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Wenn konstruktive Kritik Türen öffnet

Ich arbeite in der Kommunikation.
Und doch ist das mehr als nur ein Beruf.

Mein Vater hatte eine Werbeagentur, die ich mir lange als meinen späteren beruflichen Ort vorgestellt hatte. Durch Fehlentscheidungen kam es zum Konkurs, und dieser Weg schloss sich.
Auch wenn vieles vergangen ist: Die Nähe zur Kommunikation, zur Werbung und zur Wirkung von Sprache ist geblieben.

Vielleicht ist dies der Grund, dass mich Themen wie Sprache, Vermittlung und Verbindung bis heute begleiten. Dass ich sensibel reagiere, wenn Kommunikation nicht nur informieren, sondern Brücken schlagen kann.

Vor kurzem habe ich dem Kommunikationsverantwortlichen der Christkatholische Kirche nachträglich frohe Weihnachten gewünscht – verbunden mit einer Rückmeldung zum Newsletter. Wertschätzend, ehrlich, mit zwei kleinen Beobachtungen. Und mit einem Gedanken, der mir schon lange wichtig ist:
dass die Verbindung zwischen der Romandie und der Deutschschweiz nicht nur organisatorisch besteht, sondern auch spürbar gelebt wird. Gemeinsam ist man stark !

Was darauf folgte, hat mich ehrlich gefreut.

In meiner Rückmeldung hatte ich angeregt, deutsch- und französischsprachige Beiträge gemeinsam im Newsletter sichtbar zu machen – als Zeichen der Verbundenheit. In der Antwort wurde mir erklärt, dass der Newsletter als französische Ausgabe separat geplant ist.

Vor allem aber entstand aus diesem Austausch ein Dialog. Eine Einladung. Die Möglichkeit, gemeinsam über Kommunikation, Sprache und Verbindung nachzudenken.

Es hat mich positiv überrascht, was das in mir ausgelöst hat. Dass aus ein paar Zeilen ein echtes Gespräch wurde.
Es fühlt sich vertraut an. Nicht wie ein Zurückgehen, sondern wie ein Wiederaufnehmen eines Fadens, der nie ganz verschwunden war.

Noch ist nichts entschieden. Und das ist in Ordnung. Ich freue mich über den offenen Raum, der sich gerade zeigt – und darüber, dass meine Erfahrung darin Platz haben darf und man mich „dabei haben will“ 🙂

Im Moment bin ich vor allem dankbar und neugierig, wie sich das Ganze entwickeln wird.

Zwei Wege – eine Welt

Heute hatte ich wieder eine Diskussion mit Frank über WhatsApp. Es ging um Finanzen und um meine Kinder. Und wie so oft standen wir uns gegenüber wie zwei unterschiedliche Welten.

Frank ist rational.
Theoretiker.
In der Theorie ist alles logisch und klar.
Er ist berechnend, kalkulativ, immer auf Sicherheit bedacht.
Er plant voraus, vermeidet Risiken, zieht Statistiken heran, wann immer möglich.

Schon früh hat er für sich entschieden: keine Ehe, keine Kinder.
Zu teuer, zu kräfteraubend, zu unsicher.
Und weil laut Statistik eine Ehe meist nur rund vierzehn Jahre hält, erscheint es ihm logisch, dieses Kapitel gar nicht erst zu öffnen.

Ich sage ihm oft, dass all das in der Theorie vielleicht stimmt –
aber dass das Leben nicht nur aus Theorie besteht.
In der Praxis ist es voller Umwege, Gefühle, Entscheidungen, die nicht auf Papier passen.
Und oft passieren Dinge, die man nicht voraussehen kann.

Ich hingegen bin eine andere Art Mensch.
Ich entscheide vieles aus dem Gefühl heraus – mit Verantwortungsgefühl, ja, aber nicht rechnerisch.
Wenn sich etwas jetzt richtig anfühlt, dann gehe ich diesen Weg.
Und wenn er später schwierig wird, finde ich Lösungen.
Ich kenne das Leben nicht als Absicherung, sondern als Bewegung.

Und manchmal frage ich mich:
Warum gibt es solche und solche Menschen?

