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Ein Zeichen in der Stille

Es gibt Gespräche, die langsam ausklingen.
Und es gibt solche, die einfach plötzlich verstummen.

Mitten in einem Gedanken.
Mitten in einem Austausch.

Als hätte jemand die Tür zugeschlagen.

Gestern war so ein Moment.

Vielleicht war es für die eine Seite einfach ein Streitgespräch, das zu Ende war. Für die andere fühlte es sich eher so an, als würde man noch mitten im Raum stehen, während der andere schon gegangen ist.

Und wenn man zu den Menschen gehört, die Konflikte wenn immer möglich vermeiden, ist so ein «Stehenlassen» schwer verständlich – und schmerzhaft.

Manchmal liegt das daran, dass Menschen sehr unterschiedlich funktionieren. Die einen ordnen Gedanken nüchtern und analytisch. Die anderen hören stärker auf Zwischentöne, auf das, was zwischen den Worten mitschwingt.

Dann können ein paar einfache Worte viel mehr Gewicht bekommen, als vielleicht beabsichtigt war.

Und wenn dann jemand diesen Moment einfach abbricht – vielleicht indem er plötzlich verstummt oder einfach nicht mehr da ist – bleibt ein Nachhall. Ein unangenehmes Gefühl, das noch eine Weile über einem schwebt.

Gestern war so ein Abend.
Mit diesem seltsamen, etwas traurigen Gefühl. Und mit dem Wissen, dass man nichts anderes tun kann, als abzuwarten. Bis zum nächsten Tag. Wenn nicht länger.

Und vielleicht auch mit der leisen Hoffnung, dass da doch noch einmal ein kleines Zeichen kommt.

Und dann kam überraschenderweise tatsächlich noch eines.

Ein symbolisches Bild.
Mit einem Gute-Nacht-Gruss.

Für viele ist das vermutlich nichts Besonderes. Ein paar Worte, wie man sie schnell noch schreibt, bevor man schlafen geht.

Aber manchmal tragen solche kleinen Gesten eine Bedeutung, die nur zwei Menschen wirklich verstehen.

Vor allem, wenn solche Worte lange nicht mehr gekommen sind.

Dann spürt man plötzlich, dass es vielleicht doch nicht ganz gleichgültig war, wie ein Gespräch geendet hat. Dass irgendwo ein Gedanke nachgewirkt hat. Vielleicht auch das Gefühl, dass ein Satz zu scharf gewesen sein könnte.

Und dass jemand sich – vielleicht ganz leise, vielleicht ein wenig zögernd – doch noch einmal meldet.

Eine Art Versöhnungsgruss.

Und plötzlich ist diese Stille vom Abend nicht mehr ganz so schwer.

Manchmal genügt ein kleiner Gruss am Ende des Tages,
um zu zeigen, dass man doch noch einmal zurückgekommen ist –
und dass der andere eben doch eine Bedeutung hat. 🌙

Zwischen den Linien

„Der Mensch sollte alle seine Werke zunächst einmal in seinem Herzen erwägen, bevor er sie ausführt.“
Hildegard von Bingen


Du sprichst vom Erwägen im Herzen.
Ich bleibe bei dem, was still kann werden.

Zwischen den Linien liegt es bereit —
Worte, die schweigen, und dennoch weit.

Nähe, die da ist, doch ohne Gestalt.
Nichts muss geschehen, nichts wird zu alt.

Manches wächst still, kaum je erschienen.
Es bleibt in uns — zwischen den Linien.

Zwischen den Linien – Wenn Verbundenheit keine Form braucht

Es gibt Beziehungen im Leben, die sich nicht wirklich benennen lassen.
Man sucht nach Worten wie Freundschaft, Nähe, Seelenverwandtschaft, vielleicht sogar Liebe – und merkt doch: Keines passt ganz.

Manche Menschen treten in unser Leben, ohne je wirklich darin zu wohnen.
Und doch bekommen sie einen grossen Platz in unserem Dasein.

Frank ist so ein Mensch.
Zwischen uns besteht eine besondere Freundschaft, die sich über Jahre entwickelt hat.

Frank ist in vielem mein Gegenteil:
Er denkt schnell, klar, analytisch. Er sucht Lösungen, Strukturen, Konsequenzen. Für ihn ergibt vieles Sinn, wenn es logisch ist.

Und ich?
Ich fühle zuerst.
Ich halte aus, hoffe, glaube, warte.
Ich sehe Möglichkeiten, wo andere längst einen Schlussstrich ziehen würden.
Und ich trage eine sehr tiefe, manchmal fast grenzenlose Form von Fürsorge in mir – besonders dort, wo es um meine Kinder geht.

