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Brüssel – eine Reise mit Hindernissen, Musik und vielen Emotionen

Eigentlich hätte unsere Reise nach Brüssel ganz gemütlich beginnen sollen. Der ursprüngliche Plan war einfach: Am Freitagabend um 20.17 Uhr ab Lausanne Richtung Zürich, dort in den Nachtzug steigen, schlafen – und am nächsten Morgen in Brüssel aufwachen.

Eigentlich.

Denn bereits in der Woche vor unserer Abreise entwickelte unser Nachtzug ein bemerkenswertes Eigenleben. Zuerst sollte er in Zürich abfahren. Dann hiess es plötzlich Aarau. Danach Wettingen. Drei verschiedene Abfahrtsorte innerhalb weniger Tage – man durfte gespannt sein, wo wir am Freitag tatsächlich landen würden.

Die definitive Überraschung kam dann am Abreisetag selbst: Unser Nachtzug würde ab Arth-Goldau fahren.

Arth-Goldau !

Also nicht irgendwo entlang unserer ohnehin geplanten Strecke, sondern erst einmal ab in die Innerschweiz. Und als wäre das nicht genug, fuhr der Nachtzug dort bereits um 20.58 Uhr und nicht, wie ursprünglich für Zürich vorgesehen, um 22.48 Uhr.

Am warten in Arth-Goldau…

Aus unserer gemütlichen Abfahrt um 20.17 Uhr in Lausanne wurde damit plötzlich eine Abfahrt um 16.40 Uhr.

Gut, dass ich an diesem Freitag – Homeoffice sei Dank – bereits um 6.30 Uhr angefangen hatte, die wichtigsten Dinge abzuarbeiten. Sonst wäre es gegen Ende womöglich ziemlich stressig geworden.

Nun gut. Also um 15 Uhr aus dem Haus, mein Auto noch an einen Ort gebracht, wo es problemlos drei Tage stehen bleiben konnte, und um 16.40 Uhr sass ich tatsächlich im Zug Richtung Arth-Goldau.

So hatte ich mir den Beginn unseres Brüssel-Wochenendes zwar nicht ganz vorgestellt – aber immerhin: Ich war unterwegs.

Wir kamen rechtzeitig an, assen etwas, tranken einen Kaffee und warteten auf unseren Zug… Und warteten… Denn inzwischen kam die nächste erfreuliche Nachricht: Sämtliche Züge, die aus Richtung Chiasso kamen, hätten eine Verspätung von unbestimmter Dauer. Und natürlich gehörte unser Nachtzug dazu.

Irgendwann waren wir tatsächlich an dem Punkt, an dem wir ernsthaft darüber nachdachten, nach Zürich weiterzufahren und am nächsten Morgen nach Brüssel zu fliegen. Bis ungefähr 21.40 Uhr wussten wir nicht einmal, ob und wann unser Zug überhaupt kommen würde.

Dann die Erlösung: Er kommt !

Um 21.55 Uhr setzte sich unser Nachtzug in Arth-Goldau tatsächlich in Bewegung. Brüssel, wir kommen!

Eine kleine Zeitreise inklusive

Als wir unser Couchette-Abteil bezogen, folgte die nächste Überraschung. Der Zug hatte einen gewissen… historischen Charme.

Sehr historisch… Gefühlt waren wir irgendwo in den 1970er-Jahren der ehemaligen DDR gelandet. Die Toiletten funktionierten eher theoretisch als praktisch, fliessendes Wasser war ebenfalls nicht unbedingt Bestandteil des Reiseerlebnisses. Wasser gab es aus der PET-Flasche. Aber immerhin: Wir fuhren!

Und geschlafen habe ich sogar ziemlich gut. Ich gehöre glücklicherweise zu den Menschen, die fast überall schlafen können. Licht? Lärm? Ratternder Nachtzug? Alles kein Problem.

Nach all dem Hin und Her erreichten wir Brüssel schliesslich um 11.31 Uhr – gerade einmal 21 Minuten später als ursprünglich vorgesehen.

Wenn man bedenkt, was für eine Odyssee hinter uns lag, war das eigentlich fast schon eine Meisterleistung.

Angekommen

Und spätestens mit unserer Ankunft war der ganze Stress vergessen.

Wir wurden unglaublich herzlich empfangen. Für die Übernachtungen waren wir auf Mitglieder des Brüsseler Chors verteilt worden, und ich hatte das grosse Glück, bei einem ausgesprochen lieben Ehepaar unterzukommen.

