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Die Stille dazwischen

Seit ein paar Wochen ist Frank spürbar distanzierter.
Warum das so ist, kann ich nicht wirklich sagen. Es gibt keine klaren Worte, keine offensichtlichen Gründe. Nur dieses leise Gefühl, das sich eingeschlichen hat – und geblieben ist.

Manchmal frage ich mich, ob ich ihm zu viel bin. Oder ob ich mehr von seiner virtuellen Präsenz erwarte, als er im Rahmen unserer Freundschaft geben möchte.
Vielleicht täusche ich mich. Und doch fühlt es sich so an.

Diese Unsicherheit macht mich ein wenig traurig.
Es ist keine laute Traurigkeit, sondern eine stille. Eine, die zwischen den Zeilen entsteht – dort, wo Fragen unbeantwortet bleiben oder abgestritten werden und Vertrautheit sich plötzlich anders anfühlt als zuvor.

Zwischen Kontostand und Uhrwerk

Manchmal beneide ich Menschen, die sich sicher sind.
Diese leise, unerschütterliche Sicherheit, die offenbar keinen täglichen Zweifel braucht.

Da ist der eine : mit dem Blick auf Zahlen und das Morgen. Finanzen als Fundament, Absicherung als Pflicht. Ich bewundere diesen Weitblick – und merke zugleich, wie schwer er mir manchmal fällt. Ich lebe gern im Hier und Jetzt. Und wünschte mir doch manchmal, ich hätte öfter diesen Blick auf morgen.

Und dann ist da der andere : jeden Tag dieselbe Routine. Die gleiche Uhrzeit, derselbe Ablauf, dieselben Wege. Verlässlichkeit wie ein Uhrwerk. Für manche ein Halt – für mich oft eher Enge. Zu viel Gleiches fühlt sich für mich schnell nach Stillstand an.

Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich :
– Zwischen Absicherung und Gegenwart.
– Zwischen Struktur und dem Wunsch nach Bewegung.

Sicherheit beruhigt – Das Jetzt lebt.

Vielleicht braucht es beides. Nur nicht immer im gleichen Mass.


Und du?
Lebst du eher mit dem Blick nach vorn oder im Moment?
Gibt dir Routine Halt – oder raubt sie dir eher Lebendigkeit?

Zwei Wege – eine Welt

Heute hatte ich wieder eine Diskussion mit Frank über WhatsApp. Es ging um Finanzen und um meine Kinder. Und wie so oft standen wir uns gegenüber wie zwei unterschiedliche Welten.

Frank ist rational.
Theoretiker.
In der Theorie ist alles logisch und klar.
Er ist berechnend, kalkulativ, immer auf Sicherheit bedacht.
Er plant voraus, vermeidet Risiken, zieht Statistiken heran, wann immer möglich.

Schon früh hat er für sich entschieden: keine Ehe, keine Kinder.
Zu teuer, zu kräfteraubend, zu unsicher.
Und weil laut Statistik eine Ehe meist nur rund vierzehn Jahre hält, erscheint es ihm logisch, dieses Kapitel gar nicht erst zu öffnen.

Ich sage ihm oft, dass all das in der Theorie vielleicht stimmt –
aber dass das Leben nicht nur aus Theorie besteht.
In der Praxis ist es voller Umwege, Gefühle, Entscheidungen, die nicht auf Papier passen.
Und oft passieren Dinge, die man nicht voraussehen kann.

Ich hingegen bin eine andere Art Mensch.
Ich entscheide vieles aus dem Gefühl heraus – mit Verantwortungsgefühl, ja, aber nicht rechnerisch.
Wenn sich etwas jetzt richtig anfühlt, dann gehe ich diesen Weg.
Und wenn er später schwierig wird, finde ich Lösungen.
Ich kenne das Leben nicht als Absicherung, sondern als Bewegung.

Und manchmal frage ich mich:
Warum gibt es solche und solche Menschen?

