Selbsterkenntnis – zwischen Anspruch und Zufriedenheit

Es gibt Tage, da denke ich, mein Leben ist langweilig.
Dann wieder spüre ich, dass mir das, was ich erreicht habe, eigentlich völlig genügt.

Manchmal frage ich mich, warum ich so vieles anders hätte machen sollen –
und erkenne kurz darauf, dass alles, was gelungen oder gescheitert ist, seinen Sinn hatte.

An manchen Tagen empfinde ich die Welt als ungerecht, hart, gleichgültig.
Und doch bin ich froh, dass ich „einfach“ geblieben bin – echt, nahbar, vielleicht ein bisschen „anders“, aber ich selbst.

Und es gibt Augenblicke, in denen ich mich frage, warum ich gewisse Dinge, die ich eigentlich wollte, am Ende doch nicht oder anders gemacht habe.
Vielleicht, weil mein Weg genau so sein musste, damit ich heute dort stehe, wo ich bin.
Will ich da sein? Muss ich da sein? Und was will ich eigentlich noch erreichen?
Ich weiss es im Moment nicht.

Ich lese hin und wieder in verschiedenen Blogs – einer davon beschäftigt mich immer wieder. Der Verfasser scheint viel erlebt und erreicht zu haben. Er wirkt selbstsicher, manchmal auch provokant, als wolle er mit seinen Worten eine Mauer errichten zwischen sich und der Welt. Und doch schwingt in seinen Texten etwas mit, das mich berührt – vielleicht Frustration, vielleicht auch Einsamkeit.

Manchmal tut er mir sogar leid. Ich habe das Gefühl, dass in ihm viele gute, vielleicht sogar sehr feinfühlige Seiten schlummern, die er aber auf keinen Fall zeigen will. Vielleicht aus Angst, verletzlich zu werden. Vielleicht, weil er gelernt hat, dass Stärke nur in Unabhängigkeit liegt.

Und so frage ich mich oft:
Was ist besser?
Sich egoistisch, unkonventionell, fast gefühllos, mit Ellbogen an die Spitze zu kämpfen – ein Leben „in Saus und Braus“ zu führen –
oder den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen, sich durchzukämpfen und ein einfaches, bescheidenes Leben zu leben?
Kann man sich das überhaupt aussuchen?
Denn je nach Lebensumständen, Herkunft, Verantwortung oder schlichtem Zufall ist der Spielraum manchmal sehr klein –
und Entscheidungen sind oft weniger frei, als man sich das wünschen würde.

Vielleicht gibt es darauf keine Antwort. Vielleicht ist Frustration einfach ein stiller Begleiter jedes Lebensweges – egal, welchen wir wählen.
Und Selbsterkenntnis bedeutet vielleicht, zu erkennen, dass kein Weg vollkommen ist.
Dass Glück kein Dauerzustand ist, sondern in kurzen Augenblicken aufleuchtet – besonders dann, wenn wir aufhören, uns zu vergleichen, und beginnen, uns selbst mit allem Licht und Schatten zu akzeptieren.

Und falls sich jemand in diesen Zeilen wiedererkennt – ja, das ist möglich. Doch ich schreibe bewusst nicht, um wen es sich handelt. Es geht mir nicht um diese Person im Speziellen, sondern um das, was das Lesen der Gedanken eines anderen Menschen in einem selbst auslösen kann.

Zwischen Meinungsfreiheit und Schweigen – Gedanken aus dem Büroalltag

Ich hab ein super Team. Eigentlich mag ich sie sehr – jeder auf seine Art. Wir verstehen uns gut, lachen viel, helfen einander. Es ist ein gutes Team. Und trotzdem gibt es Momente, in denen ich mich fühle, als sässen wir in zwei verschiedenen Welten.

Heute morgen war so ein Moment.
Das Gespräch drehte sich um Politik – genauer gesagt um „die Rechten“: über die SVP, die AfD, über Trump. Und über all die Menschen, die „so etwas“ wählen. Der Ton war eindeutig – verächtlich, abwertend, manchmal sogar spöttisch. Ich sass daneben, hörte zu und schwieg – wie so oft in solchen Situationen.

