Auch bedingt durch meine Arbeit in der Kommunikation der kantonalen reformierten Kirche und als Kommunikationsverantwortliche unserer christkatholischen Kirchgemeinde.

Seit ich – ungewollt – durch das Kennen eines Brandopfers noch näher dran bin, stellt sich mir diese eine Frage immer dringlicher:

Ist das – ganz nüchtern betrachtet – eine Art Weckruf?

Ich habe schon länger das Gefühl, dass die Menschheit auf einer falschen Spur unterwegs ist. Zu schnell. Zu rücksichtslos. Zu egoistisch und egozentrisch. Zu sehr gefangen im Dauerrauschen.

Solche Ereignisse werfen uns aus der Bahn. Zurecht?
Zumindest reissen sie uns aus einem Zustand, in dem vieles zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Für einen Moment wird es still. Und plötzlich zählen andere Dinge. Leben. Verantwortung. Mitgefühl.

Vielleicht zeigen solche Erschütterungen, wie weit wir uns vom realen, menschlichen Leben entfernt haben. Und vielleicht mahnen sie uns – schmerzhaft –, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

Vielleicht sollten wir wirklich einmal innehalten.
Und darüber nachdenken.

6 Kommentare zu “Eine unbequeme Frage

  1. Ja, ich sehe vieles auch als Weckruf unseres Schöpfers – er möchte nicht, dass jemand verloren geht. Deshalb lässt er Dinge zu (welche die Menschen wählen), damit sie eben ins „Grübeln“ kommen und sich die Frage aller Frage stellen: Was geschieht nach dem Tod? Gibt es ein Leben danach, und wenn ja, wo findet dies statt?

    • Ich bin ehrlich gesagt nicht ganz abgeneigt von dem Gedanken, dass Gott uns Menschen manchmal auch eine Lektion erteilt. Nicht als Strafe, sondern vielleicht als Spiegel dessen, was wir selbst aus der Welt machen.

      Gleichzeitig tue ich mich schwer damit, konkretes Leid als von Gott gewollt zu deuten. Dafür ist das Leid der Betroffenen zu gross. Ich glaube eher, dass Gott mitten im Geschehen bei den Menschen ist – und dass die eigentliche Frage darin liegt, wie wir darauf reagieren: ob wir innehalten, Verantwortung übernehmen und unser Handeln überdenken.

      Vielleicht liegt genau darin die „Lektion“.

  2. Ich sehe das deutlich nüchterner. In Deutschland starben die Discotheken, die es hier in Hamburg in jedem Stadtteil gab, in den Neunzigern aus. Der Grund: Massive Verschärfung der Brandschutz- und Lärmschutzbestimmungen für Inventar, Bodenbeläge, Decken, Schallschutz. In der meisten Fällen nicht finanzierbar. Dies wurde breit kontrolliert und konsequent umgesetzt.
    Die Schweizer Behörden haben hier offensichtlich ein erhebliches Defizit und die Betreiber wenig Verantwortungsbewusstsein. Gier und Profit steuern das Geschäft und Sicherheit kostet nun mal Geld.

    Die Frage, warum 14-jährige unter den Toten war, löst bei mir nur Kopfschütteln aus. Gibt’s in der Schweiz kein Jugendschutzgesetz?

    • Ich kann deine Sicht grundsätzlich gut nachvollziehen.
      Gerade der Vergleich mit Deutschland zeigt, dass konsequente Vorschriften und Kontrollen Leben schützen können.

      Ein Punkt zur Einordnung: Es handelte sich nicht um eine Diskothek, sondern um eine Bar. Das ändert nichts an der Verantwortung – erklärt aber vielleicht teilweise, warum gewisse Dinge offenbar „durchgerutscht“ sind.

      Dass die Behörden versagt haben, steht für mich ausser Frage. Die Betreiber hätten dieses Lokal niemals eröffnen dürfen. Sie sind in Frankreich bereits strafrechtlich verurteilt, haben ihre Pflichten massiv verletzt, minderjährigen Alkohol ausgeschenkt und offenbar mit ungeschultem Personal gearbeitet. Auch die Kontrollen scheinen schlampig oder zumindest unzureichend erfolgt zu sein – und nicht, wie eigentlich nötig, regelmässig und konsequent.

      Was die Minderjährigen betrifft: Das Jugend- und Gastgewerberecht ist in der Schweiz kantonal geregelt. Im Kanton Waadt dürfen Unter-16-Jährige ab 20 Uhr nur noch begleitet in Bars sein, im Wallis erst ab Mitternacht, in anderen Kantonen bereits ab 22 Uhr. Ich war darüber selbst sehr schockiert.

      Ich habe zudem ein Interview mit einem 14-jährigen Augenzeugen gesehen, das mich sehr berührt hat. Er sagte unter anderem, man solle nicht urteilen. Von aussen sei es immer einfacher zu sagen, was man hätte tun sollen oder nicht. Wenn man aber eine solche Tragödie selbst miterlebt, habe man im Moment nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Wichtig sei nun, darüber zu sprechen, das Erlebte zu verarbeiten und wieder mehr Gottvertrauen zu finden. Er bete täglich für die Opfer und Betroffenen.
      Ich habe diesen jungen Menschen als sehr reif für sein Alter wahrgenommen.

      Crans-Montana wird von vielen als eine Art „grosse Familie“ gesehen. Viele gehen dort seit ihrer Kindheit ein und aus, es herrscht ein grosses Vertrauen. Das erklärt vielleicht, warum Eltern ihre Kinder unbeaufsichtigt gehen liessen – rechtfertigt es aber nicht. Ich persönlich hätte meine 14-jährigen Kinder niemals allein in eine Bar gelassen.

      Am Ende bleibt: 40 Tote und über 100 Verletzte. Diese Tatsache lässt sich durch keine Analyse relativieren. Es ist furchtbar und zutiefst traurig.

      Meine Tochter – sie war eine Zeit lang bei der freiwilligen Feuerwehr – sagte kürzlich einen Satz, der mir geblieben ist: Oft braucht es mehrere Unfälle an derselben Stelle, bevor überhaupt ein Warnschild aufgestellt wird. Oder anders gesagt: Es muss erst etwas Schlimmes passieren, bevor gehandelt wird.

      Und genau das macht mich so betroffen.

      • Danke für deine Erklärung.
        Zum Glück leben wir noch nicht in einem Verbotsstaat, aber mit gesundem Menschenverstand hätte der Brand von vornherein verhindert werden können. Entweder kein Feuerwerk oder besser B1 Schallschutz und Fußböden.

        Der 14-jährige hat nicht die Kenntnis einer guten und sinnvollen Reaktion im Brandfall. Woher auch? Niemand liest Anweisungen im Brandfall oder achtet auf Zeichen für Notausgänge. Wenn man Glück hat, verfällt man nicht in Panik, dies ist hier aber offensichtlich passiert.

        Schlimm. Die Situation muß furchtbar gewesen sein. Ich mag darüber kaum nachdenken.

      • Danke für deine Worte. Vieles davon beschäftigt mich ebenfalls.

        Es braucht nicht zwingend immer neue Verbote, aber sehr wohl Verantwortungsbewusstsein, gesunden Menschenverstand und konsequente Sicherheitsstandards.

        Gerade im Brandfall zeigt sich, wie hilflos Menschen sind – unabhängig vom Alter. Panik ist menschlich, und niemand kann sicher sein, wie er oder sie in einer solchen Situation reagieren würde. Der Gedanke daran ist kaum auszuhalten.

        Ja, schlimm. Und genau deshalb so wichtig, dass wir darüber sprechen und daraus lernen.

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