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Psychische Krankheiten III

Meine Schwägerin ist – entschuldigung, aber ich kann’s nicht anders sagen – einfach nur strohdumm. Pffff….unglaublich !

Aber von vorn. Gestern hab ich Anfang Nachmittag ins Krankenhaus angerufen um selbst von den Ärzten zu erfahren, warum mein Bruder nicht in der Schweiz bleiben kann. Man hat mir dann erklärt, dass er zum jetzigen Zeitpunkt kein Notfall mehr sei und deshalb in eine psychiatrische Abteilung in „seinem“ Sektor gehen müsse. Und weil er in Frankreich wohnt, nahe der Genfer Grenze, ist das nächstliegende Krankenhaus dort in Annecy.

Meine Schwägerin hatte verstanden, dass sie den Transport dorthin organisieren müsse. Schon als sie mir das gesagt hat, fand ich das sehr komisch… und das Krankenhaus in der Schweiz bestätigte mir, was ich vermutet hatte : der Transport wird von ihnen organisiert, mit einem Krankenwagen und einem Pfleger, der wärend des Transfer von A nach B dabei ist.

Am Telefon sagte man mir dann auch, dass jetzt grad im Moment (es war 14h) die Ärzte mit meinem Bruder ein Gespräch hätten, in welchem sie ihm die Lage erklären. Auf meine Befürchtung, dass mein Bruder das stresst, versicherte man mir, dass sie ihn mit dieser Nachricht nicht sich selbst überlassen und bei ihm bleiben. Wir bekämen nach dem Gespräch einen Anruf, um uns zu informieren, wie es gelaufen sei.

Also warteten wir auf diesen Anruf.

Gegen 17h klingelte das Handy und uns wurde erläutert, wie das Gespräch verlaufen sei. Anfangs hätte mein Bruder sich gewehrt, aber er hätte auch erklären können, weshalb er nicht nach Annecy wolle. Er war schon mal dort, 2020, und hatte schlechte Erinnerungen daran. Die Ärtze konnten ihn aber schlussendlich davon überzeugen, dass das schon 4 Jahre her sei, dass nicht mehr die selben Ärzte dort seien und schlussendlich hat mein Bruder eingewilligt. – Was für eine Erleichterung.

Gegen halb sechs schickte meine Schwägerin mir eine Sprachnachricht. Sie hätte jetzt mit meinem Bruder geredet und es ginge im VIEL besser. So ein Schwachsinn ! Natürlich ging es ihm etwas besser, aber VIEL besser ganz bestimmt nicht. Sie habe ihm auch gesagt, er solle sein Handy laden, damit sie ihn direkt anrufen könne… Jetzt warte sie noch auf die Bestätigung von den Versicherungen, dass der Transport gedeckt sei.

Ich fand es nicht so super, dass sie jetzt wieder direkten Kontakt mit ihm haben konnte… aber was wollte ich machen ? Ich konnte es nicht verhindern.

Etwas später, so gegen 20h hat mein Bruder mir eine Whatsapp geschickt (also hatte er sein Handy geladen) und schrieb :
Es geht mir ein bisschen besser. Wahrscheinlich geh ich mogen nach Annency. Und wie läuft’s bei dir ?
Darauf habe ich Das freut mich 🙌🏻 Ja, das weiss ich und find ich gut 🙂 Bei mir geht’s – ich habe heut Abend Hauptprobe mit dem Chor geantwortet.

Na ja, der Abend verlief dann relativ ruhig. Ich hatte meine Hauptprobe in der Kirche, Mama hab ich mit genommen, damit sie nicht allein zu hause ist und gegen 23h war ich daheim.

Heute Morgen um 9h40 hab ich eine 4-Minuten lange Sprachnachricht meiner Schwägerin bekommen… darin erklärt sie mir, dass sie gestern mit meinem Bruder einen Videocall gemacht hat. Dass er zwar müde sei, aber es geh ihm gut soweit. Sie wolle doch nochmal insistieren, dass er nicht ins Krankenhaus wolle und es für ihn besser sei, wenn er jetzt zu Mama gehen könnte, um sich auszuruhen und wieder ganz gesund zu werden.