Frank hat keine Kinder.

Genau hier wird unsere Verschiedenheit manchmal schmerzhaft.
Was für ihn vernünftig wirkt, kann für mich hart wirken.
Was für mich Liebe ist, wirkt für ihn eher wie fehlende Abgrenzung.
Wir schauen auf dieselbe Wirklichkeit – und sehen sie anders.

Und doch ist da diese starke Verbindung.
Vielleicht gerade weil wir so verschieden sind.

Ein Gegenüber, das mich fordert, manchmal auch verletzt, und gleichzeitig etwas in mir berührt, das sehr echt ist.
Er bringt oft Klarheit in mein Denken.
Und ich bringe vielleicht ein Stück Gefühl zurück – dorthin, wo er durch Erlebtes vorsichtig geworden ist und sich schützt.
Manchmal wünsche ich mir, dass er diesem Gefühl wieder etwas mehr Raum geben kann.

Für Menschen wie mich lösen solche Beziehungen viel aus:
Dankbarkeit – weil dieser Mensch da ist.
Nähe – auch über Distanz hinweg.
Aber auch Traurigkeit, weil man spürt: Diese Verbindung hat keinen einfachen Platz im Leben. Und doch möchte man sie nicht missen.

Sie passt in keine Schublade.
Und vielleicht genau deshalb ist und bleibt sie so tief.

Manchmal glaube ich, Gegensätze ziehen sich nicht nur an, weil sie neu oder spannend sind.
Sondern weil jeder im anderen etwas berührt, was ihm selbst fehlt – oder was er allein nicht leben kann.

Vielleicht ist das die Form solcher Beziehungen:
kein Gleichklang, sondern Resonanz zwischen Verschiedenen.
Es ist manchmal anspruchsvoll – und gleichzeitig nährend. Geistig wie gefühlsmässig.
Man lernt dabei, sich selbst zu schützen, ohne die Verbindung zu verlieren.

Und vielleicht bleiben manche Menschen gerade deshalb.
Nicht im Alltag.
Aber im Inneren.

Und ich lerne, dass Verbundenheit nicht immer Übereinstimmung bedeutet.
Sondern manchmal genau dort entsteht, wo zwei Wesen verschieden sind –
und sich trotzdem erkennen.

Ich friere – sagt das Thermometer

„Ich friere“, sage ich.
„Aber laut Thermometer sind es vierundzwanzig Grad“, bekomme ich zur Antwort.

Beides kann gleichzeitig stimmen.
Und trotzdem fühlt sich niemand verstanden.

Manchmal reden wir genau so aneinander vorbei.
Nicht, weil wir uns nicht mögen –
sondern weil wir unterschiedliche Sprachen sprechen.

Es gibt Menschen, die teilen Gedanken sofort.
Sie erzählen vom Tag, schreiben kleine Nachrichten zwischendurch oder wünschen einfach „Gute Nacht“.
Nicht, weil es wichtig ist – sondern weil sie den anderen an ihrem Leben teilhaben lassen möchten.
Nähe entsteht für sie im Gespräch, im Mitteilen, im Dasein.

Und es gibt Menschen, die zeigen Nähe auf eine andere Weise.
Sie ordnen, strukturieren, denken nach und suchen nach Lösungen.
Vieles tragen sie still mit sich, ohne jeden Schritt auszusprechen.
Wenn man sagt „Es tut weh“, möchten sie helfen, etwas leichter oder sicherer zu machen.
Nicht aus Kälte, sondern weil sie Fürsorge eher im Tun als in Worten ausdrücken.

Beide meinen es gut.
Sie sprechen nur unterschiedliche Sprachen.

Schwierig wird es, wenn Gefühl auf Kalkulation trifft.
Wenn der eine verstanden werden möchte – und der andere beginnt zu erklären.
Wenn Nähe gesucht wird – und man stattdessen Argumente bekommt.

Ich habe gelernt:
Gefühle lassen sich nicht beweisen.
Und nicht wegdiskutieren.
Man kann sie nur ernst nehmen.

Manchmal braucht es kein Thermometer.
Manchmal reicht ein „Ich verstehe dich“.

Die Stille dazwischen

Seit ein paar Wochen ist Frank spürbar distanzierter.
Warum das so ist, kann ich nicht wirklich sagen. Es gibt keine klaren Worte, keine offensichtlichen Gründe. Nur dieses leise Gefühl, das sich eingeschlichen hat – und geblieben ist.

