Eigentlich hätte unsere Reise nach Brüssel ganz gemütlich beginnen sollen. Der ursprüngliche Plan war einfach: Am Freitagabend um 20.17 Uhr ab Lausanne Richtung Zürich, dort in den Nachtzug steigen, schlafen – und am nächsten Morgen in Brüssel aufwachen.
Eigentlich.
Denn bereits in der Woche vor unserer Abreise entwickelte unser Nachtzug ein bemerkenswertes Eigenleben. Zuerst sollte er in Zürich abfahren. Dann hiess es plötzlich Aarau. Danach Wettingen. Drei verschiedene Abfahrtsorte innerhalb weniger Tage – man durfte gespannt sein, wo wir am Freitag tatsächlich landen würden.
Die definitive Überraschung kam dann am Abreisetag selbst: Unser Nachtzug würde ab Arth-Goldau fahren.
Arth-Goldau !
Also nicht irgendwo entlang unserer ohnehin geplanten Strecke, sondern erst einmal ab in die Innerschweiz. Und als wäre das nicht genug, fuhr der Nachtzug dort bereits um 20.58 Uhr und nicht, wie ursprünglich für Zürich vorgesehen, um 22.48 Uhr.

Aus unserer gemütlichen Abfahrt um 20.17 Uhr in Lausanne wurde damit plötzlich eine Abfahrt um 16.40 Uhr.
Gut, dass ich an diesem Freitag – Homeoffice sei Dank – bereits um 6.30 Uhr angefangen hatte, die wichtigsten Dinge abzuarbeiten. Sonst wäre es gegen Ende womöglich ziemlich stressig geworden.
Nun gut. Also um 15 Uhr aus dem Haus, mein Auto noch an einen Ort gebracht, wo es problemlos drei Tage stehen bleiben konnte, und um 16.40 Uhr sass ich tatsächlich im Zug Richtung Arth-Goldau.
So hatte ich mir den Beginn unseres Brüssel-Wochenendes zwar nicht ganz vorgestellt – aber immerhin: Ich war unterwegs.
Wir kamen rechtzeitig an, assen etwas, tranken einen Kaffee und warteten auf unseren Zug… Und warteten… Denn inzwischen kam die nächste erfreuliche Nachricht: Sämtliche Züge, die aus Richtung Chiasso kamen, hätten eine Verspätung von unbestimmter Dauer. Und natürlich gehörte unser Nachtzug dazu.

Irgendwann waren wir tatsächlich an dem Punkt, an dem wir ernsthaft darüber nachdachten, nach Zürich weiterzufahren und am nächsten Morgen nach Brüssel zu fliegen. Bis ungefähr 21.40 Uhr wussten wir nicht einmal, ob und wann unser Zug überhaupt kommen würde.
Dann die Erlösung: Er kommt !
Um 21.55 Uhr setzte sich unser Nachtzug in Arth-Goldau tatsächlich in Bewegung. Brüssel, wir kommen!
Eine kleine Zeitreise inklusive
Als wir unser Couchette-Abteil bezogen, folgte die nächste Überraschung. Der Zug hatte einen gewissen… historischen Charme.

Sehr historisch… Gefühlt waren wir irgendwo in den 1970er-Jahren der ehemaligen DDR gelandet. Die Toiletten funktionierten eher theoretisch als praktisch, fliessendes Wasser war ebenfalls nicht unbedingt Bestandteil des Reiseerlebnisses. Wasser gab es aus der PET-Flasche. Aber immerhin: Wir fuhren!
Und geschlafen habe ich sogar ziemlich gut. Ich gehöre glücklicherweise zu den Menschen, die fast überall schlafen können. Licht? Lärm? Ratternder Nachtzug? Alles kein Problem.
Nach all dem Hin und Her erreichten wir Brüssel schliesslich um 11.31 Uhr – gerade einmal 21 Minuten später als ursprünglich vorgesehen.
Wenn man bedenkt, was für eine Odyssee hinter uns lag, war das eigentlich fast schon eine Meisterleistung.
Angekommen
Und spätestens mit unserer Ankunft war der ganze Stress vergessen.
Wir wurden unglaublich herzlich empfangen. Für die Übernachtungen waren wir auf Mitglieder des Brüsseler Chors verteilt worden, und ich hatte das grosse Glück, bei einem ausgesprochen lieben Ehepaar unterzukommen.
Schon als ich ihr Haus betrat, musste ich sofort an meine Grossmutter väterlicherseits denken. Sie hatte in einem ganz ähnlichen Stadtreihenhaus gewohnt: eher schmal, dafür lang, mit einem Garten hinten und über drei Etagen verteilt. Es war fast wie eine kleine Reise zurück in meine Kindheit. Die hohen Räume mit den Stuckaturen, der Wintergarten, das Nähzimmer, das kurzerhand zum Gästezimmer umfunktioniert worden war – all das weckte Erinnerungen und gab mir vom ersten Moment an ein seltsam vertrautes Gefühl.