Ich glaub mich knutscht ein Elch !!! Ich habe mich erst mal gefasst, einen Kaffee getrunken, eine Zigarette geraucht. Wie doof kann man sein. Diese Frau ist einfach unglaublich. Sie versteht den Ernst der Lage nicht. Dann hab ich das Krankenhaus angerufen, um Bestätigung einiger Sachen zu bekommen. Und dann konnte ich mit gutem Gewissen folgende Nachricht an meine Schwägerin schicken :

Ich verstehe deinen Standpunkt und es stimmt, dass es F. besser geht, aber er ist noch nicht stabil genug, um das Krankenhaus zu verlassen. Die Ärzte sind der Meinung, dass er noch bleiben muss, und sie entscheiden darüber im Rahmen von PLAFA (Placement à des Fins d’Assistance). Das ist eine gesetzlich vorgesehene Maßnahme, die es ermöglicht, eine Person gegen ihren Willen im Krankenhaus zu behalten, wenn ihre Gesundheit oder Sicherheit oder die anderer Personen gefährdet ist.

Im Moment kann er nicht zu Mama kommen, auch wenn sie es vor unserem Gespräch mit den Ärzten am Dienstag erwähnt hatte. Natürlich kann er später dorthin gehen, aber im Moment ist es nicht möglich.
Als du mit ihm per Videokonferenz gesprochen hast, ging es ihm sicher besser als zu Beginn der Woche, aber er hat sich auch Mühe gegeben, fit zu erscheinen, was toll ist. Ich bin froh, dass du dich mit ihm austauschen konntest.


Zusammenfassend: Wir müssen uns an den ärztlichen Rat halten, aber das bedeutet nicht, dass er wochenlang im Krankenhaus bleiben muss. Sobald er einigermaßen stabil ist, darf er raus und zu Mama gehen. Bis dahin ist es wichtig, auch Mama zu schützen, damit sie sich gut um ihn kümmern kann, wenn er soweit ist.

Ich muss zugeben, dass ich Töchterchen gefragt habe, ob sie mir bei dem Verfassen obiger Nachricht helfen kann – französisch schreiben kann sie einfach perfekt, präzise und klar.

Es ging dann genau 6 Minuten bis meine Schwägerin mir folgende Sprachnachricht in einem etwas genervten Ton geschickt hat :

Ja, ich hatte die Ärztin am Telefon und ich habe mit F. geredet und ihn gefragt, ob er das will. Und er (also mein Bruder) hat gesagt, ja es sei jetzt alles organisiert so und ok. Ich bin nicht sicher, ob er das wirklich will, aber ich gebe jetzt auf. Machen wir’s so und ich hoffe, dass ich mich täusche und alles gut wird. Wir sehen uns also am 1. Dezember wegen dem Auto. Schönen Tag noch !

Wow – ich war so erleichtert. Wenn mein Bruder ihr das wirklich gesagt hat, dann ist das ein sehr gutes Zeichen. Er hat sich – für einmal !! – durchgesetzt bei ihr. Ich habe meiner Schwägerin jetzt auch nicht mehr zurück geschrieben.

Gegen 16h hab ich vom Krankenhaus einen Anruf bekommen, um mich zu informieren, dass jetzt mit den Versicherungen alles geklärt sei und sie darauf warten, Bescheid zu bekommen, wann der Transfer statt findet. Das können noch 24h – 48h Stunden dauern. Des weiteren hätten sie auch meine Schwägerin darüber informiert und ihr nochmal deutlich gemacht, dass weder sie noch mein Bruder oder sonst wer gegen den Entscheid der Ärzte vorgehen kann. Es gibt schon eine Möglichkeit, aber die muss schriftlich an einen Richter gesandt werden. Und zwar vom Patienten selbst. Und mein Bruder ist dazu nicht in der Lage…

Voilà, das ist das update für heute – to be continued…

Psychische Krankheiten II

Gestern um 12h30 hat mein Bruder meine Mama angerufen und gefragt, ob er zu ihr kommen könne, weil er nicht mehr im Krankenhaus bleiben wolle.