Ich bin nicht jemand, der gerne streitet. Auch nicht jemand, der mit Parolen um sich wirft oder Diskussionen provoziert. Doch innerlich spüre ich dann dieses Ziehen – den Wunsch, etwas zu sagen. Zu zeigen, dass nicht alle, die rechts denken, automatisch intolerant, dumm oder menschenfeindlich sind. Dass es dort auch Menschen gibt, die sich einfach Sorgen machen: um Sicherheit, um Werte, um das, was ihnen vertraut ist.

Ich will niemanden bekehren. Ich möchte nur sagen dürfen, dass ich anders denke – ohne dafür verurteilt zu werden. Denn Meinungsfreiheit gilt nicht nur für die, die laut sind, sondern auch für jene, die still bleiben, weil sie spüren: Ihr Schweigen ist ihr Schutz.

Diese extreme Spaltung zwischen den Menschen hat, so scheint es mir, mit Corona richtig begonnen. Damals standen sich Geimpfte und Ungeimpfte plötzlich unversöhnlich gegenüber. Wenn ich daran zurückdenke, wie diskriminierend wir Ungeimpften teils behandelt wurden – unglaublich. Seitdem hat sich dieses „Wir gegen die Anderen“ in so viele Bereiche hineingefressen. Kaum ein Thema bleibt davon verschont.

Vielleicht ist das der Preis, den man zahlt, wenn man in einem Umfeld arbeitet, in dem alle dieselbe Meinung teilen – oder glauben, dass sie es tun.
Und doch: Genau dort, wo Schweigen entsteht, sollten wir anfangen zuzuhören.
Denn Offenheit bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein, sondern einander trotzdem mit Respekt zu begegnen.

Fehlkonstruktion Mensch

Wir Menschen denken, wir seien das intelligenteste Wesen auf Erden. Dabei sind wir nur Teil eines Ganzen, dem Göttlichen, dem Universum – nenne man es, wie man will – und scheitern oft an den einfachsten Dingen.
Ein Körper, der vergeht, ein Herz, das fühlt, ein Geist, der erschafft und zerstört – das ist unsere Natur.

Vielleicht sind wir tatsächlich eine Fehlkonstruktion.
Nicht, weil wir fehlerhaft wären – im Gegenteil: Die Natur hat ein Meisterwerk erschaffen, wenn man bedenkt, wie unser Körper funktioniert.
Aber unser Verstand macht uns manchmal – unbewusst – einen Strich durch die Rechnung.
Wir denken zu viel und fühlen zu stark.
Nicht der Körper ist die Fehlkonstruktion – sondern das Bewusstsein, das glaubt, alles verstehen zu müssen.

Doch wenn man in die Geschichte blickt, war die Menschheit schon immer ein ständiges Auf und Ab – eine Welle aus Aufstieg und Verfall.
Reiche entstanden aus Vision, Stärke und Ordnung – und gingen unter an Überheblichkeit, Dekadenz und Selbstvergessenheit.
Die Römer zum Beispiel: eine Hochkultur, die Wissen, Technik, Konstruktion, Recht und Kunst auf ein damals unerreichtes Niveau hob.
Sie bauten Strassen, Aquädukte und ein funktionierendes Rechtssystem, das noch heute nachklingt.
Und doch – sie verloren alles.
Nicht durch rohe Gewalt allein, sondern durch innere Erosion.

Ich denke, sie waren zu offen geworden.
Sie liessen alles zu, nahmen jeden auf, wollten alles verstehen, alles integrieren.
Ihre Grenzen verschwammen, ihr Selbstverständnis löste sich auf.
Toleranz wurde zur Beliebigkeit, Offenheit zur Schwäche.
Und so zerfiel das, was einst unerschütterlich schien – von innen heraus.

Ich nenne das „das Römersyndrom“.
Ein Phänomen, das sich – so scheint es – wiederholt.
Auch heute öffnen wir uns allem und allen, lassen jede Wahrheit gleich gelten, jedes Extrem zu, jede Richtung nebeneinander bestehen.
Wir nennen es Fortschritt, Vielfalt, Freiheit.
Ich glaube, wir sind längst an demselben Punkt angekommen – aufgeklärt bis zur Erschöpfung und frei bis zur inneren Leere.