Schon als ich ihr Haus betrat, musste ich sofort an meine Grossmutter väterlicherseits denken. Sie hatte in einem ganz ähnlichen Stadtreihenhaus gewohnt: eher schmal, dafür lang, mit einem Garten hinten und über drei Etagen verteilt. Es war fast wie eine kleine Reise zurück in meine Kindheit. Die hohen Räume mit den Stuckaturen, der Wintergarten, das Nähzimmer, das kurzerhand zum Gästezimmer umfunktioniert worden war – all das weckte Erinnerungen und gab mir vom ersten Moment an ein seltsam vertrautes Gefühl.

Ich hätte es wirklich nicht besser treffen können. Vincent und Cécile waren unglaublich herzlich, und als Krönung wurde ich auch noch überall hinchauffiert. Wie sich herausstellte, ist Vincent nämlich ebenfalls nicht gerade der grösste Fan des öffentlichen Verkehrs.

Da hatten sich offenbar die Richtigen gefunden. 😊

Überhaupt war dieses ganze Wochenende von einer grossen Herzlichkeit geprägt.

Und dann war da noch dieser Cheesecake …

Am ersten Abend erwartete uns ein riesiges gemeinsames Buffet. Jedes Mitglied des Brüsseler Chors hatte etwas Selbstgemachtes mitgebracht, und es gab gefühlt alles. So viel, dass es schlicht unmöglich war, von allem zu probieren. Man merkte, wie viel Mühe sich unsere Gastgeber gemacht hatten.

Und als wäre das noch nicht genug, gab es natürlich auch noch ein Dessertbuffet.

Und dort stand er: dieser Cheesecake.

Dieser Cheesecake hätte eigentlich einen eigenen Absatz verdient. Oder vielleicht sogar einen eigenen Blogbeitrag. Er war so köstlich, dass ich mich anschliessend durch die Brüsseler Choristen fragte, um herauszufinden, wer ihn gemacht hatte und – noch wichtiger – wie ich an das Rezept kommen könnte.

Schliesslich war die Urheberin gefunden: Patricks Frau.

Patrick verlangte meine E-Mail-Adresse und versprach mir das Rezept.

Nun warte ich. Geduldig. Mehr oder weniger. 😄

Ein bisschen Brüssel – und ganz viele Emotionen

Am Sonntagmorgen hatten wir Gelegenheit, Brüssel bei einer Stadtführung noch ein wenig besser kennenzulernen.

Wobei: Eineinhalb Stunden reichen natürlich niemals, um eine Stadt wirklich zu entdecken. Dieses etwas asiatisch angehauchte „have seen“ ist eigentlich nicht so mein Ding. Einmal kurz vorbeigeführt, Foto gemacht, Häkchen gesetzt – Brüssel gesehen.

Nein. Dafür hat die Stadt definitiv zu viel zu erzählen. Und ich überlege mir tatsächlich, ein anderes Mal noch einmal hinzufahren, um etwas mehr über Brüssel und seine Geschichte zu erfahren. Aber eines steht bereits fest: nicht mit dem Nachtzug!

Doch der eigentliche Höhepunkt unseres Wochenendes stand noch bevor: unser Konzert!

Die Kirche war voll, wir haben gut gesungen, das Publikum war begeistert, es wurde viel geklatscht – sogar Standing Ovations gab es. Ein voller Erfolg. Und trotzdem ist es nicht in erster Linie der Applaus, der mir von diesem Abend geblieben ist …

… denn es war unser letztes Konzert mit Céline, unserer Chorleiterin. Natürlich wusste ich das vorher. Wir alle wussten es. Aber etwas zu wissen und den Moment dann tatsächlich zu erleben, sind zwei verschiedene Dinge.

Notre-Dame de Sacré-Cœur – da war das Konzert

Nach dem Konzert hat es mich dann genommen. Ich schnappte meine Sachen und entfernte mich ein wenig von den anderen, um mich umzuziehen. Vor allem aber, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Es überkam mich einfach, und so stand ich da und weinte still vor mich hin. Da kam Céline auf mich zu und fragte mit selbst schon weinerlicher Stimme: „Brauchst du auch eine grosse Umarmung?“ Und dann lagen wir uns in den Armen und heulten beide wie die Schlosshunde.

Es war eine dieser Umarmungen, bei denen Worte ohnehin nichts mehr bringen. So viele gemeinsame Proben, die gemeinsamen Heimfahrten nach jeder Probe – denn unsere Beziehung ist eben doch etwas mehr als nur die zwischen einer Choristin und ihrer Chorleiterin –, Konzerte, Erlebnisse, Musik, Lachen, Stress und Erinnerungen.