Ich verstehe Franks Ansatz. Ich sehe seine Struktur.
Aber oft habe ich das Gefühl, dass mein Blick – der aus Verbundenheit, Hingabe und „ich trage, was kommt“ entsteht – bei ihm nicht wirklich landet.

Vielleicht hat das mit Ursprungsträumen zu tun.
Frank wollte nie die Verantwortung einer Familie.
Ich dagegen hatte schon als Zwölfjährige das Bild eines Zuhauses vor Augen:
Ein gemeinsames Leben. Ein gemeinsamer Alltag. Ein Wir.

Und ja – die Welt hat sich verändert.
Ich habe mich verändert.
Aber dieses Grundgefühl in mir ist geblieben.

Ich bin heute froh, nicht mehr mit meinem Ex-Mann verheiratet zu sein.
Rückblickend war diese Entscheidung richtig.
Aber es war nie mein Wunsch, alles alleine machen zu müssen – weder in der Ehe noch danach.
Und doch war es genau das, was am Ende passiert ist.
Fünfundzwanzig Jahre lang.
Die Hälfte während der Ehe, die andere Hälfte danach.

Vielleicht mache ich deshalb heute gewisse Dinge anders – oder auch falsch.
Vor allem, wenn es um meine Finanzen geht.
Ich habe gelernt, zu tragen, zu halten, zu geben.
Und auch wenn meine Kinder inzwischen erwachsen sind, spüre ich dieses Bedürfnis noch immer: für sie da sein zu wollen. Ihnen diese Sicherheit zu geben.
Auch dann, wenn es mich finanziell belastet, schwächt, fast ruiniert.

Wie man auf Französisch sagt:
c’est plus fort que moi.
Es ist stärker als ich.

Und doch hat mich genau das geprägt.
Heute kann ich mir kaum noch vorstellen, mit jemandem zusammen zu leben.
Nicht aus Ablehnung, nicht aus Verbitterung.
Sondern weil sich in mir eine eigene Art von Zuhause gebildet hat.
Eines, das unabhängig geworden ist.
Vielleicht aus Liebe.
Vielleicht aus Notwendigkeit.
Vielleicht aus beidem.

Vielleicht geht es nicht darum, den anderen zu ändern, sondern zu sehen, dass wir beide auf unsere Art versuchen, das Leben zu meistern – aber man sollte sich manchmal vielleicht mehr in den anderen hineinversetzen, um ihn zu verstehen.

Aber vielleicht ist gerade dieser Gegensatz die Essenz unserer Freundschaf…

Wenn Musik Erinnerungen weckt

Gestern war kein guter Tag. Ich hatte den ganzen Tag über starke Schmerzen und war ungewöhnlich still. Sogar mein Lieblings-Arbeitskollege fragte mich: „Was ist los mit dir? Du bist so ruhig heute.“
Wenigstens war meine Chefin nicht da – das gab mir etwas Raum, den Tag in einem langsameren Tempo zu bewältigen.

Am Abend war ich mit meiner Mutter verabredet. Mein Bruder und mein Neffe waren ebenfalls dort. Wir spielten UNO, assen zusammen, lachten viel – und irgendwie war alles für einen Moment wieder leicht. Erst um Mitternacht machte ich mich auf den Heimweg.

Im Auto lief – wie so oft – Musik.
Am Nachmittag hatte ich Läggerli einen YouTube-Link geschickt, ein Lied, das mich jedes Mal an ihn erinnert. An „damals“. Ich war schon den ganzen Tag über ein wenig nostalgisch gewesen… und als ich das Lied dann im Auto auf der Heimfahrt noch einmal hörte, brach etwas in mir auf.
Ich sass da und Tränen liefen mir über die Wangen, als würde das Herz die Worte übernehmen, die der Mund nicht mehr sprechen kann.

Es wurde mir bewusst, wie stark Musik unser Gemüt beeinflussen kann. Wie sehr wir Lieder mit Menschen oder Zeiten verbinden. Man sagt nicht umsonst: „Das ist unser Lied.“

Wenn ich zurückblicke, habe ich einige solcher Lieder die mich mit „meinen“ Männern verbinden :

Aber es sind nicht nur Menschen, die mit Musik verknüpft sind – es sind auch Situationen.