Vielleicht besteht die Tragik des Menschen darin, dass wir im Streben nach Freiheit, Offenheit und Stärke genau das verlieren, was uns trägt – Richtung, Halt und Mitgefühl – und kaum bemerken, dass wir uns dabei auflösen.

Fehlkonstruktion Mensch?
Vielleicht nicht im biologischen Sinn.
Aber im moralischen, geistigen, gesellschaftlichen – immer wieder.

Die Balance in einer Freundschaft

Es gibt Gespräche, die sich im Kreis drehen. Man erklärt, klärt, versucht, eine andere Perspektive zu zeigen – und doch landet man immer wieder am selben Punkt.
Nicht, weil der andere nicht zuhören will, sondern weil er so fest in seiner Sicht verankert ist, dass kein anderer Gedanke wirklich durchdringt.

Vieles ist gut gemeint. Sorge, Interesse, Anteilnahme – all das kann man spüren. Und doch kann es anstrengend werden, wenn sich alles immer wieder um dasselbe dreht. Wenn Worte, so wohl sie auch gemeint sind, mehr festhalten als verstehen wollen.

Was ich mir wünsche, ist kein Schweigen, keine Distanz. Ich wünsche mir einfach, dass das Gespräch wieder Raum bekommt – für Leichtigkeit, für andere Themen, für gegenseitiges Entdecken.
Ich erzähle viel aus meinem Leben, vielleicht zu viel. Und manchmal merke ich, wie unausgeglichen das ist. Der andere weiss vieles – von Sorgen, Wegen, Zweifeln. Aber umgekehrt bleibt vieles im Dunkeln.

Es wäre schön, auch ein Stück des anderen Lebens kennenzulernen. Nicht alles, nicht im Detail. Nur so viel, dass es wieder ein Miteinander wird – kein Monolog, kein Kreisen um immer dasselbe.

Denn Freundschaft bedeutet nicht nur, füreinander da zu sein. Sie bedeutet auch, sich gegenseitig zu zeigen – mit allem, was man ist, nicht nur mit dem, was man sieht.

Manchmal genügt ein geöffnetes Fenster, damit das Licht wieder auf beide Seiten fällt. Und plötzlich ist da wieder Wärme – still, aber spürbar.

Ungeschnittenes Leben – bevor die Musik wieder einsetzt

Manchmal höre ich eine Melodie – und plötzlich sehe ich mich selbst, wie in einem Film. Ich sitze irgendwo, allein, vielleicht an einem Fenster, am Meer oder auf einer Parkbank. Das Licht ist weich, manchmal mystisch, und die Musik legt sich über die Szene wie eine Decke.

Ich denke über mein Leben nach – über Entscheidungen, Zufälle, Begegnungen. Ich frage mich, was ich hätte anders machen können. Wo bin ich zu früh gegangen – und wo zu lange geblieben? In meiner Wahrnehmung ist das der Abspann. Eine leise, traurige Schlussszene. Nur – es ist kein Film. Es ist mein Leben.

In letzter Zeit gibt es oft solche Momente, in denen sich Realität und Vorstellung überlagern. Als würde ich das Geschehen nicht nur erleben, sondern gleichzeitig beobachten – als Zuschauerin meiner eigenen Geschichte. Vielleicht ist das eine Form von Distanz. Vielleicht aber auch der Versuch, dem Moment Bedeutung zu geben.

Manchmal wünsche ich mir, das Leben würde sich wie im Film entwickeln: Die verzweifelte Nachricht, die ich abschicke, würde jemanden dazu bringen, ins Auto zu steigen, loszufahren, anzukommen.
Ein Wort, ein Blick – und alles wäre wieder gut. Doch das Leben folgt keinem Drehbuch. Es schneidet keine Szenen neu, wiederholt keine Dialoge. Es läuft – ungeschnitten, roh, manchmal unvollkommen.

Und trotzdem gibt es diese filmischen Momente. Vielleicht, weil wir in Geschichten denken. Weil wir sie brauchen, um unser Dasein zu ordnen, zu deuten, zu fühlen. Vielleicht ist das unsere Art, Sinn zu finden – indem wir unser Leben wie eine Erzählung betrachten, mit leisen Kapiteln, unerwarteten Wendungen und offenen Enden.