Und plötzlich wird einem mit voller Wucht bewusst, dass ein Kapitel zu Ende geht.

Dieser Moment geht mir auch jetzt, ein paar Tage später, noch nahe. Vielleicht gerade deshalb, weil das Konzert so schön gewesen war. Es war kein trauriger Abschied. Im Gegenteil. Es war ein wunderbarer Abschluss.

Aber eben ein Abschluss …

Nach dem Konzert wartete noch ein gemeinsames Abendessen auf uns – diesmal mit einem grossartigen libanesischen Traiteur-Buffet. Nach all den Emotionen tat es gut, einfach noch zusammenzusitzen, zu essen, zu reden und diesen besonderen Abend langsam ausklingen zu lassen.

Ganz ohne weitere Emotionen ging es allerdings nicht.

Unser Präsident hielt noch eine kleine Ansprache für Céline und überreichte ihr ein Geschenk, das wir Lausanner Choristen gemeinsam für sie vorbereitet hatten. Und natürlich wurde es dabei noch einmal ziemlich emotional …

Danach hatte auch die Präsidentin des Brüsseler Chors noch eine Überraschung parat: Sie hatte für jeden einzelnen Choristen – aus beiden Chören – eine Trinkflasche anfertigen lassen. Eine schöne Erinnerung an dieses gemeinsame Wochenende, die uns nun auch im Alltag begleiten wird.

Überhaupt war es eines dieser Wochenenden, an denen unglaublich viel in sehr wenig Zeit passiert. Man ist müde, der Kopf ist voll mit Eindrücken und Emotionen – und gleichzeitig möchte man noch gar nicht, dass es vorbei ist.

Ein ruhiger Montagmorgen

Der Montagmorgen bildete dazu einen wunderschönen Kontrast. Kein Zeitdruck, keine Probe, kein Konzert mehr. Einfach ein gemütlicher Morgen bei dem Ehepaar, bei dem ich übernachten durfte. Kaffee, Gespräche, ein bisschen erzählen – und noch einmal dieses Gefühl, wie herzlich ich aufgenommen worden war.

Dann hiess es endgültig Abschied nehmen.

Mit etwas Stau ging es zum Flughafen und schliesslich ins Flugzeug Richtung Genf. Der Flug verlief völlig problemlos. Bis kurz vor der Landung. Wir waren bereits im Landeanflug auf Genf, als der Pilot plötzlich wieder Schub gab und die Maschine hochzog. Ich kam mir für einen kurzen Moment vor wie auf einer Bahn im Europapark 😀 . Wir hatten keine Landegenehmigung bekommen und mussten noch einmal eine Runde über der Region drehen, bevor wir einen zweiten Versuch starten konnten.

Nach unserer abenteuerlichen Anreise nach Brüssel wäre eine vollkommen ereignislose Rückreise vermutlich auch einfach zu langweilig gewesen.

Was bleibt

Wenn ich an dieses Wochenende zurückdenke, denke ich nicht zuerst an verspätete Züge, kaputte Toiletten oder unseren ungeplanten Ehrenrundflug über Genf.

Ich denke an Menschen.

An die herzliche Aufnahme in Brüssel. An unsere Gastgeber. An gemeinsames Essen und Lachen. An Musik. An eine volle Kirche und ein begeistertes Publikum.

Und ich denke an Céline und an diese tränenreiche Umarmung nach unserem letzten gemeinsamen Konzert …

Es war anstrengend. Es war chaotisch. Es war wunderschön.

Und wahrscheinlich sind es genau solche Reisen, die einem lange in Erinnerung bleiben.

Brüssel – ich komme gerne wieder.

Wenn mit einem Menschen auch ein Ort verschwindet

Manchmal stirbt mit einem Menschen nicht nur ein Leben. Manchmal verschwindet auch ein Ort.

Solange mein Vater lebte, war das Haus in Brotte für mich mehr als nur ein Gebäude. Es war ein Ort, an den ich zurückkehren konnte. Ein Ort voller Erinnerungen, Gespräche und gemeinsamer Momente. Nicht mein Zuhause im eigentlichen Sinn – aber doch ein Ort, an dem ich mich willkommen fühlte.

Dass das Haus heute meinen beiden Halbbrüdern gehört, war nie ein Geheimnis. Die Geschichte dahinter kenne ich und ich habe sie immer verstanden. Es ging nie um ein Erbe oder um Besitz. Darüber hatte ich schon vor Jahren mit meinem Vater gesprochen.