Ich verstehe Franks Ansatz. Ich sehe seine Struktur.
Aber oft habe ich das Gefühl, dass mein Blick – der aus Verbundenheit, Hingabe und „ich trage, was kommt“ entsteht – bei ihm nicht wirklich landet.

Vielleicht hat das mit Ursprungsträumen zu tun.
Frank wollte nie die Verantwortung einer Familie.
Ich dagegen hatte schon als Zwölfjährige das Bild eines Zuhauses vor Augen:
Ein gemeinsames Leben. Ein gemeinsamer Alltag. Ein Wir.

Und ja – die Welt hat sich verändert.
Ich habe mich verändert.
Aber dieses Grundgefühl in mir ist geblieben.

Ich bin heute froh, nicht mehr mit meinem Ex-Mann verheiratet zu sein.
Rückblickend war diese Entscheidung richtig.
Aber es war nie mein Wunsch, alles alleine machen zu müssen – weder in der Ehe noch danach.
Und doch war es genau das, was am Ende passiert ist.
Fünfundzwanzig Jahre lang.
Die Hälfte während der Ehe, die andere Hälfte danach.

Vielleicht mache ich deshalb heute gewisse Dinge anders – oder auch falsch.
Vor allem, wenn es um meine Finanzen geht.
Ich habe gelernt, zu tragen, zu halten, zu geben.
Und auch wenn meine Kinder inzwischen erwachsen sind, spüre ich dieses Bedürfnis noch immer: für sie da sein zu wollen. Ihnen diese Sicherheit zu geben.
Auch dann, wenn es mich finanziell belastet, schwächt, fast ruiniert.

Wie man auf Französisch sagt:
c’est plus fort que moi.
Es ist stärker als ich.

Und doch hat mich genau das geprägt.
Heute kann ich mir kaum noch vorstellen, mit jemandem zusammen zu leben.
Nicht aus Ablehnung, nicht aus Verbitterung.
Sondern weil sich in mir eine eigene Art von Zuhause gebildet hat.
Eines, das unabhängig geworden ist.
Vielleicht aus Liebe.
Vielleicht aus Notwendigkeit.
Vielleicht aus beidem.

Vielleicht geht es nicht darum, den anderen zu ändern, sondern zu sehen, dass wir beide auf unsere Art versuchen, das Leben zu meistern – aber man sollte sich manchmal vielleicht mehr in den anderen hineinversetzen, um ihn zu verstehen.

Aber vielleicht ist gerade dieser Gegensatz die Essenz unserer Freundschaf…

Wenn Musik Erinnerungen weckt

Gestern war kein guter Tag. Ich hatte den ganzen Tag über starke Schmerzen und war ungewöhnlich still. Sogar mein Lieblings-Arbeitskollege fragte mich: „Was ist los mit dir? Du bist so ruhig heute.“
Wenigstens war meine Chefin nicht da – das gab mir etwas Raum, den Tag in einem langsameren Tempo zu bewältigen.

Am Abend war ich mit meiner Mutter verabredet. Mein Bruder und mein Neffe waren ebenfalls dort. Wir spielten UNO, assen zusammen, lachten viel – und irgendwie war alles für einen Moment wieder leicht. Erst um Mitternacht machte ich mich auf den Heimweg.

Im Auto lief – wie so oft – Musik.
Am Nachmittag hatte ich Läggerli einen YouTube-Link geschickt, ein Lied, das mich jedes Mal an ihn erinnert. An „damals“. Ich war schon den ganzen Tag über ein wenig nostalgisch gewesen… und als ich das Lied dann im Auto auf der Heimfahrt noch einmal hörte, brach etwas in mir auf.
Ich sass da und Tränen liefen mir über die Wangen, als würde das Herz die Worte übernehmen, die der Mund nicht mehr sprechen kann.