Wenn ich ehrlich bin, mag ich diesen Blick von aussen nicht so. Zu oft werde ich von der Realität eingeholt und erkenne: Das Leben ist kein Film. Und das stimmt mich dann manchmal traurig, weil ich mir in diesen Momenten so sehr ein anderes Leben wünsche – doch es ist mein Leben, und ich muss das Beste daraus machen.

Jede Handlung, ob unscheinbar oder turbulent, ist letztlich Teil der Geschichte – meiner Lebensgeschichte. Und auch wenn manche Phasen traurig wirken, heisst das nicht, dass es wirklich ein Ende ist – vielleicht nur eine Pause, bevor die Musik wieder einsetzt.

Wenn Stille lauter wird

Manchmal frage ich mich, wann es kippt.
Wann aus Interesse Aufdringlichkeit wird, aus Nähe ein Zuviel, aus ehrlicher Verbundenheit das Gefühl, jemandem zur Last zu fallen.

Ich schreibe einem Menschen, der mir seit bald zwei Jahren sehr wichtig ist.
Wir kennen uns nicht persönlich, aber wir teilen Gedanken, Alltag, manchmal auch Sorgen.
Es ist eine besondere Art von Freundschaft – getragen von Vertrauen, gegenseitigem Respekt und ehrlichem Interesse.

Er hat mir schon oft geholfen – auf ganz unterschiedliche Arten.
Mit Worten, mit Geduld, mit seiner ruhigen, sachlichen Art, die manchmal mehr bewirkt als jedes Mitleid.
Und auch ganz praktisch, wenn es im Leben einmal eng wurde – uneigennützig, selbstverständlich, ohne viele Worte. Dafür bin ich dankbar. Vielleicht gerade deshalb spüre ich die Veränderung so deutlich.

Bis vor ein paar Monaten haben wir oft bis spät in die Nacht geschrieben, manchmal über Gott und die Welt, manchmal einfach nur über Alltägliches. Diese Gespräche hatten etwas Vertrautes, Leichtes – eine Art stilles Band, das den Tag rund machte.
Doch in letzter Zeit ist das anders. Der Austausch endet früher, bleibt sachlicher, distanzierter.
Nicht plötzlich, nicht mit Worten – aber mit einer Stille, die zwischen den Zeilen wächst.

Ich lese seine Nachrichten – höflich, kontrolliert, fast nüchtern.
Seit einiger Zeit allerdings drehen sich unsere Gespräche fast nur noch um ein einziges Thema.
Und ich merke, wie ich beginne, mich selbst zu hinterfragen.
Habe ich zu viel geschrieben?
War ich zu offen, zu direkt?
Bin ich zu viel?

Ich bin mir sicher, dass er einst sehr gelitten hat, dass sein Vertrauen missbraucht wurde –
und dass er deshalb eine dicke Mauer um sich gebaut hat.
Ich würde mir wünschen, dass er mir ein wenig mehr vertraut. Dass er ein bisschen offener wäre, mir mehr von sich erzählt – nicht nur Fakten, sondern Gedanken, Stimmungen, kleine Ausschnitte aus seinem Leben. Ich möchte gerne ein wenig an seinem Leben teilhaben, ohne irgendetwas kontrollieren zu wollen.
Und vielleicht auch, dass er mir hin und wieder schreibt, ohne dass ich zuerst schreibe.
Nicht, weil ich Aufmerksamkeit brauche, sondern weil solche kleinen Gesten zeigen, dass die Verbindung auf beiden Seiten lebt.

Es ist merkwürdig, wie schnell Unsicherheit entsteht, wenn der vertraute Rhythmus zwischen zwei Menschen aus dem Gleichgewicht gerät.
Ich weiss, jeder braucht seinen Raum, seine Pausen, seine Abende, an denen man einfach für sich sein will.
Und trotzdem – wenn mir jemand wichtig ist, fehlt mir der Austausch. Dann macht Distanz etwas mit mir.

Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen – zwischen meinem Wunsch nach Nähe und seinem Bedürfnis nach Ruhe. Zwischen meinem Impuls, zu teilen, und seinem Wunsch, einfach still zu sein.