Vor einigen Tagen erhielt ich zwei Nachrichten meiner Halbbrüder. In der ersten machten sie deutlich, dass wir inzwischen alles aus dem Haus mitnehmen konnten, was unser Vater uns noch hatte überlassen wollen. Wenige Tage später schrieb einer von ihnen, dass er wegen der vielen administrativen Aufgaben, der Haushaltsauflösung und seiner eigenen gesundheitlichen Situation vorübergehend keine Besuche mehr empfangen könne. Beides kann ich gut nachvollziehen. Wirklich.

Und trotzdem haben diese Nachrichten etwas in mir ausgelöst.

Nicht, weil ich mich ausgeschlossen fühle. Nicht, weil ich glaube, dass es böse gemeint ist. Sondern weil ich in diesem Moment gespürt habe, dass das Kapitel «Papa in Brotte» endgültig zu Ende gegangen ist.

Plötzlich wird einem bewusst, dass man nicht nur einen Menschen verloren hat. Man verliert oft auch den Ort, an dem dieser Mensch gelebt hat. Die Tür, die früher selbstverständlich offenstand, gehört nun jemand anderem. Niemand sagt: «Du bist hier nicht mehr willkommen.» Und doch beginnt man sich zu fragen, ob man diesen Ort überhaupt noch als den eigenen betrachten darf.

Vielleicht ist genau das eine Form der Trauer, über die selten gesprochen wird. Denn ein Haus besteht nicht nur aus Mauern. Es lebt durch den Menschen, der darin wohnt.

Mit dem Tod meines Vaters ist deshalb nicht nur ein Mensch gegangen. Ein Stück «Nach Hause» ist leise mit ihm verschwunden.

In liebevoller Erinnerung an meinen Papa ❤️

Ein Zeichen in der Stille

Es gibt Gespräche, die langsam ausklingen.
Und es gibt solche, die einfach plötzlich verstummen.

Mitten in einem Gedanken.
Mitten in einem Austausch.

Als hätte jemand die Tür zugeschlagen.

Gestern war so ein Moment.

Vielleicht war es für die eine Seite einfach ein Streitgespräch, das zu Ende war. Für die andere fühlte es sich eher so an, als würde man noch mitten im Raum stehen, während der andere schon gegangen ist.

Und wenn man zu den Menschen gehört, die Konflikte wenn immer möglich vermeiden, ist so ein «Stehenlassen» schwer verständlich – und schmerzhaft.

Manchmal liegt das daran, dass Menschen sehr unterschiedlich funktionieren. Die einen ordnen Gedanken nüchtern und analytisch. Die anderen hören stärker auf Zwischentöne, auf das, was zwischen den Worten mitschwingt.

Dann können ein paar einfache Worte viel mehr Gewicht bekommen, als vielleicht beabsichtigt war.

Und wenn dann jemand diesen Moment einfach abbricht – vielleicht indem er plötzlich verstummt oder einfach nicht mehr da ist – bleibt ein Nachhall. Ein unangenehmes Gefühl, das noch eine Weile über einem schwebt.

Gestern war so ein Abend.
Mit diesem seltsamen, etwas traurigen Gefühl. Und mit dem Wissen, dass man nichts anderes tun kann, als abzuwarten. Bis zum nächsten Tag. Wenn nicht länger.

Und vielleicht auch mit der leisen Hoffnung, dass da doch noch einmal ein kleines Zeichen kommt.

Und dann kam überraschenderweise tatsächlich noch eines.

Ein symbolisches Bild.
Mit einem Gute-Nacht-Gruss.

Für viele ist das vermutlich nichts Besonderes. Ein paar Worte, wie man sie schnell noch schreibt, bevor man schlafen geht.

Aber manchmal tragen solche kleinen Gesten eine Bedeutung, die nur zwei Menschen wirklich verstehen.

Vor allem, wenn solche Worte lange nicht mehr gekommen sind.

Dann spürt man plötzlich, dass es vielleicht doch nicht ganz gleichgültig war, wie ein Gespräch geendet hat. Dass irgendwo ein Gedanke nachgewirkt hat. Vielleicht auch das Gefühl, dass ein Satz zu scharf gewesen sein könnte.

Und dass jemand sich – vielleicht ganz leise, vielleicht ein wenig zögernd – doch noch einmal meldet.

Eine Art Versöhnungsgruss.

Und plötzlich ist diese Stille vom Abend nicht mehr ganz so schwer.

