Bin da gestern auf einen Film mit Sidney Poitier gestossen. Ein wunderbarer Film, der nachdenklich stimmt :
Ich friere – sagt das Thermometer

„Ich friere“, sage ich.
„Aber laut Thermometer sind es vierundzwanzig Grad“, bekomme ich zur Antwort.
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Und trotzdem fühlt sich niemand verstanden.
Manchmal reden wir genau so aneinander vorbei.
Nicht, weil wir uns nicht mögen –
sondern weil wir unterschiedliche Sprachen sprechen.
Es gibt Menschen, die teilen Gedanken sofort.
Sie erzählen vom Tag, schreiben kleine Nachrichten zwischendurch oder wünschen einfach „Gute Nacht“.
Nicht, weil es wichtig ist – sondern weil sie den anderen an ihrem Leben teilhaben lassen möchten.
Nähe entsteht für sie im Gespräch, im Mitteilen, im Dasein.
Und es gibt Menschen, die zeigen Nähe auf eine andere Weise.
Sie ordnen, strukturieren, denken nach und suchen nach Lösungen.
Vieles tragen sie still mit sich, ohne jeden Schritt auszusprechen.
Wenn man sagt „Es tut weh“, möchten sie helfen, etwas leichter oder sicherer zu machen.
Nicht aus Kälte, sondern weil sie Fürsorge eher im Tun als in Worten ausdrücken.
Beide meinen es gut.
Sie sprechen nur unterschiedliche Sprachen.
Schwierig wird es, wenn Gefühl auf Kalkulation trifft.
Wenn der eine verstanden werden möchte – und der andere beginnt zu erklären.
Wenn Nähe gesucht wird – und man stattdessen Argumente bekommt.
Ich habe gelernt:
Gefühle lassen sich nicht beweisen.
Und nicht wegdiskutieren.
Man kann sie nur ernst nehmen.
Manchmal braucht es kein Thermometer.
Manchmal reicht ein „Ich verstehe dich“.
Im Stillen zu mir selbst

Wenn du beginnst, dich selbst zu verlieren,
such Wege zu dem, was dich hält,
lerne erneut, dein Herz zu spüren,
fern von dem Lärm dieser Welt.
Lausch still dem Flüstern tief im Herzen,
wo Wahrheit leise in dir wohnt,
dort heilen langsam alte Schmerzen,
weil deine Seele sich selbst belohnt.
Nur du kannst dein innerstes Licht befreien,
kein anderer zeigt dir den Weg zurück,
du findest dich selbst im mutigen Sein,
und gehst dir entgegen – Schritt für Stück.
Akzeptanz
„In dem Moment, in dem du die Schwierigkeiten akzeptierst, die dir gegeben wurden, wird sich die Tür öffnen.“
Rumi (1207–1273)
Dieses Zitat begleitet mich zurzeit sehr.

Seit Anfang Jahr nehmen Sohnemann und ich verschiedene Schwierigkeiten bewusst in Angriff – Dinge, die er lange vor sich hergeschoben hat. Aus Scham. Und wegen innerer Blockaden. Und langsam beginnt sich tatsächlich etwas zu bewegen.
Ein wichtiger Schritt war der Gang zum Sozialamt. Seit gut zwei Jahren versuchte ich, Sohnemann dazu zu ermutigen, Unterstützung für seinen weiteren Weg anzunehmen – nicht nur im psychologischen Sinn, sondern ganz allgemein. Mitte Januar sind wir dann gemeinsam hingegangen, und er hat endlich einen Termin vereinbart.
Inzwischen hatten wir das erste Gespräch zusammen, zum zweiten Termin ist er bereits allein gegangen. Ich war stolz auf ihn !
Der Sozialarbeiter ist sehr sympathisch – und Sohnemann fühlt sich verstanden. Das war meine grösste Sorge: Stimmt die Chemie? Wird es passen? Ja ! Es hat funktioniert, und Sohnemann scheint Vertrauen zu fassen. Denn ohne Vertrauen geht gar nichts.
Er wird nun bald in ein Unterstützungsprogramm für junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren aufgenommen. Dort bekommt er Hilfe bei der Berufsfindung, bei persönlichen und psychologischen Anliegen sowie bei der Suche nach Praktikums- und später Ausbildungsplätzen.
Jetzt hoffe ich sehr, dass es bald losgeht. Diese Programme sind sehr gefragt, und manchmal dauert es, bis ein Platz frei wird. Trotzdem bin ich zuversichtlich.
Und ich glaube: Sobald er dort eingebunden ist, findet auch sein Alltag wieder einen gesünderen Rhythmus. Auch wenn er kein eigenes Geld erhält, werden zumindest Transport- und Verpflegungskosten übernommen.
Und ganz nebenbei öffnet sich damit für mich eine Tür, die seit fünf Jahren verschlossen war: Ich bekomme die Kinderzulage wieder. Seit er aus der Schule war und nichts Festes hatte, fiel sie weg. Umso mehr bedeutet dies eine kleine finanzielle Entlastung.
Vielleicht ist genau das gemeint mit Akzeptanz: nicht aufgeben, sondern annehmen, was ist – und Schritt für Schritt weitergehen.
Wir sind die Welt !
Manche Worte verlieren auch nach Jahrzehnten nichts von ihrer Kraft.
Die folgenden Zeilen stammen aus einem bekannten Lied – in deutscher Übersetzung – und berühren Themen, die uns auch heute noch unmittelbar angehen: Verantwortung, Mitgefühl, Zusammenhalt und die Frage, ob wir bereit sind, selbst Teil der Veränderung zu sein.