Aber heute, jetzt, in diesem Moment, macht es mich traurig. Nicht wütend, nicht enttäuscht – einfach traurig. Weil ich mir gewünscht hätte, dass meine Anteilnahme nicht als Einmischung oder Kontrolle empfunden wird, sondern als das, was sie ist: ein Ausdruck von Verbundenheit, von ehrlichem Interesse, von Zuneigung ohne Erwartung.
Dass mein „Sie fehlen mir“ nicht wie eine Forderung klingt, sondern wie das leise Eingeständnis, dass mir ein Stück vertrauter Alltag abhandengekommen ist.
Manchmal sind es gerade die stillen Veränderungen, die am meisten nachhallen – weil sie nichts zerstören, aber etwas verschieben.

Vielleicht muss ich lernen, dass Freundschaft nicht immer Gleichzeitigkeit bedeutet.
Dass auch Stille dazugehört.
Und dass Verbundenheit bestehen bleiben kann – selbst wenn sie manchmal auf Distanz lebt.

Das falsche Bild vom Wohlstand

Die Schweiz gilt als eines der reichesten Ländern – geordnet, sicher, erfolgreich.
Doch hinter der glänzenden Fassade sieht es oft anders aus.
Ein ehrlicher Einblick in die Realität zwischen Löhnen, Lebenskosten und dem Mut, offen über Geld zu sprechen.

Die Leute – und damit meine ich nicht nur Einzelne – verstehen es oft nicht.
Wir leben in einem Land, das nach aussen hin glänzt. Ein Land, das als reich, sicher und stabil gilt. Viele sehen nur die Fassade: schöne Häuser, gepflegte Strassen, pünktliche Züge, volle Regale. Alles scheint geordnet, solide – fast perfekt.

Doch hinter dieser Fassade sieht es oft ganz anders aus. Nicht jeder, der in der Schweiz lebt, hat ein bequemes Leben oder ein dickes Konto. Viele kämpfen – still, unsichtbar, mit sich selbst und mit ihren Rechnungen.

Ich weiss, wovon ich spreche.
Manchmal bekomme ich Hilfe, auch finanzielle Hilfe. Und ja, ich schätze das sehr. Ich schäme mich nicht, das offen zu sagen. Ich war schon einmal auf dem Sozialamt – und habe mich sechs Jahre lang bemüht, dort wieder wegzukommen. Es war nicht leicht, aber ich habe es geschafft.

Ich habe Schulden – keine riesigen, aber doch rund 10’000 Franken. Das gehört zu meiner Realität.
Manchmal frage ich mich ehrlich, ob es nicht einfacher gewesen wäre, auf dem Sozialamt zu bleiben. Damals musste ich keine Steuern zahlen, meine Krankenkasse war zu 100 % subventioniert, und auch der Selbstbehalt, Zahnarztkosten und andere Ausgaben wurden übernommen.

Heute verdiene ich vielleicht 1’500 Franken mehr als damals – aber gleichzeitig muss ich all diese Kosten selbst tragen. Und diese übersteigen die 1’500 Franken bei weitem.
Am Ende geht die Rechnung einfach nicht auf.

Ich bin nicht der typische Schweizer, der über Geld schweigt. Wenn es um Löhne geht, sage ich, was ich verdiene. Und fast immer – vor allem Nicht-Schweizer – reagieren mit Erstaunen: «Wow, du verdienst aber gut!»
Doch das stimmt so nicht.

Ich verdiene heute etwa gleich viel, wie meine Mutter vor 30 Jahren verdient hat – im gleichen Beruf, mit der gleichen Ausbildung. Der Unterschied? Die Lebenshaltungskosten sind explodiert.
Krankenkassenprämien, Mieten, Lebensmittel – alles ist gestiegen. Und dazu kommen Dinge, die es damals gar nicht gab: Internet, Handy, digitale Abos. Das Leben ist teurer geworden, und trotzdem tun viele so, als ginge die Rechnung noch auf.