Wir fanden das schon eher erstaunlich und sind gegen 16h hingefahren. Wir haben dann alle gemeinsam mit der Psychiaterin, der Assistent-Ärztin und der Krankenpflegerin ein Gespräch geführt. Dabei kam heraus, dass mein Bruder bis Montag-Abend quasi nur geschlafen hat und erst seit Montag wieder Medikamente bekommt. Er habe wohl die letzten Wochen die Medikamente nicht wirklich genommen oder zu viel, oder zur falschen Uhrzeit. Und das habe eine Art Kurzschluss erzeugt, welcher dann quasi am Donnerstag abend „explodiert“ sei. Es sei also absolut undenkbar, dass er jetzt schon entlassen werde, da er erst seit Montag abend wieder mehr oder weniger ansprechbar sei. Der Medikamente-Cocktail musste erst „ausgeschwämmt“ werden, bevor man ihm wieder die richtigen Medikamente zur richtigen Zeit und in richtiger Dosis verabreichen konnte.

Mein Bruder hat angefangen zu weinen, er wolle nach Hause (also nicht zu seiner Frau, sondern zu Mama) und nicht hier bleiben. Wir haben dann gemeinsam erklärt, dass er erst gesund werden müsse und vorallem stabil. Wie wenn man ein Bein bricht : man muss eventuel eine OP machen, bekommt einen Gips und muss ein paar Tage im Krankenhaus bleiben bis man soweit wieder „gesund“ ist und sich ganz um sich selbst kümmern kann. Das hat er dann schlussendlich halbwegs akzeptiert.

Da mein Bruder in Frankreich wohnhaft ist, die Kriese und der Notfall aber hier in der Schweiz passiert ist, meinten die Ärzte, dass er nach Frankreich transferiert werden müsste. Meine Schwägerin hatte das abgeklärt und die Versicherung in Frankreich bestätigte, dass er in der Schweiz bleiben könne und alles gedeckt sei. Das war eine Erleichterung, denn mein Bruder will absolut – für den Moment – nicht zurück nach Frankreich.

Und jetzt kommt’s : heute morgen schreibt mir meine Schwägerin, dass Krankenhaus in der Schweiz hätte sie angerufen und mein Bruder müsse nach Frankreich transferiert werden. Mein Bruder wisse das (noch) nicht, aber sie (meine Schwägerin) müsse sich darum kümmern, damit der Transfert gemacht werden könne.

Ich versteh’s nicht. Mein Bruder hat gestern ausdrücklich gesagt, dass er nicht nach Frankreich will. Wenn man ihn jetzt zwingt, doch zu gehen, löst das doch wieder unnötigen Stress aus. Man könnte fast meinen, die Klinik wolle ihn los werden. Ich hab das meiner Schwägerin auch gesagt und sie ist – Gott sei Dank – gleicher Meinung. Sie muss anfang Nachmittag nochmal den Arzt anrufen und wird nochmal versuchen, denen klar zu machen, dass mein Bruder hier bleiben muss. Da sie die Ehefrau ist, hat sie „mehr Gewicht“ und ist vorallem der eigentliche Ansprechpartner. Meine Mama und ich können da sozusagen gar nichts machen oder intervenieren.

Ich habe jetzt auch noch zwei andere Kliniken hier in der Romandie raus gesucht und meiner Schwägerin die Daten zukommen lassen. Bitte betet für uns, dass mein Bruder in der Schweiz bleiben kann…🙏🏻

Zum jetzigen Zeitpunkt weiss meine Mama noch nichts davon. Ich habe es ihr bis jetzt nicht gesagt, weil sie das ebenfalls stressen wird. Ich fahr nachher zu ihr und werde es ihr erklären. Aber ich weiss jetzt schon, wie ihre Reaktion sein wird…

Was für verschi…. Tage ! Hoffentlich löst sich bald alles positiv auf !

Psychische Krankheiten I

💩

Psychische Krankheiten sind einfach so unberechenbar… Man weiss nie recht, woran man ist und je nach Diagnose ist es als Angehöriger sehr schwierig damit umzugehen.

