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Brüssel – eine Reise mit Hindernissen, Musik und vielen Emotionen

Eigentlich hätte unsere Reise nach Brüssel ganz gemütlich beginnen sollen. Der ursprüngliche Plan war einfach: Am Freitagabend um 20.17 Uhr ab Lausanne Richtung Zürich, dort in den Nachtzug steigen, schlafen – und am nächsten Morgen in Brüssel aufwachen.

Eigentlich.

Denn bereits in der Woche vor unserer Abreise entwickelte unser Nachtzug ein bemerkenswertes Eigenleben. Zuerst sollte er in Zürich abfahren. Dann hiess es plötzlich Aarau. Danach Wettingen. Drei verschiedene Abfahrtsorte innerhalb weniger Tage – man durfte gespannt sein, wo wir am Freitag tatsächlich landen würden.

Die definitive Überraschung kam dann am Abreisetag selbst: Unser Nachtzug würde ab Arth-Goldau fahren.

Arth-Goldau !

Also nicht irgendwo entlang unserer ohnehin geplanten Strecke, sondern erst einmal ab in die Innerschweiz. Und als wäre das nicht genug, fuhr der Nachtzug dort bereits um 20.58 Uhr und nicht, wie ursprünglich für Zürich vorgesehen, um 22.48 Uhr.

Am warten in Arth-Goldau…

Aus unserer gemütlichen Abfahrt um 20.17 Uhr in Lausanne wurde damit plötzlich eine Abfahrt um 16.40 Uhr.

Gut, dass ich an diesem Freitag – Homeoffice sei Dank – bereits um 6.30 Uhr angefangen hatte, die wichtigsten Dinge abzuarbeiten. Sonst wäre es gegen Ende womöglich ziemlich stressig geworden.

Nun gut. Also um 15 Uhr aus dem Haus, mein Auto noch an einen Ort gebracht, wo es problemlos drei Tage stehen bleiben konnte, und um 16.40 Uhr sass ich tatsächlich im Zug Richtung Arth-Goldau.

So hatte ich mir den Beginn unseres Brüssel-Wochenendes zwar nicht ganz vorgestellt – aber immerhin: Ich war unterwegs.

Wir kamen rechtzeitig an, assen etwas, tranken einen Kaffee und warteten auf unseren Zug… Und warteten… Denn inzwischen kam die nächste erfreuliche Nachricht: Sämtliche Züge, die aus Richtung Chiasso kamen, hätten eine Verspätung von unbestimmter Dauer. Und natürlich gehörte unser Nachtzug dazu.

Irgendwann waren wir tatsächlich an dem Punkt, an dem wir ernsthaft darüber nachdachten, nach Zürich weiterzufahren und am nächsten Morgen nach Brüssel zu fliegen. Bis ungefähr 21.40 Uhr wussten wir nicht einmal, ob und wann unser Zug überhaupt kommen würde.

Dann die Erlösung: Er kommt !

Um 21.55 Uhr setzte sich unser Nachtzug in Arth-Goldau tatsächlich in Bewegung. Brüssel, wir kommen!

Eine kleine Zeitreise inklusive

Als wir unser Couchette-Abteil bezogen, folgte die nächste Überraschung. Der Zug hatte einen gewissen… historischen Charme.

Sehr historisch… Gefühlt waren wir irgendwo in den 1970er-Jahren der ehemaligen DDR gelandet. Die Toiletten funktionierten eher theoretisch als praktisch, fliessendes Wasser war ebenfalls nicht unbedingt Bestandteil des Reiseerlebnisses. Wasser gab es aus der PET-Flasche. Aber immerhin: Wir fuhren!

Und geschlafen habe ich sogar ziemlich gut. Ich gehöre glücklicherweise zu den Menschen, die fast überall schlafen können. Licht? Lärm? Ratternder Nachtzug? Alles kein Problem.

Nach all dem Hin und Her erreichten wir Brüssel schliesslich um 11.31 Uhr – gerade einmal 21 Minuten später als ursprünglich vorgesehen.

Wenn man bedenkt, was für eine Odyssee hinter uns lag, war das eigentlich fast schon eine Meisterleistung.

Angekommen

Und spätestens mit unserer Ankunft war der ganze Stress vergessen.

Wir wurden unglaublich herzlich empfangen. Für die Übernachtungen waren wir auf Mitglieder des Brüsseler Chors verteilt worden, und ich hatte das grosse Glück, bei einem ausgesprochen lieben Ehepaar unterzukommen.

Schon als ich ihr Haus betrat, musste ich sofort an meine Grossmutter väterlicherseits denken. Sie hatte in einem ganz ähnlichen Stadtreihenhaus gewohnt: eher schmal, dafür lang, mit einem Garten hinten und über drei Etagen verteilt. Es war fast wie eine kleine Reise zurück in meine Kindheit. Die hohen Räume mit den Stuckaturen, der Wintergarten, das Nähzimmer, das kurzerhand zum Gästezimmer umfunktioniert worden war – all das weckte Erinnerungen und gab mir vom ersten Moment an ein seltsam vertrautes Gefühl.

Ich hätte es wirklich nicht besser treffen können. Vincent und Cécile waren unglaublich herzlich, und als Krönung wurde ich auch noch überall hinchauffiert. Wie sich herausstellte, ist Vincent nämlich ebenfalls nicht gerade der grösste Fan des öffentlichen Verkehrs.

Da hatten sich offenbar die Richtigen gefunden. 😊

Überhaupt war dieses ganze Wochenende von einer grossen Herzlichkeit geprägt.

Und dann war da noch dieser Cheesecake …

Am ersten Abend erwartete uns ein riesiges gemeinsames Buffet. Jedes Mitglied des Brüsseler Chors hatte etwas Selbstgemachtes mitgebracht, und es gab gefühlt alles. So viel, dass es schlicht unmöglich war, von allem zu probieren. Man merkte, wie viel Mühe sich unsere Gastgeber gemacht hatten.