Manchmal genügt ein kleiner Gruss am Ende des Tages,
um zu zeigen, dass man doch noch einmal zurückgekommen ist –
und dass der andere eben doch eine Bedeutung hat. 🌙

Der Moment, in dem ein Kind erwachsen wird

Es gibt Momente im Leben von Eltern, die einen unerwartet still werden lassen.

Nicht, weil etwas Grosses passiert ist.
Nicht, weil ein besonderer Tag gefeiert wird.

Sondern weil man plötzlich merkt:
Das eigene Kind ist erwachsen geworden.

Vor Kurzem hat sich mein Sohn von seiner Freundin getrennt. Es lag schon länger in der Luft, dass die Beziehung ins Schwanken geraten war. Dass eine Distanz von 500 km dazwischen liegt, ist ebenfalls nicht unbedingt hilfreich oder förderlich für eine Verbindung – vor allem, wenn die Betroffenen noch sehr jung sind. So etwas ist nie einfach. Für keinen der beiden.

Ich merkte schon seit einiger Zeit, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte. Und vor etwa einem Monat erklärte mir mein Sohn, dass er sich trennen werde, weil es so nicht weitergehen könne. Verschweigen von relevanten Informationen und womöglich auch Untreue seien die Gründe. Aber er wolle das nicht einfach per WhatsApp tun. Sie komme am 6. März für das Wochenende zu ihm, damit es «sauber» abgeschlossen werden könne.

Als Mutter steht man daneben – ein bisschen hilflos –, weil man weiss, dass solche Wege nicht einfach sind, sie aber jeder selbst gehen muss.

Was mich in dieser Situation tief beeindruckt hat, war nicht die Trennung an sich.
Sondern wie mein Sohn damit umgegangen ist:

Er hat weder versucht auszuweichen noch gewartet, bis sich alles von selbst erledigt.
Und er hat auch nicht den einfachen Weg gewählt.

Er hat das Gespräch gesucht. Ruhig, respektvoll und ehrlich.

So ehrlich, wie es eben möglich ist, wenn man weiss, dass man einem anderen Menschen gerade weh tun könnte.

Natürlich war er traurig.

Eine Trennung hinterlässt Spuren – auch dann, wenn sie richtig ist.
Gefühle verschwinden nicht einfach, nur weil man eine Entscheidung getroffen hat.

Ich habe diese Traurigkeit gespürt. Und als Mutter möchte man in solchen Momenten natürlich trösten. Man möchte etwas sagen, das hilft.

Ich habe kurz überlegt, ob ich ihm behutsam sagen soll, dass die beste «Medizin» nach einer Trennung oft darin liegt, den Blick wieder nach vorne zu richten. Sich nicht im Vergangenen zu verlieren, sondern den eigenen Weg weiterzugehen.

Doch ich musste das gar nicht mehr aussprechen:
Er sagte selbst, dass er sich jetzt wirklich auf seine Zukunft konzentrieren wolle – vor allem auf seinen beruflichen Weg.

In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie viel Klarheit und Reife in ihm steckt.
Nicht, weil ihn die Situation kalt lässt. Nein. Sondern weil er trotz der Traurigkeit weiss, dass das Leben weitergeht – und dass es manchmal Mut braucht, den eigenen Blick bewusst nach vorne zu richten.

Mein Sohn ist ein sensibler Mensch. Ich glaube sogar, dass er hypersensibel ist.

Das bedeutet, dass er vieles intensiver wahrnimmt als andere.
Stimmungen, Worte, kleine Veränderungen im Verhalten eines Menschen – Dinge, die manche kaum bemerken, bleiben bei ihm nicht unbemerkt.

Diese Art von Sensibilität kann das Leben manchmal komplizierter machen:

Kritik kann stärker treffen.
Konflikte können länger nachhallen.
Und auch die Atmosphäre um einen herum kann einen tief berühren.

Manchmal kann das sehr anstrengend sein. Aber diese Sensibilität ist auch eine grosse Stärke.

Sie bedeutet, dass man mitfühlen kann. Dass man andere Menschen wirklich wahrnimmt.
Dass man Zwischentöne hört, die vielen entgehen.

Menschen mit einer solchen Feinfühligkeit sind oft besonders empathisch, aufmerksam und kreativ.

Im Leben geht es nicht darum, weniger sensibel zu werden, sondern zu lernen, mit dieser Sensibilität umzugehen.

Wenn das gelingt, kann genau das, was manchmal schwer wirkt, zu einer besonderen Kraft werden.