Es kommt eine Zeit,
in der wir einem bestimmten Ruf folgen,
in der die Welt als eine Einheit zusammenkommen muss.
Menschen sterben,
oh, und es ist Zeit, dem Leben eine helfende Hand zu reichen –
dem grössten Geschenk von allen.
Wir können nicht weitermachen,
Tag für Tag so zu tun,
als würde irgendwer, irgendwo bald eine Veränderung herbeiführen.
Wir alle sind Teil von Gottes grosser Familie,
und die Wahrheit ist – du weisst es – Liebe ist alles, was wir brauchen.
Nun, schenk ihnen dein Herz,
damit sie wissen, dass sich jemand kümmert,
und ihr Leben wird stärker und frei sein.
So wie Gott es uns gezeigt hat, indem er Stein zu Brot werden ließ,
so müssen auch wir alle eine helfende Hand reichen.
Wenn du ganz unten bist und es scheint keinerlei Hoffnung zu geben,
doch wenn du nur glaubst, gibt es keinen Weg, wie wir fallen könnten.
Lasst uns erkennen,
dass Veränderung nur kommen kann,
wenn wir gemeinsam als eins zusammenstehen.
Wir sind die Welt,
wir sind die Kinder,
wir sind diejenigen, die einen helleren Tag schaffen – also lasst uns anfangen zu geben.
Es ist eine Entscheidung, die wir treffen,
wir retten unser eigenes Leben.
Es ist wahr: Wir werden einen besseren Tag schaffen – nur du und ich.
Mich berühren diese Zeilen jedes Mal aufs Neue.
Sie erinnern mich daran, dass Veränderung nicht irgendwo beginnt – sondern bei uns selbst.
Erkennst du, aus welchem Lied sie stammen?
Und was lösen sie heute bei dir aus?
Macht, Verantwortung und die Frage nach Gott
Nach Tragödien wie jener von Crans-Montana stellt sich immer wieder die scheinbar einfache Frage: Wenn Gott Leid und Schmerz nicht verhindert, ist er dann machtlos – oder grausam?
Doch sollte man Gott überhaupt wie einen Menschen „richten“, oder ist er nicht vielmehr grösser als unsere menschlichen Massstäbe?
Im Christentum ist Gott durch Jesus Christus Mensch geworden. Und auch Jesus blieb Leid und Schmerz nicht erspart.