Und als wäre das noch nicht genug, gab es natürlich auch noch ein Dessertbuffet.

Und dort stand er: dieser Cheesecake.

Dieser Cheesecake hätte eigentlich einen eigenen Absatz verdient. Oder vielleicht sogar einen eigenen Blogbeitrag. Er war so köstlich, dass ich mich anschliessend durch die Brüsseler Choristen fragte, um herauszufinden, wer ihn gemacht hatte und – noch wichtiger – wie ich an das Rezept kommen könnte.

Schliesslich war die Urheberin gefunden: Patricks Frau.

Patrick verlangte meine E-Mail-Adresse und versprach mir das Rezept.

Nun warte ich. Geduldig. Mehr oder weniger. 😄

Ein bisschen Brüssel – und ganz viele Emotionen

Am Sonntagmorgen hatten wir Gelegenheit, Brüssel bei einer Stadtführung noch ein wenig besser kennenzulernen.

Wobei: Eineinhalb Stunden reichen natürlich niemals, um eine Stadt wirklich zu entdecken. Dieses etwas asiatisch angehauchte „have seen“ ist eigentlich nicht so mein Ding. Einmal kurz vorbeigeführt, Foto gemacht, Häkchen gesetzt – Brüssel gesehen.

Nein. Dafür hat die Stadt definitiv zu viel zu erzählen. Und ich überlege mir tatsächlich, ein anderes Mal noch einmal hinzufahren, um etwas mehr über Brüssel und seine Geschichte zu erfahren. Aber eines steht bereits fest: nicht mit dem Nachtzug!

Doch der eigentliche Höhepunkt unseres Wochenendes stand noch bevor: unser Konzert!

Die Kirche war voll, wir haben gut gesungen, das Publikum war begeistert, es wurde viel geklatscht – sogar Standing Ovations gab es. Ein voller Erfolg. Und trotzdem ist es nicht in erster Linie der Applaus, der mir von diesem Abend geblieben ist …

… denn es war unser letztes Konzert mit Céline, unserer Chorleiterin. Natürlich wusste ich das vorher. Wir alle wussten es. Aber etwas zu wissen und den Moment dann tatsächlich zu erleben, sind zwei verschiedene Dinge.

Notre-Dame de Sacré-Cœur – da war das Konzert

Nach dem Konzert hat es mich dann genommen. Ich schnappte meine Sachen und entfernte mich ein wenig von den anderen, um mich umzuziehen. Vor allem aber, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Es überkam mich einfach, und so stand ich da und weinte still vor mich hin. Da kam Céline auf mich zu und fragte mit selbst schon weinerlicher Stimme: „Brauchst du auch eine grosse Umarmung?“ Und dann lagen wir uns in den Armen und heulten beide wie die Schlosshunde.

Es war eine dieser Umarmungen, bei denen Worte ohnehin nichts mehr bringen. So viele gemeinsame Proben, die gemeinsamen Heimfahrten nach jeder Probe – denn unsere Beziehung ist eben doch etwas mehr als nur die zwischen einer Choristin und ihrer Chorleiterin –, Konzerte, Erlebnisse, Musik, Lachen, Stress und Erinnerungen.

Und plötzlich wird einem mit voller Wucht bewusst, dass ein Kapitel zu Ende geht.

Dieser Moment geht mir auch jetzt, ein paar Tage später, noch nahe. Vielleicht gerade deshalb, weil das Konzert so schön gewesen war. Es war kein trauriger Abschied. Im Gegenteil. Es war ein wunderbarer Abschluss.

Aber eben ein Abschluss …

Nach dem Konzert wartete noch ein gemeinsames Abendessen auf uns – diesmal mit einem grossartigen libanesischen Traiteur-Buffet. Nach all den Emotionen tat es gut, einfach noch zusammenzusitzen, zu essen, zu reden und diesen besonderen Abend langsam ausklingen zu lassen.

Ganz ohne weitere Emotionen ging es allerdings nicht.

Unser Präsident hielt noch eine kleine Ansprache für Céline und überreichte ihr ein Geschenk, das wir Lausanner Choristen gemeinsam für sie vorbereitet hatten. Und natürlich wurde es dabei noch einmal ziemlich emotional …

Danach hatte auch die Präsidentin des Brüsseler Chors noch eine Überraschung parat: Sie hatte für jeden einzelnen Choristen – aus beiden Chören – eine Trinkflasche anfertigen lassen. Eine schöne Erinnerung an dieses gemeinsame Wochenende, die uns nun auch im Alltag begleiten wird.

Überhaupt war es eines dieser Wochenenden, an denen unglaublich viel in sehr wenig Zeit passiert. Man ist müde, der Kopf ist voll mit Eindrücken und Emotionen – und gleichzeitig möchte man noch gar nicht, dass es vorbei ist.

Ein ruhiger Montagmorgen

Der Montagmorgen bildete dazu einen wunderschönen Kontrast. Kein Zeitdruck, keine Probe, kein Konzert mehr. Einfach ein gemütlicher Morgen bei dem Ehepaar, bei dem ich übernachten durfte. Kaffee, Gespräche, ein bisschen erzählen – und noch einmal dieses Gefühl, wie herzlich ich aufgenommen worden war.

Dann hiess es endgültig Abschied nehmen.

Mit etwas Stau ging es zum Flughafen und schliesslich ins Flugzeug Richtung Genf. Der Flug verlief völlig problemlos. Bis kurz vor der Landung. Wir waren bereits im Landeanflug auf Genf, als der Pilot plötzlich wieder Schub gab und die Maschine hochzog. Ich kam mir für einen kurzen Moment vor wie auf einer Bahn im Europapark 😀 . Wir hatten keine Landegenehmigung bekommen und mussten noch einmal eine Runde über der Region drehen, bevor wir einen zweiten Versuch starten konnten.