Es wurde mir bewusst, wie stark Musik unser Gemüt beeinflussen kann. Wie sehr wir Lieder mit Menschen oder Zeiten verbinden. Man sagt nicht umsonst: „Das ist unser Lied.“

Wenn ich zurückblicke, habe ich einige solcher Lieder die mich mit „meinen“ Männern verbinden :

Aber es sind nicht nur Menschen, die mit Musik verknüpft sind – es sind auch Situationen.

Während meiner Trennung war es die Instrumental-Version von Shape of My Heart (feat. Dominic Miller), die mich begleitete.
Wenn ich das Requiem von Mozart höre, denke ich sofort an meine Grossmamme. Es war eines ihrer Lieblingswerke – und ich bin manchmal traurig darüber, dass sie nicht mehr da war, als mein Chor es aufführte.

Und Boogie-Woogie?
Sofort sehe ich meinen Vater am Flügel sitzen, wie er einfach drauflos spielte, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Heute tut er das nur noch selten. Doch wenn ich solche Stücke höre, sehe ich ihn ganz klar vor mir – und es wird warm in mir.

Oder wenn ich Rachmaninov – Prelude in C Sharp Minor höre, dann kommt mir augenblicklich meine Lieblingstante in den Sinn. Ich war mit 15/16 jedes Wochenende bei ihr. Und ich habe ganz viele und tolle Erinnerungen an diese Zeit.

Music was my first love, and it will be my last“ von John Miles singt.
Dieser Satz trifft mich tief. Musik verbindet. Musik tröstet. Musik bewahrt Momente, die längst vergangen sind – und schenkt uns die Möglichkeit, sie noch einmal zu fühlen.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen.
Aber mit Musik kann man sich – für einen Herzschlag lang – wieder dorthin träumen.


„Musik ist die Sprache der Erinnerung.
Sie spricht zu dem, was wir nie ganz loslassen.“

Die Balance in einer Freundschaft

Es gibt Gespräche, die sich im Kreis drehen. Man erklärt, klärt, versucht, eine andere Perspektive zu zeigen – und doch landet man immer wieder am selben Punkt.
Nicht, weil der andere nicht zuhören will, sondern weil er so fest in seiner Sicht verankert ist, dass kein anderer Gedanke wirklich durchdringt.

Vieles ist gut gemeint. Sorge, Interesse, Anteilnahme – all das kann man spüren. Und doch kann es anstrengend werden, wenn sich alles immer wieder um dasselbe dreht. Wenn Worte, so wohl sie auch gemeint sind, mehr festhalten als verstehen wollen.

Was ich mir wünsche, ist kein Schweigen, keine Distanz. Ich wünsche mir einfach, dass das Gespräch wieder Raum bekommt – für Leichtigkeit, für andere Themen, für gegenseitiges Entdecken.
Ich erzähle viel aus meinem Leben, vielleicht zu viel. Und manchmal merke ich, wie unausgeglichen das ist. Der andere weiss vieles – von Sorgen, Wegen, Zweifeln. Aber umgekehrt bleibt vieles im Dunkeln.

Es wäre schön, auch ein Stück des anderen Lebens kennenzulernen. Nicht alles, nicht im Detail. Nur so viel, dass es wieder ein Miteinander wird – kein Monolog, kein Kreisen um immer dasselbe.

Denn Freundschaft bedeutet nicht nur, füreinander da zu sein. Sie bedeutet auch, sich gegenseitig zu zeigen – mit allem, was man ist, nicht nur mit dem, was man sieht.

Manchmal genügt ein geöffnetes Fenster, damit das Licht wieder auf beide Seiten fällt. Und plötzlich ist da wieder Wärme – still, aber spürbar.

Ungeschnittenes Leben – bevor die Musik wieder einsetzt

Manchmal höre ich eine Melodie – und plötzlich sehe ich mich selbst, wie in einem Film. Ich sitze irgendwo, allein, vielleicht an einem Fenster, am Meer oder auf einer Parkbank. Das Licht ist weich, manchmal mystisch, und die Musik legt sich über die Szene wie eine Decke.

