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Ein Zeichen in der Stille

Es gibt Gespräche, die langsam ausklingen.
Und es gibt solche, die einfach plötzlich verstummen.

Mitten in einem Gedanken.
Mitten in einem Austausch.

Als hätte jemand die Tür zugeschlagen.

Gestern war so ein Moment.

Vielleicht war es für die eine Seite einfach ein Streitgespräch, das zu Ende war. Für die andere fühlte es sich eher so an, als würde man noch mitten im Raum stehen, während der andere schon gegangen ist.

Und wenn man zu den Menschen gehört, die Konflikte wenn immer möglich vermeiden, ist so ein «Stehenlassen» schwer verständlich – und schmerzhaft.

Manchmal liegt das daran, dass Menschen sehr unterschiedlich funktionieren. Die einen ordnen Gedanken nüchtern und analytisch. Die anderen hören stärker auf Zwischentöne, auf das, was zwischen den Worten mitschwingt.

Dann können ein paar einfache Worte viel mehr Gewicht bekommen, als vielleicht beabsichtigt war.

Und wenn dann jemand diesen Moment einfach abbricht – vielleicht indem er plötzlich verstummt oder einfach nicht mehr da ist – bleibt ein Nachhall. Ein unangenehmes Gefühl, das noch eine Weile über einem schwebt.

Gestern war so ein Abend.
Mit diesem seltsamen, etwas traurigen Gefühl. Und mit dem Wissen, dass man nichts anderes tun kann, als abzuwarten. Bis zum nächsten Tag. Wenn nicht länger.

Und vielleicht auch mit der leisen Hoffnung, dass da doch noch einmal ein kleines Zeichen kommt.

Und dann kam überraschenderweise tatsächlich noch eines.

Ein symbolisches Bild.
Mit einem Gute-Nacht-Gruss.

Für viele ist das vermutlich nichts Besonderes. Ein paar Worte, wie man sie schnell noch schreibt, bevor man schlafen geht.

Aber manchmal tragen solche kleinen Gesten eine Bedeutung, die nur zwei Menschen wirklich verstehen.

Vor allem, wenn solche Worte lange nicht mehr gekommen sind.

Dann spürt man plötzlich, dass es vielleicht doch nicht ganz gleichgültig war, wie ein Gespräch geendet hat. Dass irgendwo ein Gedanke nachgewirkt hat. Vielleicht auch das Gefühl, dass ein Satz zu scharf gewesen sein könnte.

Und dass jemand sich – vielleicht ganz leise, vielleicht ein wenig zögernd – doch noch einmal meldet.

Eine Art Versöhnungsgruss.

Und plötzlich ist diese Stille vom Abend nicht mehr ganz so schwer.

Manchmal genügt ein kleiner Gruss am Ende des Tages,
um zu zeigen, dass man doch noch einmal zurückgekommen ist –
und dass der andere eben doch eine Bedeutung hat. 🌙

Der Moment, in dem ein Kind erwachsen wird

Es gibt Momente im Leben von Eltern, die einen unerwartet still werden lassen.

Nicht, weil etwas Grosses passiert ist.
Nicht, weil ein besonderer Tag gefeiert wird.

Sondern weil man plötzlich merkt:
Das eigene Kind ist erwachsen geworden.

Vor Kurzem hat sich mein Sohn von seiner Freundin getrennt. Es lag schon länger in der Luft, dass die Beziehung ins Schwanken geraten war. Dass eine Distanz von 500 km dazwischen liegt, ist ebenfalls nicht unbedingt hilfreich oder förderlich für eine Verbindung – vor allem, wenn die Betroffenen noch sehr jung sind. So etwas ist nie einfach. Für keinen der beiden.

Ich merkte schon seit einiger Zeit, dass sich zwischen den beiden etwas verändert hatte. Und vor etwa einem Monat erklärte mir mein Sohn, dass er sich trennen werde, weil es so nicht weitergehen könne. Verschweigen von relevanten Informationen und womöglich auch Untreue seien die Gründe. Aber er wolle das nicht einfach per WhatsApp tun. Sie komme am 6. März für das Wochenende zu ihm, damit es «sauber» abgeschlossen werden könne.

Als Mutter steht man daneben – ein bisschen hilflos –, weil man weiss, dass solche Wege nicht einfach sind, sie aber jeder selbst gehen muss.