Während meiner Trennung war es die Instrumental-Version von Shape of My Heart (feat. Dominic Miller), die mich begleitete.
Wenn ich das Requiem von Mozart höre, denke ich sofort an meine Grossmamme. Es war eines ihrer Lieblingswerke – und ich bin manchmal traurig darüber, dass sie nicht mehr da war, als mein Chor es aufführte.

Und Boogie-Woogie?
Sofort sehe ich meinen Vater am Flügel sitzen, wie er einfach drauflos spielte, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Heute tut er das nur noch selten. Doch wenn ich solche Stücke höre, sehe ich ihn ganz klar vor mir – und es wird warm in mir.

Oder wenn ich Rachmaninov – Prelude in C Sharp Minor höre, dann kommt mir augenblicklich meine Lieblingstante in den Sinn. Ich war mit 15/16 jedes Wochenende bei ihr. Und ich habe ganz viele und tolle Erinnerungen an diese Zeit.

Music was my first love, and it will be my last“ von John Miles singt.
Dieser Satz trifft mich tief. Musik verbindet. Musik tröstet. Musik bewahrt Momente, die längst vergangen sind – und schenkt uns die Möglichkeit, sie noch einmal zu fühlen.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen.
Aber mit Musik kann man sich – für einen Herzschlag lang – wieder dorthin träumen.


„Musik ist die Sprache der Erinnerung.
Sie spricht zu dem, was wir nie ganz loslassen.“

Wenn das Leben kurz anhält – und man zuhört

Heute Morgen habe ich völlig überraschend eine Sprachnachricht von Läggerli erhalten – ganze sieben Minuten lang. Er war gerade im Jura unterwegs und hatte offenbar etwas Zeit, um mir zu erzählen, wie es ihm im Moment geht und was ihn beschäftigt. Seine Nachricht hat mich sehr gefreut, und ich habe ihm ebenfalls per Sprachnachricht geantwortet. Aus meiner Antwort lässt sich ungefähr erahnen, worüber wir gesprochen haben.

Meine Antwort an ihn in geschriebener Form:

Hallo Läggerli, danke für deine Nachricht. Das hat mich sehr gefreut.
Ich bin heute – wie jeden Freitag – im Homeoffice. Und meistens habe ich nicht sehr viel zu tun. Es ist also schon fast Wochenende. Ich muss einfach bis mindestens 16 Uhr zuhause erreichbar sein. Aber das ist kein Problem. Ich mag den Freitag eigentlich sehr gern. Da habe ich ein bisschen Zeit für mich.

Ja, der Sturm hat einiges durcheinandergewirbelt. Meine Waadtländer-Fahne ist kaputt gegangen. Aber die Basler Fahne ist standhaft geblieben 😊
Ich mag den Herbst – mit all seinen Facetten. Und irgendwie lädt er dazu ein, sich selbst zu reflektieren.

Die Arbeitssuche ist tatsächlich nicht einfach. Und wenn man nicht genau weiss, was man möchte, ist das sicher eine Herausforderung und verständlich, dass dich das stresst. Aber gib nicht auf! Ich finde es toll und gut, dass du ab und zu diese Kurierfahrten machst. Vielleicht bist du ja irgendwann mal in der Nähe, und es ergibt sich die Möglichkeit, zusammen einen Kaffee zu trinken.

Ich finde es schön, dass deine Tochter dich gefragt hat, mit ihr Fahrstunden zu machen. Ich habe den Eindruck – so kommt es bei mir jedenfalls an – dass du dir viele Gedanken machst, um ein Teil im Leben deiner Kinder zu sein und zu bleiben. Das ist sehr schön.

Mein Sohn hat im Januar die Theorieprüfung gemacht, und ich fahre auch mit ihm. Finanziell ist es im Moment einfach nicht drin, dass er mit einem Fahrlehrer geht. Und das wäre schon nötig. Zumindest ein paar Stunden, damit er die Dinge richtig lernt – so, wie sie heute gelten, und nicht so, wie ich es vor über 30 Jahren gelernt habe.

Ah ja? Du spielst Theater? Das ist ja toll! Da würde ich gern mal zuschauen… aber das geht vermutlich nicht. Ich singe ja im Chor, und am 2. November geben wir ein Konzert in Saignelégier. Vielleicht bist du ja in der Gegend. Wobei, ich weiss natürlich nicht, ob dir dieser Musikstil gefällt. Wir singen Bach und Mendelssohn.