Zum Erwachsenwerden gehört auch, zu akzeptieren, dass Gefühle manchmal weh tun.

Es wäre leicht, sich nach solchen Erfahrungen zu verschliessen, härter zu werden, weniger zu fühlen, um sich zu schützen. Doch ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist.

Gefühle gehören zum Leben.
Die schönen genauso wie die schmerzhaften.

Wer liebt, kann verletzt werden.
Wer sich öffnet, kann enttäuscht werden.

Aber genau darin liegt auch etwas Kostbares: die Fähigkeit, wirklich zu fühlen.

Reife bedeutet nicht, sich gegen Schmerz zu panzern, sondern ihn anzunehmen, ohne dabei die eigene Offenheit zu verlieren.

Ich wünsche meinem Sohn, sich seine Sensibilität, seine Fähigkeit zu fühlen – auch wenn das Leben manchmal wehtut – zu bewahren. Denn gerade diese Offenheit macht einen Menschen nicht schwach.

Sie macht ihn menschlich.

Erwachsenwerden bedeutet nicht, dass einem Entscheidungen nichts mehr ausmachen.
Und auch nicht, dass man keinen Schmerz mehr spürt.

Es bedeutet, beides gleichzeitig aushalten zu können:
die Traurigkeit über das, was endet –
und den Mut, trotzdem nach vorne zu schauen.

Und genau das habe ich bei meinem Sohn gesehen. Es hat mich mehr berührt, als ich erwartet hätte.

Irgendwann akzeptiert man als Eltern, dass man seine Kinder nicht vor allem schützen kann.
Ihr Leben nimmt eigene Wege – mit Freude, mit Fehlern, mit Entscheidungen, die manchmal auch schmerzhaft sind.

Keine Mutter weiss, was ihrem Kind eines Tages widerfährt. Aber man hofft immer auf eines:

Dass sie anständig bleiben.
Dass sie andere Menschen mit Respekt behandeln.
Dass sie den Mut haben, ehrlich zu sein – auch wenn Ehrlichkeit schwer ist.

Als ich meinem Sohn in diesen Tagen zugehört habe, wurde mir etwas sehr ruhig bewusst:

Er geht seinen Weg.

Mit seiner Sensibilität.
Mit seinen Gefühlen.
Und mit dem Willen, trotz allem nach vorne zu schauen.

Und als Mutter bleibt einem in solchen Momenten eigentlich nur eines:

Still daneben zu stehen –
und ein kleines bisschen stolz zu sein.

Denn manchmal zeigt sich das Erwachsenwerden eines Kindes nicht in grossen Ereignissen,
sondern in der stillen Art, wie es mit den schwierigen Momenten des Lebens umgeht.

Nicht schwach – überfordert

Oft habe ich das Gefühl, wir unterschätzen, wie schwer es für junge Menschen heute ist – besonders für jene, die um die Jahrtausendwende oder danach geboren wurden. Sie wachsen in einer Welt auf, die wenig Ruhe kennt und viel verlangt.

Ich schreibe das als Mutter.

Bis zum vorletzten obligatorischen Schuljahr kam mein Sohn mehr oder weniger zurecht. Dann wurde er massiv gemobbt. Daraus entwickelte sich eine Schulphobie. Es gab Angstzustände, starke Bauchschmerzen und manchmal panikartige Flucht. Ich brachte ihn täglich zur Schule, holte ihn oft wieder ab. Es gab Tage, an denen ich ihn suchte, weil mich die Rektorin informierte, dass er nicht dort angekommen war. Es war eine sehr schwere Zeit.

Mein Sohn ist mit grosser Sicherheit hypersensibel – eine Eigenschaft, die nichts Schlechtes ist, sondern Tiefe und feine Wahrnehmung bedeutet. In einem rauen Umfeld kann sie jedoch sehr belastend sein. Mit viel Engagement fand die Rektorin für ihn einen Platz in einem schulnahen Projekt ausserhalb des Schulgebäudes. Dieser Ort gab ihm etwas Halt.

Dann kam Corona – mein Sohn 15.

Das Projekt wurde gestoppt. Begleitung und Informationen blieben aus. Er musste zu Hause bleiben – und wurde damit faktisch auf die Seite gelegt.

Letzten Sonntagabend sass mein Sohn weinend am Tisch und sagte:
„Ich bin jetzt 21, und die anderen – jene, die mich damals gemobbt haben – haben alle eine Ausbildung und arbeiten. Und ich bin einfach nur ein Nichts.“
Dieser Satz hat mir das Herz zerrissen. Denn er ist kein Nichts. Aber so fühlt es sich an, wenn man zu lange keinen Platz mehr hatte.