Nach unserer abenteuerlichen Anreise nach Brüssel wäre eine vollkommen ereignislose Rückreise vermutlich auch einfach zu langweilig gewesen.

Was bleibt

Wenn ich an dieses Wochenende zurückdenke, denke ich nicht zuerst an verspätete Züge, kaputte Toiletten oder unseren ungeplanten Ehrenrundflug über Genf.

Ich denke an Menschen.

An die herzliche Aufnahme in Brüssel. An unsere Gastgeber. An gemeinsames Essen und Lachen. An Musik. An eine volle Kirche und ein begeistertes Publikum.

Und ich denke an Céline und an diese tränenreiche Umarmung nach unserem letzten gemeinsamen Konzert …

Es war anstrengend. Es war chaotisch. Es war wunderschön.

Und wahrscheinlich sind es genau solche Reisen, die einem lange in Erinnerung bleiben.

Brüssel – ich komme gerne wieder.

Eins nach dem anderen

Seit meinem letzten Beitrag ist etwas mehr als eine Woche vergangen und ich dachte, es wäre mal wieder Zeit für ein kleines Update.

Was Monsieur betrifft, ist der Kontakt tatsächlich wieder reger geworden. Noch nicht ganz so, wie ich es mir wünschen würde, aber doch deutlich mehr als noch vor ein paar Wochen.

Wir schreiben wieder öfter, es kommen auch wieder spontan Nachrichten von ihm und vor ein paar Tagen wollte er mich sogar zurück rufen. Ich war nämlich unbeabsichtigt auf die Videocall-Taste gekommen… Natürlich ausgerechnet an dem Abend, an dem ich bei Mama war. Typisch ! Wochenlang hätte ich praktisch jederzeit telefonieren können und wenn Monsieur dann auf die Idee kommt, mich anzurufen, sitze ich natürlich nicht zu Hause.

Aber wir holen das nach.

Ansonsten habe ich im Moment genügend andere Dinge, die mich beschäftigen.

Heute Vormittag zum Beispiel steht der Termin bei der Schlichtungsstelle wegen meiner Wohnung an.

Seit April läuft die Geschichte mit der Kündigung nun schon und heute sitze ich also um 9.50 Uhr dort. Allein.
Mein Ex-Mann fand das natürlich nicht besonders schlau und meinte, ich sei halt zu naiv und müsse da mit einem Anwalt oder sonst jemandem hingehen. Ich sehe das etwas anders.

Sowohl von der Verwaltung als auch von anderer Seite wurde mir geraten, die Kündigung anzufechten. Also habe ich das gemacht. Ich habe meine Unterlagen dabei, weiss, worum es geht und werde versuchen, meine Situation so gut wie möglich zu erklären. Erstaunlicherweise bin ich nicht einmal besonders nervös.

Und dann war da noch gestern Nachmittag. Eine Begegnung, auf die ich wirklich gut hätte verzichten können.

Eine Frau kam zu uns, weil sie an eine Abdankung wollte. Ich habe mir wirklich die grösste Mühe gegeben, ihr ruhig zu erklären, dass sie am falschen Ort sei und wohin sie sich stattdessen wenden müsse. Aber sie wollte nichts davon hören. Sie bestand darauf, dass sie am richtigen Ort sei. Nicht mal als ich ihr auf ihrem mitgebrachten Schreiben schwarz auf weiss beweisen konnte, dass sie am falschen Ort ist, glaubte sie mir nicht. Ich bot ihr an, sie zu begleiten, denn es war nur etwa 100m von da entfernt.

Aber je mehr ich versuchte, ihr zu erklären, dass ich durchaus verstand, was sie suchte, dass sie es aber bei uns nicht finden würde, desto ungehaltener und aggressiver wurde sie.

Und dann wurde es endgültig absurd.

Sie erklärte mir nämlich, sie sei Katholikin, und fragte mich allen Ernstes, ob ich sie deshalb nicht hineinlassen wolle. Ähm … nein. Ich wollte sie nicht „nicht hineinlassen“. Ich versuchte seit geraumer Zeit, ihr zu erklären, dass das, was sie suchte, nicht hinter unserer Tür war.

Die ganze Situation wurde zunehmend unangenehm, weil sie meine Erklärungen überhaupt nicht mehr hören wollte. Sie hatte entschieden, dass sie richtig war, Punkt. Sie meinte, ich sei unfähig, unhöflich und überhaupt sei das eine Zumutung ! Ich hasse solche Situationen. Aber ich war die ganze Zeit – äusserlich – ganz ruhig. Ich versuche in solchen Situationen meistens zuerst einmal, das Ganze nicht noch weiter eskalieren zu lassen. Nach gut 10 Minuten aggressiven und absurden Argumenten, entschied sie dann, auf dem Absatz kehrt zu machen und wütend davon zu laufen.

Die Sache hat mich danach noch eine ganze Weile beschäftigt. Nicht, weil diese Frau für mein Leben irgendeine Bedeutung hätte, sondern weil ich Mühe damit habe, wenn man versucht, jemandem zu helfen – und am Ende dafür angegriffen wird.

Aber gut. Neuer Tag. Heute habe ich andere Dinge zu erledigen.

Zuerst also die Schlichtungsstelle. Und danach warte ich auf meinen Garagisten.

Mein Honda hat nämlich beschlossen, dass 20 Jahre offenbar genug sind. Bei der nächsten Expertise kommt er nicht mehr durch und die notwendigen Reparaturen wären so teuer, dass es schlicht keinen Sinn mehr macht.

Mein Garagist hat zum Glück bereits ein anderes Auto für mich in Aussicht. Kein Luxusgefährt – brauche ich auch nicht. Es soll fahren, zuverlässig sein und mich möglichst nicht gleich wieder finanziell ruinieren. Die Konditionen wären für mich machbar und meinen Honda würde er sogar noch übernehmen.