Ich denke über mein Leben nach – über Entscheidungen, Zufälle, Begegnungen. Ich frage mich, was ich hätte anders machen können. Wo bin ich zu früh gegangen – und wo zu lange geblieben? In meiner Wahrnehmung ist das der Abspann. Eine leise, traurige Schlussszene. Nur – es ist kein Film. Es ist mein Leben.

In letzter Zeit gibt es oft solche Momente, in denen sich Realität und Vorstellung überlagern. Als würde ich das Geschehen nicht nur erleben, sondern gleichzeitig beobachten – als Zuschauerin meiner eigenen Geschichte. Vielleicht ist das eine Form von Distanz. Vielleicht aber auch der Versuch, dem Moment Bedeutung zu geben.

Manchmal wünsche ich mir, das Leben würde sich wie im Film entwickeln: Die verzweifelte Nachricht, die ich abschicke, würde jemanden dazu bringen, ins Auto zu steigen, loszufahren, anzukommen.
Ein Wort, ein Blick – und alles wäre wieder gut. Doch das Leben folgt keinem Drehbuch. Es schneidet keine Szenen neu, wiederholt keine Dialoge. Es läuft – ungeschnitten, roh, manchmal unvollkommen.

Und trotzdem gibt es diese filmischen Momente. Vielleicht, weil wir in Geschichten denken. Weil wir sie brauchen, um unser Dasein zu ordnen, zu deuten, zu fühlen. Vielleicht ist das unsere Art, Sinn zu finden – indem wir unser Leben wie eine Erzählung betrachten, mit leisen Kapiteln, unerwarteten Wendungen und offenen Enden.

Wenn ich ehrlich bin, mag ich diesen Blick von aussen nicht so. Zu oft werde ich von der Realität eingeholt und erkenne: Das Leben ist kein Film. Und das stimmt mich dann manchmal traurig, weil ich mir in diesen Momenten so sehr ein anderes Leben wünsche – doch es ist mein Leben, und ich muss das Beste daraus machen.

Jede Handlung, ob unscheinbar oder turbulent, ist letztlich Teil der Geschichte – meiner Lebensgeschichte. Und auch wenn manche Phasen traurig wirken, heisst das nicht, dass es wirklich ein Ende ist – vielleicht nur eine Pause, bevor die Musik wieder einsetzt.

Wenn Stille lauter wird

Manchmal frage ich mich, wann es kippt.
Wann aus Interesse Aufdringlichkeit wird, aus Nähe ein Zuviel, aus ehrlicher Verbundenheit das Gefühl, jemandem zur Last zu fallen.

Ich schreibe einem Menschen, der mir seit bald zwei Jahren sehr wichtig ist.
Wir kennen uns nicht persönlich, aber wir teilen Gedanken, Alltag, manchmal auch Sorgen.
Es ist eine besondere Art von Freundschaft – getragen von Vertrauen, gegenseitigem Respekt und ehrlichem Interesse.

Er hat mir schon oft geholfen – auf ganz unterschiedliche Arten.
Mit Worten, mit Geduld, mit seiner ruhigen, sachlichen Art, die manchmal mehr bewirkt als jedes Mitleid.
Und auch ganz praktisch, wenn es im Leben einmal eng wurde – uneigennützig, selbstverständlich, ohne viele Worte. Dafür bin ich dankbar. Vielleicht gerade deshalb spüre ich die Veränderung so deutlich.

Bis vor ein paar Monaten haben wir oft bis spät in die Nacht geschrieben, manchmal über Gott und die Welt, manchmal einfach nur über Alltägliches. Diese Gespräche hatten etwas Vertrautes, Leichtes – eine Art stilles Band, das den Tag rund machte.
Doch in letzter Zeit ist das anders. Der Austausch endet früher, bleibt sachlicher, distanzierter.
Nicht plötzlich, nicht mit Worten – aber mit einer Stille, die zwischen den Zeilen wächst.