Bei mir sind es momentan eher unruhige Zeiten… aber das ist schon länger so. Meine grösste Sorge ist mein Sohn, der einfach immer noch nicht den Mut aufgebracht hat, endlich sein Leben in die Hand zu nehmen und etwas zu arbeiten. Er hat ja bisher keine Ausbildung gemacht. Corona war der Auslöser dafür, dass er sich sehr zurückgezogen hat – auch, weil er extreme Angst hatte. Ich glaube schon, dass er ein bisschen in einer Depression steckt. Aber ich bringe ihn nicht dazu, sich professionelle Hilfe zu holen. Und da er volljährig ist, kann ich ihn ja auch nicht zwingen. Das würde sowieso nichts bringen – er muss es selbst wollen.

Vor einem Monat hat er eine zweitägige Schulung gemacht, um ein SUVA-annerkanten Gabelstaplerfahrer-Schein zu machen. Das hat ihm gefallen und alles lief gut. Von 90 Fragen hat er grad mal 2 Fehler gemacht. Und eigentlich hat er selbst gesagt, dass er nun spontan Bewerbungen schreiben wird… aber bisher hat er nichts gemacht. Und je mehr ich sage, desto weniger macht er. Das ist manchmal sehr zermürbend und auch finanziell für mich schwierig…

Und sonst… nun meine körperlichen Beschwerden, vor allem der Ischias, machen mir manchmal Angst. Oder besser gesagt: Sie führen mir vor Augen, dass ich auch nicht jünger werde. Das frustriert mich manchmal, und ich habe wirklich gelegentlich Mühe damit, dass ich jetzt 50 bin. Ich habe das Gefühl, jetzt ist alles vorbei und ich bin auf dem Abstieg.

Aber voilà – ich will jetzt nicht klagen. Irgendwie geht es ja immer weiter. Ich bin eigentlich – Gott sei Dank – ein positiver Mensch und gebe nicht auf. Aber manchmal – gerade jetzt im Herbst – ist die Stimmung eben etwas melancholisch.

Wie ich am Anfang gesagt habe: Es ist eine Zeit für Selbstreflexion…

Nun, ich wünsche dir weiterhin eine gute Fahrt und danke nochmals für deine lange Sprachnachricht. Sie hat meinen Tag ein bisschen besser gemacht.

Mach’s gut und hoffentlich bis bald mal auf einen Kaffee 😉


Vielleicht ergibt sich ja wirklich bald die Gelegenheit – ich würde mich freuen.

Manchmal sind es gerade diese kleinen Momente unterwegs – ein kurzer Halt irgendwo zwischen Hügeln und Alltag –, in denen man sich wirklich hört. Jemand erzählt, jemand hört zu. Und plötzlich fühlt sich das Leben ein wenig leichter an.

Wenn das Leben kurz anhält – und man zuhört, entsteht manchmal ein Moment, der bleibt. Genau dann passiert oft einfach das, was man gerade braucht.

Selbsterkenntnis – zwischen Anspruch und Zufriedenheit

Es gibt Tage, da denke ich, mein Leben ist langweilig.
Dann wieder spüre ich, dass mir das, was ich erreicht habe, eigentlich völlig genügt.

Manchmal frage ich mich, warum ich so vieles anders hätte machen sollen –
und erkenne kurz darauf, dass alles, was gelungen oder gescheitert ist, seinen Sinn hatte.

An manchen Tagen empfinde ich die Welt als ungerecht, hart, gleichgültig.
Und doch bin ich froh, dass ich „einfach“ geblieben bin – echt, nahbar, vielleicht ein bisschen „anders“, aber ich selbst.

Und es gibt Augenblicke, in denen ich mich frage, warum ich gewisse Dinge, die ich eigentlich wollte, am Ende doch nicht oder anders gemacht habe.
Vielleicht, weil mein Weg genau so sein musste, damit ich heute dort stehe, wo ich bin.
Will ich da sein? Muss ich da sein? Und was will ich eigentlich noch erreichen?
Ich weiss es im Moment nicht.