Mein Bruder wurde mit 19 bipolar diagnostiziert. Er hatte damals eine grosse Identitätskriese, ist aus einem Lager – in welchem er als Hilfsleiter dabei war – mitten in der Nacht abgehauen, weil er dachte, dass Leute aus Polen kämen und die Kinder entführen. Er ist dann von einer Alp 4 Std zu Fuss ins Tal gelaufen und hat sich jedes Mal hinter einem Busch oder Baum versteckt, wenn ein Auto kam. Morgens um 4h klingelte er bei wildfremden Menschen und diese haben dann die Polizei gerufen. Da fühlte sich mein Bruder dann sicher und wir wurden morgens um 5h angerufen. Damit hat alles angefangen…

Seither hat er Medikamente und das grosse Problem bei Menschen mit dieser Krankheit ist, dass sie „Hochs“ und „Tiefs“ haben. In der Hochphase denken sie, sie seien zu allem fähig, kaufen 5 PC’s weil’s grad im Angebot ist und glauben, innert 5 Minuten mit dem Auto 50km fahren zu können. Sind sie in der Tiefphase, dann benehmen sie sich oft wie ein Kleinkind, fragen z.B. ob sie zu Bett gehen dürfen wenn sie müde sind, oder ob sie sich hinsetzen können. Es ist manchmal wirklich nicht einfach, damit umzugehen. Und wenn sie durch die Medikamente dann endlich stablilisert sind, denken sie „es geht mir ja gut, ich brauch die Medikamente nicht mehr“ und dann fängt das ganze von vorne an…

Trotz der Diagnose und ärztlichem Rat, sich bei der IV anzumelden (Invalidenversicherung), hat mein Bruder sich wehement dagegen gewehrt und seine Lehre abgschlossen und später noch die Ausbildung zum Autofahrlehrer gemacht.

Mein Bruder ist heute 43 und letzte Mittwoch war er etwas komisch. Als ich ihn am Donnerstag wieder traf – bei Mama zu hause, abends – haben wir zusammen gegessen. Plötzlich sagte er „ich bin an allem schuld ! Ich bin tot – wir alle sind tot“. Wir haben ihm dann versichert, dass wir ja nicht reden könnten oder aufstehen, wenn wir tot wären. Aber er glaubte es uns nicht wirklich. Dann sagte er plötzlich, wir hätten Holz und Schrauben gegessen. Darauf entgegnete ich – sehr ruhig – dass man das nicht esse und er sah mich etwas verwundert an. Dann meinte er „Aber Vögel. Vögel essen wir“. Das bejahte ich, indem ich im erklärte, dass wir manchmal Hähnchen essen. Und ein Huhn ja ein Vogel ist. Darauf schaute er wieder Mama an, und fing an, Schnappatmungen zu machen und sagte „Du hast Holz gegessen. Ich habe das alles konstruiert. Ich bin schuld, wir sind alle tot“ … Seine Stimme wurde lauter und seine Augen gefürchig; die Pupillen waren sehr gross und er sagte immer wieder, dass wir alle tot sind.

Wir konnten ihn dann wieder aus dem Delirium zurück holen. Als er sich etwas beruhigt hatte, meinte er „Ich glaub, ich brauche Hilfe„. Wir bestätigten das und schlugen ihm vor, in die psychiatrische Notaufnahme zu fahren – damit war er einverstanden.

Mama hat also angefangen, ein paar Sachen zusammen zu suchen und ich wollte auf den Balkon um eine Zigarette zu rauchen. Das hätt ich besser nicht getan, weil die etwas kühle Luft löste bei meinem Bruder eine Art Panik-Attacke aus. Er fing an zu schreien „es ist kalt, es ist kalt, es ist kalt“… immer lauter, bis er so laut schrie, dass schlussendlich 3 Nachbarn vom Wohnblock kamen. Ich sagte Mama, dass sie jetzt sofort den Notarzt rufen müsse. Wir können das nicht mehr allein. Wir haben die Kompetenz dafür nicht. Also wählte Mama die 144 und erklärte, was los war. Der Notarzt hörte meinen Bruder schreien und meinte, sie seien unterwegs – in max. 15 Minuten seien sie da.