In vielen Diskussionen wird Gott wie „ein Typ“ betrachtet, der in einer konkreten Situation eingreifen könnte wie ein Mensch – und der deshalb moralisch genauso zu beurteilen sei wie wir. Doch genau hier beginnt meines Erachtens der Denkfehler.
Wenn ein Mensch Leid verhindern kann und es bewusst nicht tut, trägt er Verantwortung. Diese Logik gilt für Menschen, lässt sich aber nicht einfach auf Gott übertragen.
Dass Gott nicht immer eingreift, heisst nicht, dass er machtlos ist.
Nicht einzugreifen ist nicht dasselbe wie nicht eingreifen zu können.
Für mich zeigt sich Gottes Macht nicht im Eingreifen, sondern darin, dass er Freiheit zulässt und dem Menschen Eigenverantwortung beibringen will.
Freiheit bedeutet nicht absolute Sicherheit. Sie bedeutet auch Risiko, Fehlentscheidungen und Schuld. Tragödien entstehen nicht selten aus einer Verkettung von Umständen sowie aus menschlichem Handeln – oder Unterlassen.
Dass bei solchen Dramen nach einem Schuldigen gesucht wird, ist verständlich. Doch die Schuld Gott zuzuweisen oder ihn als grausam oder gar sadistisch darzustellen, führt aus meiner Sicht nicht weiter. Entscheidend ist vielmehr, Verantwortung zu tragen und das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren – mit Gottes Hilfe.
Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.

Für mich zeigt sich Gottes Kraft nicht darin, alles zu verhindern, sondern darin, den Menschen von innen zu verändern – wenn er es zulässt. Nicht durch Zwang, sondern durch Orientierung und Gewissen.
Vielleicht verhindert Gott nicht jedes Leid. Vielleicht traut er uns zu, Verantwortung zu übernehmen und daran zu wachsen.
Vielleicht sollten wir uns wieder mehr auf unsere Instinkte und auf die Natur besinnen. Denn in allem und überall ist das Göttliche.
Das ist meine persönliche Sicht, geprägt von meinem Glauben und meinen Erfahrungen. Andere dürfen das selbstverständlich anders sehen.
Konfliktvermeidung ist kein Kindheitsschaden

Ich bin kürzlich über einen Text gestolpert, bei dem ich innerlich sofort den Kopf geschüttelt habe. Die Kernaussage: Wer Konflikte meidet, hat das in der Kindheit gelernt – aus Angst, nur dann akzeptiert zu werden, wenn man brav ist.
So einfach ist es nicht.
Ich bin konfliktphob. Ich mag keine lauten, emotional aufgeladenen Auseinandersetzungen. Und trotzdem hatte ich eine schöne, liebevolle und respektvolle Kindheit. Ich durfte meine Meinung sagen. Ich wurde gehört. Ich wurde ernst genommen.
Ich war schon als Kind ruhig. In der Schule galt ich als Musterschülerin, zumindest was mein Verhalten betraf. Still, unauffällig, ausgeglichen. Lehrer fragten meine Mama sogar, ob ich zu Hause auch so ruhig sei. Ja, das war ich. Nicht aus Angst – sondern weil es meinem Naturell entspricht. Mama sagt bis heute, diese stoische Ruhe liege einfach in meinem Charakter.
Was in solchen Erklärungen oft ausgeblendet wird, sind spätere Erfahrungen. In meiner Ehe gab es viele Auseinandersetzungen, die mein Ex-Mann aggressiv führte. Er ist mir gegenüber zweimal handgreiflich geworden. Ich habe die Polizei gerufen. Beim ersten Mal war ich zwei Wochen mit meiner Tochter weg und wollte mich scheiden lassen.
Ich bin dennoch geblieben. Ein Jahr später wurde mein Sohn geboren.
Vor allem seit diesen Erfahrungen – ich war immerhin dreizehn Jahre verheiratet – reagiert mein Körper auf Konflikte anders. Wenn jemand laut wird, ist dieses beklemmende Gefühl sofort da, mitten in der Brust. Deshalb meide ich Konflikte heute bewusst. Nicht, weil ich als Kind unterdrückt wurde, sondern aus Selbstschutz.
Konfliktvermeidung ist kein Kindheitsschaden.
Sie ist Charakter. Erfahrung. Und manchmal schlicht Selbstschutz.
Nicht schwach – überfordert
Oft habe ich das Gefühl, wir unterschätzen, wie schwer es für junge Menschen heute ist – besonders für jene, die um die Jahrtausendwende oder danach geboren wurden. Sie wachsen in einer Welt auf, die wenig Ruhe kennt und viel verlangt.
Ich schreibe das als Mutter.
Bis zum vorletzten obligatorischen Schuljahr kam mein Sohn mehr oder weniger zurecht. Dann wurde er massiv gemobbt. Daraus entwickelte sich eine Schulphobie. Es gab Angstzustände, starke Bauchschmerzen und manchmal panikartige Flucht. Ich brachte ihn täglich zur Schule, holte ihn oft wieder ab. Es gab Tage, an denen ich ihn suchte, weil mich die Rektorin informierte, dass er nicht dort angekommen war. Es war eine sehr schwere Zeit.
Mein Sohn ist mit grosser Sicherheit hypersensibel – eine Eigenschaft, die nichts Schlechtes ist, sondern Tiefe und feine Wahrnehmung bedeutet. In einem rauen Umfeld kann sie jedoch sehr belastend sein. Mit viel Engagement fand die Rektorin für ihn einen Platz in einem schulnahen Projekt ausserhalb des Schulgebäudes. Dieser Ort gab ihm etwas Halt.

