Die 10-Millionen-Initiative wurde deutlich abgelehnt.
Ich akzeptiere das Resultat. Das ist Demokratie. Aber verstehen muss ich es deswegen noch lange nicht.
Als ich die Resultate gesehen habe, war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Nicht nur schweizweit, sondern vor allem in den Städten.

Basel, meine geliebte Heimatstadt: über 70 % Nein.
Lausanne, wo ich heute lebe: ebenfalls deutlich Nein.
Dazu Zürich, Genf, Neuenburg, Luzern und viele andere Städte.
Natürlich gibt es auch in diesen Städten Menschen, die ähnlich denken wie ich. Aber wenn ich solche Resultate sehe, frage ich mich schon manchmal, ob ich die Schweiz noch verstehe.
Interessant finde ich auch, dass man den Deutschschweizern oft nachsagt, sie seien die ewigen Nein-Sager. Diejenigen, die bremsen, die skeptisch sind und allem Neuen misstrauen.
Bei dieser Abstimmung hatte ich allerdings nicht das Gefühl, dass der berühmte Röstigraben eine grosse Rolle gespielt hat.
Auch in der Romandie wurde die Initiative deutlich verworfen. Die Nein-Stimmen kamen nicht nur aus Zürich oder Basel, sondern genauso aus Genf, Lausanne oder Neuenburg.
Offenbar sind die Nein-Sager nicht immer dort zu finden, wo man sie vermutet.
Die Schweiz war für mich immer mehr als einfach das Land, in dem ich geboren wurde. Sie war Neutralität. Eigenständigkeit. Föderalismus. Direkte Demokratie. Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.
Und sie war etwas, worauf ich immer stolz war.
Ich war immer gerne Schweizerin.
Nicht, weil ich dachte, dass die Schweiz perfekt ist. Natürlich ist sie das nicht. Aber ich hatte immer das Gefühl, in einem Land zu leben, das vieles richtig macht. In einem Land, das seine Werte kennt, schützt und verteidigt.
Heute spüre ich diesen Stolz immer weniger.
Stattdessen frage ich mich immer öfter, warum wir so bereitwillig aufgeben, was die Schweiz über Jahrzehnte stark gemacht hat.

Neutralität? Wird immer häufiger infrage gestellt.
Souveränität? Scheint für viele kein wichtiges Thema mehr zu sein.
Traditionen und Werte? Werden oft belächelt oder als altmodisch abgetan.
Und ich verstehe es einfach nicht. Vor allem verstehe ich nicht, warum wir das freiwillig tun. Denn das alles geschieht nicht gegen den Willen der Bevölkerung. Es geschieht mit ihrer Zustimmung.
Genau das macht mir Sorgen.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mich mit der Entwicklung nicht nur in der Schweiz, sondern in weiten Teilen Mitteleuropas immer schwerer tue. Seit einigen Jahren habe ich zunehmend das Gefühl, dass sich Mitteleuropa selbst abschafft. Überall scheint es nur noch darum zu gehen, Bewährtes infrage zu stellen, Grenzen aufzuweichen und nationale Eigenheiten aufzugeben. Gleichzeitig nehmen die Probleme zu, und trotzdem wird oft einfach weitergemacht wie bisher.
Ja, ich weiss, dass nicht alle das so sehen.
Aber das ist meine persönliche Meinung.
Ich fand es besser, als die einzelnen Länder ihre Eigenständigkeit hatten, ihre Grenzen respektierten und ihre eigenen Interessen vertraten, ohne sich ständig für ihre Geschichte, ihre Kultur oder ihre Identität rechtfertigen zu müssen.
Dazu stehe ich.
Noch mehr Sorgen macht mir allerdings, dass die Menschheit offenbar nichts aus ihrer Geschichte lernt.
Wenn man zurückschaut, stellt man fest, dass sich vieles immer wiederholt. Die gleichen Fehler. Die gleichen Entwicklungen. Die gleiche Hoffnung, dass es diesmal anders herauskommt.
Tut es aber oft nicht.
Vielleicht liegt es auch daran, dass zu wenig erzählt wird.
Dass Eltern ihren Kindern nicht mehr wirklich vermitteln, wie gewisse Dinge früher waren. Welche Erfahrungen gemacht wurden. Welche Fehler schon einmal begangen wurden. Und welche Folgen das hatte.

Was vergessen geht, wird irgendwann wiederholt.
Manchmal habe ich das Gefühl, jede Generation müsse dieselben Lektionen noch einmal lernen, obwohl sie längst bekannt sein müssten.
Wenn ich heute die Entwicklung der Schweiz anschaue, frage ich mich manchmal ernsthaft, was ich hier eigentlich noch mache.
Hätte ich einen Job, den ich vollständig von zu Hause aus ausüben könnte, würde ich vielleicht meine Koffer packen und verschwinden.
Nicht aus Wut – Nicht aus Trotz – Sondern weil ich mich immer weniger mit dem identifizieren kann, wohin sich unser Land entwickelt. Und gleichzeitig weiss ich, dass ich die Schweiz wahrscheinlich nie aufhören werde zu lieben.
Vielleicht ist genau das das Problem.
Denn enttäuscht sein kann man nur von etwas, das einem wirklich wichtig ist.
Eine Frage hätte ich dazu und zwar, sind die Stimmzettel ganz? Heisst, kein Loch, keine Ecke weg, denn ich habe seit Jahren keinen mehr angesehen. Wenn ja, also Ecke oder Loch, sind sie ungültig und alle Stimmbürger verlassen sich auf eine Scheindemokratie, wo Resultate längst bestimmt sind. Auch ohne Ecke und Loch, wer glaubt den wirklich bei Paradebeispiel Digitale ID, dass Stimmbürger bei einer Wahlbeteiligung von meistens 50%, dann im Alter über 45 bis 50 Jahren für eine Digitale ID stimmen? Seit ihr wirklich noch so blind, glaubt ihr wirklich noch, dass Politik etwas gutes tut? Ehrlich
Danke für deinen Kommentar.
Ich kann gut nachvollziehen, dass viele Menschen heute das Vertrauen in die Politik verloren haben. Mit diesem Gefühl bist du sicher nicht allein.
Gerade deshalb ist mir die direkte Demokratie in der Schweiz so wichtig. Wir gehören zu den wenigen Ländern der Welt, in denen die Bevölkerung auf nationaler Ebene regelmässig direkt über politische Fragen entscheiden kann. Das ist ein grosses Privileg, das wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollten.
Allerdings teile ich auch einen Teil deiner Kritik. Es gab in den letzten Jahren Volksentscheide – die Masseneinwanderungsinitiative ist wohl das bekannteste Beispiel –, bei denen viele Bürger den Eindruck gewonnen haben, dass der Volkswille nur teilweise oder verwässert umgesetzt wurde. Solche Erfahrungen erschüttern das Vertrauen in Politik und Institutionen.
Trotzdem glaube ich, dass Resignation keine Lösung ist. Wenn wir nicht mehr abstimmen gehen, verzichten wir freiwillig auf eines der wichtigsten demokratischen Rechte, das wir überhaupt haben. Demokratie lebt nicht davon, dass sie perfekt ist, sondern davon, dass die Bürgerinnen und Bürger sich weiterhin einbringen, kritisch bleiben und Verantwortung übernehmen.
Deshalb möchte ich die Hoffnung nicht aufgeben. Im Gegenteil: Gerade weil mir unsere direkte Demokratie am Herzen liegt, finde ich, dass wir sie nutzen und gleichzeitig dafür einstehen sollten, dass Volksentscheide auch ernst genommen und glaubwürdig umgesetzt werden.