Was mich in dieser Situation tief beeindruckt hat, war nicht die Trennung an sich.
Sondern wie mein Sohn damit umgegangen ist:

Er hat weder versucht auszuweichen noch gewartet, bis sich alles von selbst erledigt.
Und er hat auch nicht den einfachen Weg gewählt.

Er hat das Gespräch gesucht. Ruhig, respektvoll und ehrlich.

So ehrlich, wie es eben möglich ist, wenn man weiss, dass man einem anderen Menschen gerade weh tun könnte.

Natürlich war er traurig.

Eine Trennung hinterlässt Spuren – auch dann, wenn sie richtig ist.
Gefühle verschwinden nicht einfach, nur weil man eine Entscheidung getroffen hat.

Ich habe diese Traurigkeit gespürt. Und als Mutter möchte man in solchen Momenten natürlich trösten. Man möchte etwas sagen, das hilft.

Ich habe kurz überlegt, ob ich ihm behutsam sagen soll, dass die beste «Medizin» nach einer Trennung oft darin liegt, den Blick wieder nach vorne zu richten. Sich nicht im Vergangenen zu verlieren, sondern den eigenen Weg weiterzugehen.

Doch ich musste das gar nicht mehr aussprechen:
Er sagte selbst, dass er sich jetzt wirklich auf seine Zukunft konzentrieren wolle – vor allem auf seinen beruflichen Weg.

In diesem Moment wurde mir erneut bewusst, wie viel Klarheit und Reife in ihm steckt.
Nicht, weil ihn die Situation kalt lässt. Nein. Sondern weil er trotz der Traurigkeit weiss, dass das Leben weitergeht – und dass es manchmal Mut braucht, den eigenen Blick bewusst nach vorne zu richten.

Mein Sohn ist ein sensibler Mensch. Ich glaube sogar, dass er hypersensibel ist.

Das bedeutet, dass er vieles intensiver wahrnimmt als andere.
Stimmungen, Worte, kleine Veränderungen im Verhalten eines Menschen – Dinge, die manche kaum bemerken, bleiben bei ihm nicht unbemerkt.

Diese Art von Sensibilität kann das Leben manchmal komplizierter machen:

Kritik kann stärker treffen.
Konflikte können länger nachhallen.
Und auch die Atmosphäre um einen herum kann einen tief berühren.

Manchmal kann das sehr anstrengend sein. Aber diese Sensibilität ist auch eine grosse Stärke.

Sie bedeutet, dass man mitfühlen kann. Dass man andere Menschen wirklich wahrnimmt.
Dass man Zwischentöne hört, die vielen entgehen.

Menschen mit einer solchen Feinfühligkeit sind oft besonders empathisch, aufmerksam und kreativ.

Im Leben geht es nicht darum, weniger sensibel zu werden, sondern zu lernen, mit dieser Sensibilität umzugehen.

Wenn das gelingt, kann genau das, was manchmal schwer wirkt, zu einer besonderen Kraft werden.

Zum Erwachsenwerden gehört auch, zu akzeptieren, dass Gefühle manchmal weh tun.

Es wäre leicht, sich nach solchen Erfahrungen zu verschliessen, härter zu werden, weniger zu fühlen, um sich zu schützen. Doch ich glaube nicht, dass das der richtige Weg ist.

Gefühle gehören zum Leben.
Die schönen genauso wie die schmerzhaften.

Wer liebt, kann verletzt werden.
Wer sich öffnet, kann enttäuscht werden.

Aber genau darin liegt auch etwas Kostbares: die Fähigkeit, wirklich zu fühlen.

Reife bedeutet nicht, sich gegen Schmerz zu panzern, sondern ihn anzunehmen, ohne dabei die eigene Offenheit zu verlieren.

Ich wünsche meinem Sohn, sich seine Sensibilität, seine Fähigkeit zu fühlen – auch wenn das Leben manchmal wehtut – zu bewahren. Denn gerade diese Offenheit macht einen Menschen nicht schwach.

Sie macht ihn menschlich.

Erwachsenwerden bedeutet nicht, dass einem Entscheidungen nichts mehr ausmachen.
Und auch nicht, dass man keinen Schmerz mehr spürt.

Es bedeutet, beides gleichzeitig aushalten zu können:
die Traurigkeit über das, was endet –
und den Mut, trotzdem nach vorne zu schauen.