Manchmal frage ich mich, ob ich ihm zu viel bin. Oder ob ich mehr von seiner virtuellen Präsenz erwarte, als er im Rahmen unserer Freundschaft geben möchte.
Vielleicht täusche ich mich. Und doch fühlt es sich so an.

Diese Unsicherheit macht mich ein wenig traurig.
Es ist keine laute Traurigkeit, sondern eine stille. Eine, die zwischen den Zeilen entsteht – dort, wo Fragen unbeantwortet bleiben oder abgestritten werden und Vertrautheit sich plötzlich anders anfühlt als zuvor.

Zwischen Kontostand und Uhrwerk

Manchmal beneide ich Menschen, die sich sicher sind.
Diese leise, unerschütterliche Sicherheit, die offenbar keinen täglichen Zweifel braucht.

Da ist der eine : mit dem Blick auf Zahlen und das Morgen. Finanzen als Fundament, Absicherung als Pflicht. Ich bewundere diesen Weitblick – und merke zugleich, wie schwer er mir manchmal fällt. Ich lebe gern im Hier und Jetzt. Und wünschte mir doch manchmal, ich hätte öfter diesen Blick auf morgen.

Und dann ist da der andere : jeden Tag dieselbe Routine. Die gleiche Uhrzeit, derselbe Ablauf, dieselben Wege. Verlässlichkeit wie ein Uhrwerk. Für manche ein Halt – für mich oft eher Enge. Zu viel Gleiches fühlt sich für mich schnell nach Stillstand an.

Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich :
– Zwischen Absicherung und Gegenwart.
– Zwischen Struktur und dem Wunsch nach Bewegung.

Sicherheit beruhigt – Das Jetzt lebt.

Vielleicht braucht es beides. Nur nicht immer im gleichen Mass.


Und du?
Lebst du eher mit dem Blick nach vorn oder im Moment?
Gibt dir Routine Halt – oder raubt sie dir eher Lebendigkeit?

Zwei Wege – eine Welt

Heute hatte ich wieder eine Diskussion mit Frank über WhatsApp. Es ging um Finanzen und um meine Kinder. Und wie so oft standen wir uns gegenüber wie zwei unterschiedliche Welten.

Frank ist rational.
Theoretiker.
In der Theorie ist alles logisch und klar.
Er ist berechnend, kalkulativ, immer auf Sicherheit bedacht.
Er plant voraus, vermeidet Risiken, zieht Statistiken heran, wann immer möglich.

Schon früh hat er für sich entschieden: keine Ehe, keine Kinder.
Zu teuer, zu kräfteraubend, zu unsicher.
Und weil laut Statistik eine Ehe meist nur rund vierzehn Jahre hält, erscheint es ihm logisch, dieses Kapitel gar nicht erst zu öffnen.

Ich sage ihm oft, dass all das in der Theorie vielleicht stimmt –
aber dass das Leben nicht nur aus Theorie besteht.
In der Praxis ist es voller Umwege, Gefühle, Entscheidungen, die nicht auf Papier passen.
Und oft passieren Dinge, die man nicht voraussehen kann.

Ich hingegen bin eine andere Art Mensch.
Ich entscheide vieles aus dem Gefühl heraus – mit Verantwortungsgefühl, ja, aber nicht rechnerisch.
Wenn sich etwas jetzt richtig anfühlt, dann gehe ich diesen Weg.
Und wenn er später schwierig wird, finde ich Lösungen.
Ich kenne das Leben nicht als Absicherung, sondern als Bewegung.

Und manchmal frage ich mich:
Warum gibt es solche und solche Menschen?

Ich verstehe Franks Ansatz. Ich sehe seine Struktur.
Aber oft habe ich das Gefühl, dass mein Blick – der aus Verbundenheit, Hingabe und „ich trage, was kommt“ entsteht – bei ihm nicht wirklich landet.

Vielleicht hat das mit Ursprungsträumen zu tun.
Frank wollte nie die Verantwortung einer Familie.
Ich dagegen hatte schon als Zwölfjährige das Bild eines Zuhauses vor Augen:
Ein gemeinsames Leben. Ein gemeinsamer Alltag. Ein Wir.

Und ja – die Welt hat sich verändert.
Ich habe mich verändert.
Aber dieses Grundgefühl in mir ist geblieben.

Ich bin heute froh, nicht mehr mit meinem Ex-Mann verheiratet zu sein.
Rückblickend war diese Entscheidung richtig.
Aber es war nie mein Wunsch, alles alleine machen zu müssen – weder in der Ehe noch danach.
Und doch war es genau das, was am Ende passiert ist.
Fünfundzwanzig Jahre lang.
Die Hälfte während der Ehe, die andere Hälfte danach.