Gestern habe ich meinen Sohn zum Sozialamt begleitet. Sein Hausarzt hatte ihm geraten, sich an einen Sozialarbeiter zu wenden – er sei auf keinen Fall ein Einzelfall. Für meinen Sohn war dieser Schritt sehr schwer: hinzugehen, einen Termin zu vereinbaren und sich dabei quasi verletzlich zu zeigen. Auch mir tat es im Mutterherz weh. Aber er hat es getan. Am 23. Januar hat er einen Termin bekommen, und ich werde ihn begleiten. Und ich hoffe sehr, dass ihm geholfen werden kann – wie auch immer dieser Weg aussehen mag.

Vielleicht ist es an der Zeit, weniger zu vergleichen und mehr zu verstehen. Die Welt der 1960er-, 70er- oder 80er-Jahre ist nicht die heutige.
Was junge Menschen brauchen, ist kein Spott und keine Abwertung, sondern Anerkennung für das, was sie tragen müssen und mussten – und die Zuversicht, dass es Wege gibt. Auch dann, wenn sie später beginnen.

Die Stille dazwischen

Seit ein paar Wochen ist Frank spürbar distanzierter.
Warum das so ist, kann ich nicht wirklich sagen. Es gibt keine klaren Worte, keine offensichtlichen Gründe. Nur dieses leise Gefühl, das sich eingeschlichen hat – und geblieben ist.

Manchmal frage ich mich, ob ich ihm zu viel bin. Oder ob ich mehr von seiner virtuellen Präsenz erwarte, als er im Rahmen unserer Freundschaft geben möchte.
Vielleicht täusche ich mich. Und doch fühlt es sich so an.

Diese Unsicherheit macht mich ein wenig traurig.
Es ist keine laute Traurigkeit, sondern eine stille. Eine, die zwischen den Zeilen entsteht – dort, wo Fragen unbeantwortet bleiben oder abgestritten werden und Vertrautheit sich plötzlich anders anfühlt als zuvor.

Ein Moment des Innehaltens – im Gebet, in der Musik und in Solidarität

Heute kamen in der Christ Church Lausanne lediglich eine gute Handvoll Menschen zu einem Moment des Innehaltens zusammen – im Rahmen des nationalen Trauertages und im Gedenken an die Tragödie von Crans-Montana.
Und doch war dieser Moment tief berührend.

In der Schlichtheit von Gebet, Stille und Musik wurde etwas Wesentliches spürbar: eine geteilte Präsenz, eine aufrichtige Aufmerksamkeit füreinander, eine Solidarität, die über die Zahl der Anwesenden hinausgeht. Denn entscheidend ist nicht, wie viele wir waren, sondern dass wir da waren – gemeinsam – vereint in Mitgefühl und Erinnerung.

Ich teile hier ein kurzes Video dieses Moments, begleitet von der Musik, die am Ende des Innehaltens gespielt wurde. Es wurde von einer Person in einer Nacht der Schlaflosigkeit geschrieben – in einem Moment, in dem das Herz frei sprechen durfte.

Nationaler Trauertag – 9. Januar

Heute am 9. Januar, dem nationalen Trauertag, schliessen wir uns als christkatholische Kirchgemeinde, gemeinsam mit der anglikanischen Gemeinschaft, dem landesweiten Moment des Innehaltens in der ganzen Schweiz an. In dieser Verbundenheit sind wir an diesem Nachmittag in der anglikanischen Kirche zusammen, um solidarisch zu sein, still zu werden und gemeinsam zu gedenken.

Um 14 Uhr wird – in Verbundenheit mit vielen anderen Orten im Land – ein symbolisches Glockenzeichen erklingen. Da die Kirche selbst über keine Glocken verfügt, wird dieses Zeichen bewusst und schlicht gesetzt: als Ausdruck gemeinsamer Trauer, Verbundenheit und Solidarität.

Die anglikanische Kirche ist an diesem Nachmittag von 13 bis 15 Uhr offen – ein Raum zum Ankommen, Verweilen oder Stillwerden.
Gegen 14.15 Uhr ist eine kurze Zeit der Besinnung vorgesehen (ca. 10–15 Minuten), um der Opfer zu gedenken und ihre Familien sowie Angehörigen in Gedanken und im Gebet zu begleiten.