Und genau das habe ich bei meinem Sohn gesehen. Es hat mich mehr berührt, als ich erwartet hätte.

Irgendwann akzeptiert man als Eltern, dass man seine Kinder nicht vor allem schützen kann.
Ihr Leben nimmt eigene Wege – mit Freude, mit Fehlern, mit Entscheidungen, die manchmal auch schmerzhaft sind.

Keine Mutter weiss, was ihrem Kind eines Tages widerfährt. Aber man hofft immer auf eines:

Dass sie anständig bleiben.
Dass sie andere Menschen mit Respekt behandeln.
Dass sie den Mut haben, ehrlich zu sein – auch wenn Ehrlichkeit schwer ist.

Als ich meinem Sohn in diesen Tagen zugehört habe, wurde mir etwas sehr ruhig bewusst:

Er geht seinen Weg.

Mit seiner Sensibilität.
Mit seinen Gefühlen.
Und mit dem Willen, trotz allem nach vorne zu schauen.

Und als Mutter bleibt einem in solchen Momenten eigentlich nur eines:

Still daneben zu stehen –
und ein kleines bisschen stolz zu sein.

Denn manchmal zeigt sich das Erwachsenwerden eines Kindes nicht in grossen Ereignissen,
sondern in der stillen Art, wie es mit den schwierigen Momenten des Lebens umgeht.

Nicht schwach – überfordert

Oft habe ich das Gefühl, wir unterschätzen, wie schwer es für junge Menschen heute ist – besonders für jene, die um die Jahrtausendwende oder danach geboren wurden. Sie wachsen in einer Welt auf, die wenig Ruhe kennt und viel verlangt.

Ich schreibe das als Mutter.

Bis zum vorletzten obligatorischen Schuljahr kam mein Sohn mehr oder weniger zurecht. Dann wurde er massiv gemobbt. Daraus entwickelte sich eine Schulphobie. Es gab Angstzustände, starke Bauchschmerzen und manchmal panikartige Flucht. Ich brachte ihn täglich zur Schule, holte ihn oft wieder ab. Es gab Tage, an denen ich ihn suchte, weil mich die Rektorin informierte, dass er nicht dort angekommen war. Es war eine sehr schwere Zeit.

Mein Sohn ist mit grosser Sicherheit hypersensibel – eine Eigenschaft, die nichts Schlechtes ist, sondern Tiefe und feine Wahrnehmung bedeutet. In einem rauen Umfeld kann sie jedoch sehr belastend sein. Mit viel Engagement fand die Rektorin für ihn einen Platz in einem schulnahen Projekt ausserhalb des Schulgebäudes. Dieser Ort gab ihm etwas Halt.

Dann kam Corona – mein Sohn 15.

Das Projekt wurde gestoppt. Begleitung und Informationen blieben aus. Er musste zu Hause bleiben – und wurde damit faktisch auf die Seite gelegt.

Letzten Sonntagabend sass mein Sohn weinend am Tisch und sagte:
„Ich bin jetzt 21, und die anderen – jene, die mich damals gemobbt haben – haben alle eine Ausbildung und arbeiten. Und ich bin einfach nur ein Nichts.“
Dieser Satz hat mir das Herz zerrissen. Denn er ist kein Nichts. Aber so fühlt es sich an, wenn man zu lange keinen Platz mehr hatte.

Gestern habe ich meinen Sohn zum Sozialamt begleitet. Sein Hausarzt hatte ihm geraten, sich an einen Sozialarbeiter zu wenden – er sei auf keinen Fall ein Einzelfall. Für meinen Sohn war dieser Schritt sehr schwer: hinzugehen, einen Termin zu vereinbaren und sich dabei quasi verletzlich zu zeigen. Auch mir tat es im Mutterherz weh. Aber er hat es getan. Am 23. Januar hat er einen Termin bekommen, und ich werde ihn begleiten. Und ich hoffe sehr, dass ihm geholfen werden kann – wie auch immer dieser Weg aussehen mag.

Vielleicht ist es an der Zeit, weniger zu vergleichen und mehr zu verstehen. Die Welt der 1960er-, 70er- oder 80er-Jahre ist nicht die heutige.
Was junge Menschen brauchen, ist kein Spott und keine Abwertung, sondern Anerkennung für das, was sie tragen müssen und mussten – und die Zuversicht, dass es Wege gibt. Auch dann, wenn sie später beginnen.