Ich lese hin und wieder in verschiedenen Blogs – einer davon beschäftigt mich immer wieder. Der Verfasser scheint viel erlebt und erreicht zu haben. Er wirkt selbstsicher, manchmal auch provokant, als wolle er mit seinen Worten eine Mauer errichten zwischen sich und der Welt. Und doch schwingt in seinen Texten etwas mit, das mich berührt – vielleicht Frustration, vielleicht auch Einsamkeit.

Manchmal tut er mir sogar leid. Ich habe das Gefühl, dass in ihm viele gute, vielleicht sogar sehr feinfühlige Seiten schlummern, die er aber auf keinen Fall zeigen will. Vielleicht aus Angst, verletzlich zu werden. Vielleicht, weil er gelernt hat, dass Stärke nur in Unabhängigkeit liegt.

Und so frage ich mich oft:
Was ist besser?
Sich egoistisch, unkonventionell, fast gefühllos, mit Ellbogen an die Spitze zu kämpfen – ein Leben „in Saus und Braus“ zu führen –
oder den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, sich durchzukämpfen und ein einfaches, bescheidenes Leben zu leben?
Kann man sich das überhaupt aussuchen?
Denn je nach Lebensumständen, Herkunft, Verantwortung oder schlichtem Zufall ist der Spielraum manchmal sehr klein –
und Entscheidungen sind oft weniger frei, als man sich das wünschen würde.

Vielleicht gibt es darauf keine Antwort. Vielleicht ist Frustration einfach ein stiller Begleiter jedes Lebensweges – egal, welchen wir wählen.
Und Selbsterkenntnis bedeutet vielleicht, zu erkennen, dass kein Weg vollkommen ist.
Dass Glück kein Dauerzustand ist, sondern in kurzen Augenblicken aufleuchtet – besonders dann, wenn wir aufhören, uns zu vergleichen, und beginnen, uns selbst mit allem Licht und Schatten zu akzeptieren.

Und falls sich jemand in diesen Zeilen wiedererkennt – ja, das ist möglich. Doch ich schreibe bewusst nicht, um wen es sich handelt. Es geht mir nicht um diese Person im Speziellen, sondern um das, was das Lesen der Gedanken eines anderen Menschen in einem selbst auslösen kann.

Die Balance in einer Freundschaft

Es gibt Gespräche, die sich im Kreis drehen. Man erklärt, klärt, versucht, eine andere Perspektive zu zeigen – und doch landet man immer wieder am selben Punkt.
Nicht, weil der andere nicht zuhören will, sondern weil er so fest in seiner Sicht verankert ist, dass kein anderer Gedanke wirklich durchdringt.

Vieles ist gut gemeint. Sorge, Interesse, Anteilnahme – all das kann man spüren. Und doch kann es anstrengend werden, wenn sich alles immer wieder um dasselbe dreht. Wenn Worte, so wohl sie auch gemeint sind, mehr festhalten als verstehen wollen.

Was ich mir wünsche, ist kein Schweigen, keine Distanz. Ich wünsche mir einfach, dass das Gespräch wieder Raum bekommt – für Leichtigkeit, für andere Themen, für gegenseitiges Entdecken.
Ich erzähle viel aus meinem Leben, vielleicht zu viel. Und manchmal merke ich, wie unausgeglichen das ist. Der andere weiss vieles – von Sorgen, Wegen, Zweifeln. Aber umgekehrt bleibt vieles im Dunkeln.

Es wäre schön, auch ein Stück des anderen Lebens kennenzulernen. Nicht alles, nicht im Detail. Nur so viel, dass es wieder ein Miteinander wird – kein Monolog, kein Kreisen um immer dasselbe.

Denn Freundschaft bedeutet nicht nur, füreinander da zu sein. Sie bedeutet auch, sich gegenseitig zu zeigen – mit allem, was man ist, nicht nur mit dem, was man sieht.

Manchmal genügt ein geöffnetes Fenster, damit das Licht wieder auf beide Seiten fällt. Und plötzlich ist da wieder Wärme – still, aber spürbar.

Nächtlicher Besuch: Ein Totenkopfschwärmer im Wohnzimmer

Vor zwei Tagen, so gegen 23 Uhr, verwandelten sich Saké und Wasabi in kleine Raubtiere und meine Stube wurde plötzlich zu einem kleinen Jagdrevier. Sie schossen durch die Stube, sprangen hierhin und dorthin – so, wie wenn eine besonders nervige Fliege ihr Opfer wäre. Doch dieses Mal war es keine Fliege.