Nun muss er mich nur noch anrufen.

Und deshalb werde ich heute vermutlich bei jedem Klingeln meines Telefons zusammenzucken und hoffen, dass die Garage dran ist.

Aber eines nach dem anderen.

Jetzt trinke ich erst einmal meinen Kaffee, mache mich fertig und gehe um 9.50 Uhr zur Schlichtungsstelle.

Und dann schauen wir weiter.

Verbindung beginnt mit Zuhören

Manchmal sind es die leisen Momente, die uns am meisten berühren.

Vor der Küste Australiens: Ein Orchester auf dem Meer – nicht für Menschen, sondern für Buckelwale.

Jede Note war darauf abgestimmt, sich ihrer Sprache anzunähern.

Und dann geschah es.

Die Wale kamen näher.
Sie hörten zu.
Und sie antworteten.

Für einen kurzen Augenblick verstanden sich zwei Welten – ohne Worte.

Hier das Video dazu 👇

Und vielleicht liegt genau darin die eigentliche Botschaft:

Verbindung braucht nicht dieselbe Sprache.
Sondern die Bereitschaft, zuzuhören.


Und vielleicht sind wir nicht allein – wir haben nur verlernt, mit dieser Welt zu sprechen.

Der Moment, in dem ein Kind erwachsen wird

Es gibt Momente im Leben von Eltern, die einen unerwartet still werden lassen.

Nicht, weil etwas Grosses passiert ist.
Nicht, weil ein besonderer Tag gefeiert wird.

Sondern weil man plötzlich merkt:
Das eigene Kind ist erwachsen geworden.

Vor Kurzem hat sich mein Sohn von seiner Freundin getrennt. Es lag schon länger in der Luft, dass die Beziehung ins Schwanken geraten war. Dass eine Distanz von 500 km dazwischen liegt, ist ebenfalls nicht unbedingt hilfreich oder förderlich für eine Verbindung – vor allem, wenn die Betroffenen noch sehr jung sind. So etwas ist nie einfach. Für keinen der beiden.

Ich merkte schon seit einiger Zeit, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte. Und vor etwa einem Monat erklärte mir mein Sohn, dass er sich trennen werde, weil es so nicht weitergehen könne. Verschweigen von relevanten Informationen und womöglich auch Untreue seien die Gründe. Aber er wolle das nicht einfach per WhatsApp tun. Sie komme am 6. März für das Wochenende zu ihm, damit es «sauber» abgeschlossen werden könne.

Als Mutter steht man daneben – ein bisschen hilflos –, weil man weiss, dass solche Wege nicht einfach sind, sie aber jeder selbst gehen muss.

Was mich in dieser Situation tief beeindruckt hat, war nicht die Trennung an sich.
Sondern wie mein Sohn damit umgegangen ist:

Er hat weder versucht auszuweichen noch gewartet, bis sich alles von selbst erledigt.
Und er hat auch nicht den einfachen Weg gewählt.

Er hat das Gespräch gesucht. Ruhig, respektvoll und ehrlich.

So ehrlich, wie es eben möglich ist, wenn man weiss, dass man einem anderen Menschen gerade weh tun könnte.

Natürlich war er traurig.

Eine Trennung hinterlässt Spuren – auch dann, wenn sie richtig ist.
Gefühle verschwinden nicht einfach, nur weil man eine Entscheidung getroffen hat.

Ich habe diese Traurigkeit gespürt. Und als Mutter möchte man in solchen Momenten natürlich trösten. Man möchte etwas sagen, das hilft.

Ich habe kurz überlegt, ob ich ihm behutsam sagen soll, dass die beste «Medizin» nach einer Trennung oft darin liegt, den Blick wieder nach vorne zu richten. Sich nicht im Vergangenen zu verlieren, sondern den eigenen Weg weiterzugehen.

Doch ich musste das gar nicht mehr aussprechen:
Er sagte selbst, dass er sich jetzt wirklich auf seine Zukunft konzentrieren wolle – vor allem auf seinen beruflichen Weg.

In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie viel Klarheit und Reife in ihm steckt.
Nicht, weil ihn die Situation kalt lässt. Nein. Sondern weil er trotz der Traurigkeit weiss, dass das Leben weitergeht – und dass es manchmal Mut braucht, den eigenen Blick bewusst nach vorne zu richten.

Mein Sohn ist ein sensibler Mensch. Ich glaube sogar, dass er hypersensibel ist.

Das bedeutet, dass er vieles intensiver wahrnimmt als andere.
Stimmungen, Worte, kleine Veränderungen im Verhalten eines Menschen – Dinge, die manche kaum bemerken, bleiben bei ihm nicht unbemerkt.

Diese Art von Sensibilität kann das Leben manchmal komplizierter machen:

Kritik kann stärker treffen.
Konflikte können länger nachhallen.
Und auch die Atmosphäre um einen herum kann einen tief berühren.

Manchmal kann das sehr anstrengend sein. Aber diese Sensibilität ist auch eine grosse Stärke.

Sie bedeutet, dass man mitfühlen kann. Dass man andere Menschen wirklich wahrnimmt.
Dass man Zwischentöne hört, die vielen entgehen.

Menschen mit einer solchen Feinfühligkeit sind oft besonders empathisch, aufmerksam und kreativ.

Im Leben geht es nicht darum, weniger sensibel zu werden, sondern zu lernen, mit dieser Sensibilität umzugehen.

Wenn das gelingt, kann genau das, was manchmal schwer wirkt, zu einer besonderen Kraft werden.

Zum Erwachsenwerden gehört auch, zu akzeptieren, dass Gefühle manchmal weh tun.