Mama ging zur Tür, um mit den Nachbarn zu reden und ich versuchte, meinen Bruder zu beruhigen indem ich ihm meine Hand auf seine Brust legte (wir standen) und ihm immer wieder sagte „Alles ist gut, ich hab dich lieb, ich bin da“. Gleichzeitig zog ich ihn sanft mit mir, um ins Zimmer zu gelangen. Er kam zögernd mit, hörte mit der Zeit auf zu schreien und ich brachte es fertig, dass er sich aufs Bett setzte. Ich setzte mich neben ihn und sagte immer wieder, dass ich ihn lieb habe, dass ich ihm helfe, dass ich ihn nicht anlüge, dass er mir vertrauen kann. Er starrte mich an, die Pupillen waren extrem geöffnet, es machte mir Angst, denn der Blick war ziemlich agressiv. Aber ich liess mich (äusserlich) nicht aus der Ruhe bringen und sagte weiterhin, dass alles gut ist, ich da sei, ich ihn lieb habe, er mir vertrauen kann und ich ihn nicht anlüge.

Indem ich das fortwärend wiederholte, beruhigte er sich allmählich und legte sich plötzlich schlagartig hin. Man hätte meinen können, er sei ins Koma gefallen. Die Augen waren zu. So blieb er etwa 2 Minuten liegen. Meine Beine schlotterten und ich blieb neben dem Bett stehen. Plötzlich schlug er die Augen auf, sah mich – wieder mit diesem furchteinflössenden Blick – an und begann, den Kopf hin- und her zu werfen. Ich versuchte ihn wieder zu beruhigen, was mir auch gelang. Er setzte sich wieder hin, sah mich an und sein Blick wurde etwas sanfter. Ich wiederholte, dass alles gut sei, dass nichts passiere, dass er mir vertrauen könne, dass ich ihn liebe. Dabei hielt ich seine Hände und er liess es geschehen und beruhigte sich.

Dann kam der Notarzt und mein Bruder ging ohne Probleme mit. Ich redete noch kurz mit dem Arzt, erklärte, wie alles abgelaufen ist. Mama ging noch mit runter und kam 5 Minuten später wieder hoch. Mein Bruder wurde in die psychiatrische Notaufnahme nach Y. gebracht.

Mama und ich sassen am Tisch und wir machten uns einen Kamillentee. Innerlich waren wir beide doch ziemlich aufgewühlt und auch wenn ich äusserlich sehr ruhig gewirkt habe, war ich innerlich sehr nervös. Als ich dann nach gut einer Stunde nach hause gefahren bin, musste ich wärend der Fahrt tief atmen – durch die Nase ein und den Mund aus. Und mir war total schlecht. Tja, der Adrenalin-Spiegel war gesunken und die Anspannung weg – jetzt konnte ich mich gehen lassen, weil ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr stark sein musste für die Situation.

Seit Donnerstag Abend ist also mein Bruder auf der Psychiatrischen… er hat den Ärzten gesagt, er wolle nicht, dass seine Frau oder wir über seinen Zustand informiert werden. Das ist zwar schwierig, aber wir müssen das akzeptieren. Wir wissen, dass er dort in guten Händen ist und ich bete dafür, dass ihm geholfen wird und dass er wieder gesund wird. Bipolar wird er immer bleiben – das Wichtige ist, dass er regelmässig seine Medikamente nimmt, wenn er wieder stabil ist.

Sein Sohn – mein 5-jähriger Neffe – hängt sehr an seinem Papa. Und er ist ein guter Papa. Und er wird es schaffen !

Unerklärliche Gedanken

5h30 : Ich habe unerklärliche Gedanken… es gibt viele davon in meinem Kopf… es ist ein Wirrwarr und ich würde sie gerne alle entwirren… aber es gelingt mir nicht.

6h30 : Ich muss raus ! Zieh mich an und geh an den See. Morgens um 7h ist die Welt noch in Ordnung ! Ich blicke über den See, hinter den Bergen erwacht die Sonne.