Ich lese seine Nachrichten – höflich, kontrolliert, fast nüchtern.
Seit einiger Zeit allerdings drehen sich unsere Gespräche fast nur noch um ein einziges Thema.
Und ich merke, wie ich beginne, mich selbst zu hinterfragen.
Habe ich zu viel geschrieben?
War ich zu offen, zu direkt?
Bin ich zu viel?

Ich bin mir sicher, dass er einst sehr gelitten hat, dass sein Vertrauen missbraucht wurde –
und dass er deshalb eine dicke Mauer um sich gebaut hat.
Ich würde mir wünschen, dass er mir ein wenig mehr vertraut. Dass er ein bisschen offener wäre, mir mehr von sich erzählt – nicht nur Fakten, sondern Gedanken, Stimmungen, kleine Ausschnitte aus seinem Leben. Ich möchte gerne ein wenig an seinem Leben teilhaben, ohne irgendetwas kontrollieren zu wollen.
Und vielleicht auch, dass er mir hin und wieder schreibt, ohne dass ich zuerst schreibe.
Nicht, weil ich Aufmerksamkeit brauche, sondern weil solche kleinen Gesten zeigen, dass die Verbindung auf beiden Seiten lebt.

Es ist merkwürdig, wie schnell Unsicherheit entsteht, wenn der vertraute Rhythmus zwischen zwei Menschen aus dem Gleichgewicht gerät.
Ich weiss, jeder braucht seinen Raum, seine Pausen, seine Abende, an denen man einfach für sich sein will.
Und trotzdem – wenn mir jemand wichtig ist, fehlt mir der Austausch. Dann macht Distanz etwas mit mir.

Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – zwischen meinem Wunsch nach Nähe und seinem Bedürfnis nach Ruhe. Zwischen meinem Impuls, zu teilen, und seinem Wunsch, einfach still zu sein.

Aber heute, jetzt, in diesem Moment, macht es mich traurig. Nicht wütend, nicht enttäuscht – einfach traurig. Weil ich mir gewünscht hätte, dass meine Anteilnahme nicht als Einmischung oder Kontrolle empfunden wird, sondern als das, was sie ist: ein Ausdruck von Verbundenheit, von ehrlichem Interesse, von Zuneigung ohne Erwartung.
Dass mein „Sie fehlen mir“ nicht wie eine Forderung klingt, sondern wie das leise Eingeständnis, dass mir ein Stück vertrauter Alltag abhandengekommen ist.
Manchmal sind es gerade die stillen Veränderungen, die am meisten nachhallen – weil sie nichts zerstören, aber etwas verschieben.

Vielleicht muss ich lernen, dass Freundschaft nicht immer Gleichzeitigkeit bedeutet.
Dass auch Stille dazugehört.
Und dass Verbundenheit bestehen bleiben kann – selbst wenn sie manchmal auf Distanz lebt.

7 Fragen

Vor kurzem bin ich auf eine Reihe von Fragen gestoßen, die mich neugierig gemacht haben. Ich habe sie mir selbst gestellt – und dabei gemerkt, dass sie einen ehrlichen Blick nach innen eröffnen können. Vielleicht regen sie auch euch zum Nachdenken an. Wie würdet ihr darauf antworten ?

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Wenn sich die nächsten 1000 Tage genauso anfühlen wie gestern – bist du dann auf dem Weg zu deinem Traumleben oder davon entfernt?
→ Weder auf dem einen noch auf dem anderen Weg – eher wie ein stilles Weitergehen auf vertrauten Pfaden.

Wenn jemand deinen Alltag beobachten würde – würde er erkennen, was dir wirklich wichtig ist?
→ Vermutlich nicht. Nur Menschen, die mich sehr gut kennen, könnten zwischen den Zeilen meines Alltags lesen.