Es wäre leicht, sich nach solchen Erfahrungen zu verschliessen, härter zu werden, weniger zu fühlen, um sich zu schützen. Doch ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist.

Gefühle gehören zum Leben.
Die schönen genauso wie die schmerzhaften.

Wer liebt, kann verletzt werden.
Wer sich öffnet, kann enttäuscht werden.

Aber genau darin liegt auch etwas Kostbares: die Fähigkeit, wirklich zu fühlen.

Reife bedeutet nicht, sich gegen Schmerz zu panzern, sondern ihn anzunehmen, ohne dabei die eigene Offenheit zu verlieren.

Ich wünsche meinem Sohn, sich seine Sensibilität, seine Fähigkeit zu fühlen – auch wenn das Leben manchmal wehtut – zu bewahren. Denn gerade diese Offenheit macht einen Menschen nicht schwach.

Sie macht ihn menschlich.

Erwachsenwerden bedeutet nicht, dass einem Entscheidungen nichts mehr ausmachen.
Und auch nicht, dass man keinen Schmerz mehr spürt.

Es bedeutet, beides gleichzeitig aushalten zu können:
die Traurigkeit über das, was endet –
und den Mut, trotzdem nach vorne zu schauen.

Und genau das habe ich bei meinem Sohn gesehen. Es hat mich mehr berührt, als ich erwartet hätte.

Irgendwann akzeptiert man als Eltern, dass man seine Kinder nicht vor allem schützen kann.
Ihr Leben nimmt eigene Wege – mit Freude, mit Fehlern, mit Entscheidungen, die manchmal auch schmerzhaft sind.

Keine Mutter weiss, was ihrem Kind eines Tages widerfährt. Aber man hofft immer auf eines:

Dass sie anständig bleiben.
Dass sie andere Menschen mit Respekt behandeln.
Dass sie den Mut haben, ehrlich zu sein – auch wenn Ehrlichkeit schwer ist.

Als ich meinem Sohn in diesen Tagen zugehört habe, wurde mir etwas sehr ruhig bewusst:

Er geht seinen Weg.

Mit seiner Sensibilität.
Mit seinen Gefühlen.
Und mit dem Willen, trotz allem nach vorne zu schauen.

Und als Mutter bleibt einem in solchen Momenten eigentlich nur eines:

Still daneben zu stehen –
und ein kleines bisschen stolz zu sein.

Denn manchmal zeigt sich das Erwachsenwerden eines Kindes nicht in grossen Ereignissen,
sondern in der stillen Art, wie es mit den schwierigen Momenten des Lebens umgeht.

Wenn konstruktive Kritik Türen öffnet

Ich arbeite in der Kommunikation.
Und doch ist das mehr als nur ein Beruf.

Mein Vater hatte eine Werbeagentur, die ich mir lange als meinen späteren beruflichen Ort vorgestellt hatte. Durch Fehlentscheidungen kam es zum Konkurs, und dieser Weg schloss sich.
Auch wenn vieles vergangen ist: Die Nähe zur Kommunikation, zur Werbung und zur Wirkung von Sprache ist geblieben.

Vielleicht ist dies der Grund, dass mich Themen wie Sprache, Vermittlung und Verbindung bis heute begleiten. Dass ich sensibel reagiere, wenn Kommunikation nicht nur informieren, sondern Brücken schlagen kann.

Vor kurzem habe ich dem Kommunikationsverantwortlichen der Christkatholische Kirche nachträglich frohe Weihnachten gewünscht – verbunden mit einer Rückmeldung zum Newsletter. Wertschätzend, ehrlich, mit zwei kleinen Beobachtungen. Und mit einem Gedanken, der mir schon lange wichtig ist:
dass die Verbindung zwischen der Romandie und der Deutschschweiz nicht nur organisatorisch besteht, sondern auch spürbar gelebt wird. Gemeinsam ist man stark !

Was darauf folgte, hat mich ehrlich gefreut.

In meiner Rückmeldung hatte ich angeregt, deutsch- und französischsprachige Beiträge gemeinsam im Newsletter sichtbar zu machen – als Zeichen der Verbundenheit. In der Antwort wurde mir erklärt, dass der Newsletter als französische Ausgabe separat geplant ist.

Vor allem aber entstand aus diesem Austausch ein Dialog. Eine Einladung. Die Möglichkeit, gemeinsam über Kommunikation, Sprache und Verbindung nachzudenken.

Es hat mich positiv überrascht, was das in mir ausgelöst hat. Dass aus ein paar Zeilen ein echtes Gespräch wurde.
Es fühlt sich vertraut an. Nicht wie ein Zurückgehen, sondern wie ein Wiederaufnehmen eines Fadens, der nie ganz verschwunden war.

Noch ist nichts entschieden. Und das ist in Ordnung. Ich freue mich über den offenen Raum, der sich gerade zeigt – und darüber, dass meine Erfahrung darin Platz haben darf und man mich „dabei haben will“ 🙂

Im Moment bin ich vor allem dankbar und neugierig, wie sich das Ganze entwickeln wird.

Zwei Wege – eine Welt

Heute hatte ich wieder eine Diskussion mit Frank über WhatsApp. Es ging um Finanzen und um meine Kinder. Und wie so oft standen wir uns gegenüber wie zwei unterschiedliche Welten.

Frank ist rational.
Theoretiker.
In der Theorie ist alles logisch und klar.
Er ist berechnend, kalkulativ, immer auf Sicherheit bedacht.
Er plant voraus, vermeidet Risiken, zieht Statistiken heran, wann immer möglich.

Schon früh hat er für sich entschieden: keine Ehe, keine Kinder.
Zu teuer, zu kräfteraubend, zu unsicher.
Und weil laut Statistik eine Ehe meist nur rund vierzehn Jahre hält, erscheint es ihm logisch, dieses Kapitel gar nicht erst zu öffnen.