Meine Gedanken sind nicht klarer geworden und die Bilder vor meinem inneren Auge sind ebenfalls nicht sehr scharf, ich brauche mehr Licht. Ein sehr helles und starkes Licht, damit ich wirklich erkennen vermag, was ich sehe. Vielleicht aber glaube ich einfach etwas zu sehen, was gar nicht ist? Möglicherweise ist es nur eine Illusion ? Vielleicht bilde ich mir das nur ein ?

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7h30 : Die Sonne erstrahlt in ihrer ganzen Pracht. Ein wunderbares Spektakel konnte ich mitverfolgen. Mein Verstand und mein Herz sind sich einig : Nein ! es ist keine Einbildung. Diese Bilder und Gedanken sind so präsent, auch wenn sie noch ein wenig vom Nebel umhüllt sind. Aber die Sonne hat mir wieder Mut gegeben, mir etwas Licht ins Dunkle gebracht und mir Zuversicht gegeben, dass eines Tages – und da bin ich mir sicher – sich der Nebel lichten wird …

… ich warte (un)geduldig auf diesen Tag …

O Sonne, Königin der Welt,
Die unser dunkles Leben erhellt,
O Sonne, Königin der Welt,
Die unser dunkles Rund erhellt,
In lichter Majestät;
Erhab’nes Wunder einer Hand,
Die jene Himmel ausgespannt
Und Sterne hingesät!

Noch heute seh’ ich deinen Glanz,
Mir lacht in ihrem Blumenkranz
Noch heute die Natur.
Der Vögel buntgefiedert Heer
Singt morgen mir vielleicht nicht mehr
Im Wald und auf der Flur.

Ich fühle, dass ich sterblich bin,
Mein Leben welkt wie Gras dahin,
Wie ein verschmachtend Laub.
Wer weiss, wie unerwartet bald
Des höchsten Wort an mich erschallt:
Komm wieder in den Staub!

Ich möchte Glauben haben

Ich möchte Glauben haben,
der über Zweifel siegt,
der Antwort weiß auf Fragen
und Halt im Leben gibt.

Ich möchte Hoffnung haben,
für mich und meine Welt,
die auch in dunklen Tagen,
die Zukunft offenhält.

Ich möchte Liebe haben,
die mir die Freiheit gibt,
zum andern Ja zu sagen,
die vorbehaltlos liebt.

Herr, du kannst alles geben,
dass Glauben in mir reift,
dass Hoffnung wächst zum Leben,
und Liebe mich ergreift.

Text und Melodie: Eberhard Borrmann 1977

Habe dieses Lied zufällig gefunden – sehr schöner Text der nachdenklich stimmt. Es sollten einfach wieder mehr Leute ihren Glauben, ihre Hoffnung und ihre Liebe leben !

Magen-Darm oder doch nur psychisch ?

Gestern um halb drei Uhr Nachmittags kam eine Nachricht von Pierre… Ich hatte ja eine Vorahnung, welche sich hiermit bestätigte. Er hat unser Date von heute, Sonntag, abgesagt.

Er hatte mir ja vor 3 Tagen vorgeschlagen, dass er ein Hotel bucht. Auf meine Nachfrage am nächsten Tag, ob er gebucht habe und meine spätere Nachricht, ob er jetzt doch einen Rückzieher mache, kam folgende Message :

PENG ! Das war eine Klatsche ! Ich hätt am liebsten laut geschrien, als ich das las. In meinem Magen tobten die (Gift-)Schmetterlinge, mir wurde regelrecht schlecht und ich wusste im Moment nicht wirklich, wie ich reagieren soll. Ausserdem war ich genau zu diesem Zeitpunkt bei Mama und musste (wollte) mich zusammenreissen. Ich will sie damit nicht auch noch belasten, sie hat zur Zeit selbst viele emotionale Hürden zu bewältigen (wegen meinem Bruder).

Ich versuchte also so ruhig wie möglich zu bleiben, schrieb meinem Chat-Partner und hoffte auf eine innerliche Beruhigung… was nicht wirklich funktionnierte, auch wenn mein lieber Chat-Partner sich grosse Mühe gab – ich danke ihm dafür !