Was machst du immer wieder – obwohl du genau weißt, dass es dich zurückhält?
→ Ich neige dazu, zu nachgiebig zu sein und zu viel zu akzeptieren – manchmal auf Kosten meiner eigenen Klarheit.

Würde dein 12-jähriges Ich heute lächeln, wenn es sieht, wer du geworden bist, oder den Kopf schütteln?
→ Es käme wohl darauf an, worauf es den Blick richtet – doch eher würde es den Kopf schütteln.

Was ist diese eine Sache, die du ständig vor dir herschiebst – obwohl du tief drin weißt, dass sie dir richtig guttun würde?
→ Das Sortieren und Ausmisten von Papieren – unscheinbar, und doch ein Schritt hin zu mehr Leichtigkeit.

Wenn du wüsstest, dass du nicht scheitern kannst – welchen Traum würdest du endlich mutig verfolgen?
→ Einen Chor finden, der auf Tourneen geht – und Teil dieser musikalischen Reise werden. Oder endlich ein Buch schreiben.

Was würdest du dir wünschen, schon früher erkannt oder begonnen zu haben?
→ Vielleicht Frank früher zu begegnen – seine klare, strategische Sicht hätte mir wohl manche Last erspart und Wege gezeigt, die weniger schmerzhaft gewesen wären, wenn ich auf ihn gehört hätte.


Manchmal braucht es nicht viele Worte, sondern nur die richtigen Fragen, um uns einen Spiegel vorzuhalten. Für mich waren diese sieben ein kleiner Anstoss, bewusster hinzuschauen. Vielleicht öffnen sie auch bei Euch neue Gedankenwege. Ich freue mich, wenn ihr eure Antworten teilt.

Was das Herz nicht kann, obwohl der Kopf es weiss

Ich habe immer wieder Gespräche mit Frank über die Situation mit Sohnemann – seine Pläne, meine Erschöpfung, der ewige Balanceakt zwischen Unterstützung und Loslassen.

Frank stellt Fragen oder macht Aussagen, die weh tun. Nicht weil sie falsch sind, sondern weil sie teils klar aufzeigen, was eigentlich nötig wäre – teils aber auch unrealistisch sind. Denn Frank lebt weder in der Schweiz noch hat er eigene Kinder.

Ja, ich weiss, dass es Grenzen braucht. Ja, ich weiss, dass es auf Dauer nicht tragbar ist, Verantwortung für jemanden zu übernehmen, der sie selbst (noch) nicht trägt. Und ja, ich weiss, dass es keine Raketenwissenschaft ist, einen Termin beim Psychologen zu vereinbaren, einen Antrag auf Unterstützung zu stellen oder Fahrstunden zu organisieren.

Aber das grosse Problem ist: Sohnemann ist volljährig – ich kann keine Entscheidungen über seinen Kopf hinweg treffen. Ich kann ihm nicht einfach einen Termin beim Psychologen organisieren, wenn er dem nicht zustimmt. Genauso wenig kann ich ihn an der Hand nehmen und ins Temporärbüro oder zum Arbeitsamt schleppen. Ich kann ihn nur begleiten, erinnern, motivieren – aber den ersten Schritt muss er selbst gehen.

… und genau hier liegt der Knackpunkt: Wissen (Theorie) ist das eine – Können (Praxis) das andere.

Theorie und Praxis sind oft zwei Paar Schuhe. In der Theorie ist es einfach zu sagen: „Stell ihm ein Ultimatum!“ In der Praxis schaut man in müde Augen und fühlt – vor allem als Mutter –, dass er sich geniert, sich unwohl fühlt, sich selbst kaum erträgt und diese „Ich schaff das grad nicht“–Haltung da ist – und merkt, dass man selbst auch kaum noch Kraft hat, um die eigenen Termine wahrzunehmen.