Ein riesiges Insekt flatterte durch das Wohnzimmer. Zuerst dachte ich an eine Fledermaus, dann für einen kurzen Moment sogar an einen Spatz – so ungestüm und flatterhaft bewegte es sich. Aber ein Spatz mitten in der Nacht ? Schliesslich landete es in der Küche, direkt bei der Neonlampe.

Mit einem grossen Behälter und einem improvisierten Deckel gelang es mir tatsächlich, das Tier einzufangen. Und plötzlich – absolute Ruhe. Das imposante Wesen verhielt sich, als wäre nichts gewesen. Ein Foto konnte ich in der Aufregung leider nicht machen, beide Hände waren im Einsatz. Aber das Bild im Kopf bleibt: ein schwarzer Körper mit gelben Querstreifen, wie eine überdimensionierte Biene – nur mit den Flügeln eines Schmetterlings. Ganze fünf bis sechs Zentimeter lang! Für eine Bienenkönigin viel zu gross, also wohl ein Nachtfalter. Ich brachte ihn auf den Balkon und liess ihn frei. Saké und Wasabi waren wenig begeistert.

Gestern liess mich das Erlebnis nicht mehr los, also begann ich zu recherchieren. Und tatsächlich: Alles deutet darauf hin, dass mein nächtlicher Gast ein Totenkopfschwärmer (Acherontia atropos) war.

Ein paar erstaunliche Fakten:

  • Der Totenkopfschwärmer ist einer der grössten Nachtfalter Europas. Sein Körper kann bis zu 6 cm lang werden, die Flügelspannweite liegt bei 9 bis 13 cm.
  • Auf seinem Thorax trägt er eine markante Zeichnung, die tatsächlich wie ein kleiner Totenkopf aussieht – daher sein Name.
  • Typisch sind auch die gelben Querstreifen, die an eine riesige Biene erinnern.
  • Der Totenkopfschwärmer ist nachtaktiv und wird stark von Lichtquellen angezogen – daher sein Besuch bei meiner Küchenlampe.
  • Er ist ein Wanderfalter, der aus dem Mittelmeerraum bis nach Mitteleuropa zieht. In der Schweiz gilt er als selten, aber immer wieder wird er gesichtet.
  • Besonders faszinierend: Er kann ein pfeifendes Geräusch von sich geben und ist dafür bekannt, sogar in Bienenstöcke einzudringen, um Honig zu stehlen – eine seiner erstaunlichen Überlebenstechniken.

Es war ein aufregendes Erlebnis, einem so seltenen Tier einmal in echt zu begegnen. Und ohne meine beiden aufmerksamen „Wohnzimmer-Wächter“ Saké und Wasabi hätte ich den nächtlichen Besucher vielleicht gar nicht bemerkt. 🐾

Wenn Arbeit, Kultur und Chor aufeinandertreffen

Gestern war kein gewöhnlicher Tag – sondern einer, der mir in Erinnerung bleiben wird :

Ein Tag im Gros-de-Vaud – Unser Betriebsausflug zwischen Kultur, Natur und Gastfreundschaft

Gestern war es wieder einmal so weit: Betriebsausflug! Ein willkommener Anlass, den Arbeitsalltag hinter sich zu lassen, gemeinsam unterwegs zu sein und neue Eindrücke zu sammeln. Und genau das haben wir getan – mit einem abwechslungsreichen Tag im Gros-de-Vaud.

Pünktlich um 8:15 Uhr trafen wir uns am Bahnhof in Echallens. Von dort aus ging es mit einem kleinen Car in das charmante Dorf Chêne-Pâquier, wo ein liebevoll vorbereitetes Zmorge auf uns wartete. Frischer Kaffee und selbstgebackener Zopf – besser kann ein Tag kaum beginnen.

Im Anschluss besuchten wir den eindrucksvollen Temple elliptique, eine kleine Kirche die mit ihrer elliptischen Bauweise nicht nur architektonisch besonders ist, sondern auch geschichtlich einiges zu erzählen hat. Der Pfarrer vor Ort vermittelte uns auf lebendige Art die Hintergründe und Besonderheiten dieses bemerkenswerten Gotteshauses.