Vielleicht mache ich deshalb heute gewisse Dinge anders – oder auch falsch.
Vor allem, wenn es um meine Finanzen geht.
Ich habe gelernt, zu tragen, zu halten, zu geben.
Und auch wenn meine Kinder inzwischen erwachsen sind, spüre ich dieses Bedürfnis noch immer: für sie da sein zu wollen. Ihnen diese Sicherheit zu geben.
Auch dann, wenn es mich finanziell belastet, schwächt, fast ruiniert.

Wie man auf Französisch sagt:
c’est plus fort que moi.
Es ist stärker als ich.

Und doch hat mich genau das geprägt.
Heute kann ich mir kaum noch vorstellen, mit jemandem zusammen zu leben.
Nicht aus Ablehnung, nicht aus Verbitterung.
Sondern weil sich in mir eine eigene Art von Zuhause gebildet hat.
Eines, das unabhängig geworden ist.
Vielleicht aus Liebe.
Vielleicht aus Notwendigkeit.
Vielleicht aus beidem.

Vielleicht geht es nicht darum, den anderen zu ändern, sondern zu sehen, dass wir beide auf unsere Art versuchen, das Leben zu meistern – aber man sollte sich manchmal vielleicht mehr in den anderen hineinversetzen, um ihn zu verstehen.

Aber vielleicht ist gerade dieser Gegensatz die Essenz unserer Freundschaf…

Wenn Musik Erinnerungen weckt

Gestern war kein guter Tag. Ich hatte den ganzen Tag über starke Schmerzen und war ungewöhnlich still. Sogar mein Lieblings-Arbeitskollege fragte mich: „Was ist los mit dir? Du bist so ruhig heute.“
Wenigstens war meine Chefin nicht da – das gab mir etwas Raum, den Tag in einem langsameren Tempo zu bewältigen.

Am Abend war ich mit meiner Mutter verabredet. Mein Bruder und mein Neffe waren ebenfalls dort. Wir spielten UNO, assen zusammen, lachten viel – und irgendwie war alles für einen Moment wieder leicht. Erst um Mitternacht machte ich mich auf den Heimweg.

Im Auto lief – wie so oft – Musik.
Am Nachmittag hatte ich Läggerli einen YouTube-Link geschickt, ein Lied, das mich jedes Mal an ihn erinnert. An „damals“. Ich war schon den ganzen Tag über ein wenig nostalgisch gewesen… und als ich das Lied dann im Auto auf der Heimfahrt noch einmal hörte, brach etwas in mir auf.
Ich sass da und Tränen liefen mir über die Wangen, als würde das Herz die Worte übernehmen, die der Mund nicht mehr sprechen kann.

Es wurde mir bewusst, wie stark Musik unser Gemüt beeinflussen kann. Wie sehr wir Lieder mit Menschen oder Zeiten verbinden. Man sagt nicht umsonst: „Das ist unser Lied.“

Wenn ich zurückblicke, habe ich einige solcher Lieder die mich mit „meinen“ Männern verbinden :

Aber es sind nicht nur Menschen, die mit Musik verknüpft sind – es sind auch Situationen.

Während meiner Trennung war es die Instrumental-Version von Shape of My Heart (feat. Dominic Miller), die mich begleitete.
Wenn ich das Requiem von Mozart höre, denke ich sofort an meine Grossmamme. Es war eines ihrer Lieblingswerke – und ich bin manchmal traurig darüber, dass sie nicht mehr da war, als mein Chor es aufführte.

Und Boogie-Woogie?
Sofort sehe ich meinen Vater am Flügel sitzen, wie er einfach drauflos spielte, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Heute tut er das nur noch selten. Doch wenn ich solche Stücke höre, sehe ich ihn ganz klar vor mir – und es wird warm in mir.

Oder wenn ich Rachmaninov – Prelude in C Sharp Minor höre, dann kommt mir augenblicklich meine Lieblingstante in den Sinn. Ich war mit 15/16 jedes Wochenende bei ihr. Und ich habe ganz viele und tolle Erinnerungen an diese Zeit.

Music was my first love, and it will be my last“ von John Miles singt.
Dieser Satz trifft mich tief. Musik verbindet. Musik tröstet. Musik bewahrt Momente, die längst vergangen sind – und schenkt uns die Möglichkeit, sie noch einmal zu fühlen.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen.
Aber mit Musik kann man sich – für einen Herzschlag lang – wieder dorthin träumen.