Ich habe dann den Nachmittag mit Mama verbracht, sah gegen 17h eine Freundin zum Apéro und versuchte irgendwie, mich abzulenken. Es gelang mir nicht wirklich, aber ich glaube, meine Gegenüber haben nichts davon mitbekommen.

Als ich gegen 19h wieder zu Hause war, las ich seine Nachricht noch ein paar Mal und habe mich an einen Antwort-Entwurf gemacht. Ich habe etwa 3 Stunden dafür gebraucht und Pierre dann gegen halb elf folgende Nachricht geschickt :

Ich war irgenwie erleichtert und es ging mir besser, nachdem ich es geschickt hatte. Gegen halb zwölf ging ich (endlich wieder mal etwas früher) zu Bett und schlief auch erstaunlicherweise relativ schnell ein.

Heute morgen hatte ich eine Nachricht von Pierre … WOW, dachte ich, er hat tatsächlich reagiert :

Was meint Ihr dazu ? Ist es glaubhaft was er schreibt ? Ich denke schon, dass es ihm nicht gut geht. Vielleicht hat er sogar eine Magen-Darm-Grippe erwischt (hatte ich vor 2 oder 3 Wochen auch). Ich bin nun seit heute morgen am überlegen, ob, wann und was ich zurück schreiben soll… bin am Entwurf

Affaire à suivre…

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Hinter jeder Tür…

hoffnung-2

 

Ich bin von Natur aus ein positiver Mensch. Ich versuche immer, das Gute zu sehen, vorwärts zu gehen und mich der jeweiligen Situation anzupassen. Es ist nicht immer einfach, aber meiner Erfahrung nach geht es einem mit dieser Einstellung einfach besser.

Natürlich hat jeder Mal eine schlechte Phase – auch ich, aber ich bin mit wenig zufrieden und freue mich über kleine Dinge.

Ich kann Menschen, die immer nur negativ denken einfach nicht verstehen. Mein Ex-Mann z.B. : oft schlecht gelaunt, immer nur das Negative sehen, selten zufrieden. Ich bin ja momentan dabei, auszumisten. Ich habe viele alte „Liebeszettelchen“ gefunden. Aber praktisch alle (nicht vergessen: ich kenn ihn seit 20 Jahren!) fangen mit dem gleichen Satz an: „Es tut mir leid, dass ich dir eine Kriese gemacht habe, aber verstehst Du, ich habe dieses Leben satt. blablabla….“ . Ja! Seit ich ihn kenne, hat er finanzielle und vorallem Beziehungsprobleme – also nicht nur Mann/Frau sondern allgemein. Er hatte wärenddem wir verheiratet waren, 2 sehr gute Jobs. Beide hat er nach knapp 1.5 Jahren verloren. Der Grund? 1. sind für ihn alle Leute doof und wissen sowieso nichts (nur er hat die Weisheit mit dem Löffel gefressen) und 2. hat er Tendez zum Schürzenjäger… .

Gut, schlussendlich hat er mich ja vor 5 Jahren für eine andere verlassen (nur so nebenbei: er war 2 Monate mit ihr zusammen und dann war Schluss). Im Moment hat mich das natürlich sehr getroffen, vorallem auch dass er am 31.12.2010 um 23h aus dem Haus ging und erst am 01.01.2011 um 15h nach Hause kam, um dann um 17H wieder abzuhauen. Das dauerte etwa 1 Woche bis ich dann sagte „JETZT REICHTS!“. Aber heute bin ich so froh darüber! Eigentlich bin ich ihm dankbar dafür, denn es hat mein Leben so verändert, dass ich mich wieder wohl fühle. Es wurde mir letzhin bewusst, dass ich mich in diesen 5 Jahren enorm weiter entwickelt habe – er jedoch immer noch gleich wie vor 20 Jahren tickt!

Seine jetzige Frau (ja er hat inzwischen wieder geheiratet und ein Kind das im August 1 Jahr alt wird) tut mir leid. Wir kennen uns und kommen gut miteinander aus. Aber er ist immer noch derselbe… Auch wenn wir inzwischen ein gutes Verhältnis haben: Ich möchte ihn um keinen Preis zurück!