Die Stille dazwischen

Seit ein paar Wochen ist Frank spürbar distanzierter.
Warum das so ist, kann ich nicht wirklich sagen. Es gibt keine klaren Worte, keine offensichtlichen Gründe. Nur dieses leise Gefühl, das sich eingeschlichen hat – und geblieben ist.

Manchmal frage ich mich, ob ich ihm zu viel bin. Oder ob ich mehr von seiner virtuellen Präsenz erwarte, als er im Rahmen unserer Freundschaft geben möchte.
Vielleicht täusche ich mich. Und doch fühlt es sich so an.

Diese Unsicherheit macht mich ein wenig traurig.
Es ist keine laute Traurigkeit, sondern eine stille. Eine, die zwischen den Zeilen entsteht – dort, wo Fragen unbeantwortet bleiben oder abgestritten werden und Vertrautheit sich plötzlich anders anfühlt als zuvor.

Ein Moment des Innehaltens – im Gebet, in der Musik und in Solidarität

Heute kamen in der Christ Church Lausanne lediglich eine gute Handvoll Menschen zu einem Moment des Innehaltens zusammen – im Rahmen des nationalen Trauertages und im Gedenken an die Tragödie von Crans-Montana.
Und doch war dieser Moment tief berührend.

In der Schlichtheit von Gebet, Stille und Musik wurde etwas Wesentliches spürbar: eine geteilte Präsenz, eine aufrichtige Aufmerksamkeit füreinander, eine Solidarität, die über die Zahl der Anwesenden hinausgeht. Denn entscheidend ist nicht, wie viele wir waren, sondern dass wir da waren – gemeinsam – vereint in Mitgefühl und Erinnerung.

Ich teile hier ein kurzes Video dieses Moments, begleitet von der Musik, die am Ende des Innehaltens gespielt wurde. Es wurde von einer Person in einer Nacht der Schlaflosigkeit geschrieben – in einem Moment, in dem das Herz frei sprechen durfte.

Nationaler Trauertag – 9. Januar

Heute am 9. Januar, dem nationalen Trauertag, schliessen wir uns als christkatholische Kirchgemeinde, gemeinsam mit der anglikanischen Gemeinschaft, dem landesweiten Moment des Innehaltens in der ganzen Schweiz an. In dieser Verbundenheit sind wir an diesem Nachmittag in der anglikanischen Kirche zusammen, um solidarisch zu sein, still zu werden und gemeinsam zu gedenken.

Um 14 Uhr wird – in Verbundenheit mit vielen anderen Orten im Land – ein symbolisches Glockenzeichen erklingen. Da die Kirche selbst über keine Glocken verfügt, wird dieses Zeichen bewusst und schlicht gesetzt: als Ausdruck gemeinsamer Trauer, Verbundenheit und Solidarität.

Die anglikanische Kirche ist an diesem Nachmittag von 13 bis 15 Uhr offen – ein Raum zum Ankommen, Verweilen oder Stillwerden.
Gegen 14.15 Uhr ist eine kurze Zeit der Besinnung vorgesehen (ca. 10–15 Minuten), um der Opfer zu gedenken und ihre Familien sowie Angehörigen in Gedanken und im Gebet zu begleiten.

Ich habe dafür 2 Gebete geschrieben :


Gott des Lebens,
halte deine schützende Hand
über jene, deren Weg jäh erschüttert wurde,
und über alle, die ihre Trauer tragen.
Schenke Kraft, Geduld und Hoffnung,
um jeden neuen Tag zu bestehen.
Amen.


Herr

wir legen dir die Familien und Angehörigen ans Herz,
die von der Tragödie in Crans-Montana betroffen sind.

In Schmerz, Angst und Stille
komm und schenke deinen Frieden dort,
wo Worte fehlen.

Umgib mit deinem Licht alle, die leiden,
und nimm die Seelen derer auf,
die viel zu früh gegangen sind.

Schenke Kraft, Mut und Sanftmut
allen, die zurückbleiben,
und lass die menschliche Solidarität
stärker sein als die Nacht.

Amen.

Eine unbequeme Frage

Seit sich die Tragödie in Crans-Montana ereignet hat, erreichen mich täglich neue Erkenntnisse und Informationen. Auch bedingt durch meine Arbeit in der Kommunikation der kantonalen reformierten Kirche und als Kommunikationsverantwortliche unserer christkatholischen Kirchgemeinde.

