„Liege im Bett.“
Drei Worte. Mehr nicht.
Eigentlich eine völlig harmlose Aussage. Und trotzdem können drei so einfache Worte bei zwei Menschen etwas völlig Unterschiedliches auslösen.
Wenn mir jemand schreibt: „Liege im Bett“, dann kann das für mich heissen: Der Tag ist vorbei, die Person hat sich zurückgezogen, vielleicht ist sie müde. Vielleicht bedeutet es aber auch: Ich liege zwar im Bett, bin aber noch wach. Wir können uns noch ein bisschen unterhalten.
Dabei hat sich der andere bei diesen drei Worten vielleicht etwas ganz anderes gedacht als ich. Oder auch gar nichts.
In der Regel gehen wir doch ganz selbstverständlich davon aus, dass unser Gegenüber etwas genauso versteht wie wir. Dass ein Wort, ein Satz, eine Geste beim anderen ungefähr dasselbe auslöst wie bei uns. Dabei wissen wir nicht einmal, ob wir die Welt um uns herum tatsächlich gleich wahrnehmen.
Zum Beispiel: Wir schauen gemeinsam auf eine Wiese und sind uns einig: Die Wiese ist grün. Natürlich ist sie grün. Das haben wir irgendwann als Kinder gelernt. Jemand hat auf diese Farbe gezeigt und uns gesagt: „Das ist grün.“ Und seither nennen wir sie so.
Aber woher weiss ich eigentlich, dass dein Grün genauso aussieht wie mein Grün? Vielleicht sieht das, was du Grün nennst, für dich völlig anders aus als für mich. Wir würden es niemals merken, denn wir haben beide gelernt, diesem ganz persönlichen Farbeindruck dasselbe Wort zu geben: Grün. Wir benutzen also dasselbe Wort, aber ob wir tatsächlich dasselbe sehen, wissen wir nicht.
Und wenn das schon bei einer Farbe so ist – wie soll es dann erst bei allem anderen sein? Bei Worten, bei einem Blick, einer Berührung oder beim Schweigen. Jeder nimmt diese Dinge anders wahr.
Schweigen kann für mich bedeuten: Da stimmt etwas nicht. Für jemand anderen bedeutet es vielleicht aber einfach: Ich habe gerade nichts zu sagen. Und trotzdem beginnen wir zu interpretieren, zu überlegen und nach einem Grund zu suchen. Wir beziehen Dinge auf uns, die mit uns vielleicht überhaupt nichts zu tun haben. Oder wir messen einem Satz eine Bedeutung bei, die der andere ihm nie gegeben hat.
Mama hat mir einmal von einem Ball an der Uni erzählt, auf dem sie mit einem Studenten ins Gespräch kam. Der meinte zu ihr, eigentlich müsste man – bevor man miteinander spricht – zuerst jedes einzelne Wort definieren und sich darüber einig sein, was es genau bedeutet. Nur dann könne man sicher sein, dass man sich auch wirklich versteht.
Natürlich wäre das im Alltag völlig unmöglich. Aber irgendwie ist etwas dran. Denn nur weil zwei Menschen dasselbe Wort benutzen, muss es für beide noch lange nicht genau dasselbe bedeuten. Wir können die Welt nun einmal nur mit unseren eigenen Augen sehen – geprägt von unseren Erfahrungen, unseren Erinnerungen und unseren Gefühlen. Deine grüne Wiese ist nicht meine grüne Wiese und doch ist es unsere grüne Wiese …

Vielleicht ist „Liege im Bett“ für mich eine Einladung zum Weiterreden und für den anderen einfach eine Information darüber, wo er sich gerade befindet. Und genau daraus entstehen dann wohl auch viele Missverständnisse. Ich bin enttäuscht über eine Reaktion oder darüber, dass eine Reaktion ausbleibt, während der andere überhaupt nicht versteht, weshalb. Für ihn war die Situation eine ganz andere. Womöglich hat er sich nicht einmal etwas dabei gedacht. Wir interpretieren etwas und sind uns ziemlich sicher, dass es so gemeint war. Dabei wissen wir das eigentlich gar nicht.
Natürlich kann man nicht bei allem überlegen, ob es vielleicht ganz anders gemeint war. Aber vielleicht ist genau das manchmal das Problem: Für mich ist etwas völlig klar – und für den anderen eben auch. Nur nicht unbedingt dasselbe. So wie bei der grünen Wiese: Wir schauen beide darauf, nennen sie beide grün – und haben trotzdem keine Ahnung, ob wir wirklich dasselbe sehen.
Und vielleicht sind manchmal auch drei so einfache Worte wie „Liege im Bett“ eben doch nicht ganz so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheinen.