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Nicht schwach – überfordert

Oft habe ich das Gefühl, wir unterschätzen, wie schwer es für junge Menschen heute ist – besonders für jene, die um die Jahrtausendwende oder danach geboren wurden. Sie wachsen in einer Welt auf, die wenig Ruhe kennt und viel verlangt.

Ich schreibe das als Mutter.

Bis zum vorletzten obligatorischen Schuljahr kam mein Sohn mehr oder weniger zurecht. Dann wurde er massiv gemobbt. Daraus entwickelte sich eine Schulphobie. Es gab Angstzustände, starke Bauchschmerzen und manchmal panikartige Flucht. Ich brachte ihn täglich zur Schule, holte ihn oft wieder ab. Es gab Tage, an denen ich ihn suchte, weil mich die Rektorin informierte, dass er nicht dort angekommen war. Es war eine sehr schwere Zeit.

Mein Sohn ist mit grosser Sicherheit hypersensibel – eine Eigenschaft, die nichts Schlechtes ist, sondern Tiefe und feine Wahrnehmung bedeutet. In einem rauen Umfeld kann sie jedoch sehr belastend sein. Mit viel Engagement fand die Rektorin für ihn einen Platz in einem schulnahen Projekt ausserhalb des Schulgebäudes. Dieser Ort gab ihm etwas Halt.

Dann kam Corona – mein Sohn 15.

Das Projekt wurde gestoppt. Begleitung und Informationen blieben aus. Er musste zu Hause bleiben – und wurde damit faktisch auf die Seite gelegt.

Letzten Sonntagabend sass mein Sohn weinend am Tisch und sagte:
„Ich bin jetzt 21, und die anderen – jene, die mich damals gemobbt haben – haben alle eine Ausbildung und arbeiten. Und ich bin einfach nur ein Nichts.“
Dieser Satz hat mir das Herz zerrissen. Denn er ist kein Nichts. Aber so fühlt es sich an, wenn man zu lange keinen Platz mehr hatte.

Gestern habe ich meinen Sohn zum Sozialamt begleitet. Sein Hausarzt hatte ihm geraten, sich an einen Sozialarbeiter zu wenden – er sei auf keinen Fall ein Einzelfall. Für meinen Sohn war dieser Schritt sehr schwer: hinzugehen, einen Termin zu vereinbaren und sich dabei quasi verletzlich zu zeigen. Auch mir tat es im Mutterherz weh. Aber er hat es getan. Am 23. Januar hat er einen Termin bekommen, und ich werde ihn begleiten. Und ich hoffe sehr, dass ihm geholfen werden kann – wie auch immer dieser Weg aussehen mag.

Vielleicht ist es an der Zeit, weniger zu vergleichen und mehr zu verstehen. Die Welt der 1960er-, 70er- oder 80er-Jahre ist nicht die heutige.
Was junge Menschen brauchen, ist kein Spott und keine Abwertung, sondern Anerkennung für das, was sie tragen müssen und mussten – und die Zuversicht, dass es Wege gibt. Auch dann, wenn sie später beginnen.

Epiphanias

Die Heiligen Drei Könige – Caspar, Melchior und Balthasar – werden am 6. Januar, dem Dreikönigstag (Epiphanias), gefeiert. Laut dem Matthäus-Evangelium waren sie Weise oder Sterndeuter aus dem Morgenland, die einem besonderen Stern folgten – suchend und vertrauend –, um dem neugeborenen Jesuskind zu begegnen. Ihre Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – stehen symbolisch für Königtum, Göttlichkeit und Vergänglichkeit; sie lassen sich auch als Zeichen von Würde, Verehrung und der Zerbrechlichkeit des Lebens lesen.

Erst im Mittelalter erhielten die Weisen ihre Namen und wurden als Könige dargestellt. Sie symbolisieren die damals bekannten Kontinente Europa, Asien und Afrika und stehen sinnbildlich für die gesamte Menschheit, die sich auf den Weg macht.

Bis heute prägen Traditionen wie das Sternsingen (eher in D, in der CH nicht so verbreitet) oder der Dreikönigskuchen den Dreikönigstag.

Mit dem Segensspruch C + M + B – Christus mansionem benedicat (Christus segne dieses Haus)
wird ein stilles Zeichen des Schutzes und der Hoffnung gesetzt.

Zugleich markiert dieses Fest das Ende der Weihnachtszeit und erinnert an die Offenheit des christlichen Glaubens für alle Menschen.

21 Jahre – und so viel Weg hinter uns

Heute vor 21 Jahren, um 12.28 Uhr, kam mein Sohn per Kaiserschnitt zur Welt. Ich sehe den Kreisssaal noch immer ganz klar vor mir und erinnere mich an die grosse Erleichterung, als man mir dieses kleine Wesen zeigte: Was für ein hübsches Baby.
Natürlich sagen das alle Mütter. Das ist mir bewusst.

Wenn ich heute zurückblicke, staune ich darüber, wie schnell diese 21 Jahre vergangen sind. Viel zu schnell. Und sie waren nicht leicht – weder für ihn noch für mich. Es gab schwierige Zeiten. Und es gibt sie bis heute.

Als er fünf Jahre alt war, sagte er eines Tages, als ich ihn von der Vorschule abholte:
„Mama, dieses Leben gefällt mir nicht. Ich will nicht mehr.“
Dieser Satz hat mich tief erschüttert. Ich reagierte sofort, sprach mit der Schulleitung, und es wurden Massnahmen ergriffen. Ein Schulpsychologe wurde hinzugezogen. Man stellte eine leichte Dyslexie fest – doch rückblickend wurde viel zu wenig daraus gemacht.

In der Oberstufe wurde er gemobbt. Am Ende entwickelte er eine ausgeprägte Schulphobie. Die Rektorin und ich standen täglich in Kontakt. Schliesslich sorgte sie dafür, dass er sein letztes obligatorisches Schuljahr ausserhalb des eigentlichen Schulkomplexes, aber weiterhin im schulischen Rahmen, beenden konnte.

Und dann kam Corona.

Die Struktur, in der er sich befand, brach komplett zusammen. Es wurde nichts aufgefangen, nichts begleitet. Die Kinder waren auf sich allein gestellt. In diesem Abschlussjahr gab es keine Prüfungen – nur der Notendurchschnitt zählte.
(Zur Erklärung: In der Schweiz ist 6 die beste und 1 die schlechteste Note. Ab der Note 4 gilt eine Leistung als „genügend“.)

Mein Sohn hatte aufgrund seiner Schulphobie im gesamten Schuljahr nur eine einzige Note im Zeugnis: eine 5 in Mathematik. Das reichte nicht aus, um ihm das Abschlussdiplom zu geben. Er erhielt lediglich ein Attest über den Abschluss der obligatorischen Schulzeit.

Hinzu kam eine massive Angst vor Corona. Er zog sich völlig zurück und verschanzte sich in seinem Zimmer. Ich musste ihn regelrecht zwingen, wenigstens 10/15 Minuten pro Tag an die frische Luft zu gehen. Er rutschte in eine Depression. Psychologen lehnte er strikt ab – zu viele Enttäuschungen in all den Jahren, zu viel verlorenes Vertrauen.

Heute mache ich mir oft Vorwürfe.
Ich hätte eingreifen sollen. Auf eine Nachprüfung bestehen. Irgendetwas erzwingen.
Aber auch ich mache Fehler – Auch ich bin nur ein Mensch…

Seit fast sechs Jahren ist er nun überwiegend zu Hause. Im letzten Frühling fand er – eher zufällig – eine Arbeit, die ihm wirklich Freude machte. Er blühte auf. Ich war so erleichtert. Man lobte ihn, versprach ihm viel – auch mir gegenüber. Und dann wurde er von einem Tag auf den anderen entlassen. „Restrukturierung“, hiess es.
Ich bin überzeugt: Das war von Anfang an so geplant. Hätte man offen gesagt, dass man für zwei Monate Personal für einen Grossauftrag braucht, wäre es ehrlicher gewesen. So aber war es ein Schlag ins Gesicht – und ein Stich mitten ins Mutterherz.

Ich werde nie vergessen, wie er mir abends gegen 23h unter Tränen sagte, dass ihm und drei Kollegen fristlos gekündigt wurde.

Diese Erfahrung warf ihn um Monate zurück. Wieder Depression. Wieder Stillstand. Ich musste kämpfen, um ihn überhaupt dazu zu bringen, hin und wieder eine Bewerbung zu schreiben.

Im September 2025 bezahlten sein Vater und ich ihm eine zweitägige Schulung zum geprüften SUVA-Gabelstaplerfahrer. Wenigstens einmal tat sein Vater etwas für ihn. Auch das ist eine Baustelle: ein Vater, der nie wirklich da war, der spürbar machte, dass er die Schwester bevorzugt. Wie kann man nur? Aber Sohnemann hat die Prüfung mit Bravour und mit nur 2 Fehlern bestanden. Ich war sehr stolz auf ihn.

Mein Sohn tut mir oft unendlich leid. Mein Mutterherz schmerzt.
Er ist nicht dumm. Im Gegenteil: Er ist aufmerksam, informiert, empathisch. Er würde sein letztes Hemd hergeben, wenn er helfen kann. Aber sobald es um Arbeit geht, scheint eine unsichtbare Barriere da zu sein.

Und dann – im Dezember – geschah etwas.
Ich weiss nicht, was der Auslöser war. Aber er begann, sich autodidaktisch beizubringen, wie man PCs aufrüstet. Er baute für einen Freund einen kompletten Computer zusammen und installierte zwei Tage später telefonisch Windows 11. Er verkaufte Teile seines eigenen PCs, um Weihnachtsgeschenke zu kaufen und etwas zum gemeinsamen Essen beizusteuern. Mit seinem Weihnachtsgeld kaufte er sich zwischen den Feiertagen neue Kleidung – schöne Stücke, alles im Ausverkauf. Ein neuer Stil. Er steht ihm. Wirklich sehr.

Und heute feiert er seinen 21. Geburtstag.

Ein Freund lud ihn ein, eine Woche bei ihm in Lille zu verbringen. Am 2. Januar reiste er frühmorgens mit dem TGV von Genf aus ab. Die Reise finanzierte er mit dem restlichen Geld aus dem Verkauf der PC-Komponenten – es war ihm wichtig, das selbst zu bezahlen.

Er versuchte ausserdem, zwischen Weihnachten und Neujahr einen kleinen Job zu finden, um vor Ort etwas Taschengeld zu haben. Leider ohne Erfolg. Das war frustrierend – und doch geht er weiter, auf seine eigene Weise.

Ich bin stolz auf ihn. Und ich habe das Gefühl, dass dieses Jahr ihm endlich neue Türen geöffnet werden könnte.

Ich sagte in meinem Umfeld einfach, dass – falls jemand ihm zu seinem Geburtstag eine kleine Aufmerksamkeit machen möchte – er diese vor Ort gut nutzen kann. Eine Arbeitskollegin, ein ehemaliger Arbeitskollege und ein Ex-Freund haben ihm ebenfalls etwas zukommen lassen. Der restliche Betrag kam aus der Familie – von Eltern, Grosseltern, seiner Schwester und Onkeln. So konnte ich ihm insgesamt 500 Franken schicken.

Soeben habe ich ein Video von meinem Sohn erhalten. Die Mutter seines Freundes hat extra für ihn eine Schwarzwälder Torte gebacken. Das kennt man in Nordfrankreich so nicht. Aber sein Freund habe seiner Mutter davon erzählt, und sie habe nur gelächelt und gesagt: „Ich liebe Herausforderungen.“
Die Torte sieht gut aus und sei gut gewesen – aber doch weit entfernt von meiner.
Balsam für mein Mutterherz.

Solche kleinen Momente berühren mich tief. Sie zeigen mir, dass er gesehen wird, dass er willkommen ist und dass es Menschen gibt, die sich Mühe für ihn geben. Und genau diese Augenblicke geben mir Hoffnung.

Und nun wünsche ich mir für dieses neue Jahr nur eines:
Dass es sein Jahr wird.
Er hat es verdient, endlich Glück zu haben.
Und endlich anzukommen.

Infiltration

Ich hatte ja Mitte Dezember davon erzählt, und ich habe am 22. Dezember die Infiltration bekommen – und wie soll ich sagen … ich lebe wieder!

Es war ein kurzer Eingriff. Erst wurde mir ein Zugang „für alle Fälle“ gelegt – in der rechten Armbeuge. Eine Première, denn normalerweise macht man mir das auf dem Handrücken, weil ich tiefliegende Rollvenen habe. Doch die Schwester meinte, sie fände nichts. Ob ich denn genug getrunken hätte (also Wasser, versteht sich 😀 ). Ich hab’s nicht so mit Wasser trinken, als Kaffee-Junki verständlich, oder?) Nun gut, sie meinte, sie sei nicht viel besser und fand schlussendlich eine kleine Vene, welche sie problemlos „anpieksen“ konnte.

Der Arzt erklärte mir dann, dass er erst eine Spritze zur lokalen Betäubung macht, dann ein Kontrastmittel spritzt und schlussendlich das Medikament gezielt injizieren wird. Ich soll mich bitte auf den Bauch legen. Gut. Die Arme verschränkt unter dem Kopfkissen (so schlafe ich normalerweise), meinte er – nachdem er mir den unteren Rücken vollgekritzelt hat, um auch an der richtigen Stelle zu stechen – es piekse jetzt kurz. Das war absolut aushaltbar. Und dann ? Dann spürte ich nichts mehr.

Alles in allem eine Sache von 10 Minuten. Als er mich aufforderte, mich aufzusetzen, meinte er „ist Ihnen schwindlig?) – Nein, war es mir absolut nicht. Gut, dann können Sie sich jetzt wieder anziehen. Schönen Tag und frohe Festtage !

Ich informierte Mama, dass ich in 15 Minuten maximal draussen sei und sie wartete schon auf mich, als ich aus dem Gebäude kam. Ich durfte ja nicht Auto fahren und musste mich nun 48 Stunden schonen. Ehrlich gesagt, fiel mir das ziemlich schwer. Denn – obwohl laut Statistik eine Wirkung sich normalerweise zwischen dem 3. und 7. Tag danach zeigt – ich hatte praktisch keine Schmerzen mehr nach wenigen Stunden.
Aber ich habe natürlich den ärztlichen Rat befolgt und blieb dann zumindest die ersten 24 Stunden sehr ruhig. Ich hab mich nur bewegt, um Kaffee zu machen und auf Toilette zu gehen 🙂

Seit gestern lauf ich umher, ohne dass ich mich nach 3 Minuten hinsetzen muss. Es ist so toll, wieder schmerzfrei gehen zu können. Wenn ich Glück habe – und darauf spekuliere ich ! – dann hält die Infiltration bis zu 1 Jahr an.

Ich wünsche mir für 2026, dass es schmerfrei verläuft und ich voller Tatendrang all die Dinge aufholen kann, die schmerzbedingt 2025 liegen geblieben sind. Und ich fange heute schon damit an und werde jetzt etwas Haushalt machen 😉

Symbolbild

Ein leiser Halt im Advent

Seit März 2024 begleitet mich der Schmerz. Still, beständig, manchmal leise, manchmal fordernd.

Das MRT zeigt eine deutliche Arthrose in der Wirbelsäule. Im unteren Bereich wird dadurch der Ischiasnerv eingeengt. Der Chirurg rät von einer Operation ab, da die Aussicht auf Besserung bei etwa fünfzig zu fünfzig liegt.

Am 22. Dezember steht nun eine Infiltration an. Kein grosser Schritt, eher ein behutsames Angebot an den Körper, etwas Erleichterung zuzulassen.

Der Advent kennt diese Zwischenräume.
Er weiss um das Warten, um das Vertrauen, um das Hoffen ohne Gewissheit.

Ich gehe diesem Termin ohne Angst entgegen.
Mit Hoffnung auf Linderung und mit der stillen Einsicht, dass Fürsorge manchmal darin liegt, den sanfteren Weg zu wählen.

Zwischen Kontostand und Uhrwerk

Manchmal beneide ich Menschen, die sich sicher sind.
Diese leise, unerschütterliche Sicherheit, die offenbar keinen täglichen Zweifel braucht.

Da ist der eine : mit dem Blick auf Zahlen und das Morgen. Finanzen als Fundament, Absicherung als Pflicht. Ich bewundere diesen Weitblick – und merke zugleich, wie schwer er mir manchmal fällt. Ich lebe gern im Hier und Jetzt. Und wünschte mir doch manchmal, ich hätte öfter diesen Blick auf morgen.

Und dann ist da der andere : jeden Tag dieselbe Routine. Die gleiche Uhrzeit, derselbe Ablauf, dieselben Wege. Verlässlichkeit wie ein Uhrwerk. Für manche ein Halt – für mich oft eher Enge. Zu viel Gleiches fühlt sich für mich schnell nach Stillstand an.

Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich :
– Zwischen Absicherung und Gegenwart.
– Zwischen Struktur und dem Wunsch nach Bewegung.

Sicherheit beruhigt – Das Jetzt lebt.

Vielleicht braucht es beides. Nur nicht immer im gleichen Mass.


Und du?
Lebst du eher mit dem Blick nach vorn oder im Moment?
Gibt dir Routine Halt – oder raubt sie dir eher Lebendigkeit?

Migros Comedy Club

Gestern Abend war ich eingeladen zur Show des Migros Comedy Club’s – die MERCI Tour der Migros zum 100. Jubiläum.

Die Stand-Up Comedians waren witzig und vorallem war es auch musikalisch interessant : Beatboxing & E-Gitarre – die zwei waren super !

Ich hatte wirklich einen tollen Abend. Eingeladen wurde ich von einer Arbeitskollegin die noch Tickets übrig hatte. Zusammen mit einem weiteren ehemaligen Arbeitskollegen, der seit 5 Jahren in Rente ist, haben wir vor der Show Bratwürste und Pommes gegessen und nach der Show noch was zusammen getrunken.

Gegen Mitternacht war ich dann zu hause und fiel ziemlich müde ins Bett – was nicht sehr verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass ich morgens schon um 4h wach gewesen war…

Wo Vergangenheit atmet

Heute tauchten drei Bilder in mir auf.

Ein Hauch von Mittelalter – Holz, Feuer, Stimmen im Halbdunkel.
Menschen, die wussten, dass Zeit langsam vergeht,
und dass Stille manchmal Antwort genug ist.

Dann ich –
mit dem Blick aufs Handy,
wartend auf eine Nachricht,
als könnte ein Satz aus leuchtenden Buchstaben
eine Lücke füllen, die Worte nicht erreichen.

Und schliesslich das Bedürfnis zu schlafen.
Nicht aus Müdigkeit,
sondern weil der Kopf zu viel trägt
und das Herz nach Pause ruft.

Vielleicht zeigen diese drei Bilder,
dass ich zwischen Zeiten lebe –
mit einer Sehnsucht nach der Ruhe von früher,
mit den Reizen der Gegenwart in der Hand,
und dem Wunsch, einfach kurz still zu sein.

Vom Leben zwischen den Zeiten –
zwischen dem Langsamen und dem Sofortigen,
zwischen der Ruhe von „früher“ und der Reizflut von „jetzt“.

Es ist kein Widerspruch.
Es ist mein Jetzt.

Wenn Motivation leise erwacht

Es ist Morgen.
Die Wohnung ist noch ruhig, und ich sitze mit einem Kaffee am Tisch. Kein grosser Moment, einfach ein ganz normaler Start in den Tag. Und trotzdem ist da etwas, das ich in letzter Zeit oft vermisst habe: Ich fühle mich motiviert. Nicht überdreht oder euphorisch. Einfach klar. Wach. Bereit.

Ich habe neue Medikamente für meine Schmerzen bekommen. Und heute tut fast nichts weh. Das ist ungewohnt. Entlastend. Als wäre in mir ein Raum frei geworden, der sonst vom Schmerz besetzt war.

Vielleicht braucht Motivation manchmal genau das: Platz.

Ich habe heute einiges vor.
Wäsche waschen. Einkaufen gehen. Mein Zimmer aufräumen, oder zumindest damit anfangen. Dinge sortieren, entscheiden, was bleiben darf und was gehen muss. Auf die Déchetterie (Werkhof) werde ich heute wohl nicht kommen, aber das ist okay. Ich stelle alles, was weg muss, erst mal auf die Terrasse. Am Mittwoch Nachmittag kann ich es dann zum Werkhof bringen. Das ist realistisch.

Vielleicht kann ich auch ein paar Dinge verkaufen, die noch gut sind.
Vielleicht fühlt sich die Wohnung danach ein Stück leichter an. Ich auch.

Und das Bad muss geputzt werden. Wirklich. Es ist einfach nötig.

Ich habe mehr oder weniger das ganze Wochenende Zeit für all das. Ich muss nicht alles auf einmal schaffen. Schritt für Schritt reicht.

Und trotzdem:
Heute fühlt es sich machbar an.
Und das allein ist ein kleines Geschenk.

Wir sprechen oft von Motivation, als wäre sie eine Frage von Disziplin oder Willenskraft. Als müsste man sich nur genug zusammennehmen. Aber vielleicht hängt sie viel öfter einfach davon ab, wie es uns geht. Ob wir Schmerzen haben. Ob wir müde sind. Ob wir Raum haben zum Atmen.

Heute kann ich atmen.
Und das reicht, um anzufangen.

In meinem Auto, in der Pause

Es war nur ein kurzer Hinweis, ein Gespräch, das wahrscheinlich als Kleinigkeit gemeint war. Ich habe ein paar Mal vergessen zu stempeln. Ein Fehler, ja. Nichts, was ich abstreiten würde. Und doch hat mich die Art, wie man es mir sagte, tief getroffen.

Nicht, weil ich Kritik nicht ertragen könnte.
Nicht, weil ich fehlerlos sein will.

Sondern weil es sich so falsch angefühlt hat.
So ungesehen.

Ich bin jeden Tag da. Trotz Schmerzen, die mich seit Monaten begleiten. Schmerzen, die ich nicht thematisiere, weil ich nicht zur Last fallen möchte. Weil ich funktionieren will. Weil ich Verantwortung fühle.

Ich tue mein Bestes, oft mehr, als ich eigentlich habe. Und ich tue es leise, ohne zu klagen.

Und genau das bleibt unsichtbar.

Als ich diesen Hinweis bekam, war es, als hätte man all das ausgeblendet. Als zählte nur die eine kleine Bewegung am Terminal. Dieses Stempeln. Dieses Symbol dafür, dass man „korrekt“ funktioniert.

Da war auf einmal dieses Gefühl in meiner Brust.
Keine Wut.
Sondern etwas viel Stilleres: Traurigkeit.

So eine, die sich wie Gewicht anfühlt.
Die drückt.
Die kaum Worte hat.

Ein leiser Schmerz darüber, dass das, was ich gebe, nicht gesehen wird.
Dass Loyalität selbstverständlich wirkt, solange man sie einfach still mitträgt.
Dass meine Mühe – mein Durchhalten trotz Schmerzen – einfach verschwindet im Hintergrundrauschen.

Und dann gibt es da andere. Menschen, die wenig Verantwortung tragen, wenig beitragen, die seit Jahren bleiben dürfen, ohne dass man etwas hinterfragt. Sie bleiben unberührt. Man sieht sie – obwohl sie wenig bringen.

Und mich sieht man nicht – obwohl ich viel bringe.

Das ist es, was weh tut.
Wirklich weh.
Nicht im Kopf, sondern mitten in der Brust.

Manchmal wird das, was innen schwer ist, aussen nicht gesehen.
Und trotzdem ist es da.

Heute hat es weh getan.
So sehr, dass ich in der Mittagspause nicht mit den anderen sein wollte.
Ich sass in meinem Auto, nur da, mit mir.
Kein Appell, keine Erklärung, kein Trost.
Nur Stille und dieses Ziehen in der Brust.

Vielleicht tut es morgen ein wenig weniger weh.
Aber heute tut es einfach weh.