Danach machte sich die Gruppe zu Fuss auf den Weg zum Tour Saint-Martin – ein Aussichtsturm mit weiter Sicht über das Land. Aufgrund meiner Ischias-Probleme konnte ich diesen Weg nicht mitgehen. Umso dankbarer war ich für das spontane Angebot einer Kollegin, die mit dem Auto unterwegs war und mich kurzerhand mitnahm. Eine kleine Geste mit grosser Wirkung – denn der Aufstieg auf den Turm und die Aussicht von oben waren ein echtes Highlight des Tages.

Zurück im Car führte uns die Route weiter nach Denezy, wo wir eine kleine Kirche mit Fresken des schweizer Künstlers Louis Rivier besichtigten. Auch hier erhielten wir eine spannende und detaillierte Einführung – eine schöne Gelegenheit, Kunst und Geschichte in einer ruhigen Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.

Gegen Mittag erreichten wir den letzten Programmpunkt unseres Ausflugs: das Restaurant La Ferme in Cremin. Ein Ort mit ländlichem Charme und familiärer Atmosphäre. Das Mittagessen wurde in grossen Schüsseln serviert – Schweinsbraten, Gratin Dauphinois und Rüebli-Salat – ganz wie zu Hause. Die ungezwungene Stimmung und das feine Essen rundeten diesen gelungenen Tag wunderbar ab.

Um 14:30 Uhr wurden wir beim Restaurant abgeholt und zurück nach Echallens gebracht – unserem morgendlichen Ausgangspunkt. Dort wartete bereits meine Mama auf mich, die mich morgens hingefahren hatte. Gemeinsam fuhren wir zu ihr nach Hause, wo ich ihr von all den schönen Erlebnissen des Tages erzählte.

Chorleben am Abend – Musik, Gemeinschaft und gute Gespräche

Nach einem erlebnisreichen Ausflugstag war für mich noch lange nicht Schluss. Gegen halb sechs machte ich mich erneut auf den Weg – diesmal nach Lausanne, um unsere Chorchefin und eine Kollegin aus dem Chor-Comité abzuholen. Wir waren bei Guillaume, unserem Präsidenten, zum gemeinsamen Znacht eingeladen.

Als wir ankamen, erwartete uns bereits ein liebevoll vorbereiteter Apéro. Die Stimmung war herzlich, fast familiär, und bald wurde der Grill angefeuert. Es wurde viel gelacht, erzählt und gemeinsam gegessen – doch neben dem Geselligen hatte der Abend auch einen sehr produktiven Kern.

Wir tauschten uns über das vergangene Konzert aus, gaben einander Feedback, reflektierten, lobten – und übten auch konstruktive Kritik. Die Atmosphäre blieb dabei stets offen und unterstützend. Es war spürbar, wie sehr uns der Chor verbindet – nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich.

Auch die Planung für kommende Projekte nahm an Fahrt auf, Ideen wurden gesammelt, mögliche Termine besprochen und erste Visionen geteilt. Gegen 1 Uhr morgens kam ich schliesslich nach Hause – todmüde, aber erfüllt. Dieser Abend war wie das i-Tüpfelchen auf einen ohnehin schon wunderbaren Tag.

Ein Moment der Einheit – Drei Religionen im Einklang in Rabat

Es war ein bewegender Augenblick, der am 30. März 2019 in Rabat viele Herzen berührte: In Anwesenheit von König Mohammed VI. und Papst Franziskus kamen Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen auf eine ganz besondere Weise zusammen – durch Musik.

Im Rahmen eines Konzerts des Philharmonischen Orchesters von Marokko erklangen nacheinander der muslimische Gebetsruf „Allahu Akbar“, das jüdische Gebet „Adonaï“ und das christliche „Ave Maria“. Der Muezzin Smahi El Hadni eröffnete mit dem islamischen Ruf zum Gebet, gefolgt von der Sängerin Françoise Atlan, die das jüdische Gebet vortrug. Schließlich vereinte sich Caroline Casadesus, Tochter des berühmten Dirigenten Jean-Claude Casadesus, mit ihrer Interpretation des „Ave Maria“ von Caccini zu diesem einzigartigen musikalischen Moment.