Ich sage ihm oft, dass all das in der Theorie vielleicht stimmt –
aber dass das Leben nicht nur aus Theorie besteht.
In der Praxis ist es voller Umwege, Gefühle, Entscheidungen, die nicht auf Papier passen.
Und oft passieren Dinge, die man nicht voraussehen kann.

Ich hingegen bin eine andere Art Mensch.
Ich entscheide vieles aus dem Gefühl heraus – mit Verantwortungsgefühl, ja, aber nicht rechnerisch.
Wenn sich etwas jetzt richtig anfühlt, dann gehe ich diesen Weg.
Und wenn er später schwierig wird, finde ich Lösungen.
Ich kenne das Leben nicht als Absicherung, sondern als Bewegung.

Und manchmal frage ich mich:
Warum gibt es solche und solche Menschen?

Ich verstehe Franks Ansatz. Ich sehe seine Struktur.
Aber oft habe ich das Gefühl, dass mein Blick – der aus Verbundenheit, Hingabe und „ich trage, was kommt“ entsteht – bei ihm nicht wirklich landet.

Vielleicht hat das mit Ursprungsträumen zu tun.
Frank wollte nie die Verantwortung einer Familie.
Ich dagegen hatte schon als Zwölfjährige das Bild eines Zuhauses vor Augen:
Ein gemeinsames Leben. Ein gemeinsamer Alltag. Ein Wir.

Und ja – die Welt hat sich verändert.
Ich habe mich verändert.
Aber dieses Grundgefühl in mir ist geblieben.

Ich bin heute froh, nicht mehr mit meinem Ex-Mann verheiratet zu sein.
Rückblickend war diese Entscheidung richtig.
Aber es war nie mein Wunsch, alles alleine machen zu müssen – weder in der Ehe noch danach.
Und doch war es genau das, was am Ende passiert ist.
Fünfundzwanzig Jahre lang.
Die Hälfte während der Ehe, die andere Hälfte danach.

Vielleicht mache ich deshalb heute gewisse Dinge anders – oder auch falsch.
Vor allem, wenn es um meine Finanzen geht.
Ich habe gelernt, zu tragen, zu halten, zu geben.
Und auch wenn meine Kinder inzwischen erwachsen sind, spüre ich dieses Bedürfnis noch immer: für sie da sein zu wollen. Ihnen diese Sicherheit zu geben.
Auch dann, wenn es mich finanziell belastet, schwächt, fast ruiniert.

Wie man auf Französisch sagt:
c’est plus fort que moi.
Es ist stärker als ich.

Und doch hat mich genau das geprägt.
Heute kann ich mir kaum noch vorstellen, mit jemandem zusammen zu leben.
Nicht aus Ablehnung, nicht aus Verbitterung.
Sondern weil sich in mir eine eigene Art von Zuhause gebildet hat.
Eines, das unabhängig geworden ist.
Vielleicht aus Liebe.
Vielleicht aus Notwendigkeit.
Vielleicht aus beidem.

Vielleicht geht es nicht darum, den anderen zu ändern, sondern zu sehen, dass wir beide auf unsere Art versuchen, das Leben zu meistern – aber man sollte sich manchmal vielleicht mehr in den anderen hineinversetzen, um ihn zu verstehen.

Aber vielleicht ist gerade dieser Gegensatz die Essenz unserer Freundschaf…

Wenn Musik Erinnerungen weckt

Gestern war kein guter Tag. Ich hatte den ganzen Tag über starke Schmerzen und war ungewöhnlich still. Sogar mein Lieblings-Arbeitskollege fragte mich: „Was ist los mit dir? Du bist so ruhig heute.“
Wenigstens war meine Chefin nicht da – das gab mir etwas Raum, den Tag in einem langsameren Tempo zu bewältigen.

Am Abend war ich mit meiner Mutter verabredet. Mein Bruder und mein Neffe waren ebenfalls dort. Wir spielten UNO, assen zusammen, lachten viel – und irgendwie war alles für einen Moment wieder leicht. Erst um Mitternacht machte ich mich auf den Heimweg.

Im Auto lief – wie so oft – Musik.
Am Nachmittag hatte ich Läggerli einen YouTube-Link geschickt, ein Lied, das mich jedes Mal an ihn erinnert. An „damals“. Ich war schon den ganzen Tag über ein wenig nostalgisch gewesen… und als ich das Lied dann im Auto auf der Heimfahrt noch einmal hörte, brach etwas in mir auf.
Ich sass da und Tränen liefen mir über die Wangen, als würde das Herz die Worte übernehmen, die der Mund nicht mehr sprechen kann.

Es wurde mir bewusst, wie stark Musik unser Gemüt beeinflussen kann. Wie sehr wir Lieder mit Menschen oder Zeiten verbinden. Man sagt nicht umsonst: „Das ist unser Lied.“

Wenn ich zurückblicke, habe ich einige solcher Lieder die mich mit „meinen“ Männern verbinden :

Aber es sind nicht nur Menschen, die mit Musik verknüpft sind – es sind auch Situationen.

Während meiner Trennung war es die Instrumental-Version von Shape of My Heart (feat. Dominic Miller), die mich begleitete.
Wenn ich das Requiem von Mozart höre, denke ich sofort an meine Grossmamme. Es war eines ihrer Lieblingswerke – und ich bin manchmal traurig darüber, dass sie nicht mehr da war, als mein Chor es aufführte.

Und Boogie-Woogie?
Sofort sehe ich meinen Vater am Flügel sitzen, wie er einfach drauflos spielte, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Heute tut er das nur noch selten. Doch wenn ich solche Stücke höre, sehe ich ihn ganz klar vor mir – und es wird warm in mir.

Oder wenn ich Rachmaninov – Prelude in C Sharp Minor höre, dann kommt mir augenblicklich meine Lieblingstante in den Sinn. Ich war mit 15/16 jedes Wochenende bei ihr. Und ich habe ganz viele und tolle Erinnerungen an diese Zeit.