Mir geht es gut: ich habe Arbeit, verdiene jetzt allmählich genug, um nicht mehr vom Sozialamt abhängig zu sein und sehe nach vorn. Ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben und das Rad ist nun dabei, sich zu meinen Gunsten zu drehen. Ich hatte genug Selbstvertrauen, Hoffnung und Glaube mich weiter zu entwickeln – und ich bin stolz darauf!

Mein Ex-Mann ist übrigens nicht der einzige in meinem Umfeld der so tickt! Meine Tante z.B. – sie ist 62 – verhält sich immer noch als wär sie 20. Ist oft betrübt und immer ist alles schlecht. Ich versteh’s nicht, aber manche lernen es einfach nie…

Trösten

Ich habe soeben mal wieder meine Mailbox durchstöbert und alte Mails gelöscht. Da bin ich auf den Newsletter von „Stunde des Höchsten“ gestossen – ich hatte ihn seit Januar nicht gelesen…

Ein Ausschnitt daraus finde ich sehr interessant und ansprechend:

Dietrich Bonhoeffer sagte in einer Predigt 1933 folgendes:

Gott schämt sich der Niedrigkeit des Menschen nicht. Er geht mitten hinein, erwählt einen Menschen zu seinem Werkzeug und tut seine Wunder dort, wo man sie am wenigsten erwartet. Gott (…) liebt das Verlorene, das Unbeachtete, Unansehnliche, das Ausgestoßene, das Schwache und Zerbrochene. Wo die Menschen sagen »verloren«, da sagt er »gefunden«.

Wo die Menschen sagen »gerichtet«, da sagt er »gerettet«. Wo die Menschen sagen: »Nein!«, da sagt er: »Ja!« Wo die Menschen ihren Blick gleichgültig oder hochmütig weg wenden, da ist sein Blick von einer Glut der Liebe wie nirgends sonst. Wo die Menschen sagen: »verächtlich«, da ruft Gott: »selig«. Wo wir an einen Punkt in unserem Leben geraten sind , dass wir uns nur noch vor uns selbst und vor Gott schämen; wo wir meinen, Gott selbst müsse sich jetzt unserer schämen; wo wir uns Gott so fern fühlen wie irgend je im Leben, da gerade ist Gott uns so nah wie nie zuvor. Da will er in unser Leben einbrechen. Da lässt er uns sein Herannahen fühlbar spüren, damit wir das Wunder seiner Liebe, seiner Nähe, seiner Gnade begreifen sollen.

Jahreslosung+2016+4Mit diesem Gott haben wir es auch im neuen Jahr täglich zu tun! Gott kommt zu uns, in unsere Niedrigkeit. Und er schämt sich nicht! Und mitten in unseren Alltag kommt er als tröstender Gott. So, wie es in der Jahreslosung für 2016 heißt: »Ich will euch trösten, wie eine Mutter tröstet!« (Jesaja 66, 13)

Das hebräische Wort für trösten (nicham) heißt soviel wie »aufatmen lassen«. Trost lässt wieder atmen, wo uns vieles die Kehle abschnürt und wir um Atem ringen. Vieles kennen wir, was das Leben schwer macht, eng macht, trostlos: die ungewisse Zukunft, die Frage, wie es weitergehen soll. Der fehlende Überblick und Durchblick. Die verheerenden Katastrophen im Kleinen wie im Großen. Die mangelnden Perspektiven. Hoffnungslosigkeit. Wie tröstlich, wenn Gott uns in seinem mütterlichen Trost wieder neue Luft zum Atmen schenkt: zum Durchatmen. Zum Aufatmen. Luft holen beinhaltet auch: zur Ruhe kommen, abschalten, loslassen. Zu mir selber finden und innerlich auf einen hohen Felsen steigen: das weite Land sehen, Perspektive gewinnen, Übersicht haben, einen festen Standort. Und so getrost und ermutigt weiter gehen!

… und so getrost und ermutigt weiter gehen!

Genau das tue ich!