Seit ich – ungewollt – durch das Kennen eines Brandopfers noch näher dran bin, stellt sich mir diese eine Frage immer dringlicher:

Ist das – ganz nüchtern betrachtet – eine Art Weckruf?

Ich habe schon länger das Gefühl, dass die Menschheit auf einer falschen Spur unterwegs ist. Zu schnell. Zu rücksichtslos. Zu egoistisch und egozentrisch. Zu sehr gefangen im Dauerrauschen.

Solche Ereignisse werfen uns aus der Bahn. Zurecht?
Zumindest reissen sie uns aus einem Zustand, in dem vieles zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Für einen Moment wird es still. Und plötzlich zählen andere Dinge. Leben. Verantwortung. Mitgefühl.

Vielleicht zeigen solche Erschütterungen, wie weit wir uns vom realen, menschlichen Leben entfernt haben. Und vielleicht mahnen sie uns – schmerzhaft –, wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

Vielleicht sollten wir wirklich einmal innehalten.
Und darüber nachdenken.

Wenn Worte kaum ausreichen – ein stilles Gebet

Manche Nachrichten treffen uns wie ein Schlag ins Herz. Sie lassen uns verstummen, weil kein Wort sofort passt.
Eine solche Nachricht hat mich erreicht. Sie betrifft den Sohn einer Choristin und eines Kirchgemeindemitglieds – eine Familie, die ich relativ gut kenne und deren Leben in einem einzigen Moment aus den Fugen geraten ist.

In jener Nacht in Crans-Montana war ihr Sohn mitten im Geschehen … und hat überlebt.
Heute liegt er im Universitätsspital Zürich auf der Station für Schwerbrandverletzte. Sein Körper trägt schwere Spuren des Feuers: Rund 40 % des Körpers sind von Verbrennungen zweiten und dritten Grades betroffen. Und doch ist sein Leben bewahrt geblieben. Er ist bei Bewusstsein, sein Zustand ist stabil, er wird achtsam und kompetent betreut, und die erste Hauttransplantation ist bislang gut verlaufen.

Der Weg der Heilung hat begonnen – langsam, schmerzhaft, Schritt für Schritt. Viele Tage des Wartens und Hoffens liegen noch vor der Familie. Wie lange dieser Weg dauern wird, weiss im Moment niemand. Doch sie sind nicht allein. Freunde und Angehörige stehen der Familie in dieser schweren Zeit zur Seite.

Diese traurige Nachricht hat mich tief bewegt. Als Mutter. Als Mensch. Wenn ich mir vorstelle, es wäre eines meiner Kinder gewesen – der junge Mann ist so alt wie mein Sohn –, wird die Vorstellung kaum erträglich.

Ich habe der Familie eine stille Nachricht der Nähe und des Gebets geschickt. Ohne Fragen, ohne Erwartungen – im Vertrauen darauf, dass Gott da ist, wo menschliche Worte enden.

Ich glaube daran, dass Gott auch in der Dunkelheit gegenwärtig ist.
Dass er trägt, wenn die Kraft fehlt.
Und dass sein Licht selbst dort leuchtet, wo alles verbrannt scheint.


Gott des Lebens,
halte deine schützende Hand über diesen jungen Menschen
und über alle, die ihn lieben.
Schenke Kraft, Geduld und Hoffnung für jeden neuen Tag.
Amen.

„Der Herr behüte dich.“
(Psalm 121,7)


Ein stiller Blick auf das, was bleibt

Gedanken zum Drama in Crans-Montana

Manche Ereignisse erschüttern nicht nur eine Region, sondern auch etwas in uns selbst.

In den letzten Tagen habe ich viele Augenzeugenberichte gesehen. Menschen, die diese Katastrophe überlebt haben. Und auffallend viele erzählten, dass sie Gott gedankt haben. Einige sagten, sie hätten während der ganzen Zeit ihr Kreuz, das sie um den Hals tragen, festgehalten, gebetet, gehofft.

In einer Zeit, in der Religion oft belächelt, verdrängt oder als überholt betrachtet wird, wenden sich Menschen im Moment grösster Angst plötzlich wieder an Gott. Sie gehen in Kirchen, setzen sich still in eine Bank und beten, zünden Kerzen an. Sie weinen. Sie suchen Trost. Halt. Sinn. Nähe.