„Music was my first love, and it will be my last“ von John Miles singt.
Dieser Satz trifft mich tief. Musik verbindet. Musik tröstet. Musik bewahrt Momente, die längst vergangen sind – und schenkt uns die Möglichkeit, sie noch einmal zu fühlen.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen.
Aber mit Musik kann man sich – für einen Herzschlag lang – wieder dorthin träumen.


„Musik ist die Sprache der Erinnerung.
Sie spricht zu dem, was wir nie ganz loslassen.“

Wenn das Leben kurz anhält – und man zuhört

Heute Morgen habe ich völlig überraschend eine Sprachnachricht von Läggerli erhalten – ganze sieben Minuten lang. Er war gerade im Jura unterwegs und hatte offenbar etwas Zeit, um mir zu erzählen, wie es ihm im Moment geht und was ihn beschäftigt. Seine Nachricht hat mich sehr gefreut, und ich habe ihm ebenfalls per Sprachnachricht geantwortet. Aus meiner Antwort lässt sich ungefähr erahnen, worüber wir gesprochen haben.

Meine Antwort an ihn in geschriebener Form:

Hallo Läggerli, danke für deine Nachricht. Das hat mich sehr gefreut.
Ich bin heute – wie jeden Freitag – im Homeoffice. Und meistens habe ich nicht sehr viel zu tun. Es ist also schon fast Wochenende. Ich muss einfach bis mindestens 16 Uhr zuhause erreichbar sein. Aber das ist kein Problem. Ich mag den Freitag eigentlich sehr gern. Da habe ich ein bisschen Zeit für mich.

Ja, der Sturm hat einiges durcheinandergewirbelt. Meine Waadtländer-Fahne ist kaputt gegangen. Aber die Basler Fahne ist standhaft geblieben 😊
Ich mag den Herbst – mit all seinen Facetten. Und irgendwie lädt er dazu ein, sich selbst zu reflektieren.

Die Arbeitssuche ist tatsächlich nicht einfach. Und wenn man nicht genau weiss, was man möchte, ist das sicher eine Herausforderung und verständlich, dass dich das stresst. Aber gib nicht auf! Ich finde es toll und gut, dass du ab und zu diese Kurierfahrten machst. Vielleicht bist du ja irgendwann mal in der Nähe, und es ergibt sich die Möglichkeit, zusammen einen Kaffee zu trinken.

Ich finde es schön, dass deine Tochter dich gefragt hat, mit ihr Fahrstunden zu machen. Ich habe den Eindruck – so kommt es bei mir jedenfalls an – dass du dir viele Gedanken machst, um ein Teil im Leben deiner Kinder zu sein und zu bleiben. Das ist sehr schön.

Mein Sohn hat im Januar die Theorieprüfung gemacht, und ich fahre auch mit ihm. Finanziell ist es im Moment einfach nicht drin, dass er mit einem Fahrlehrer geht. Und das wäre schon nötig. Zumindest ein paar Stunden, damit er die Dinge richtig lernt – so, wie sie heute gelten, und nicht so, wie ich es vor über 30 Jahren gelernt habe.

Ah ja? Du spielst Theater? Das ist ja toll! Da würde ich gern mal zuschauen… aber das geht vermutlich nicht. Ich singe ja im Chor, und am 2. November geben wir ein Konzert in Saignelégier. Vielleicht bist du ja in der Gegend. Wobei, ich weiss natürlich nicht, ob dir dieser Musikstil gefällt. Wir singen Bach und Mendelssohn.

Bei mir sind es momentan eher unruhige Zeiten… aber das ist schon länger so. Meine grösste Sorge ist mein Sohn, der einfach immer noch nicht den Mut aufgebracht hat, endlich sein Leben in die Hand zu nehmen und etwas zu arbeiten. Er hat ja bisher keine Ausbildung gemacht. Corona war der Auslöser dafür, dass er sich sehr zurückgezogen hat – auch, weil er extreme Angst hatte. Ich glaube schon, dass er ein bisschen in einer Depression steckt. Aber ich bringe ihn nicht dazu, sich professionelle Hilfe zu holen. Und da er volljährig ist, kann ich ihn ja auch nicht zwingen. Das würde sowieso nichts bringen – er muss es selbst wollen.

Vor einem Monat hat er eine zweitägige Schulung gemacht, um ein SUVA-annerkanten Gabelstaplerfahrer-Schein zu machen. Das hat ihm gefallen und alles lief gut. Von 90 Fragen hat er grad mal 2 Fehler gemacht. Und eigentlich hat er selbst gesagt, dass er nun spontan Bewerbungen schreiben wird… aber bisher hat er nichts gemacht. Und je mehr ich sage, desto weniger macht er. Das ist manchmal sehr zermürbend und auch finanziell für mich schwierig…

Und sonst… nun meine körperlichen Beschwerden, vor allem der Ischias, machen mir manchmal Angst. Oder besser gesagt: Sie führen mir vor Augen, dass ich auch nicht jünger werde. Das frustriert mich manchmal, und ich habe wirklich gelegentlich Mühe damit, dass ich jetzt 50 bin. Ich habe das Gefühl, jetzt ist alles vorbei und ich bin auf dem Abstieg.

Aber voilà – ich will jetzt nicht klagen. Irgendwie geht es ja immer weiter. Ich bin eigentlich – Gott sei Dank – ein positiver Mensch und gebe nicht auf. Aber manchmal – gerade jetzt im Herbst – ist die Stimmung eben etwas melancholisch.

Wie ich am Anfang gesagt habe: Es ist eine Zeit für Selbstreflexion…

Nun, ich wünsche dir weiterhin eine gute Fahrt und danke nochmals für deine lange Sprachnachricht. Sie hat meinen Tag ein bisschen besser gemacht.