In der Theorie sollte ich mit meinem Lohn gut leben können. Auf dem Papier sieht es sogar vernünftig aus: keine Schulden, alle Rechnungen pünktlich bezahlt, keine unnötigen Ausgaben – dann müsste es eigentlich aufgehen.
Aber das ist eben Theorie.
In der Praxis kommen immer wieder unvorhergesehene Kosten: eine Zahnarztrechnung, ein neues Paar Schuhe, ein kaputtes Haushaltsgerät oder eine Erhöhung der Krankenkasse. Schon kleine Dinge bringen das fragile Gleichgewicht ins Wanken.

Oft höre ich den Rat, man müsse Rückstellungen machen – für Steuern, Autoreparaturen oder Zahnarztkosten. Und ja, in der Theorie stimmt das. Aber in der Realität funktioniert es einfach nicht.
Jedes Mal, wenn ich etwas auf die Seite legen will, muss ich das Geld am Ende doch wieder brauchen, um überhaupt über die Runden zu kommen.
Heute ist der 10. Oktober – und ich habe noch knapp 100 Franken bis zum Monatsende. Das ist die Realität, nicht die Theorie.

In der Schweiz sind Eltern zudem gesetzlich verpflichtet, für ihre Kinder finanziell aufzukommen – bis zum Abschluss einer Erstausbildung oder spätestens bis zum 25. Lebensjahr.
Das klingt vernünftig, ist aber für viele Familien eine enorme Belastung. Wer einen mittleren Lohn verdient – also eigentlich nicht schlecht, aber auch nicht überdurchschnittlich – gerät dabei leicht an seine Grenzen. Wenn dann plötzlich, aus unerklärlichen Gründen, keine Krankenkassenprämienverbilligung mehr gewährt wird, kann das verheerend sein.
Statt wie zuvor rund 500 Franken, sind es plötzlich 1’000 Franken im Monat – eine Verdoppelung, die das Budget komplett sprengt.
Und niemand erklärt einem, warum. Die «Götter» wissen es vielleicht – aber man selbst steht einfach da, rechnet, kürzt, verzichtet. Auf eine Antwort der Behörde auf mein Warum? warte ich übrigens seit Anfang Februar. Anrufen kann man nicht. Eine E-Mail schreiben auch nicht. Der einzige Weg ist der Postweg – langsam, anonym und ohne jede Rückmeldung.

Ein typischer Schweizer gibt selten zu, wenn er Schulden hat. Das Image muss gewahrt bleiben – das Bild vom erfolgreichen, gut verdienenden, abgesicherten Menschen. Genau dieses Schweigen aber trägt dazu bei, dass viele glauben, alle Schweizer seien reich, hätten ein bequemes Leben und keine Sorgen.

Doch das ist ein Trugbild.
Hinter vielen Fassaden steckt Druck, Unsicherheit, Existenzangst – und manchmal auch Scham.
Ich wünsche mir mehr Ehrlichkeit, mehr Mut, über das zu sprechen, was wirklich ist.

Denn vielleicht liegt genau darin der Anfang von Veränderung – wenn wir den Mut finden, hinter die Fassade zu schauen.


Ich teile meine Erfahrungen nicht, um Mitleid zu erwecken, sondern um sichtbar zu machen, was oft unsichtbar bleibt.
Wer meine Texte schätzt und mir helfen möchte, weiterhin offen über solche Themen zu schreiben,
darf mich gerne mit einem kleinen Beitrag unterstützen.
Weitere Informationen dazu findest du unter «Zukunfts-Chance».

Jeder Franken bedeutet ein Stück Freiheit – und die Möglichkeit, weiterhin ehrlich zu bleiben.

7 Fragen

Vor kurzem bin ich auf eine Reihe von Fragen gestoßen, die mich neugierig gemacht haben. Ich habe sie mir selbst gestellt – und dabei gemerkt, dass sie einen ehrlichen Blick nach innen eröffnen können. Vielleicht regen sie auch euch zum Nachdenken an. Wie würdet ihr darauf antworten ?

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Wenn sich die nächsten 1000 Tage genauso anfühlen wie gestern – bist du dann auf dem Weg zu deinem Traumleben oder davon entfernt?
→ Weder auf dem einen noch auf dem anderen Weg – eher wie ein stilles Weitergehen auf vertrauten Pfaden.