Gleichzeitig beeindruckt mich die Solidarität, die jetzt sichtbar wird – über Grenzen hinweg. Es braucht kein vereintes Europa auf dem Papier, keine grossen Worte oder Programme. Wir sind auch so vereint. Wenn es darauf ankommt, sind Menschen füreinander da. Unabhängig von Herkunft, Sprache oder Nationalität. Hilfe kennt in solchen Momenten keine Grenzen.

Das berührt mich. Nicht, weil es spektakulär wäre, sondern weil es so selbstverständlich wirkt. Still. Menschlich. Echt.

Vielleicht erinnern uns solche Tage daran, was wirklich trägt:
Glaube, Hoffnung – und das Wissen, dass wir einander nicht gleichgültig sind, wenn alles andere ins Wanken gerät.

Die Menschen, die wir lieben,
sind beim Herrn, und der Herr hat uns versprochen, bei uns zu sein.
Wenn sie bei Ihm sind und Er bei uns,
dann können sie nicht fern sein.
Peter Marshall

N.B.
Am 9. Januar gibt es einen nationalen Trauertag und laut Bundespräsident Guy Parmelin werden im ganzen Land die Kirchenglocken läuten, begleitet von einer landesweiten Schweigeminute.

Wenn Musik Erinnerungen weckt

Gestern war kein guter Tag. Ich hatte den ganzen Tag über starke Schmerzen und war ungewöhnlich still. Sogar mein Lieblings-Arbeitskollege fragte mich: „Was ist los mit dir? Du bist so ruhig heute.“
Wenigstens war meine Chefin nicht da – das gab mir etwas Raum, den Tag in einem langsameren Tempo zu bewältigen.

Am Abend war ich mit meiner Mutter verabredet. Mein Bruder und mein Neffe waren ebenfalls dort. Wir spielten UNO, assen zusammen, lachten viel – und irgendwie war alles für einen Moment wieder leicht. Erst um Mitternacht machte ich mich auf den Heimweg.

Im Auto lief – wie so oft – Musik.
Am Nachmittag hatte ich Läggerli einen YouTube-Link geschickt, ein Lied, das mich jedes Mal an ihn erinnert. An „damals“. Ich war schon den ganzen Tag über ein wenig nostalgisch gewesen… und als ich das Lied dann im Auto auf der Heimfahrt noch einmal hörte, brach etwas in mir auf.
Ich sass da und Tränen liefen mir über die Wangen, als würde das Herz die Worte übernehmen, die der Mund nicht mehr sprechen kann.

Es wurde mir bewusst, wie stark Musik unser Gemüt beeinflussen kann. Wie sehr wir Lieder mit Menschen oder Zeiten verbinden. Man sagt nicht umsonst: „Das ist unser Lied.“

Wenn ich zurückblicke, habe ich einige solcher Lieder die mich mit „meinen“ Männern verbinden :

Aber es sind nicht nur Menschen, die mit Musik verknüpft sind – es sind auch Situationen.

Während meiner Trennung war es die Instrumental-Version von Shape of My Heart (feat. Dominic Miller), die mich begleitete.
Wenn ich das Requiem von Mozart höre, denke ich sofort an meine Grossmamme. Es war eines ihrer Lieblingswerke – und ich bin manchmal traurig darüber, dass sie nicht mehr da war, als mein Chor es aufführte.

Und Boogie-Woogie?
Sofort sehe ich meinen Vater am Flügel sitzen, wie er einfach drauflos spielte, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Heute tut er das nur noch selten. Doch wenn ich solche Stücke höre, sehe ich ihn ganz klar vor mir – und es wird warm in mir.

Oder wenn ich Rachmaninov – Prelude in C Sharp Minor höre, dann kommt mir augenblicklich meine Lieblingstante in den Sinn. Ich war mit 15/16 jedes Wochenende bei ihr. Und ich habe ganz viele und tolle Erinnerungen an diese Zeit.

Music was my first love, and it will be my last“ von John Miles singt.
Dieser Satz trifft mich tief. Musik verbindet. Musik tröstet. Musik bewahrt Momente, die längst vergangen sind – und schenkt uns die Möglichkeit, sie noch einmal zu fühlen.

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen.
Aber mit Musik kann man sich – für einen Herzschlag lang – wieder dorthin träumen.


„Musik ist die Sprache der Erinnerung.
Sie spricht zu dem, was wir nie ganz loslassen.“