Dazu kommt die finanzielle Realität: Es ist schlicht enorm herausfordernd, wenn man nicht mindestens 6’000 oder 7’000 Franken im Monat verdient – und gleichzeitig noch Schulden abzahlen sollte. Ich habe die Gesetze in der Schweiz nicht gemacht, aber sie verpflichten mich als Mutter, bis zum 25. Lebensjahr für meine Kinder aufzukommen – solange sie keine abgeschlossene Ausbildung haben, keiner Erwerbstätigkeit nachgehen oder noch nicht seit mindestens zwei Jahren finanziell unabhängig sind.

Bei meiner Tochter bedeutete das konkret: Sie musste erst nachweisen, dass sie seit zwei Jahren kaum oder gar nicht mehr von mir unterstützt wird, bevor sie überhaupt Sozialhilfe beantragen konnte – die sie nun auch erhält.

Bei Sohnemann sieht das anders aus. Er erfüllt diese Bedingungen nicht – er kann weder Sozialhilfe beantragen noch Arbeitslosengeld erhalten, denn dafür müsste er mindestens ein Jahr gearbeitet haben.

All das bleibt also – ob ich will oder kann – erst einmal an mir hängen.

Und beim Kindsvater gibt’s nichts zu holen. Der ist selbst teils vom Sozialamt abhängig – und hat sich noch nie wirklich gekümmert.

Ich verstehe Franks Standpunkt. Wirklich. Aber was Frank dabei womöglich vergisst und deswegen einiges nicht ganz nachvollziehen kann: Sohnemann ist nicht einfach ein Mitbewohner, dem man kündigt, wenn er sich nicht an Regeln hält. Er ist mein Kind. Und so wütend, erschöpft oder enttäuscht ich manchmal bin – ihn „auf die Strasse zu stellen“ ist eine Grenze, die ich nicht überschreiten kann, geschweige denn will. Elternschaft endet nicht mit der Volljährigkeit. Und Liebe lässt sich nicht rationieren.

Zwischen Hüttentraum und Hamsterrad

Ich schätze vieles an unserer heutigen Zeit – ohne moderne Technologien hätte ich weder Claudius noch Frank kennengelernt. Und doch denke ich oft: Früher war vieles besser. Langsamer. Überschaubarer. Weniger Lärm, weniger Druck, weniger Ablenkung.

Manchmal wird mir alles zu viel. Die Menschen, der Lärm, das Tempo. Dann träume ich von einer kleinen Hütte – irgendwo im Wald oder in den Bergen. Klein, fein, ruhig. Vielleicht mit ein paar Hühnern, ein bisschen Selbstversorgung. Einfach leben. Echt leben.

Aber solche Träume kosten Geld. Und wir leben nun mal nicht mehr in Robin Hoods Zeiten, in denen man einfach in den Wald ziehen konnte. Heute braucht man für fast alles einen finanziellen Puffer. Ohne Arbeit kein Geld. Ohne Geld kein Dach über dem Kopf. Kein Essen. Keine Sicherheit.

Nicht, dass ich immer völlig allein sein wollen würde. Nur raus aus dem Hamsterrad, das sich immer weiterdreht – ob man will oder nicht. Wir schuften, um uns Wohnungen leisten zu können, in denen wir kaum Zeit verbringen, weil wir ständig am Arbeiten sind. Und doch reicht es hinten und vorne nicht. Alles wird teurer, die Löhne steigen nicht. Die ehemalige Mittelschicht meiner Kindheit ist seit den 1990er-Jahren stetig am Verschwinden. Die Leute sind entweder arm oder reich. Doch eher arm.

Und da frag ich mich: Wozu eigentlich das alles? Am Ende sterben wir doch sowieso. Und niemand wird mehr von mir reden – berühmt bin ich ja nicht. Und wär ich es, wär ich vermutlich auf der Seite der Reichen.

Ein Teufelskreis, der still unser Leben bestimmt.
Und doch gibt es diese seltenen Augenblicke, in denen etwas in uns sagt: Es könnte auch anders sein. Vielleicht fängt Veränderung genau dort an…