Wenn jemand deinen Alltag beobachten würde – würde er erkennen, was dir wirklich wichtig ist?
→ Vermutlich nicht. Nur Menschen, die mich sehr gut kennen, könnten zwischen den Zeilen meines Alltags lesen.

Was machst du immer wieder – obwohl du genau weißt, dass es dich zurückhält?
→ Ich neige dazu, zu nachgiebig zu sein und zu viel zu akzeptieren – manchmal auf Kosten meiner eigenen Klarheit.

Würde dein 12-jähriges Ich heute lächeln, wenn es sieht, wer du geworden bist, oder den Kopf schütteln?
→ Es käme wohl darauf an, worauf es den Blick richtet – doch eher würde es den Kopf schütteln.

Was ist diese eine Sache, die du ständig vor dir herschiebst – obwohl du tief drin weißt, dass sie dir richtig guttun würde?
→ Das Sortieren und Ausmisten von Papieren – unscheinbar, und doch ein Schritt hin zu mehr Leichtigkeit.

Wenn du wüsstest, dass du nicht scheitern kannst – welchen Traum würdest du endlich mutig verfolgen?
→ Einen Chor finden, der auf Tourneen geht – und Teil dieser musikalischen Reise werden. Oder endlich ein Buch schreiben.

Was würdest du dir wünschen, schon früher erkannt oder begonnen zu haben?
→ Vielleicht Frank früher zu begegnen – seine klare, strategische Sicht hätte mir wohl manche Last erspart und Wege gezeigt, die weniger schmerzhaft gewesen wären, wenn ich auf ihn gehört hätte.


Manchmal braucht es nicht viele Worte, sondern nur die richtigen Fragen, um uns einen Spiegel vorzuhalten. Für mich waren diese sieben ein kleiner Anstoss, bewusster hinzuschauen. Vielleicht öffnen sie auch bei Euch neue Gedankenwege. Ich freue mich, wenn ihr eure Antworten teilt.

Erinnerung an meine Stiefmutter

Heute wäre meine Stiefmutter – die zweite Frau meines Vaters – 73 Jahre alt geworden. Leider ist sie am 4. Januar 2020 nach schwerer Krankheit verstorben. Dieses Datum werde ich nie vergessen, denn es ist zugleich auch der Geburtstag meines Sohnes.

Manchmal fehlt sie mir sehr. Wir hatten ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Als ich 17 Jahre alt war, habe ich berufsbedingt ein Jahr lang bei meinem Vater gewohnt – und damit auch bei ihr. Natürlich gab es hin und wieder kleine Reibereien, aber nichts wirklich Nennenswertes. Viel präsenter sind mir die schönen Erinnerungen: die Abende, an denen wir gemeinsam die Serie Emergency Room schauten, oder die langen, tiefgründigen Gespräche, die sich oft bis in die Nacht hinein zogen. Sie hatte immer ein offenes Ohr, und ich konnte mit ihr über vieles reden.

Auch meine Mutter – die ein erstaunlich gutes Verhältnis zu ihr pflegte – und mein Bruder denken mit Wärme und Dankbarkeit an sie zurück. Sie gehörte zu unserem Leben, und wir alle haben sie gern gehabt.

Ihr Wunsch war es, dass an ihrer Beerdigung nur ihr Mann – also mein Vater –, ihre beiden Söhne und ihre Geschwister teilnehmen sollten. Damals hat mich das etwas getroffen, weil ich nicht so recht verstand, warum sie uns nicht dabei haben wollte. Wir haben dann bei mir zuhause, parallel zur Beerdigung, eine Art Ritual gemacht, das meine Tochter leitete. Dort haben wir „allein“ von ihr Abschied genommen. Im Nachhinein war es gut so, denn es gab uns die Möglichkeit, auf unsere eigene, persönliche Weise Abschied zu finden.

Besonders schmerzlich ist für mich der Gedanke an meine beiden Halbbrüder. Sie mussten ihre Mutter schon mit 30 Jahren gehen lassen. Allein die Vorstellung, meine eigene Mutter so früh zu verlieren, erfüllt mich mit Traurigkeit. Auch heute empfinde ich das als eine Horrorvorstellung. Ich wünsche mir von Herzen, dass meine Mama mir noch lange erhalten bleibt.