Mach’s gut und hoffentlich bis bald mal auf einen Kaffee 😉


Vielleicht ergibt sich ja wirklich bald die Gelegenheit – ich würde mich freuen.

Manchmal sind es gerade diese kleinen Momente unterwegs – ein kurzer Halt irgendwo zwischen Hügeln und Alltag –, in denen man sich wirklich hört. Jemand erzählt, jemand hört zu. Und plötzlich fühlt sich das Leben ein wenig leichter an.

Wenn das Leben kurz anhält – und man zuhört, entsteht manchmal ein Moment, der bleibt. Genau dann passiert oft einfach das, was man gerade braucht.

Selbsterkenntnis – zwischen Anspruch und Zufriedenheit

Es gibt Tage, da denke ich, mein Leben ist langweilig.
Dann wieder spüre ich, dass mir das, was ich erreicht habe, eigentlich völlig genügt.

Manchmal frage ich mich, warum ich so vieles anders hätte machen sollen –
und erkenne kurz darauf, dass alles, was gelungen oder gescheitert ist, seinen Sinn hatte.

An manchen Tagen empfinde ich die Welt als ungerecht, hart, gleichgültig.
Und doch bin ich froh, dass ich „einfach“ geblieben bin – echt, nahbar, vielleicht ein bisschen „anders“, aber ich selbst.

Und es gibt Augenblicke, in denen ich mich frage, warum ich gewisse Dinge, die ich eigentlich wollte, am Ende doch nicht oder anders gemacht habe.
Vielleicht, weil mein Weg genau so sein musste, damit ich heute dort stehe, wo ich bin.
Will ich da sein? Muss ich da sein? Und was will ich eigentlich noch erreichen?
Ich weiss es im Moment nicht.

Ich lese hin und wieder in verschiedenen Blogs – einer davon beschäftigt mich immer wieder. Der Verfasser scheint viel erlebt und erreicht zu haben. Er wirkt selbstsicher, manchmal auch provokant, als wolle er mit seinen Worten eine Mauer errichten zwischen sich und der Welt. Und doch schwingt in seinen Texten etwas mit, das mich berührt – vielleicht Frustration, vielleicht auch Einsamkeit.

Manchmal tut er mir sogar leid. Ich habe das Gefühl, dass in ihm viele gute, vielleicht sogar sehr feinfühlige Seiten schlummern, die er aber auf keinen Fall zeigen will. Vielleicht aus Angst, verletzlich zu werden. Vielleicht, weil er gelernt hat, dass Stärke nur in Unabhängigkeit liegt.

Und so frage ich mich oft:
Was ist besser?
Sich egoistisch, unkonventionell, fast gefühllos, mit Ellbogen an die Spitze zu kämpfen – ein Leben „in Saus und Braus“ zu führen –
oder den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, sich durchzukämpfen und ein einfaches, bescheidenes Leben zu leben?
Kann man sich das überhaupt aussuchen?
Denn je nach Lebensumständen, Herkunft, Verantwortung oder schlichtem Zufall ist der Spielraum manchmal sehr klein –
und Entscheidungen sind oft weniger frei, als man sich das wünschen würde.

Vielleicht gibt es darauf keine Antwort. Vielleicht ist Frustration einfach ein stiller Begleiter jedes Lebensweges – egal, welchen wir wählen.
Und Selbsterkenntnis bedeutet vielleicht, zu erkennen, dass kein Weg vollkommen ist.
Dass Glück kein Dauerzustand ist, sondern in kurzen Augenblicken aufleuchtet – besonders dann, wenn wir aufhören, uns zu vergleichen, und beginnen, uns selbst mit allem Licht und Schatten zu akzeptieren.

Und falls sich jemand in diesen Zeilen wiedererkennt – ja, das ist möglich. Doch ich schreibe bewusst nicht, um wen es sich handelt. Es geht mir nicht um diese Person im Speziellen, sondern um das, was das Lesen der Gedanken eines anderen Menschen in einem selbst auslösen kann.

Die Balance in einer Freundschaft

Es gibt Gespräche, die sich im Kreis drehen. Man erklärt, klärt, versucht, eine andere Perspektive zu zeigen – und doch landet man immer wieder am selben Punkt.
Nicht, weil der andere nicht zuhören will, sondern weil er so fest in seiner Sicht verankert ist, dass kein anderer Gedanke wirklich durchdringt.

Vieles ist gut gemeint. Sorge, Interesse, Anteilnahme – all das kann man spüren. Und doch kann es anstrengend werden, wenn sich alles immer wieder um dasselbe dreht. Wenn Worte, so wohl sie auch gemeint sind, mehr festhalten als verstehen wollen.

Was ich mir wünsche, ist kein Schweigen, keine Distanz. Ich wünsche mir einfach, dass das Gespräch wieder Raum bekommt – für Leichtigkeit, für andere Themen, für gegenseitiges Entdecken.
Ich erzähle viel aus meinem Leben, vielleicht zu viel. Und manchmal merke ich, wie unausgeglichen das ist. Der andere weiss vieles – von Sorgen, Wegen, Zweifeln. Aber umgekehrt bleibt vieles im Dunkeln.

Es wäre schön, auch ein Stück des anderen Lebens kennenzulernen. Nicht alles, nicht im Detail. Nur so viel, dass es wieder ein Miteinander wird – kein Monolog, kein Kreisen um immer dasselbe.

Denn Freundschaft bedeutet nicht nur, füreinander da zu sein. Sie bedeutet auch, sich gegenseitig zu zeigen – mit allem, was man ist, nicht nur mit dem, was man sieht.

Manchmal genügt ein geöffnetes Fenster, damit das Licht wieder auf beide Seiten fällt. Und plötzlich ist da wieder Wärme – still, aber spürbar.