Ich hätte es wirklich nicht besser treffen können. Vincent und Cécile waren unglaublich herzlich, und als Krönung wurde ich auch noch überall hinchauffiert. Wie sich herausstellte, ist Vincent nämlich ebenfalls nicht gerade der grösste Fan des öffentlichen Verkehrs.
Da hatten sich offenbar die Richtigen gefunden. 😊
Überhaupt war dieses ganze Wochenende von einer grossen Herzlichkeit geprägt.
Und dann war da noch dieser Cheesecake …

Am ersten Abend erwartete uns ein riesiges gemeinsames Buffet. Jedes Mitglied des Brüsseler Chors hatte etwas Selbstgemachtes mitgebracht, und es gab gefühlt alles. So viel, dass es schlicht unmöglich war, von allem zu probieren. Man merkte, wie viel Mühe sich unsere Gastgeber gemacht hatten.
Und als wäre das noch nicht genug, gab es natürlich auch noch ein Dessertbuffet.
Und dort stand er: dieser Cheesecake.
Dieser Cheesecake hätte eigentlich einen eigenen Absatz verdient. Oder vielleicht sogar einen eigenen Blogbeitrag. Er war so köstlich, dass ich mich anschliessend durch die Brüsseler Choristen fragte, um herauszufinden, wer ihn gemacht hatte und – noch wichtiger – wie ich an das Rezept kommen könnte.
Schliesslich war die Urheberin gefunden: Patricks Frau.
Patrick verlangte meine E-Mail-Adresse und versprach mir das Rezept.
Nun warte ich. Geduldig. Mehr oder weniger. 😄
Ein bisschen Brüssel – und ganz viele Emotionen
Am Sonntagmorgen hatten wir Gelegenheit, Brüssel bei einer Stadtführung noch ein wenig besser kennenzulernen.
Wobei: Eineinhalb Stunden reichen natürlich niemals, um eine Stadt wirklich zu entdecken. Dieses etwas asiatisch angehauchte „have seen“ ist eigentlich nicht so mein Ding. Einmal kurz vorbeigeführt, Foto gemacht, Häkchen gesetzt – Brüssel gesehen.
Nein. Dafür hat die Stadt definitiv zu viel zu erzählen. Und ich überlege mir tatsächlich, ein anderes Mal noch einmal hinzufahren, um etwas mehr über Brüssel und seine Geschichte zu erfahren. Aber eines steht bereits fest: nicht mit dem Nachtzug!











Doch der eigentliche Höhepunkt unseres Wochenendes stand noch bevor: unser Konzert!
Die Kirche war voll, wir haben gut gesungen, das Publikum war begeistert, es wurde viel geklatscht – sogar Standing Ovations gab es. Ein voller Erfolg. Und trotzdem ist es nicht in erster Linie der Applaus, der mir von diesem Abend geblieben ist …
… denn es war unser letztes Konzert mit Céline, unserer Chorleiterin. Natürlich wusste ich das vorher. Wir alle wussten es. Aber etwas zu wissen und den Moment dann tatsächlich zu erleben, sind zwei verschiedene Dinge.

Nach dem Konzert hat es mich dann genommen. Ich schnappte meine Sachen und entfernte mich ein wenig von den anderen, um mich umzuziehen. Vor allem aber, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Es überkam mich einfach, und so stand ich da und weinte still vor mich hin. Da kam Céline auf mich zu und fragte mit selbst schon weinerlicher Stimme: „Brauchst du auch eine grosse Umarmung?“ Und dann lagen wir uns in den Armen und heulten beide wie die Schlosshunde.
Es war eine dieser Umarmungen, bei denen Worte ohnehin nichts mehr bringen. So viele gemeinsame Proben, die gemeinsamen Heimfahrten nach jeder Probe – denn unsere Beziehung ist eben doch etwas mehr als nur die zwischen einer Choristin und ihrer Chorleiterin –, Konzerte, Erlebnisse, Musik, Lachen, Stress und Erinnerungen.
Und plötzlich wird einem mit voller Wucht bewusst, dass ein Kapitel zu Ende geht.
Dieser Moment geht mir auch jetzt, ein paar Tage später, noch nahe. Vielleicht gerade deshalb, weil das Konzert so schön gewesen war. Es war kein trauriger Abschied. Im Gegenteil. Es war ein wunderbarer Abschluss.
Aber eben ein Abschluss …
Nach dem Konzert wartete noch ein gemeinsames Abendessen auf uns – diesmal mit einem grossartigen libanesischen Traiteur-Buffet. Nach all den Emotionen tat es gut, einfach noch zusammenzusitzen, zu essen, zu reden und diesen besonderen Abend langsam ausklingen zu lassen.

Ganz ohne weitere Emotionen ging es allerdings nicht.
Unser Präsident hielt noch eine kleine Ansprache für Céline und überreichte ihr ein Geschenk, das wir Lausanner Choristen gemeinsam für sie vorbereitet hatten. Und natürlich wurde es dabei noch einmal ziemlich emotional …
Danach hatte auch die Präsidentin des Brüsseler Chors noch eine Überraschung parat: Sie hatte für jeden einzelnen Choristen – aus beiden Chören – eine Trinkflasche anfertigen lassen. Eine schöne Erinnerung an dieses gemeinsame Wochenende, die uns nun auch im Alltag begleiten wird.
Überhaupt war es eines dieser Wochenenden, an denen unglaublich viel in sehr wenig Zeit passiert. Man ist müde, der Kopf ist voll mit Eindrücken und Emotionen – und gleichzeitig möchte man noch gar nicht, dass es vorbei ist.
Ein ruhiger Montagmorgen
Der Montagmorgen bildete dazu einen wunderschönen Kontrast. Kein Zeitdruck, keine Probe, kein Konzert mehr. Einfach ein gemütlicher Morgen bei dem Ehepaar, bei dem ich übernachten durfte. Kaffee, Gespräche, ein bisschen erzählen – und noch einmal dieses Gefühl, wie herzlich ich aufgenommen worden war.
Dann hiess es endgültig Abschied nehmen.
Mit etwas Stau ging es zum Flughafen und schliesslich ins Flugzeug Richtung Genf. Der Flug verlief völlig problemlos. Bis kurz vor der Landung. Wir waren bereits im Landeanflug auf Genf, als der Pilot plötzlich wieder Schub gab und die Maschine hochzog. Ich kam mir für einen kurzen Moment vor wie auf einer Bahn im Europapark 😀 . Wir hatten keine Landegenehmigung bekommen und mussten noch einmal eine Runde über der Region drehen, bevor wir einen zweiten Versuch starten konnten.

Nach unserer abenteuerlichen Anreise nach Brüssel wäre eine vollkommen ereignislose Rückreise vermutlich auch einfach zu langweilig gewesen.
Was bleibt
Wenn ich an dieses Wochenende zurückdenke, denke ich nicht zuerst an verspätete Züge, kaputte Toiletten oder unseren ungeplanten Ehrenrundflug über Genf.
Ich denke an Menschen.
An die herzliche Aufnahme in Brüssel. An unsere Gastgeber. An gemeinsames Essen und Lachen. An Musik. An eine volle Kirche und ein begeistertes Publikum.
Und ich denke an Céline und an diese tränenreiche Umarmung nach unserem letzten gemeinsamen Konzert …
Es war anstrengend. Es war chaotisch. Es war wunderschön.
Und wahrscheinlich sind es genau solche Reisen, die einem lange in Erinnerung bleiben.
Ach so schön gschriebe – ha grad sälber müesse brüele.
Deutsche Verhältnisse beim ÖV werden langsam Schweizer Verhältnisse.
Ja Brüssel gseht schön uss, und das Huus vo däm Pärli! Sehr schön, aber
doch no fascht herrschaftlicher als dr Steinzge.
Jo, mir könnte jo mol uff Brüssel fahre, nur mir 2 ganz elei?!
Mutz vo dr BAOTW
Jo, aso das Huus isch 1898 baut worde. Und es isch inne bitz modärner (Neo Klassik ? Jugendstil ?) als dr Steinzge.
Jo, das wär super toll wemmr das chönnte mol mache. Das wär sicher lessig 🥰❤️
so let’s plan… sobald ich wieder e Auto ha (ich abgläge – tot)
Ohje – aber chasch di tröschte, i ha au e „neus“ Auti… bim andere hätte 5-6K Reparature gha, dass es duure kunnt…
Brüssel. Da war bisher noch nicht. Sollte ich wohl mal machen.
Ja, denke wirklich, dass es eine Reise wert ist.
Gibst du das Rezept hier weiter, wenn du es hast? 🥰
Lieben Gruß
Insofern ich es bekomme, geb ich es gern weiter 🙂
Ich habe bis jetzt noch nichts gehört… werde aber noch ein paar Tage warten und dann mal nachfragen.