Toleranz – aber bitte selektiv ?


Nach der Chorprobe gibt es bei uns jeweils einen Apéro. Ich finde das immer toll, weil wir noch ein bisschen zusammenstehen und den Abend ausklingen lassen.

Ich gehe in dieser Zeit meistens kurz raus – eine Zigarette. Einfach ein paar Minuten für mich.

Gestern stand ich also draussen, als zwei neue Choristinnen – sie sind erst seit etwa einem Monat dabei – ebenfalls hinauskamen. Eine von ihnen blieb stehen, schaute mich an und meinte:
„C’est original…“

Ich war kurz irritiert.
„Was meinst du?“
„Dass du rauchst“, sagte sie. Der Tonfall war… sagen wir mal, nicht ganz neutral.

Ich habe die beiden etwas „böse“ angeschaut und gekontert:

„Weisst du, ich fühle mich als Raucher in einer Minderheit, auf die man ziemlich leicht ein bisschen abwertend schaut.“

Die beiden schauten mich etwas überrascht an.

Und irgendwie kam ich dann ins Reden und erzählte von all diesen Diskussionen über Inklusion und Sonderregelungen für einzelne.
Und ganz ehrlich: Ich habe echt Mühe damit.

Bei uns im Büro zum Beispiel wird für alles und jeden eine Lösung gesucht – sogar genderneutrale Toiletten haben wir wegen einer einzigen Person, die nicht mal täglich da ist – aber wir Raucher stehen draussen im Regen. In einer kleinen Ecke hinter dem Haus. Ohne Dach.

Wenn schon, dann doch bitte für alle gleich.

Ich habe dann noch einen draufgesetzt:

„Auf den Zigarettenpackungen steht gross ‘Rauchen ist tödlich’. Was ja stimmt. Aber warum steht das nicht auf Bierflaschen? Oder auf Wein? Alkohol kann genauso zerstören – aber da sagt niemand etwas.“

Es wurde kurz still.

Die beiden wirkten plötzlich etwas verlegen.
„Ja… das stimmt schon“, meinten sie leise.

Dann verabschiedeten sie sich ziemlich schnell.

Und ich blieb noch einen Moment draussen stehen.

Mit meiner Zigarette.
Und einem kleinen inneren Schmunzeln.

Ich gebe zu: Ich habe es ein bisschen genossen, wie sie von ihrem hohen Ross plötzlich ganz klein mit Hut davongegangen sind.

Nicht, weil ich jemanden „fertig machen“ wollte – sondern weil es manchmal gut tut, den Spiess kurz umzudrehen und einen Spiegel vorzuhalten.

Und zu zeigen, dass Dinge eben nicht immer so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick wirken.

Ein Kommentar zu “Toleranz – aber bitte selektiv ?

  1. Top! Und das finde ich als ehemalige Raucherin!! Inklusion in alle Richtungen.
    Für „Behinderte“ (darf man ja auch nicht mehr sagen, aber „invalid“ – was übrigens unwert heisst! Das geht immer noch!! Krank) schafft man auch alles Mögliche!!
    Und nur weil man das „Defizit“ sieht, können andere, die ein „Defizit“ haben, das man nicht sieht, nicht so von einem reden.

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