Dann kam Corona – mein Sohn 15.
Das Projekt wurde gestoppt. Begleitung und Informationen blieben aus. Er musste zu Hause bleiben – und wurde damit faktisch auf die Seite gelegt.
Letzten Sonntagabend sass mein Sohn weinend am Tisch und sagte:
„Ich bin jetzt 21, und die anderen – jene, die mich damals gemobbt haben – haben alle eine Ausbildung und arbeiten. Und ich bin einfach nur ein Nichts.“
Dieser Satz hat mir das Herz zerrissen. Denn er ist kein Nichts. Aber so fühlt es sich an, wenn man zu lange keinen Platz mehr hatte.
Gestern habe ich meinen Sohn zum Sozialamt begleitet. Sein Hausarzt hatte ihm geraten, sich an einen Sozialarbeiter zu wenden – er sei auf keinen Fall ein Einzelfall. Für meinen Sohn war dieser Schritt sehr schwer: hinzugehen, einen Termin zu vereinbaren und sich dabei quasi verletzlich zu zeigen. Auch mir tat es im Mutterherz weh. Aber er hat es getan. Am 23. Januar hat er einen Termin bekommen, und ich werde ihn begleiten. Und ich hoffe sehr, dass ihm geholfen werden kann – wie auch immer dieser Weg aussehen mag.
Vielleicht ist es an der Zeit, weniger zu vergleichen und mehr zu verstehen. Die Welt der 1960er-, 70er- oder 80er-Jahre ist nicht die heutige.
Was junge Menschen brauchen, ist kein Spott und keine Abwertung, sondern Anerkennung für das, was sie tragen müssen und mussten – und die Zuversicht, dass es Wege gibt. Auch dann, wenn sie später beginnen.
Die Stille dazwischen

Seit ein paar Wochen ist Frank spürbar distanzierter.
Warum das so ist, kann ich nicht wirklich sagen. Es gibt keine klaren Worte, keine offensichtlichen Gründe. Nur dieses leise Gefühl, das sich eingeschlichen hat – und geblieben ist.
Manchmal frage ich mich, ob ich ihm zu viel bin. Oder ob ich mehr von seiner virtuellen Präsenz erwarte, als er im Rahmen unserer Freundschaft geben möchte.
Vielleicht täusche ich mich. Und doch fühlt es sich so an.
Diese Unsicherheit macht mich ein wenig traurig.
Es ist keine laute Traurigkeit, sondern eine stille. Eine, die zwischen den Zeilen entsteht – dort, wo Fragen unbeantwortet bleiben oder abgestritten werden und Vertrautheit sich plötzlich anders anfühlt als zuvor.
Ein Moment des Innehaltens – im Gebet, in der Musik und in Solidarität
Heute kamen in der Christ Church Lausanne lediglich eine gute Handvoll Menschen zu einem Moment des Innehaltens zusammen – im Rahmen des nationalen Trauertages und im Gedenken an die Tragödie von Crans-Montana.
Und doch war dieser Moment tief berührend.
In der Schlichtheit von Gebet, Stille und Musik wurde etwas Wesentliches spürbar: eine geteilte Präsenz, eine aufrichtige Aufmerksamkeit füreinander, eine Solidarität, die über die Zahl der Anwesenden hinausgeht. Denn entscheidend ist nicht, wie viele wir waren, sondern dass wir da waren – gemeinsam – vereint in Mitgefühl und Erinnerung.
Ich teile hier ein kurzes Video dieses Moments, begleitet von der Musik, die am Ende des Innehaltens gespielt wurde. Es wurde von einer Person in einer Nacht der Schlaflosigkeit geschrieben – in einem Moment, in dem das Herz frei sprechen durfte.