„Musik ist die Sprache der Erinnerung.
Sie spricht zu dem, was wir nie ganz loslassen.“

Die Balance in einer Freundschaft

Es gibt Gespräche, die sich im Kreis drehen. Man erklärt, klärt, versucht, eine andere Perspektive zu zeigen – und doch landet man immer wieder am selben Punkt.
Nicht, weil der andere nicht zuhören will, sondern weil er so fest in seiner Sicht verankert ist, dass kein anderer Gedanke wirklich durchdringt.

Vieles ist gut gemeint. Sorge, Interesse, Anteilnahme – all das kann man spüren. Und doch kann es anstrengend werden, wenn sich alles immer wieder um dasselbe dreht. Wenn Worte, so wohl sie auch gemeint sind, mehr festhalten als verstehen wollen.

Was ich mir wünsche, ist kein Schweigen, keine Distanz. Ich wünsche mir einfach, dass das Gespräch wieder Raum bekommt – für Leichtigkeit, für andere Themen, für gegenseitiges Entdecken.
Ich erzähle viel aus meinem Leben, vielleicht zu viel. Und manchmal merke ich, wie unausgeglichen das ist. Der andere weiss vieles – von Sorgen, Wegen, Zweifeln. Aber umgekehrt bleibt vieles im Dunkeln.

Es wäre schön, auch ein Stück des anderen Lebens kennenzulernen. Nicht alles, nicht im Detail. Nur so viel, dass es wieder ein Miteinander wird – kein Monolog, kein Kreisen um immer dasselbe.

Denn Freundschaft bedeutet nicht nur, füreinander da zu sein. Sie bedeutet auch, sich gegenseitig zu zeigen – mit allem, was man ist, nicht nur mit dem, was man sieht.

Manchmal genügt ein geöffnetes Fenster, damit das Licht wieder auf beide Seiten fällt. Und plötzlich ist da wieder Wärme – still, aber spürbar.

Ungeschnittenes Leben – bevor die Musik wieder einsetzt

Manchmal höre ich eine Melodie – und plötzlich sehe ich mich selbst, wie in einem Film. Ich sitze irgendwo, allein, vielleicht an einem Fenster, am Meer oder auf einer Parkbank. Das Licht ist weich, manchmal mystisch, und die Musik legt sich über die Szene wie eine Decke.

Ich denke über mein Leben nach – über Entscheidungen, Zufälle, Begegnungen. Ich frage mich, was ich hätte anders machen können. Wo bin ich zu früh gegangen – und wo zu lange geblieben? In meiner Wahrnehmung ist das der Abspann. Eine leise, traurige Schlussszene. Nur – es ist kein Film. Es ist mein Leben.

In letzter Zeit gibt es oft solche Momente, in denen sich Realität und Vorstellung überlagern. Als würde ich das Geschehen nicht nur erleben, sondern gleichzeitig beobachten – als Zuschauerin meiner eigenen Geschichte. Vielleicht ist das eine Form von Distanz. Vielleicht aber auch der Versuch, dem Moment Bedeutung zu geben.

Manchmal wünsche ich mir, das Leben würde sich wie im Film entwickeln: Die verzweifelte Nachricht, die ich abschicke, würde jemanden dazu bringen, ins Auto zu steigen, loszufahren, anzukommen.
Ein Wort, ein Blick – und alles wäre wieder gut. Doch das Leben folgt keinem Drehbuch. Es schneidet keine Szenen neu, wiederholt keine Dialoge. Es läuft – ungeschnitten, roh, manchmal unvollkommen.

Und trotzdem gibt es diese filmischen Momente. Vielleicht, weil wir in Geschichten denken. Weil wir sie brauchen, um unser Dasein zu ordnen, zu deuten, zu fühlen. Vielleicht ist das unsere Art, Sinn zu finden – indem wir unser Leben wie eine Erzählung betrachten, mit leisen Kapiteln, unerwarteten Wendungen und offenen Enden.

Wenn ich ehrlich bin, mag ich diesen Blick von aussen nicht so. Zu oft werde ich von der Realität eingeholt und erkenne: Das Leben ist kein Film. Und das stimmt mich dann manchmal traurig, weil ich mir in diesen Momenten so sehr ein anderes Leben wünsche – doch es ist mein Leben, und ich muss das Beste daraus machen.

Jede Handlung, ob unscheinbar oder turbulent, ist letztlich Teil der Geschichte – meiner Lebensgeschichte. Und auch wenn manche Phasen traurig wirken, heisst das nicht, dass es wirklich ein Ende ist – vielleicht nur eine Pause, bevor die Musik wieder einsetzt.