Der Höhepunkt: Die drei Künstlerinnen und Künstler schlossen das Konzert Hand in Hand ab – ein symbolisches Bild für Versöhnung, Respekt und gemeinsames Menschsein.

Dieses Konzert war Teil der Veranstaltungsreihe „Les religions à l’unisson“ („Die Religionen im Einklang“), einer Initiative des Philharmonischen Orchesters von Marokko, die den interreligiösen Dialog durch die universelle Sprache der Musik fördern möchte.

Ein Gänsehautmoment – und ein Beispiel dafür, wie Kunst Brücken bauen kann, wo Worte oft nicht ausreichen.

Gedanken am Sonntag

Gedanke 1
Wenn man jemanden zwar kennt, ihn aber noch nie gesehen hat, kennt man ihn dann wirklich ? Manche sagen, man kann sich nicht kennen, wenn man sich noch nie gesehen hat. Ich glaube das nicht – oder zumindest : ich will das nicht glauben.

Kommt es darauf an, was für Gespräche man führt ? Natürlich kann man sich hinter einem Whatsapp oder einer Email anders geben, als man wirklich ist. Wenn das Gegenüber einem vis-à-vis sitzt, traut man sich vielleicht weniger, wirklich zu sagen, was man problemlos schreibt ?

Aber ich glaube trotzdem, dass man den anderen nach einer gewissen Zeit kennt, mehr oder weniger erahnen kann, was für eine Reaktion kommt und es einem auch wichtig ist, wie der andere denkt, fühlt, empfindet.

Wie in jeder Beziehung – ob freundschaftlich oder amourös – denkt man an den anderen, stellt sich Fragen, wenn (lange) keine Reaktion oder Antwort kommt, macht sich vielleicht sogar Sorgen.

Frank ist so ein Freund. Ich kenne ihn, ohne ihn wirklich zu kennen. Er sagt oft, dass ich ihn ja gar nicht kenne – und doch wage ich zu behaupten, dass ich ihn relativ gut kenne. Aber vielleicht täusch ich mich ? Wie würde er wohl reagieren, wenn ich eines Tage plötzlich vor seiner Tür stehen würde ? Wäre er enttäuscht ? Wär ich enttäuscht ?

Gedanke 2
Eine gute Freundin von mir, ein paar Jahre jünger, ist dabei sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Papa bald sterben wird. Sie überspielt das ziemlich und jedesmal wenn ich sie frage, wie es ihr geht, antwortet sie rethorisch „gut- und dir ?“ . Das ist eine Art Selbstschutz, denn ich weiss genau, dass es sie sehr beschäftigt und wenn es dann soweit ist, wird es ihr erst bewusst werden, wie sehr es sie trifft. Ich fühle sehr mit ihr und wenn ich daran denke, wie ich mich dabei fühlen würde, verwerfe ich den Gedanken sehr schnell wieder … ich will mir das gar nicht vorstellen !

Gedanke 3
Eine andere gute Freundin von mir, gleich alt wie ich, hat niemanden auf der Welt ausser ihrem Hund. Keine Familie, keinen Partner, nur ihren Hund. Sie tut alles für „ihr Kind“ .

Ihre Lebensgeschichte ist eher tragisch : Aufgewachsen im Heim, Vater Alkoholiker, Mutter im Rotlichtmilieu. Hat auf der Strasse gelebt, war Drogenabhängig von 12 bis 20 und schaffte den Entzug. Da hab ich sie auch kennen gelernt, als wir 20 waren. Und zwar dort – auf einem Bauernhof bei Leuten die ich kenne – wo sie den Entzug durchgezogen hat. Heute lebt sie von 100% IV. Ihr Körper ist total kaputt. Reden kann man mit ihr sehr gut, denn durch ihre Lebenserfahrungen hat sie gewisse Sichtweisen die jemand, bei dem immer alles glatt lief, niemals haben könnte.

Wir haben seit bald 30 Jahren regelmässig Kontakt, und wenn ich kann, dann helfe ich ihr. Wie z.B. nächsten Mittwoch. Da werd ich zu ihr fahren und ihren Husky hüten, damit sie zum von der IV gefordeten psychologischen Termin gehen kann.

Wenn ich an sie denke, muss ich sagen, dass mein Leben eigentlich super ist – trotz meinen Sorgen um die Kinder oder meiner finanziellen Kriese.