Mit Dankbarkeit denke ich an die gemeinsame Zeit zurück, mit der Hoffnung, dass sie nun an einem Ort voller Frieden ist. Und in der stillen Verbundenheit spüre ich, dass ihre Liebe bleibt – unsichtbar, aber leuchtend wie ein Licht, das weiter in unseren Herzen brennt.

Der Mann aus dem Schatten meines Traums

Heute Nacht habe ich unruhig geschlafen und nur wirres Zeug geträumt. Irgendwie musste ich in eine deutschen Uni an einen Vortrag. Plötzlich tauchte ein Mann auf – jemand, den ich zu kennen schien, und doch war er mir fremd. Er stieg aus einem Auto, das eine moderneres DeLorean-Model war. Er hatte über 500 Euro für ein Ticket bezahlt, nur um dort zu sein, weil er wusste, dass ich da bin. In meinem Traum hat mich das völlig erstaunt.

Die Uni selbst war ein einziges Chaos: überfüllte Hörsäle, kein Platz mehr, ich wusste nicht, wohin. Irgendwo in der Mitte hatte es eine Rutschbahn. Alles fühlte sich verwirrend an, und ich suchte vergeblich nach einem vertrauten Gesicht.

Am Ende wachte ich mit Kopfschmerzen auf.


Ich habe mal nachgeschaut, was die verschiedenen Elemente in meinem Traum bedeuten (könnten) ;
da steckt einiges an Symbolik drin. Ich versuche eine mögliche Deutung Schritt für Schritt:

Die Universität
Eine Uni steht oft für Lernen, geistige Weiterentwicklung oder auch Leistungsdruck. Dass ich dort einen Vortrag besuchen wollte, könnte darauf hinweisen, dass ich mich nach Orientierung, Wissen oder Inspiration sehne – vielleicht auch nach einer Art Anleitung, wie es für mich weitergehen soll. Dass aber alles chaotisch und überfüllt war, zeigt eher das Gefühl, keinen klaren Platz oder Zugang zu finden.

Der unbekannte, aber vertraute Mann
Figuren im Traum, die man „kennt und doch nicht kennt“, stehen häufig für Anteile des eigenen Selbst, die einem noch nicht bewusst sind – vielleicht eine verborgene Stärke, eine Sehnsucht oder auch ein ungelöstes Thema. Dass er so viel Geld bezahlt hat, nur um bei mir zu sein, könnte symbolisieren, dass dieser Teil meines Inneren „wertvoll“ ist oder Beachtung verlangt.

Das Auto / moderner DeLorean
Ein Auto ist oft ein Symbol für den Lebensweg oder persönliche Kontrolle. Der DeLorean – stark verbunden mit „Zurück in die Zukunft“ – könnte auf Themen von Vergangenheit und Zukunft, Zeitreisen oder der Wunsch nach Veränderung hinweisen. Vielleicht gibt es in meinem Leben etwas, das ich gern zurückspulen oder in die Zukunft vorspulen würde.

Das Chaos in der Uni & die Rutschbahn
Das Chaos, die überfüllten Hörsäle und die Orientierungslosigkeit deuten auf ein Gefühl der Überforderung oder fehlender Klarheit. Die Rutschbahn mitten in einer Uni – ein sehr ungewöhnliches Bild – könnte für einen plötzlichen Kontrollverlust stehen, aber auch für die Möglichkeit, sich spielerisch oder unerwartet durch schwierige Situationen zu bewegen.

Die Kopfschmerzen beim Erwachen
Körperliche Reaktionen nach Träumen zeigen oft, dass das Unterbewusstsein sehr intensiv gearbeitet hat. Kopfschmerzen können symbolisch für mentale Überlastung oder ungelöste Konflikte stehen.


Am Ende bleibt dieser Traum für mich ein Rätsel, der dennoch spannende Hinweise gibt. Vielleicht will er mir zeigen, dass ich gerade zwischen Orientierungssuche, innerem Druck und verborgenen Anteilen von mir selbst stehe. Ich glaube an die Kraft der Traumdeutung – und bin überzeugt, dass auch in diesem Traum eine Botschaft verborgen liegt, die es wert ist, entdeckt zu werden.