Ich habe dafür 2 Gebete geschrieben :


Gott des Lebens,
halte deine schützende Hand
über jene, deren Weg jäh erschüttert wurde,
und über alle, die ihre Trauer tragen.
Schenke Kraft, Geduld und Hoffnung,
um jeden neuen Tag zu bestehen.
Amen.


Herr

wir legen dir die Familien und Angehörigen ans Herz,
die von der Tragödie in Crans-Montana betroffen sind.

In Schmerz, Angst und Stille
komm und schenke deinen Frieden dort,
wo Worte fehlen.

Umgib mit deinem Licht alle, die leiden,
und nimm die Seelen derer auf,
die viel zu früh gegangen sind.

Schenke Kraft, Mut und Sanftmut
allen, die zurückbleiben,
und lass die menschliche Solidarität
stärker sein als die Nacht.

Amen.

Eine unbequeme Frage

Seit sich die Tragödie in Crans-Montana ereignet hat, erreichen mich täglich neue Erkenntnisse und Informationen. Auch bedingt durch meine Arbeit in der Kommunikation der kantonalen reformierten Kirche und als Kommunikationsverantwortliche unserer christkatholischen Kirchgemeinde.

Seit ich – ungewollt – durch das Kennen eines Brandopfers noch näher dran bin, stellt sich mir diese eine Frage immer dringlicher:

Ist das – ganz nüchtern betrachtet – eine Art Weckruf?

Ich habe schon länger das Gefühl, dass die Menschheit auf einer falschen Spur unterwegs ist. Zu schnell. Zu rücksichtslos. Zu egoistisch und egozentrisch. Zu sehr gefangen im Dauerrauschen.

Solche Ereignisse werfen uns aus der Bahn. Zurecht?
Zumindest reissen sie uns aus einem Zustand, in dem vieles zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Für einen Moment wird es still. Und plötzlich zählen andere Dinge. Leben. Verantwortung. Mitgefühl.

Vielleicht zeigen solche Erschütterungen, wie weit wir uns vom realen, menschlichen Leben entfernt haben. Und vielleicht mahnen sie uns – schmerzhaft –, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

Vielleicht sollten wir wirklich einmal innehalten.
Und darüber nachdenken.

Wenn Worte kaum ausreichen – ein stilles Gebet

Manche Nachrichten treffen uns wie ein Schlag ins Herz. Sie lassen uns verstummen, weil kein Wort sofort passt.
Eine solche Nachricht hat mich erreicht. Sie betrifft den Sohn einer Choristin und eines Kirchgemeindemitglieds – eine Familie, die ich relativ gut kenne und deren Leben in einem einzigen Moment aus den Fugen geraten ist.

In jener Nacht in Crans-Montana war ihr Sohn mitten im Geschehen … und hat überlebt.
Heute liegt er im Universitätsspital Zürich auf der Station für Schwerbrandverletzte. Sein Körper trägt schwere Spuren des Feuers: Rund 40 % des Körpers sind von Verbrennungen zweiten und dritten Grades betroffen. Und doch ist sein Leben bewahrt geblieben. Er ist bei Bewusstsein, sein Zustand ist stabil, er wird achtsam und kompetent betreut, und die erste Hauttransplantation ist bislang gut verlaufen.

Der Weg der Heilung hat begonnen – langsam, schmerzhaft, Schritt für Schritt. Viele Tage des Wartens und Hoffens liegen noch vor der Familie. Wie lange dieser Weg dauern wird, weiss im Moment niemand. Doch sie sind nicht allein. Freunde und Angehörige stehen der Familie in dieser schweren Zeit zur Seite.

Diese traurige Nachricht hat mich tief bewegt. Als Mutter. Als Mensch. Wenn ich mir vorstelle, es wäre eines meiner Kinder gewesen – der junge Mann ist so alt wie mein Sohn –, wird die Vorstellung kaum erträglich.

Ich habe der Familie eine stille Nachricht der Nähe und des Gebets geschickt. Ohne Fragen, ohne Erwartungen – im Vertrauen darauf, dass Gott da ist, wo menschliche Worte enden.

Ich glaube daran, dass Gott auch in der Dunkelheit gegenwärtig ist.
Dass er trägt, wenn die Kraft fehlt.
Und dass sein Licht selbst dort leuchtet, wo alles verbrannt scheint.


Gott des Lebens,
halte deine schützende Hand über diesen jungen Menschen
und über alle, die ihn lieben.
Schenke Kraft, Geduld und Hoffnung für jeden neuen Tag.
Amen.

„Der Herr behüte dich.“
(Psalm 121,7)